Der Ziegenbändiger

Überleben in der Kleinstadt

Über die viel zu kurzen Warenablagen der Lebensmittel-Discounter

Der Ziegenbändiger

Die Abfertigungsoptimierung der Lebensmittel-Discounter nimmt absurde Formen an. Kunden werden zu Hochgeschwindigkeits-Fließbandarbeiten wider Willen. Alle stöhnen, doch niemand schreit auf.

Es ist ein Bild des Jammers. Oma Gertrud versucht trotz Ischiasbeschwerden und Arthrose in den Fingern, ihre Waren hektisch in der Tasche zu verstauen und gleichzeitig Kleingeld aus der Geldbörse zu fischen. Es ist weder Platz noch Zeit, sich in angemessenem Tempo um die gerade getätigten Anschaffungen zu kümmern. Wer nämlich keinen Einkaufswagen mitgenommen hat, erlebt an der Kasse mitleiderregende Szenen.

Das 4-lagige Supersoft-Toilettenpapier, 200 Gramm grobe Rinderhackwurst, genoptimiert-folierte Gurke und sehr viel länger frische Milch werden per händischem Eilexpress in die Tüte gestopft, wohl wissend, dass eine ungeduldige Kundenschlange bereits dahinter wartet. Man vernimmt Geräusche von schnalzenden Zungen, scharrenden Hufen und schnaubenden Nasen. Alles staut sich dann: Waren, Menschenmenge, Geduld. Oma bekommt hektische Flecken, die Leute erleiden Schnappatmung, und eine einsame Gurke fällt aus Platzmangel die Abstellfläche herunter.

Durch die verkürzte oder nicht vorhandene Ablagefläche der Discounter wird der Kunde zum Fließband-Mitarbeiter, der ein bestimmtes Pensum zu erfüllen hat und noch schneller mit an- und einpacken muss. Fünfzig Artikel rattern und piepen pro Minute über die Scannerkasse, das Einkaufen wird zum Hochgeschwindigkeitsrennen. Je schneller an der Kasse abgefertigt wird, desto weniger Personal wird benötigt, desto mehr lässt sich einsparen, desto größer die Profite. Am Ende zahlt der Kunde mit Geld, Schweißperlen und Herzinfarkten.

Diese Hetzerei an der Kasse muss endlich aufhören – ich will entspannt einkaufen. Wer es schneller mag, geht zu Selbst-Scannern, die es seit geraumer Zeit auch in Wunstorfer Lebensmittelmärkten gibt. Vielleicht ist die Trennung von Einpacken und Bezahlen wie beim Großmarkt Metro auch eine Alternative. Aber das hieße mehr Personal und weniger Profite.

Der Service sollte nicht unmittelbar nach der Geldübergabe aufhören. Macht es wie in den USA, wo es vielerorts Ware-in-die-Tüte-Packer gibt, die auch noch für ein kleines Gequatsche Zeit haben. Bitte hört auf mit diesem Effizienzwahnsinn! Entschleunigt die Kassenzone und führt gemütliche Relax-Kassen ein, sonst bitte ich ab sofort jede Kassiererin um eine gebremste Abfertigung oder zahle nur noch mit Centstücken.

Diese Kolumne erschien zuerst in Auepost 12/2019.

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