Kolumne

Glosse

250 Jahre nach Ortjes Dove

Pestkorb an der Stadtkirche
Korb an der Stadtkirche | Foto: Mirko Baschetti

Neulich machte mich mein Computer, kurz nach dem Anschalten, netterweise darauf aufmerksam, dass ich eine E-Mail bekommen hatte. Zwar wird man vor der Öffnung unbekannter Mails fast täglich gewarnt, aber die Neugier schlägt einem meist ein gefährliches Schnippchen. Ich öffnete also besagte E-Mail und klebte sogleich fasziniert am Bildschirm fest. Ein Absender namens O. Dove schrieb, dass ich sicher überrascht sei, eine E-Mail von ihm vorzufinden, schließlich sei er ja schon ein paar Jährchen tot, aber er müsse sich unbedingt mit mir treffen. Es sei ihm jahrhundertelang Unrecht getan worden und ich habe der Unwahrheit um seine Person auch noch mit meinen Zeitungsbeiträgen Vorschub geleistet. Das könne er so nicht akzeptieren. Er wolle sich mit mir am 8.2. um Mitternacht im Bürgerpark treffen und mit mir reden. Nachdem ich einige Zeit darüber grübelnd, wer mich hier wohl veräppeln wollte, auf den Bildschirm gestarrt hatte, rief ich lachend meine Frau und zeigte ihr den Text. Sie winkte nur ab und hielt es für eine meiner üblichen Spinnereien, die ja sozusagen stadtbekannt seien. Jetzt habe sie, nur wegen solch eines Unsinns, den Schluss des Krimis im Fernsehen verpasst. Am nächsten Tag fuhr meine Frau für drei Tage zu Verwandten an die Nordsee. Ich war also allein mit meinem E-Mail-Problem. Irgendwie war das ja natürlich völliger Schwachsinn. Schließlich hatte dieser Ortjes Dove im 16. Jahrhundert gelebt, und wie sollte er da mir wohl eine E-Mail geschickt haben, aber ich wollte einfach wissen, was dahintersteckte. Am 8. Februar, kurz vor Mitternacht, stand ich jedenfalls mit Taschenlampe und Aufnahmegerät mit Knopflochmikrofon bewaffnet (man kann ja nie wissen!) am Eingang des Bürgerparks. Vorsichtig schob ich mich Meter für Meter weiter vor, bis ich schließlich an dem kleinen Hügel am Westende des Parks eine Gestalt im Lichtkegel hatte. „Kommen Sie ruhig näher“, sagte eine dunkle, mir unbekannte Männerstimme. „Aber machen Sie das Licht aus, es blendet.“ Ich hielt die Lampe nach unten und umklammerte fest einen dicken Astknüppel, den ich am Anfang des Parks vorsichtshalber aufgehoben hatte. „Den Knüppel brauchen Sie nicht. Ich bin ein alter Mann“, brummte die recht freundlich wirkende Stimme. „Kommen Sie, kommen Sie! Setzen Sie sich. Hier auf den Baumstamm.“ Ich trat Schritt für Schritt näher und erkannte einen sonderbar gekleideten, ziemlich gebrechlich aussehenden Mann, gebeugt auf dem Baumstamm sitzend.

„Sie haben es nicht geglaubt, geben Sie es zu“, sagte er und lachte krächzend. „Ich bin Ortjes Dove, der sogenannte Brandstifter von Wunstorf.“ Ich starrte ihn wie gebannt an, schaffte es aber trotzdem irgendwie, mein Aufnahmegerät in Gang zu setzen, sodass ich im Folgenden unser Gespräch quasi wörtlich wiedergeben kann. „Dafür sehen Sie aber noch ganz schön heil aus“, sagte ich ironisch, „schließlich hängt doch an der Stadtkirche der berühmte Korb, in dem Ihr Kopf gewesen sein soll.“ Er winkte müde ab. „Alles Quatsch“, sagte er. „Zu dem Korb kommen wir noch. Aber alles der Reihe nach. Ich habe Sie ausgewählt, weil Sie doch immer in dieser Zeitung da schreiben. Genau so einen wie Sie brauche ich, um mich zu rehabilitieren. Vierhundertfünfzig Jahre Ungerechtigkeit sind genug, und ich habe nur einmal, nämlich in diesem Jahre, 2020 die Chance …“ „Entschuldigen Sie“, unterbrach ich ihn. „Das ist doch ein Witz, oder? Ich meine, Sie sind doch nicht wirklich der Ortjes Dove, der am 8. März 1570 Wunstorf angezündet …“ „Angeblich angezündet!“, stieß er unter großem Kraftaufwand ziemlich böse hervor. „Ich war an jenem 8. März überhaupt nicht in Wunstorf! Ich war in Neustadt, und das war damals ziemlich weit zu Fuß! Ihr habt all diesen Fortschritt, wie Eisenbahnen und Autos, könnt sogar fliegen, wenn auch manchmal ziemlich schlecht. Könnt von überall mit jedem sprechen und müsst schon in diese Fitnessstudios laufen, weil ihr euch nicht mehr bewegt …“ „Ja, ja, ich weiß“, sagte ich, „die Welt hat sich in den letzten 250 Jahren ziemlich verändert, aber darum haben Sie mich doch nicht mitten in der Nacht hierherkommen lassen. Sie behaupten also, die Stadt gar nicht angezündet zu haben. Wer soll es denn Ihrer Meinung nach gewesen sein?“ Er biss sich auf die Unterlippe und schwieg einen langen Moment. „Der angesehene Kaufmann Brauer aus der Speckenstraße war’s. Aber den beschuldigte natürlich keiner, obwohl es wahrscheinlich viele ahnten, wie der Korb beweist. Er war, wie schon so oft, am 8. März abends auf dem Heimweg von seinem Geschäft zu seiner Wohnung in der Stiftsstraße bei der Hure Bödeker in der Langen Straße eingekehrt und wollte sich von ihr demütigen lassen, so wie das ja wohl heute bei euch auch in einigen Bordellen üblich ist. Dominas nennt ihr das heute wohl. Sie ließ ihn aber nicht …“ Er unterbrach sich und sah mich irritiert an, weil ich mir Mund und Nase zuhielt, um nicht laut loszuprusten, stellte ich mir doch gerade diese Variante als Grund des großen Brandes von Wunstorf in den Geschichtsbüchern vor. Er sah mich ernst an und schien ziemlich verzweifelt. „Brauer war wütend, und als er an der Stadtschänke vorbeikam, trat er gegen die neben der Eingangstür angebrachten großen Standfackeln, die umfielen und das Gebäude und schließlich die ganze Stadt in Brand setzten. Ich war gar nicht da, aber da ich ein stadtbekannter Trinker und Rumtreiber war, wollte man mir die Schuld in die Schuhe schieben.“ „Wollte?“, fragte ich zweifelnd dazwischen. „Man hat Ihnen doch die Schuld gegeben. Angeblich haben Sie sich doch aus Gram über das, was Sie angerichtet hatten, umgebracht, und dann hat man Ihren abgeschlagenen Kopf in den Korb …“

„Papperlapapp“, protestierte er heftig und wies alles mit beiden Händen weit von sich. „Alles Lüge! Ich hörte in Poggenhagen, weit weg von hier, dass man mich suchte und vor Gericht stellen wollte, und da habe ich mich natürlich schleunigst aus dem Staub gemacht und bin nach Friesland gegangen. Als man einen Schuldigen brauchte, hat man in der Leichenhalle einem toten Landstreicher den Kopf abgeschlagen und den Leuten als den meinigen präsentiert.“ Er atmete tief und schien immer noch empört über das Ganze zu sein. „Und was hat das nun mit dem Korb an der Stadtkirche auf sich?“, fragte ich kopfschüttelnd. „Sie sagten doch am Anfang …“ „Der Korb, ja, der berühmte Korb. Ich geb Ihnen einen Tipp: Ein toter Kopf war nie darin“, sagte er süffisant lächelnd. „Und wenn ich Ihnen sage, dass auch nie ein Männerkopf darin gewesen ist, müsste Ihnen das als moderner, aufgeklärter Mensch eigentlich weiterhelfen. Erinnern Sie sich an Kaufmann Brauers abendliche Eskap…“ Ich konnte es nicht fassen. „Jahrhundertelang hat also an der altehrwürdigen Stadtkirche …“ Er nickte grinsend. „Die Hure Bödeker ist mit ihrem Haus verbrannt, aber ihre netten Spielzeuge waren aus Eisen, und irgendein humorvoller Mensch hat dann wohl einen Hinweis auf den wahren Verursacher geben wollen und den Korb an die Stadtkirche …“ Ein klapperndes Geräusch ließ mich aufschrecken. „Ach, hier bist du“, hörte ich meine Frau sagen. „Es ist schon fast zwei Uhr! Komm ins Bett! Du kannst doch morgen deine Geschichten weiterspinnen. Irgendwann schläfst du noch mal vor dem Computer ein!“

2 Kommentare

  1. Ein Lacher ist mir immer mehr als willkommen: diese Story hat mir den geschenkt!
    Dafür dem Autor ein fettes Dankeschön.

  2. Witzige Geschichte Herr Rykena. Aber dass es in Englisch damals nur die 3 geworden ist, macht das auch nicht wieder gut 😉

    Alles gute für Sie!

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