Lokalkolorit vom Steinhuder Meer

Alles muss raus!


Vor ca. zwei Wochen habe ich mir ein Buch gekauft. Es heißt „Mein kleines Ordnungsbuch“ und wurde von Denise Colquhoun, im Internet auch bekannt als Fräulein Ordnung, geschrieben. Es enthält Tipps zum Aufräumen und Ordnung halten im eigenen Zuhause. Ein 30-Tage-Programm. Hervorragend!

Jetzt sollte man also denken, dass ich, vierzehn Tage nachdem das Buch hier einzog und nachdem ich somit schon ungefähr die Hälfte der 30 Tage mit ihm zusammenlebe, einen Großteil des zu erwartenden Erfolgs schon verzeichnen kann. Oder eben wenigstens die Hälfte. Kann ich aber nicht. Warum nicht? Ganz einfach: Ich weiß nicht, wo ich das Buch hingelegt habe. Ich finde es einfach nicht wieder.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Das hier ist keine Messiewohnung, wie Sie sie in einschlägig bekannten TV-Formaten zu sehen bekommen. Wir stapeln keine Zeitungen aus der Vorkriegszeit und PET-Flaschen bis an die Zimmerdecke oder kaufen zwanghaft günstige (weil unbrauchbare) Restposten und lagern sie in dem nur noch durch ein ausgeklügeltes Tunnelsystem begehbaren Zuhause. Nein, ein ganz normaler Bungalow ist das hier. Zwei Eltern, zwei Kinder, ein Hund und ein angemessenes Maß an Ordnung.

Trotzdem haben wir ein Ordnungsproblem. Ein Defizit. Das Problem mit der Ordnung im Allgemeinen und mit der Ordnung bei Piepenkötters im Speziellen lauert nämlich in der Tiefe. Das sieht man nicht auf den ersten Blick. Es lauert hinter Schranktüren und Dachbodeneinschubtreppen, in Garderobenschränken, Handtaschen, Schubladen und dem Hauswirtschaftsraum. Unsere Probleme sind „Zeug“ und „Kram“! Kennen Sie das?

Zeug bekommt man gern geschenkt. Von Omas, Freunden, Nachbarn, Müttern und Schwiegermüttern. Sachen wie die liebevoll umhäkelten, postautogelben Ostereianhänger aus den 80ern, die noch wie neu sind. Zeug wie die Kuchenteller mit Hirschgeweih, die Oma den Kindern aus Österreich mitbrachte „weil es da nix Vernünftiges gab für Kinder“.

Zeug passt nirgendwo rein oder dazu und wird trotzdem aufbewahrt. Weil es „wie neu ist“, „lieb gemeint war“, „was gekostet hat“ und manchmal auch, weil es „so hübsch seltsam“ ist. Es wird dann in ein Schrankfach gelegt und jahrelang beiseite oder gar hin und her geräumt. Manchmal räumt man es nur um, in der Hoffnung es würde kaputtgehen. Ich glaube, manche Leute ziehen nur um, damit sie beim Umzug die Möglichkeit haben ihr „Zeug“ zu verlieren.

Mit Kram ist das etwas anders gelagert. Kram war nämlich durchaus mal von Nutzen. Im Zweifel haben wir Kram für teuer Geld nach reiflicher Überlegung selbst angeschafft. Nur leider war der Kram dann irgendwann alt, vielleicht etwas angeschlagen, manchmal sogar kaputt. Dann spielen wir unsere gesamte kreative Energie aus. Wir finden eintausend und eine neue Verwendungsmöglichkeit für diesen Kram. „Die angeschlagene Tasse/die alten Gummistiefel/die rostige Backform ist doch noch ein prima Blumentopf!“ heißt es dann. Generell ist übrigens noch fast alles irgendwie ein brauchbarer Blumentopf. Aber wohin dann mit den echten und heilen Blumentöpfen?

Das Gute bei der Umnutzung von Kram ist ja auch, dass wir uns in zweifacher Hinsicht auf die Schulter klopfen können, denn zum einen sind wir mit unseren Ideen in die angesagte Riege der „Upcycling“-Hipster aufgestiegen und zum anderen sehen wir vor unserem geistigen Auge unseren ökologischen Fußabdruck quasi dahinschrumpfen. Zero Waste. Sie wissen schon.

Das kann ich auch ganz hervorragend. Es ist quasi so, dass ich so viele alte „gute“ T-Shirts zum Schlaf-T-Shirt umgenutzt habe, dass ich vermutlich nie wieder im gleichen Outfit schlafen müsste. Meine innere Beyonce applaudiert, während sie sich das Umweltabzeichen der Pfadfinder annäht, aber mal im Ernst: Welchen Sinn macht es, einen größeren Kleiderschrank oder eine zusätzliche Kommode zu brauchen/kaufen, nur weil man seit Gerhard Schröder kein Shirt mehr weggeworfen hat? Keinen.

Was also tun mit dem Kram und Zeug das man nicht mehr haben will? Ich hab mir da mal was überlegt, das Ihnen und mir helfen könnte (und mir manchmal auch schon seit Längerem hilft). Ich möchte auf keinen Fall dazu animieren, Dinge wegzuwerfen, die noch gut und brauchbar sind. Es gibt aber tatsächlich genug andere Wege, sich zu trennen. Einvernehmlich, sozusagen. Dazu macht es aus meiner Sicht Sinn, die Dinge in unterschiedliche Gruppen zu gliedern/sortieren:

Dinge, die ich eigentlich nicht brauche, die ich aber aus sentimentalen Gründen niemals weggeben könnte.

Die erste Haarlocke vom kleinen Harald, Omas gutes, aber unvollständiges Silberbesteck, die Kinokarte vom ersten Date. Von manchen Dingen trennen sich selbst bekennende Minimalisten nicht gern. Was also tun?

Ganz einfach. Legen Sie Erinnerungskisten an. Die können klein bis riesig sein und beherbergen im Keller oder auf dem Dachboden eben solche persönlichen Dinge, die Sie im Alltag (im Küchen- oder Kleiderschrank) nicht brauchen können. Wer Kinder hat, kauft am besten gleich pro Kind einmal die größte verfügbare Kistengröße. Da kommt ja so einiges zusammen in den vielen Jahren Kindheit und Jugend. Diejenigen, die wesentlich mehr digital als sentimental sind, machen übrigens nur Fotos von Gebasteltem und scannen Bilder ein. Tatsächlich glaube ich, dass unsere Kinder uns ganz dankbar wären, wenn sie neben den ersten Schuhen, dem ersten Zahn und der ersten Mathe-5 nur ihre 10 schönsten Bilder und eine Festplatte zum Auszug bekämen. Vorausgesetzt, man kann dann da auch noch was mit Festplatten anfangen. Ich erinnere mich an Datasetten … andere Geschichte.

In den Kisten sind die guten Memorabilien dann auch gleich geschützt vor Wasserschaden durch auslaufende Waschmaschinen und sämtliche andere Schäden, die man sich in Kellern und auf Dachböden so zuziehen kann. Deckel drauf und fertig!

Dinge die ich nicht mehr brauche, die aber noch völlig okay und von materiellem Wert sind.

„Das ist wie neu!“ „Da ist das Gute noch nicht von ab!“ Sie kennen das. Hochmotiviert haben Sie sich im spanischen Sommer 2005 diese schnittige Surfausrüstung aufschwatzen lassen. Seither ziert das Brett sportlich die Garagenwand und Sie rollen das Segel nur aus, um es auf eventuellen Nagerbefall zu kontrollieren. Somit bereitet etwas, das Sie gekauft haben, damit es Freude bringt, nur Aufwand, kostet Platz und hat zudem auch noch Geld gekostet. Mitunter viel Geld. Oft ist in solchen Fällen dann ein innerer Monolog zu verzeichnen, der besagt, dass es Frevel wäre, etwas quasi Neues mit einem Wertverlust von mehreren Euro/100 Euro zu verkaufen. Verschwendung! Unser sauer verdientes Geld! Nein, nein!

Letztlich ist es aber mehr Verschwendung (von monetärer, zeitlicher und räumlicher Ressource), wenn wir das 4-Quadrat-Segel deshalb noch 8 Jahre da hängen lassen und es irgendwann entsorgen (weil es völlig „aus der Mode“ ist) oder als Sonnensegel fürs Planschbecken der Enkelkinder nutzen. Also, beißen Sie und ich doch lieber in den sauren Apfel und verscherbeln es (zusammen mit dem zu eng gewordenen knallroten Abendkleid) im Wunstorfer Facebook-Flohmarkt, über die bekannten Kleinanzeigenportale im Internet oder auf dem Nachtflohmarkt in der Fußgängerzone, oder? Da haben wir mehr von. Versprochen!

Dinge die ich nicht mehr brauche und die keinen wirklich großen Wert mehr haben, die aber noch völlig okay sind.

Als meine Oma jetzt nach 50 Jahren aus ihrer Mietwohnung am Barneplatz auszog, weil sie sich etwas Kleineres und Schickeres gesucht hatte, wollte sie sich unter anderem von einer Nähmaschine trennen. Keines dieser bei Nostalgikern heißbegehrten Stücke von Singer, die auf ’nem Tisch montiert sind und schwarz mit goldenen Lettern bemalt von einer anderen Zeit erzählen, sondern ’ne ganz gewöhnliche Maschine von Quelle anno 1990. Wer meine Großeltern kennt bzw. kannte, vor allem meinen Opa Kurt, der weiß, dass diese Maschine vielleicht 20 Jahre auf dem Buckel hat, aber so top in Schuss ist, als wäre sie gerade das erste Mal ausgepackt worden. Trotzdem sind 20 Jahre alte Nähmaschinen nichts, womit man reich wird oder was es sich zu verkaufen lohnt. Noch echt gut, aber zu schade für den Schrott.

Bei solchen Teilen lohnt es sich, mal zu überlegen, wer sie denn stattdessen gebrauchen könnte. Die Patentochter, die die ersten Nähversuche macht? Ein Jugendzentrum, das den Kids damit mal ein echtes Handwerk näherbringen kann (und vielleicht den nächsten Top-Designer hervorbringt?) oder vielleicht die Flüchtlingsunterkunft, wo der syrische Herrenschneider sich freut, wenn er seine Tage damit füllen kann, die gespendete Kleidung seiner Mitbewohner zu flicken/enger oder weiter zu machen und endlich etwas Sinnvolles tun kann?

Wie in meinem Beispiel gibt es für die meisten Dinge, die wir nicht mehr gebrauchen und wertschätzen können, irgendwo jemand anderen, der genau auf dieses Stück gehofft oder gewartet hat. Und wenn Ihnen niemand einfällt, dann gibt es ja in Wunstorf immer noch die Tafel, den Kleiderladen, Icks-Plus oder ganz einfach das Schwarze Brett in ihrem Supermarkt. „Zu verschenken“ macht in der Regel zwei Menschen ein gutes Gefühl und auch noch Platz im Keller. Volltreffer!

Dinge, die ihre besten Zeiten hinter sich haben.

Da wäre ich wieder bei den angeschlagenen Kaffeetassen. Bei dem Mixer, für den wir nur noch einen Rührstab haben. Dem Staubsauger, für den wir  mittlerweile nur noch im Internet Beutel kaufen können (extra teuer natürlich, da quasi Antiquariatsware. Und überhaupt! Beutel!).

Von diesen Dingen hat jeder welche, wenn man mal die Augen aufmacht und bewusst danach sucht. Und sie gehören schlicht und einfach ENTSORGT! Ich zum Beispiel horte seit Ewigkeiten kaputte Jeans, weil ich sie irgendwann mal gern zu dem nachhaltigen Denim Design Label Bridge and Tunnel nach Hamburg bringen wollte. Dort fertigen benachteiligte Menschen aus sogenanntem „pre- and post consumer waste“ tolle Designerteile und ich fand die Idee spitze, dass z.B. eine Geflüchtete einen Arbeitsplatz findet, in dem sie meine ollen Buxen zu schicken Weekendern verarbeitet. Fakt ist aber: Ich bin eher selten in Hamburg. Und wenn ich mit dem Zug in die Hansestadt fahre, habe ich eigentlich nie Kapazität für acht zerschlissene Jeans im Gepäck. Also wuchs der Berg an aussortierten Hosen stetig und raubte Platz, während auf der anderen Seite mein schlechtes Gewissen wuchs. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich hab die Jeans in die Tonne gekloppt und werde das tolle Projekt jetzt einfach durch schnöden Konsum unterstützen. Falls Sie also demnächst an Gleis 4 ’ne Frau mit schickem Denim-Weekender auf dem Weg nach Hamburg sehen, dann bin das vielleicht ich. Was Sie wie fachmännisch entsorgen können, sagt Ihnen im Zweifelsfall übrigens Ihr Abfallentsorgungsunternehmen.

Dinge, die die Welt nicht braucht.

Dinge, die die Welt nicht braucht, könnte man sozusagen meine Lieblingskategorie des Krams und Zeugs nennen. Das ist z.B. das Marzipangebiss, das Ihnen die launigen Kollegen zum 25. Dienstjubiläum geschenkt haben, der Rückenkratzer, den Tante Elke Ihnen aus Fuerteventura mitgebracht hat, und das Brusthaartoupet, das sie für die letzte Bad-Taste-Party gekauft haben. Für diese Dinge gibt es in meinem Haus eine ziemlich genaue Anweisung. Diese lautet: Alles was kleiner als ein Labrador ist, darf auf gar keinen Fall entsorgt werden. Auf gar keinen Fall. Das kommt schön säuberlich in eine Kiste, auf der „Gräulich“ steht, denn in nicht ganz zwei Monaten ist Weihnachten und an Heiligabend treffen wir uns wieder mit unseren Freunden und ihrer schwedisch-deutschen Familie zum „Schrottwichteln“ und dann hat das Kochbuch „50 Variationen der beliebten Kohlsuppe“ seinen großen (und einzig sinnvollen) Auftritt. Alles was größer als ein Labrador ist, kommt dahin, wo am Ende immer alles endet. Nach Kolenfeld.

Wenn wir jetzt also alle mal ein bisschen durch die Bude pflügen und eben dieses Zeug und diesen Kram finden, kategorisieren und entsprechend aussortieren, dann ist das Wellness für die Wohnung (und oft auch für den Menschen) und hilft uns am Ende auch dabei, Ordnung zu halten. Manchmal ist weniger einfach mehr (zu empfehlen), oder wie sagt man?

Die ganz Guten, lernfähig und selbstreflektiert, kaufen dann auch beim nächsten Mal bewusster ein und verschenken mit mehr Bedacht nur noch Gewünschtes und Sinnvolles. Hoffe ich zumindest für mich. Darüber hinaus bleibt für mich zu hoffen, dass auch das Buch von Fräulein Ordnung am Ende wieder auftaucht. Es wäre ja schade drum. Ich lege dann mal los. Sie auch?

Wer mehr zum Thema Ordnung lesen will, der findet hier interessante Artikel:
Fräulein Ordnung (hat auch bereits mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht)
Relleomein (ist im Netz auch mit großartigen Ordnungsvideos vertreten)
Familie Ordentlich (gibt es auch als Buch)
Tastesheriff (hat ein PDF für die persönliche Ordnungs-Challenge, das nicht nur zum Jahreswechsel funktioniert)

Bis bald,
Frau Piepenkötter


Gestatten, Piepenkötter! Ich komme aus dem Internet. Also eigentlich aus Hagenburg, noch viel eigentlicher aus Klein Heidorn, aber irgendwie auch aus dem Internet. Jetzt zu Ihnen und generell eben auch.

Noch mehr von Frau Piepenkötter gibt es unter www.frau-piepenkoetter.de.


 

- Anzeige -
Werben auf auepost.de

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
wpDiscuz