Bad Nenndorf und die Rechtsextremen

Bad Nenndorf bekommt das Bundesverdienstkreuz

Das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ soll mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden. Die Vereinigung Bad Nenndorfer Bürger hatte in den letzten Jahren vehement und letztlich erfolgreich dagegen gekämpft, dass die Kurstadt in Wunstorfs Nachbarschaft zum Wallfahrtsort von Rechtsextremisten wurde.

Am ehemaligen Demonstrationsort der rechten Szene | Foto: Daniel Schneider

Bad Nenndorf (ds). Wie der Norddeutsche Rundfunk heute meldete, soll das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ und damit ein Großteil der Bürger der Stadt, die sich an dessen Aktionen beteiligten, mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden.

Weil mit der höchsten Auszeichnung der Bundesrepublik für Dienste am Gemeinwohl nur Personen geehrt werden, soll stellvertretend der Initiator des Bündnisses, Jürgen Uebel, für das gesellschaftliche Engagement der Bad Nenndorfer ausgezeichnet werden.

Aufmarschgebiet für Rechtsextreme

Bad Nenndorf ist eine alte, idyllische Kurstadt im Schaumburger Land mit beschaulicher bis mondäner Architektur und entsprechendem Flair. Doch der Kurbetrieb wurde ab dem Jahre 2006 an jeweils einem Tag des Jahres empfindlich gestört. Denn die rechte Szene hatte sich Bad Nenndorf als neues Aufmarschgebiet auserkoren.

Gegendemonstrationsplakat 2016 | Foto: Daniel Schneider

Gleich bis ins Jahr 2030 waren die Demonstrationen angemeldet worden. Immer am ersten Wochenende im August wollte die rechte Szene ihren „Trauermarsch“ begehen. Bad Nenndorf drohte zum neuen rechten Wallfahrtsort zu werden, einer Art zweitem Wunsiedel, wo jahrelang der „Rudolf-Hess-Gedenkmarsch“ stattgefunden hatte, ebenfalls im August, und wo sich auch weiterhin regelmäßig rechte Gruppierungen zu Demonstrationen einfinden.

Aufmarschroute der Rechtsextremen, vorsorglich dekoriert – doch 2016 kam niemand mehr zum Trauermarsch | Foto: Daniel Schneider

Hunderte Demonstranten aus der rechten Szene reisten von überallher nach Bad Nenndorf, zogen durch die Bahnhofsstraße zum „Winckler-Bad“, das sie sich als Mahnmal auserkoren hatten. Rechte Demonstration und linksextreme Gegendemonstranten versetzten die Stadt in einen Ausnahmezustand, dazu kam ein riesiges Polizeiaufgebot, das die Lager trennte. Das normale Leben kam an diesen Tagen zum Erliegen.

Die Märsche zum Winckler-Bad in Bad Nenndorf waren dabei auch ein Versuch, das systematische Unrecht des Dritten Reiches mit dem Unrecht Einzelner zu relativieren, die Deutschen zu willkürlichen Opfern einer fremden Besatzungsmacht zu stilisieren. Denn in dem historischen Gebäude war es nach Kriegsende zu Folterungen an NS-Tätern wie auch Unbelasteten gekommen. Zu dieser Geschichtsklitterung ließen es die Bad Nenndorf jedoch nicht kommen.

Mit den Schlümpfen gegen Rechtsextremismus

Protest gegen diese Vereinnahmung setzte umgehend ein und wurde im Laufe der Jahre immer kreativer und effektiver. Neben Gegendemonstrationen, die eindrucksvoll zeigten, was die Bad Nenndorfer von ihren alljährlichen „Tagesgästen“ hielten, war die Kern-Strategie, den „Trauermarsch“ zu einer Farce werden zu lassen. Aus den Häusern an der Demonstrationsroute wurde laut das „Lied der Schlümpfe“ gespielt, das seitdem als die heimliche Hymne der Stadt gelten darf. Bad Nenndorf wurde so bunt dekoriert, wie es nur möglich war. Bäume wurden in Regenbogenfarben „eingewebt“, es regnete Konfetti.

Traditioneller Bad Nenndorfer Baumschmuck gegen Trauermärsche | Foto: Daniel Schneider

Dazu kamen Aktionen wie der „Spendenlauf“, bei dem die Teilnehmer des Trauermarsches kurzerhand zu unfreiwilligen Spendeneintreibern wurden: Für das Erreichen bestimmter Streckenabschnitte spendete das Bündnis jeweils Geld für Maßnahmen gegen Rechtsextremismus – wer am Trauermarsch teilnahm, bezahlte damit praktisch für sein eigenes Aussteigerprogramm.

Schützenhilfe kam aus der linken Szene und von Aktivisten gegen Rechtsextremismus: Die Bahngleise der S-Bahn auf der Deisterstrecke wurden regelmäßig blockiert, so dass die anreisenden Demonstranten z. B. schon in Haste aussteigen und in brütender Augusthitze durch die Felder nach Bad Nenndorf laufen mussten, bevor es überhaupt losgehen konnte mit der „Trauer“. Denn auch die Busfahrer leisteten zivilen Ungehorsam.

INFO: Winckler-Bad
Das Winckler-Bad, ein altes Badehaus des Kurbetriebs, wurde nach Ende des 2. Weltkriegs von der britischen Besatzungsmacht als geheimes Verhörzentrum genutzt. Verhört wurden nicht nur hohe NS-Akteure aus SA, SS oder NSDAP, sondern auch Unbescholtene, die etwa der Spionage für die Sowjetunion bezichtigt wurden. Im beginnenden Kalten Krieg wurden daher auch Kommunisten im Winckler-Bad festgehalten. Dabei kam es zu Folterungen von Internierten. Es handelte sich nicht um eine „von oben“ angeordnete, systematische Folter, aber es waren auch keine Einzelfälle. Die Lagerleitung duldete die „Verhörmethoden“ des Personals. Nach Bekanntwerden der Zustände in Großbritannien beendete die Briten diese Umtriebe umgehend, 1947 wurde das Zentrum komplett geschlossen. Die britische Justiz verfolgte die Täter, ahndete die Verbrechen allerdings nur in einem Fall.
Gegendemonstration 2016 | Foto: Daniel Schneider

Maßgeblich organisiert wurde der bürgerliche Widerstand von besagtem Bündnis, dem sich jedes Jahr viele Menschen anschlossen. Das Ineinandergreifen von kreativem Protest und dem Zusammenhalt der Bad Nenndorfer Bürger zeigte letztlich Wirkung: Die Zahl der „Trauermarsch“-Teilnehmer ging zuletzt immer weiter zurück, bis 2016 gar niemand mehr kam. Die Bad Nenndorfer hatten sich ihre Stadt zurückerobert.

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