Alte Jagdbomber auf dem Fliegerhorst Wunstorf

Die letzte Reise der Ginas


Etwa 40 Jahre standen sie auf dem Wunstorfer Fliegerhorst: zwei Jagdbomber des Typs Fiat G 91. Wer am Tierheim vorbeiging und durch den Zaun zum Flugplatz schaute, den begrüßten die Maschinen über die Jahre hinweg. Nun werden sie abtransportiert. Zeit für einen kleinen Abschied.

Die beiden Ginas auf dem Wunstorfer Flugfeld | Foto: Mirko Baschetti

Reinzukommen in den Fliegerhorst ist gar nicht so einfach. Bis wir alle Sicherheitsschleusen, Prüfverfahren und Checkpoints überwunden haben, Besucherausweis und Freigabe für den Sicherheitsbereich ausgestellt bekommen haben, vergeht fast eine Stunde. Rauszukommen ist jedoch noch schwieriger – jedenfalls dann, wenn man ein Flugzeug ist und mehr als 60 Jahre auf dem Buckel hat. Seit Mitte der 70er Jahre stehen zwei solche Maschinen ausgemustert auf dem Militärflughafen – und sollen nun verschrottet werden, nachdem sich kein Käufer gefunden hat.

Wegen dieser beiden Flugzeuge sind wir heute hier. Nach dem Anmeldungsparcours begrüßt uns schließlich Oberleutnant Lammers freundlich. Die Presseoffizierin des Fliegerhorsts bekommt oft Besuch von der schreibenden oder filmenden Zunft, doch für die beiden ausrangierten Flugzeuge hat sich noch nie jemand interessiert. Mit im Büro von Lammers warten bereits in Flecktarn Major Jagusch und in blauer Dienstuniform Hauptmann Kneipel. Sie sind in Wunstorf für die Ausmusterung von Betriebsinventar zuständig und begleiten uns an diesem Tag über den Flugplatz während unserer Spurensuche.

Ab auf die Piste

Nach einem langen Gespräch, in dem wir vieles über den Ausmusterungsprozess von Militärflugzeugen erfahren, geht es auch schon direkt Richtung Flugfeld. Auf einer kleinen Straße, die nahe der Rollbahnen rund ums Flugfeld führt, entfernen wir uns im Auto immer weiter von Vorfeld und Hangars. Auf der Piste stehen zwei A400M hintereinander startbereit.

Regulärer Flugbetrieb herrscht gerade nicht, doch ein bundeswehreigener Learjet hoch über uns zieht seine Bahnen und setzt scheinbar zur Landung an, bevor er wieder durchstartet und weitere Schleifen fliegt. Er ist Teil der Wartung, mit seinen Überflügen wird die ordnungsgemäße Funktion von z. B. dem ILS-Anflugradarsystem geprüft. Daher müssen wir kurz warten. Angefunkt werden für eine Freigabe muss der Tower nicht, die Lotsen haben alles im Blick und geben von sich aus die Fahrt über Ampeln frei, die dort den Verkehr regeln, wo Lande- und Startbahnen gequert werden müssen. Nach kurzer Zeit blinken die zuvor roten Ampeln gelb – und die Bahn ist zum Überfahren freigegeben.

Innenansicht des entkernten Cockpits. Die Schleudersitze sind noch drin. | Foto: Daniel Schneider

Weiter geht es Richtung „Freiluft-Museum“. Es ist der wahrscheinlich am seltensten betretene Fleck auf dem ganzen Fliegerhorst, Hier nach draußen, auf die gegenüberliegende Seite der Hangars am Ende des Flugfeldes, verirrt sich normalerweise niemand. Selbst der Zufahrtsweg wechselt plötzlich von asphaltierter Straße in Schotterweg.

In der Nähe zweier Häuschen, von denen das größere flugplatztypisch in großen Karos rot-weiß gemustert ist, stehen sie, als seien sie nur kurz abgestellt: die beiden historischen Jagdbomber. Dass sie in Wirklichkeit seit Jahrzehnten ihre Position nicht verlassen haben, wird erst beim Näherkommen deutlich.

Die Maschinen

Einen Luftkampf haben diese beiden Kampfflugzeuge nie mitgemacht. Nicht nur, weil Deutschland während ihrer Betriebszeiten keine Luftschläge mehr führte, sondern schon deshalb nicht, weil sie gar nicht dafür gedacht waren. Es sind keine Kampfjets für weite Distanzen, sondern Maschinen zur sogenannten Luftnahunterstützung, Flugzeuge, die den Bodentruppen im Ernstfall zu Hilfe gekommen wären. Ferner wurden sie für Aufklärungsflüge eingesetzt.

Es handelt sich bei den Flugzeugen um die Fiat G 91, die von Fiat Aviazione in zwei Versionen entwickelt wurde und die auch beide in Wunstorf vorhanden sind. Vorne steht die G 91 T/3, eine zweisitzige Maschine, dahinter eine G 91 R/3 als Einsitzer. Gebaut wurde dieser Flugzeugtyp ab 1956 in Italien, später auch in Lizenz in zwei deutschen Flugzeugwerften. Produktionsende war 1966.

Notfälle gibt es hier nicht mehr | Foto: Mirko Baschetti

Wegen ihrer Typenbezeichnung und ihrem Produktionsland wurde der Flugzeugtyp bei der Truppe damals schnell „Gina“ getauft. Der Begriff ist bei der Luftwaffe auch heute noch immer geläufig. In den 60er Jahren waren die Ginas state of the art, das Modernste, was es in diesem Bereich damals gab. Etwa 450 von ihnen schaffte die Bundeswehr insgesamt an, sie flogen vor allem in den 60er und frühen 70er Jahren. 70 gingen durch Unfälle verloren. 1982 wurde die letzte Gina der Bundeswehr außer Dienst gestellt. In Portugal flogen sie noch knapp zehn Jahre weiter.

Aus Fliegersicht sind sie daher eigentlich nichts Besonderes. Es sind keine Raritäten, nichts, um was sich etwa ein Museum reißen würde. Es war der erste Jet, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland serienmäßig produziert wurde. Nur für Wunstorf sind sie über die Jahre dahingehend bedeutend geworden, als dass sie sich quasi zu einer Art Landmarke entwickelt haben – das Erste, was man vom Flughafen sah, wenn man aus Richtung Südosten schaute.

Zeugen des Kalten Krieges

Die direkte Begegnung mit den Maschinen ist eigenartig. Wie in der Zeit stehengeblieben mutet die Szenerie auf einmal an, unwirklich und surreal. Im Hintergrund die modernen Airbus-Großraumtransportflugzeuge, hier die Relikte aus dem militärfliegerischen Neuanfang der jungen Bundesrepublik, die ersten deutschen NATO-Jets. Es ist, als blickte man direkt in die Geschichte – einer tragischen, denn die Ginas wirken wie die Überbleibsel einer verlorenen Schlacht, aufgegeben und verlassen, sind nicht wie Ausstellungsstücke konserviert und poliert. Es wirkt, als stünde man plötzlich auf einem Schrottplatz, einem Flugzeugfriedhof. Allein die Abgeschiedenheit, die unzugängliche Stelle des Militärflughafens, hat die Maschinen auf ihre Art die Zeit überdauern lassen.

Verwitterte Außenhaut | Foto: Daniel Schneider

Flugfähig sind die beiden Kampfflugzeuge schon sehr lange nicht mehr. Um 1975 herum waren sie das letzte Mal in der Luft. Aus der Nähe betrachtet sieht man das ganze Desaster. Die Plexiglasscheiben des Cockpits sind vergilbt, die Instrumente ausgebaut. Teile der Tragflächen fehlen, auch die Waffensysteme, und die Triebwerke sind größtenteils demontiert. Der einst himmelblaue Tarnanstrich ist grau geworden, hat sich dem ebenfalls verblichenen Oliv angenähert. Das Aluminium der Außenhaut fühlt sich aufgeraut an, ist verwittert. Doch die Schleudersitze sind noch drin, die Armaturen des Funkgeräts sind erkennbar. Sogar die Reifen des Fahrwerks sind noch intakt, wenn auch platt. Das deutsche Hoheitszeichen am Leitwerk, die Geschwaderembleme, sogar eine „Nose art“ (Paulchen Panther am Zweisitzer) sind noch vorhanden und gut erkennbar, auch die Kennungen samt Hoheitszeichen der Bundeswehr, dem Schwarzen Kreuz, sind da, wo sie sein sollen.

Warum die Ginas in Wunstorf standen

Aber warum standen sie dann bis heute noch auf dem Flugplatz in Wunstorf, direkt neben startenden modernen Maschinen? Was machen Jagdbomber auf einem Militärflughafen, der ein reines Transportgeschwader beherbergt, das mit Kampfflugzeugen so viel zu tun hat wie die Marine mit der Alpenverteidigung? Im Einsatz waren die beiden „Wunstorfer“ G 91 tatsächlich einmal ganz woanders: Der Einsitzer flog für das „Leichte Kampfgeschwader 43“ in Oldenburg, der Zwei-Mann-Jet kommt aus dem „Leichten Kampfgeschwader 41“ aus Husum. Die Geschwader und auch die Fliegerhorste in Husum und Oldenburg gibt es heute längst nicht mehr.

Das Wappen des ehemaligen Geschwaders aus Husum: ein aufs Meer blickender Adler. Rechts daneben ist noch blass erkennbar eine Paulchen-Panther-Figur als Verzierung aufgebracht | Foto: Mirko Baschetti

Irgendwann Mitte der 70er Jahre müssen die Maschinen nach Wunstorf gekommen sein. Keinesfalls aus Nostalgie. Sie erfüllten eine ganz bestimmte Funktion. Die Jets wurden als Ausbildungsgerät in der Ausbildungswerkstatt der Flugzeugwerft genutzt, die es damals auf dem Fliegerhorst auch schon gab. Seit 1960 wird auf dem Fliegerhorst ausgebildet. Angehende Flugzeugmechaniker lernten an den Ginas das Schrauben und Werkeln, denn an echten Maschinen lernt es sich effektiver als an Modellen, die Ausbildung wird authentischer. Heute zählt der Ausbildungsbetrieb zu den größten der Region, bis zu 120 Auszubildende sind in der vierjährigen Ausbildung auf dem Fliegerhorst zugegen. Auch heute noch arbeiten die künftigen Fluggerätmechaniker zunächst mit ausrangierten Maschinen. „Ginas“ braucht man dafür jedoch längst nicht mehr.

Ende der 70er Jahre, als das Lufttransportgeschwader 62 in Wunstorf stationiert wurde, waren die Maschinen schon nicht mehr in Verwendung. Sie wurden einfach stehen gelassen, denn dort, ganz am Ende des Flugfeldes, störten sie niemanden. So blieb es über all die Jahre, in denen Gina 1 und 2 weiter vor sich hin rotteten. Erst jetzt kam der Befehl, auch in dieser Ecke des Flugplatzes einmal reinezumachen.

Flugzeugverschrottung als „Nebenjob“

Dass Flugzeuge ausgemustert werden, ist kein alltäglicher Vorgang – und dass es schrottreife Kisten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts sind, schon gar nicht. Ungefähr alle 5 Jahre kommt es auf dem Wunstorfer Fliegerhorst einmal vor, dass Gerät in dieser Größenordnung abgegeben wird. Hauptmann Kneipel und Major Jagusch sind daher auch keine hauptamtlichen „Flugzeugentsorger“. Der Hauptmann kämpft normalerweise am Schreibtisch mit den Tiefen der betriebswirtschaftlichen Beschaffung, während der Major nah am A400M in der Flugvorbereitung seinen Dienst versieht.

Aber die beiden werden immer dann gerufen, wenn schweres Gerät entsorgt werden muss. Denn einfach so auf den Müll geben, das geht natürlich nicht. Die Aussonderung von Militärgerät erfordert Fachwissen und Erfahrung. Für diesen „Job“ kann man sich in der Bundeswehr nicht bewerben, man wird es einfach. Jagusch hätte es sich nicht träumen lassen, dass er einmal Maschinen derart auseinandernehmen würde, als er bei der Luftwaffe eintrat.

Major Jagusch, Oberleutnant Lammers und Hauptmann Kneipel | Foto: Mirko Baschetti

Zunächst wird versucht, das Altgerät zu versteigern. Das geschieht über die Plattform der VEBEG, des Verwertungsunternehmens des Bundes. Hier standen auch die beiden Wunstorfer Ginas eine Zeitlang zum Gebot – doch niemand schlug zu. Wenn, dann interessieren sich meist Museen für solche Stücke, das ist der übliche Weg. Privatpersonen greifen eher selten zu, wenn alte Bundeswehrjets versteigert werden, obwohl auch das möglich ist. Doch ist ein Käufer gefunden oder wird schließlich eine Verschrottung ins Auge gefasst, weil sich eben niemand für das Objekt interessiert, geht es erst richtig los mit der Arbeit.

Hauptmann Kneipel kümmert sich um die betriebswirtschaftliche Seite, den ganzen Papierkram. Und der hat es in sich. Bevor auch nur eine Schraube wieder der öffentlichen Hand zurückgegeben werden kann, muss das Flugzeug vollständig abgerüstet und bereinigt sein. Aussonderungsvorschriften, Gefahrstoffverordnungen oder Demilitarisierungsvorschriften sind genauestens einzuhalten. Entsorgungsvorschriften müssen penibel beachtet werden, sonst käme man schnell in den Bereich des Umweltstrafrechts, erklärt Kneipel.

Platter geht’s nicht: Das Bugfahrwerk einer Maschine | Foto: Mirko Baschetti

Auf technischer Seite ist Major Jagusch zugange. Er überwacht, dass die alten Maschinen vollständig enttankt und belüftet werden. Die Triebwerke sind auszubauen, Hydrauliköl und giftige Stoffe werden entfernt. Die Umweltschutzstelle prüft später akribisch. Wenn dann auch nur ein Scanner anschlägt und noch problematische Überreste findet, dann haben die Verwerter ein Problem. Genauestens wird nachgemessen, erst dann gibt es eine formale Freigabe für die Abgabe. Über einen Monat dauert allein dieses Procedere.

Ab auf den Schrott

Bei den beiden Ginas sind Entsorgungsgefahren jedoch kein großes Thema mehr. Alle problematischen Stoffe sind längst entfernt, von den Flugzeugen geht schon lange keine Umweltgefahr mehr aus. Auch die damals noch mit radioaktiver Leuchtmasse versehenen Instrumente, damit diese auch bei Dunkelheit permanent abgelesen werden konnten, wurden schon vor Jahrzehnten ausgebaut. Es geht nun vor allem um die fachgerechte Zerlegung und den Abtransport. Daher kommt nun die Stunde der Verwerter. Die Verwertungsspezialisten der Bundeswehr haben dafür ein eigenes Dezernat, aber auch die Beauftragung einer externen, zertifizierten Firma kommt in Betracht.

„Nicht schön anzusehen.“Major Jagusch

Zerlegt werden sollen die beiden Maschinen direkt vor Ort. Dafür muss aber zunächst noch ein geeigneter Untergrund gefunden werden, denn an ihrem jetzigen Standort ist der Boden recht nachgiebig und würde einsinken, wenn mit schwerem Gerät mit der Zerlegung begonnen würde. Fast 4 Tonnen Gewicht bringt ein Flugzeug schon allein auf die Waage. In den kommenden Wochen nun wird dann mit der Verschrottung begonnen, die Flugzeuge demontiert und in Einzelteilen fortgeschafft. Die Ginas landen dann ein allerletztes Mal – in einer Schrottpresse, im Altmetall.

Nüchtern betrachtet

Den romantisch verklärten Blick, den mancher Wunstorfer von außen auf die Maschinen wirft, teilt man unter den Soldaten auf dem Fliegerhorst nicht. Für sie sind die Maschinen vor allem eines: Schrott. Eine Altlast, die es nun endlich zu entsorgen gilt. Einen Bezug zu den Maschinen hat man beim LTG 62 ohnehin nicht zu diesem Flugzeugtyp. Sie standen eben schon ausrangiert auf dem Fliegerhorst, als das LTG im Jahre 1978 hier stationiert wurde. Deshalb wären sie auch keine geeigneten Exponate für das benachbarte Ju-52-Museum, in dem es um Traditionspflege geht. Was sollte man dort unter ohnehin schon beengten Verhältnissen mit zwei de facto nur noch aus Fassaden bestehenden Flugzeugen, die teilweise entkernt und in schlechtem Zustand schon vor 40 Jahren als profanes Arbeitsmaterial genutzt wurden und nie vom Wunstorfer Fliegerhorst aus geflogen waren? In ganz Deutschland sind sie bereits in Luftfahrtmuseen zu finden, das Bundeswehr-Museum in Gatow stellt allein drei Ginas aus. Ein „Rettungsversuch“ für die Maschinen, wie ihn sich manche Wunstorfer wünschen, muss den Fliegerhorst-Beschäftigten daher beinahe schon amüsant vorkommen.

Die doppelsitzige Maschine | Foto: Mirko Baschetti

Die Ginas beflügeln die Phantasie, aber diese entsteht durch das Auffüllen der beiden Flugzeugwracks mit falschen Vorstellungen. Es war das Auge des Betrachters – begünstigt durch den erzwungenen Abstand zwischen Fliegerhorstzaun und entfernter stehenden Flugzeugen –, das in den Maschinen vielleicht etwas sah, was sie in Wirklichkeit nie waren. Dennoch sind sie auf ihre Art zu Zeitzeugen geworden – nicht nur ihrer eigenen Epoche, sondern auch zu stillen Beobachtern des Wandels, sahen über die Jahre all die hier startenden Maschinen von Transall bis A400M. Die beiden Zeugen der Anfänge der bundesrepublikanischen Militärfliegerei werden allein deshalb in Erinnerung bleiben. Wer weiß – vielleicht werden an gleicher Stelle irgendwann einmal wieder ausgediente Flugzeuge stehen und die Wunstorfer grüßen.

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