Lokalkolorit vom Steinhuder Meer

Heimat, Herbst und Hygge!


Seit Tagen habe ich wieder diesen Ohrwurm. Die Titelmelodie von Nils Holgersson spielt mein Unterbewusstsein quasi in der Dauerschleife ab. Woran das liegt? Na ja, es wird Herbst. Und wenn es Herbst wird, dann landen hunderte sibirische Graugänse hinter meinem Haus zwischen, ehe sie weiter in die Meerbruchwiesen fliegen. Überhaupt: Im Ganzen sieht es hinter meinem Haus so aus, als würde jemand einen Imagefilm für den Herbst drehen.

Ganze Horden Kinder reiten manchmal mit Ponys und fahren in Sulkys übers Stoppelfeld. Ein paar jüngere Kinder lassen dort mit Mama und Papa ihren Drachen steigen. Hinten rechts liegen dicke orange Kürbisse auf dem Feld, und drüber hinweg ziehen eben die Gänse mit ihrem eigenwilligen Gequäke. Wenn der Herbst ein Blockbuster wäre, so hätten Sie gerade vor Ihrem inneren Auge den Vorspann gesehen. Das ist mein tägliches Leben im Herbst.

Auch ohne diese optische Unterstützung war der Herbst von jeher meine liebste Jahreszeit. Und ich will gar nicht bestreiten, dass es daran liegt, dass ich in Gummistiefel und Regenmantel eine wesentlich bessere Figur mache als im Bikini. Aber es liegt auch daran, dass der Herbst so gemütlich ist. Oder? Finden Sie nicht auch? An den hat ja zumindest keiner so recht eine Erwartung, finde ich.

Im Frühling, da soll es warm werden, alles soll sprießen, grün werden, frisch und neu. Der Garten will auf Vordermann gebracht werden. Ran an die Arbeit!

Der Sommer ist Urlaubszeit. Am besten ist zu jeder Zeit nur richtig gutes Wetter, und man grillt, verreist, bräunt und ist aktiv und lange wach. Tausend Dinge, die noch erledigt und erlebt werden sollten, solange das Wetter gut genug dafür ist.

Der Winter, na ja, der ist eigentlich schon ganz okay, wenn die stressige Weihnachtszeit und das elende Schneeschieben nicht wären, aber so richtig gut aufgestellt in Sachen „Gutes Leben“ ist doch eigentlich nur der Herbst.

Wenn im Herbst das Wetter gut ist, dann sprechen wir vom goldenen Oktober und freuen uns auch über wenige Sonnenstunden. Wenn das Wetter schlecht ist, dann ist es eben Herbstwetter. Was hast du denn erwartet?

Die Gartenarbeit ist abgeschlossen, gegebenenfalls noch ab und an mal Rasenmähen, aber das war’s dann auch, oder? In den Schulbrotdosen gibt es jetzt bei uns ab und zu mal eine Brezel, und das Dirndl fürs Großenheidorner Oktoberfest liegt auch schon zum Aufbügeln bereit. Die Kürbisscheunen haben ihre Tore schon wieder geöffnet, und du kannst tolle Kürbisse kaufen, Kürbiskuchen backen und Pumpkin spiced Latte trinken. Existentiell wichtig dabei ist: Man kann, aber man muss nicht! Das, meine Damen und Herren, ist der Herbst. Klingt entspannt, oder?

Ich glaube ja, dass es nicht von ungefähr kommt, dass das Wort „Hygge“ und der deutsche Herbst mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Bei uns zumindest schießt der Teelichterverbrauch mit Einsetzen der „dunklen Jahreszeit“ sprunghaft in die Höhe, und auch die Essgewohnheiten ändern sich quasi automatisch, wenn man weiß, dass zwischen jetzt und der nächsten Notwendigkeit einer sogenannten Bikinifigur mehrere Monate und die Marzipankartoffelsaison liegen. Spätestens an Weihnachten ist dieser Krieg eh verloren. Warum also nicht jetzt schon mal bei Eintopf mit Wursteinlage ein bisschen die kalorische Drehzahl erhöhen? Salat und Smoothie machen doch im Herbst keinen rechten Sinn, oder? Jetzt ist die Zeit für Apfelkuchen und Überbackenes.

Dieses „Hygge“, das mag ich übrigens genau so sehr wie den Herbst. Und zwar ganzjährig. Die Idee des Glücklichseins mit den einfachen Dingen und das Wegkommen von Anspruchsdenken und Leistungsdruck. Zufriedenheit. Klingt großartig, oder? Hygge, hygge oder auch hyggelig hat seinen Ursprung in Norwegen, ist aber vielerorts als DAS dänische Lebensmotto bekannt. Es kann ein Nomen, ein Verb oder ein Adjektiv sein. Doch letztlich kann man es drehen oder verwenden, wie man will: Hygge hat das Zeug zum Glücklichmacher. Es ist eine gemütliche Tasse Tee am Nachmittag, ein gutes Buch, entspannte Kochabende mit Freunden und die Tatsache, sich mit schönen und individuell bedeutungsvollen Dingen zu umgeben. Und irgendwie scheint mir der Herbst von allen Jahreszeiten die zu sein, die am meisten hygge ist.

Hygge ist ein Gefühl, das wir uns schenken sollten. Jeder sich selbst. Indem man sich mal frische Blumen kauft, am Abend die Kerzen anmacht, das gute Geschirr zum Alltagsgeschirr macht und Freunde einlädt, ohne die tausendprozentigen Gastgeber mimen zu wollen, sondern gemeinsam in der Küche die Soße zu den Spaghetti rührt. Hygge ist, bei den ersten Herbststürmen mit ’ner dampfenden Kaffeetasse und im warmen Wollpulli am Fenster zu sitzen und den Blättern hinterherzuschauen. Was hindert uns daran?

Egal ob Hygge nun ein norwegisches Wort oder eine dänische Lebenseinstellung ist: Letztlich ist es ja so, dass die Dänen nach Jahren auf dem ersten Platz des World Happiness Reports jetzt von den Norwegern abgelöst wurden und beide Länder ihr Glück vielleicht auf demselben kleinen Quäntchen „anders denken“ begründen. Da kommt es nicht so genau drauf an, wer es einst einmal erfunden hat und ob hygge in Norwegen nicht schon von „koselig“ der Rang abgelaufen wird. Wichtig ist das Gefühl. Und ich fände es an der Zeit, dass wir, also Sie und ich, das Feld und die Rangliste des World Happiness Reports mal von hinten aufräumen. Lassen Sie uns die nächsten Monate mal alles geben, um auch mal auf den vorderen Rängen mitzuspielen. In 2018 möchte ich uns nicht mehr auf Platz 16 rumdümpeln sehen! Und überhaupt: Ist doch ein Traum, wenn man seinen sportlichen Ehrgeiz und Siegeswillen für nette Abende auf dem Sofa und gemütlichen Kaffeeklatsch mit der besten Freundin aufbrauchen soll/kann, oder? Also, ich bin dabei. Und Sie?

Wer mehr über dieses Glücksgeheimnis der Skandinavier wissen will, der geht mal in die Buchhandlung seines Vertrauens und fragt nach Meik Wikings Buch „Hygge – Ein Lebensgefühl das einfach glücklich macht“ oder kauft sich das Magazin „hygge“. Die machen sich gut auf dem Kaffeetisch und eignen sich hervorragend, um bei Kerzenschein vor dem Fenster zu sitzen und ein bisschen an seiner Lebenseinstellung zu arbeiten. Wer es aber ganz genau wissen will und von null auf hundert den praktischen Einstieg wählt, der setzt sich mit ’nem guten Wein ans Feuer und lässt fünfe gerade sein! Wir sehen uns nächstes Jahr auf dem Siegertreppchen!

Gestatten, Piepenkötter! Ich komme aus dem Internet. Also eigentlich aus Hagenburg, noch viel eigentlicher aus Klein Heidorn, aber irgendwie auch aus dem Internet. Jetzt zu Ihnen und generell eben auch.

Noch mehr von Frau Piepenkötter gibt es unter www.frau-piepenkoetter.de.

 

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