Süßstoff

Die Badeanstalt Wunstorf

Nachruf auf eine Freundin

Es ist an der Zeit, einer Freundin aus Kinder- und Jugendzeiten zu gedenken: der Badeanstalt. Im Alter von 86 Jahren ist sie für immer gegangen – nach langem Siechtum, von vielen vergessen, von der sogenannten breiten Öffentlichkeit unbeachtet. Bagger sind gekommen und bereiten einem Kapitel Stadtgeschichte ein lautes Ende. Statt Kinderlachen nun Abrisslärm. Wenn die Baumaschinen abgerückt sind, kehrt Ruhe ein. Noch weiß niemand, für wie lange. Die Zukunft der Anlage ist ungewiss.

Viel los im Freibad Wunstorf in den 1970ern
Viel los im Freibad Wunstorf in den 1970ern | Foto: Stadtarchiv Wunstorf

Von der besonderen Geschichte der Badeanstalt, vom Engagement wohlhabender Unternehmer zu Beginn, vom fast beispiellosen Einsatz der Bürgerschaft später, wussten wir nichts. Das interessierte uns auch nicht. Wir wollten dort baden, schwimmen, Spaß haben und Freunde treffen. Heute sagen unsere Enkel chillen dazu. Was war die Badeanstalt für uns, die wir vier, fünf, sechs Jahre nach dem Kriegsende geboren wurden? Ein Refugium war sie, mitten in der Stadt. Einige wohnten quasi um die Ecke, andere hatten kurze Fußwege oder ein paar Minuten mit dem Rad. Viele waren in den Sommern jeden Tag dort. Urlaub an Nord- oder Ostsee, Ferien im Harz waren eine Seltenheit. Mallorca hielten wir für eine Tabaksorte. Die Badeanstalt war unser Ferienort. Allein schon, weil die Freunde dort waren. Die Clique war schließlich fest verabredet.

So zogen wir los zum Baden, auf dem Gepäckträger oder unter dem Arm Omas alte Decke. Die war unverzichtbar. Kein Treffen ohne Decke. Besser: Decken. Die konnten nebeneinandergelegt werden. Dann gab es ein richtiges kleines Lager, markiert und abgeschirmt mit Bällen, Taschen, Rucksäcken und Handtüchern. Ein kleiner Beutel musste auch dabei sein, mit einer Stulle und einer Flasche selbst gemachter Brause. Und ein paar Groschen für den Eintritt. Einen anderen Treffpunkt gab es kaum. Das Jugendfreizeitheim an der Emil-Fricke-Straße war in weiter Ferne, das Wort Jugendzentrum nicht einmal erfunden. Nur die Jungen vom Alten Markt hatten einen eigenen Platz. Vor dem Feuerwehrgerätehaus mit dem markanten Schlauchturm, neben der Herberge zur Heimat, war der Boden betoniert – ein prima Fußballfeld. Die großen Flügeltüren waren ideale Tore. Dorthin kamen auch die Spielkameraden aus der Georg- und der Langen Straße.

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Kicken auf der Straße? 1960 oder ’65 kein Problem. Es waren wenige Autos unterwegs. Trotzdem war es nicht zu vergleichen mit der Badeanstalt. Die war wie ein Schutzraum. Wir konnten uns fühlen wie bei Oma und Opa: Dort galten deren Regeln, nicht die der Eltern. Auf den Wiesen der Badeanstalt konnten wir für uns sein. Da waren zwar die Zerberusse, Bademeister genannt. Die Herren R. und M. waren streng und unerbittlich. Sie hatten ihre Augen überall, meistens jedenfalls. Arschbomben, wie wir sie nannten, mochten sie gar nicht. Aber einige von uns waren Spezialisten darin. Und besonders viel Spaß machte es, wenn die Bademeister abgelenkt waren und jemand vorbeikam, der sich schon wieder umgezogen hatte, um nach Hause zu gehen. Dann passten die Spezialisten den richtigen Moment ab, sprangen vom 3er – und der Wasserschwall hinterließ nur Nässe rundherum. Da hieß es dann: schnell tauchen und aus der Gefahrenzone abhauen. Es gab hinter dem Sprungturm einen Bereich, der hinter Büschen und Hecken ein bisschen Deckung gab. Da konnte dann, wenn die Aufsicht nicht in der Nähe war, das Blaupunkt Derby lautgedreht werden. Der Schulfreund mit dem Transistorradio war immer der Mittelpunkt, wenn die Clique sich in ihrem zweiten Wohnzimmer traf. Wer noch ein paar Pfennige übrig hatte, holte eine süße Tüte. Pommes rot und weiß bereicherten den bundesdeutschen Speiseplan erst später. Was brauchten wir Pommes? Wir hatten die leckeren Lakritzschlangen, Eis und Prickel Pit, kleine Brause-Bonbons.

Manchmal wurden die Spezialisten erwischt. Dann schnauzten die Bademeister los, und es gab eine besondere Strafe: Papier aufsammeln. Wir haben es überlebt. Denn die Decken und das Wasser entschädigten uns. Waren in den ersten Jahren fast nur Jungencliquen am Start, rangelten auch mal um die besten Plätze, so tauchten später auch Mädchen auf. Auch die sonderten sich ab und bildeten eigene Grüppchen. Die freiwillige Geschlechtertrennung hatte bald keinen Bestand mehr: Außer Autos und Fußball weckte das eine oder andere Mädchen unser Interesse. Mit einer Mischung aus Ver- und Bewunderung verfolgten wir die Entwicklung der weiblichen Rundungen. Die Annäherungen hatten etwas Behutsames in jener Zeit, aber Eingeweihte wissen von mehr oder weniger stürmischen Liebesbeziehungen. Bei der Annäherung hatte der Schulfreund mit dem Derby-Radio einen großen Vorteil. Er nannte nämlich auch einen Plattenspieler mit Batteriebetrieb sein Eigen. Eine Single nahm das Ding auf, nudelte sie und warf sie aus. Unterhaltungselektronik à la Philips aus den 60er Jahren.

Nicht alle Erinnerungen sind golden. Das eiskalte Wasser, auch im Sommer manchmal so um die 14 Grad warm, die unbarmherzigen Bademeister, die uns ins Becken jagten zum Schwimmkursus – egal, ob wir vor Kälte zitterten oder nicht. Und dann diese unsäglichen Schwimmkissen, die wir uns über die Arme streifen mussten. Die waren aus hartem Leinen und mussten vorher angefeuchtet und aufgepustet werden. Der strenge Herr M. gefiel sich darin, die Dinger vom Beckenrand ins Wasser zu werfen. Sie aufzufischen brachte nicht wenige von uns an ihre Leistungsgrenze, vor allem die Mädchen, die erst anfingen zu schwimmen. Im Sommer setzten uns die Bremsen zu, herangesummt von der nahen Aue. Wirklich unangenehm war der penetrante Urin-Gestank in den Umkleidekabinen, der nicht auszurotten war.

Überhaupt die Kabinen: Die verfügten viele Jahre über ungeplante Ausstattungsdetails von besonderem Reiz. Die Fulguritplatten – im Lauf der Zeit rissig und brüchig – hatten unbekannte Feinmechaniker unter den männlichen Badegästen auf die Idee gebracht, kleine Löcher anzubringen, in unterschiedlicher Höhe. Hin und wieder gelang es uns, einen Blick auf die bereits erwähnten Rundungen zu werfen. Oswalt Kolle hätte wohl Verständnis gehabt.

Zuerst erschienen in Auepost #10 (Juli/August 2020)

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