Erste Strophe gespielt

Der Nationalhymnenskandal beim Steinhuder Box-Event

Der „Steinhuder Hymnenskandal“ zeigt wieder einmal, wie sensibel vor allem der Umgang mit der deutschen Nationalhymne ist. Der Zwischenfall am vorletzten Sonnabend ist jedoch kein Unikum: Immer wieder kommt es vor, dass eine falsche Hymne gespielt wird.

Boxhandschue am Ring
Bei der Open-Air-Box­ver­an­stal­tung am Stein­hu­der Meer erklang „Deutsch­land, Deutsch­land über alles“ (Sym­bol­bild)

Stein­hu­de (red). Stein­hu­de bezie­hungs­wei­se Wunstorf waren in den letz­ten Tagen bun­des­weit in den Schlag­zei­len – weil auf einer Box­ver­an­stal­tung in Stein­hu­de, dem „Boxen am Meer“ auf der See­büh­ne, die ers­te Stro­phe des Deutsch­land­lieds als Natio­nal­hym­ne gespielt wor­den war – die seit 1945 aber gar nicht mehr die Natio­nal­hym­ne ist.

DBV-Präsident schreitet ein

Der als Gast anwe­sen­de Prä­si­dent des Deut­schen Box­port-Ver­ban­des (DBV), Jür­gen Kyas, war per­sön­lich ein­ge­schrit­ten und hat­te das wei­te­re Abspie­len der fal­schen Stro­phe unter­bun­den. Absicht moch­te nie­mand unter­stel­len, aber der Umgang der Ver­ant­wort­li­chen mit dem Faux­pas wur­de kri­ti­siert. Es habe kei­ne sofor­ti­ge Ent­schul­di­gung gege­ben und die Aus­wahl der Hym­ne sei vom Ver­an­stal­ter nicht über­prüft wor­den. In der Schuss­li­nie steht seit­dem der Prä­si­dent des Nie­der­säch­si­schen Box­ver­ban­des, Man­fred Schu­mann.

Die Reak­tio­nen in der Öffent­lich­keit zei­gen, wie sen­si­bel das The­ma ist. Der Vor­fall schlug sofort hohe Wel­len. Aus ört­li­chen Boxer­krei­sen ist indes Fas­sungs­lo­sig­keit zu ver­neh­men bezüg­lich der Reak­tio­nen und der Art, wie das Gesche­hen bewer­tet wur­de: Statt mit den Ver­ant­wort­li­chen das Gespräch zu suchen, sei ein Skan­dal dar­aus gemacht wor­den. Vor allem vor dem Hin­ter­grund, dass die Ver­an­stal­tung unter einem Mot­to gegen Ras­sis­mus gestan­den habe, kön­nen die Reak­tio­nen auf den Zwi­schen­fall nicht nach­voll­zo­gen wer­den.

Bei dem „Stein­hu­der Hym­nen­skan­dal“ hat es sich ganz offen­sicht­lich um ein simp­les Mal­heur gehan­delt, wenn auch mit weit­rei­chen­den Fol­gen: Ein Mit­ar­bei­ter der Beschal­lungs­fir­ma hat­te wohl die fal­sche Musik­da­tei aus dem Inter­net gela­den und nicht auf den Text des Lie­des geach­tet.

Bundespräsidenten und Sportler am häufigsten betroffen

Damit befin­det er sich in guter Gesell­schaft, denn Box­ver­an­stal­tun­gen sind nicht die ein­zi­gen Events, bei denen sol­che Miss­ge­schi­cke pas­sie­ren. Dass eine fal­sche Natio­nal­hym­ne abge­spielt wird, geschieht durch­aus häu­fi­ger, neben Sport­ver­an­stal­tun­gen sogar bei Staats­ak­ten.

1995 wur­de der dama­li­ge Bun­des­prä­si­dent Roman Her­zog bei einem Staats­be­such in Bra­si­li­en bei­spiels­wei­se mit der DDR-Natio­nal­hym­ne statt der bun­des­deut­schen begrüßt. 2008 blen­de­te das Schwei­zer Fern­se­hen bei der Über­tra­gung eines Fuß­ball­spiels den Text der ers­ten Stro­phe ein, als die deut­sche Natio­nal­hym­ne gespielt wur­de. Zwei Mit­ar­bei­ter der Video­text­ab­tei­lung hat­ten den fal­schen Text aus dem Inter­net kopiert. 2009 begann der Lie­der­ma­cher Ste­phan Kra­sc­zyk im Rah­men der Ver­lei­hung von Bun­des­ver­dienst­kreu­zen durch den Bun­des­prä­si­den­ten das Sin­gen der Natio­nal­hym­ne irr­tüm­lich mit „Deutsch­land, Deutsch­land über alles“. Mit der­sel­ben Zei­le begann die Sie­ger­eh­rung für die deut­schen Teil­neh­mer bei der Kanu-WM 2011 in Ungarn:

Bei der Rodel-WM in Lett­land 2015 wur­den die Deut­schen auf dem Sie­ger­trepp­chen wie­der­um mit der DDR-Natio­nal­hym­ne „Auf­er­stan­den aus Rui­nen“ geehrt. 2017 wur­de beim Fed-Cup auf Hawaii eben­falls die ers­te Stro­phe des Deutsch­land­lie­des gesun­gen:

Die Ver­wechs­lung von ers­ter und drit­ter Stro­phe kann auch rich­tig teu­er wer­den: 2011 wur­de die kom­plet­te Erst­auf­la­ge des Buchs „Eine Kalo­rie kommt sel­ten allein“, ein Buch von Rai­ner Cal­mund, ein­ge­stampft, weil ver­se­hent­lich dar­in geschrie­ben stand, dass Cal­mund im Sta­di­on ger­ne die ers­te Stro­phe des Deutsch­land­lie­des mit­sin­gen wür­de.

Dass es noch pein­li­cher geht, bewies Kuwait im Jah­re 2012: Bei einer Sport­ver­an­stal­tung wur­de statt der ech­ten Natio­nal­hym­ne von Kasach­stan die Phan­ta­sie­hym­ne aus dem Film „Borat“ gespielt:

Die kasa­chi­sche Sport­le­rin Maria Dmi­tri­en­ko hat­te Mühe, kei­ne Mie­ne zu ver­zie­hen, als sie sich – mit der Hand auf dem Her­zen – Text­stel­len wie „Kasach­stans Pro­sti­tu­ier­te sind die sau­bers­ten in der Gegend“ und „Ergrei­fe den mäch­ti­gen Penis unse­res Füh­rers“ anhö­ren durf­te.

Das besondere Problem mit der deutschen Hymne

Pikant wird das Sin­gen der ers­ten Stro­phe des Lie­des der Deut­schen dadurch, dass es eben nicht nur die fal­sche Natio­nal­hym­ne ist, son­dern die­je­ni­ge, die zuletzt im Drit­ten Reich ver­wen­det wur­de. Aus gutem Grund wur­de zur Hym­ne der Bun­des­re­pu­blik nur noch die 3. Stro­phe bestimmt und in der DDR eine völ­lig neue Hym­ne kom­po­niert. Denn „Deutsch­land, Deutsch­land über alles, über alles in der Welt“ wür­de heu­te sogar dann deplat­ziert klin­gen, wenn es Hit­ler und den Zwei­ten Welt­krieg nicht gege­ben hät­te.

Hoff­mann von Fal­lers­le­ben, der Ver­fas­ser des Tex­tes, hat­te frei­lich etwas ande­res im Sinn: Sei­ne Ver­se waren eine bild­haf­te, lyri­sche Spra­che, im über­tra­ge­nen Sinn gemeint: „Deutsch­land über alles in der Welt“, das mein­te nicht die Herr­schaft über ande­re Län­der, son­dern das anzu­stre­ben­de Ziel, die im 19. Jahr­hun­dert noch unge­ein­ten deut­schen Ein­zel­staa­ten zu einem gemein­sa­men deut­schen Reich zu ver­bin­den. Die Natio­nen­bil­dung war der Traum der deut­schen Patrio­ten, die die Klein­staa­te­rei aus Fürs­ten­tü­mern und König­rei­chen über­win­den soll­te. Damals klang das in den Ohren der Zuhö­rer so, als wür­de man heu­te „Euro­pa über alles“ sin­gen oder „Ame­ri­ca first“ sagen.

Doch die Zei­ten haben sich gewan­delt, die deut­sche Ein­heit wur­de im Lau­fe der Geschich­te schon zum zwei­ten Male voll­zo­gen und der eins­ti­ge Text hät­te nur noch his­to­ri­sche Bedeu­tung mit alter­tü­meln­dem Text – wenn da nicht das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land gewe­sen wäre. Die Natio­nal­so­zia­lis­ten nut­zen das Lied im Sin­ne ihrer Ideo­lo­gie – und nah­men „Deutsch­land über alles“ am Ende wört­lich.

Seit­dem ist der Text „ver­brannt“, gilt je nach Abspiel­ort nicht nur als Faux­pas, son­dern auch als Pro­vo­ka­ti­on oder direk­ter Aus­druck völ­ker- bis men­schen­ver­ach­ten­der Gesin­nung. Ver­bo­ten ist das Lied der Deut­schen jedoch nicht – denn es ist eben auch ein his­to­ri­sches Werk, ein Zeug­nis des deut­schen Eini­gungs­pro­zes­ses im 19. Jahr­hun­dert. Nur abspie­len soll­te man die Hym­ne bes­ser nicht mehr, wenn man sich nicht gera­de auf einem His­to­ri­ker­kon­gress befin­det. Auf einer Sport­ver­an­stal­tung hat sie nichts mehr zu suchen.

Heil Niedersachsen

Gespielt wur­de in Stein­hu­de dann, um jede Gefahr neu­er Miss­ver­ständ­nis­se zu ver­mei­den, statt­des­sen das Nie­der­sach­sen­lied. Das ent­hält aller­dings mit der Zei­le „Heil Her­zog Widu­kinds Stamm“, eben­falls eine Text­stel­le, die nicht ganz unver­däch­tig ist, Miss­ver­ständ­nis­se pro­vo­zie­ren zu kön­nen.

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3 Kommentare
  1. Frank Struckmann sagt

    Ich den­ke es gibt wesent­lich schlim­me­res im Leben.

  2. Dirk Hannover sagt

    .…..Sack.…Reis.…China.…..

  3. Basti g. sagt

    Stimmt das nie­der­sach­sen­lied könn­te man uns ja auch noch ver­bie­ten 🙂

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