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Niemals Plan B: Thomas Godoj rockte Wunstorf

08.11.2021 • Daniel Schneider • Aufrufe: 669

Thomas Godoj zum ersten Mal in Wunstorf: Seine Best-of-Tour war bereits für 2020 vorgesehen gewesen, Corona überholte alle Planungen. Nun bildete Wunstorf den Auftakt für die Nachholkonzerte – und schob sich damit zwischen München und Frankfurt: Harter Rock, verbunden mit melodiöser Intonation und der Freude, nach anderthalb Jahren wieder vor Live-Publikum auftreten zu können. Die Fans waren aus allen Himmelsrichtungen zu Küsters Hof gekommen und feierten den Tourauftakt gemeinsam.

08.11.2021
Daniel Schneider
Aufrufe: 669
Thomas Godoj
Thomas Godoj in Küsters Hof | Foto: privat

Wunstorf (ds). Vor einigen Tagen lösten seltsame seismische Phänomene Irritationen in der Region aus. Donnerartige Geräusche, vibrierende Fensterscheiben. Bis jetzt blieb die Ursache unbekannt. Wären sie eine Woche später aufgetreten – die Ursache wäre klar gewesen: Thomas Godoj spielte in Küsters Hof – und ließ die Bühne beben.

Vor 13 Jahren war er zum ersten Mal im Fernsehen aufgetaucht: Als Teilnehmer und späterer Sieger der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“. Professionell Musik gemacht hatte er schon vorher, doch erst die RTL-Show verhalf ihm zu nachhaltiger Bekanntheit. Er ging zum „DSDS“-Casting, schaffte es mit Stimme und Charisma unter die Besten – und wurde sofort zum Publikumsliebling. Das stellte sich jedoch erst später heraus, die übrigen Kandidaten waren von Beginn an chancenlos gewesen. Dabei passte Godoj nicht wirklich in dieses Format, er schien es sich vielmehr zunutze zu machen. Während die übrigen, meist jüngeren Kandidaten die für sie ausgesuchten Songs möglichst exakt kopierten, interpretierte Godoj sie in seinem eigenen Stil. Damit brach er aus dem sonst als eng bekannten Showkonzept aus – und hatte damit auch die Jury für sich gewonnen. Die wirkte bald nicht mehr objektiv, sondern bereits wie ein Teil des Godoj-Fanclubs. „Das ist ja hier relativ selten, dass auch die Fans von den anderen für einen klatschen“, sagte Juror Dieter Bohlen damals. „Weltklasse“, bekam er vom „Poptitan“ bescheinigt. Der Eindruck, der sich damals vermittelte, war: Nicht „DSDS“ brachte Godoj hervor, sondern Godoj verlieh dem Unterhaltungsformat auf einmal einen ernsthaften Anstrich.

Küsters Hof
Godoj rockt Küsters Hof | Foto: Daniel Schneider

Bohlen moderiert die Show mittlerweile nicht mehr, aber Godoj macht weiter erfolgreich Musik, und das abseits des Mainstreams. Musikalisch hat der Künstler in den vergangenen Jahren eine stetige Veränderung vollzogen – erkennbar zurück zu seinem ursprünglichen Stil: Klare Texte und essentielle Themen bestimmen seine Werke. Vom seichten Pop, unmittelbar nach seinem Showsieg ausgerichtet auf den Massengeschmack, hat sich Godoj konsequent entfernt – in doppelter Hinsicht. Einerseits ist der Deutschrocker in ihm längst wieder zum Vorschein gekommen. Seine einstige Domäne, das melodiös Rockende, verschiebt sich dabei vor allem bei Live-Auftritten erkennbar in Richtung des Rock. Die alten Coverversionen, die ihn ins Bewusstsein der Fans katapultierten, spielen keine Rolle mehr. Godoj ist am besten, wenn er auf Deutsch singt – mit gefühlvoll-markanter Stimme als Kontrapunkt zum harten Bass und Schlagzeug. Andererseits hat Godoj seit Jahren kein Plattenlabel im Rücken, sondern produziert sich selbst über Crowdfunding. Neue Alben werden regelmäßig durch die Fans und Förderer vorfinanziert.

München – Wunstorf – Frankfurt

Corona hat auch Godoj ausgebremst, die vergangenen Monate gab es Wohnzimmerkonzerte und Übertragungen aus Clubs übers Internet. Doch am 22. Oktober ging es zum ersten Mal wieder auf die richtige Bühne – und die stand in Wunstorf. Es war nach den Lockdowns der erste Indoor-live-Auftritt von Godoj nach seinem Konzert am 8. Februar 2020 in München im Rahmen seiner V’Stärker-Aus-Tour. Der Abend in Wunstorf bildete somit den Auftakt der Best-of-Tour, die eigentlich bereits 2020 hätte stattfinden sollen, aber pandemiebedingt abgesagt worden war. Der Wunstorfer Gig war eigentlich inmitten der Tour des Vorjahres im Herbst angesetzt gewesen – nun aber wurde die Auestadt zufällig zum ersten Auftrittsort der Nachholtermine der Tour.

Thomas Godoj in Wunstorf
Thomas Godoj | Foto: privat

Die Freude daran, endlich wieder vor echtem Publikum spielen zu können, war dem Sänger sichtlich anzumerken. Und auch die Fans genossen es, wieder live dabei zu sein. Unter den Besuchern waren allerdings nur eine Handvoll Fans aus Wunstorf und Hannover. Als Godoj von der Bühne selbst die klassische Frage stellte, wer der Anwesenden aus der Stadt käme, gingen nur einzelne Hände in die Höhe. Zwei langjährige Godoj-Fans, die zufälligerweise vor kurzem nach Wunstorf gezogen waren, noch bevor die Tourdaten standen, ein paar neugierige echte Wunstorfer und noch jemand aus Hannover.

Küsters Hof wurde trotzdem voll, denn der Rest war aus halb Deutschland mit- und angereist, um das erste Konzert seit rund anderthalb Jahren mitzuerleben. Dabei herrschten strikte 2G-Regeln, so dass nicht einmal alle Fans, die gerne dabei gewesen wären, kommen durften. Küsters Hof wurde somit trotz neuer Location für Godoj zum Heimspiel. Kein Konzert, ein lang ersehntes Wiedersehen fand statt. Die Fans eine fast schon verschworene Truppe, erkennbar am „G“ auf den schwarzen Kapuzenpullovern und anderen Tour-Shirts. Man kennt sich, man sieht sich, man trifft sich – als stünde das G nicht für Godoj, sondern für Gemeinschaft. Hatten diese zuletzt die Wohnzimmerkonzerte im Web verfolgt, wurde Küsters Hof nun selbst zum Wohnzimmer für die Fans.

„Da hab ich jetzt auch nicht gewusst, wo die Reise hingeht“

Thomas Godoj

Godoj nutzte die Chance und rockte die kleine Bühne an der Hindenburgstraße nicht minder, als er es in den zurückliegenden Jahren in den großen Hallen und Clubs getan hatte. Mit Kraft sang er gegen das Vakuum der vergangenen Monate an, konzentrierte sich auf Lautes, Rockiges, authentische Liedtexte mit einer Botschaft – wie etwa „Keine Option“ (gegen rechts), „Explosion“ (religiöser Fanatismus), „So weit kommen“ (Corona). Mit „Bester Tag“ (das Musikgeschäft nach „DSDS“) gab es auch Selbstreferenzielles. „Best of“ war natürlich nicht als reine Rückschau zu verstehen. Auch Titel wie „Astronaut“ aus seiner aktuellen Studioproduktion und Teil der kommenden Tour gehörten dazu.

Godoj-Plakatankündigung
Godoj mit falscher Gruppe in Wunstorf angekündigt | Foto: Daniel Schneider

Wenn er seine Songs und Themen nicht anmoderierte und geschickt in einen roten Faden zu weben wusste, hüpfte, sprang, tobte der Recklinghäuser mit sichtlichem Spaß über die Bühne. Nur auf eine Vorgruppe musste er verzichten – obwohl auf den Plakaten praktisch eine angekündigt worden war. Dabei handelte es sich allerdings um einen Fehldruck. Godoj trat mit seinen eigenen Musikern auf, nicht mit Blues-Beatboxern. Als Gag baute Godoj in seine Performance kurzerhand trotzdem Beatboxing ein.

Die Fans trugen das ihre dazu bei: Beim Titel „Dächer einer ganzen Stadt“ kam es zu einer Song-Entführung: Nach dem Ende des Stückes sang das Publikum einfach weiter. Godoj, kurz irritiert, dann grinsend: „Da hab ich jetzt auch nicht gewusst, wo die Reise hingeht.“ Die Verwechslung von „Plan A“ und „Plan B“ nahm nur er selbst sich übel. Bei einer Textunsicherheit half seine Partnerin vom Rande der Bühne. Godoj blieb authentisch, wie man ihn kennt.

Ebenso bleibt „DSDS“ ein Teil seines Lebens, und auch wenn er damit nicht kokettiert, baut Godoj diesen Aspekt seiner Vita gelegentlich augenzwinkernd in sein Programm ein. Andernfalls müsste er auch auf manchen sympathischen Gag verzichten, den nur die alten Fans verstehen. Ansonsten bleibt er ganz der nahbare Unnahbare: kumpelhaft, nie abgehoben, aber irgendwie doch stets über den Dingen zu schweben scheinend.

Thomas Godoj in Wunstorf
Abschlussszene: Glücklich wieder auf der Bühne | Foto: privat

Ob man Godoj einmal wieder live in Wunstorf sehen wird, ist ungewiss. Ausgeschlossen sei es nicht, teilte seine Booking-Agentur auf Nachfrage der Auepost mit, langfristig geplant sind jedoch derzeit keine weiteren Auftritte. Vielleicht zieht ihn die Bewirtung einmal wieder in die Auestadt – die hatte er gegenüber seinen Fans besonders gelobt. Nach Wunstorf zog die Best-of-Tour weiter nach Lübeck und in andere Städte und ist inzwischen beendet. Den nächsten Tourauftakt nach Wunstorf wird es im kommenden Frühjahr geben: 2022 startet Godojs neue STOFF-Tour, erste Station ist Frankfurt.

von Daniel Schneider
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