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Politischer Streit um Wohnungsnot

Wie will Wunstorf wachsen?

Symbolbild Haus bauen
Symbolbild: Haus bauen

Ein Gastkommentar von Carsten Ens

Angelehnt an den alten Juristenspruch „Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung!“ könnte man der aktuellen Diskussion über das „vergreisende“ Wunstorf einen etwas genaueren Blick in die regionale Bevölkerungsprognose empfehlen. Schon kommen zweierlei Dinge zu Tage, die ebenso wenig überraschend wie angsteinflößend sein sollten: In den Altersklassen bis 17 Jahre legt Wunstorf in der Hochrechnung bis zum Jahr 2029 zu – was für die Planung von Kinderbetreuungsstätten und Schulen eine wichtige Orientierungsgröße sein sollte. Übrigens verzeichnet die Statistik für Wunstorf auch ein Plus von immerhin 5,6 Prozent bei den 30- bis 44-Jährigen – also in der Bevölkerungsgruppe die sich nach landläufiger Vorstellung in der Familienbildungsphase befindet und „sesshaft“ werden möchte. Überhaupt nicht überraschend ist der Zuwachs der Gruppe von 65 bis 74 Jahren, denn das sind die Babyboomer. Und auch der tendenzielle Rückgang bei den jungen Erwachsenen sollte niemanden aus der Fassung bringen, denn ausbildungs-, studien- und berufsbedingt bieten größere Städte den 18- bis 29-Jährigen schlicht und einfach bessere Chancen. So weit die reine Statistik, die keinen Anlass für Aktionismus bietet – allerhöchstens für politische Spielerei.

Allerdings beschreiben diese Zahlen den demografischen Wandel nicht vollständig. Die Alterung unserer Gesellschaft ist ein Trend, der nicht zuletzt auf den Geburtenrückgang seit – grob skizziert – den 1970er Jahren zurückzuführen ist. Anders ausgedrückt: Wer 1990 nicht geboren wurde, kann 2025 nicht beruflich Karriere gemacht, eine eigene Familie gegründet und in Wunstorf ein Haus gebaut haben.

Zum demografischen Wandel gehört aber nicht nur, dass wir immer älter werden, wir leben auch immer häufiger allein. Was Fachleute als Singularisierung bezeichnen, hat weitreichende Folgen gerade für den Wohnungsmarkt. Der klassische Verlauf dabei: Familie mit Eltern und (mehreren) Kindern lebt in einem Haus oder einer größeren Wohnung – die Kinder verlassen nach der Schule die elterliche Umgebung – später stirbt noch ein Elternteil – am Ende wohnt noch eine Person in einer Wohnung oder eben einem Haus, die/das vor Jahren noch für drei, vier oder noch mehr Personen ausreichend war. Da das klassische Familienmodell für viele Menschen heutzutage keine Alternative mehr darstellt, könnte es auch sein, dass die Kinder, die vor Jahren schon das Haus verlassen haben, allein, mit einem Partner (aber ohne eigene Kinder) oder als Alleinerziehende wohnen. Und so haben wir das übriggebliebene Elternteil allein in Haus oder Wohnung und vielleicht das eine oder andere Kind eben auch.

Daraus ergibt sich eine weitere Folge des demografischen Wandels: völlig ausdifferenzierte Wohnwünsche. Baum pflanzen, Familie gründen, Haus bauen – das ist längst nicht mehr das (alleinige) Leitmotiv junger Leute. Zumal, und das darf man trotz der niedrigen Kapitalmarktzinsen, nicht vergessen, bauen immer noch eine teure Angelegenheit und mit vielen Unwägbarkeiten verbunden ist. Also sind neben dem „Häuschen mit Garten“ durchaus auch intelligente Wohnungen und Wohnkonzepte in mehrgeschossigen Gebäuden gefragt. Es gibt engagierte Baugruppen, die sich ihren Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen erfüllen wollen. Es gibt Leute, die kleine Wohnungen bevorzugen, und Leute, bei denen die Badewanne mitten im Wohnzimmer stehen soll. Es gibt Leute, denen reichen eine kleine Terrasse und 20 Quadratmeter „Garten“, und es gibt Leute, die sich mitten in der Stadt wohlfühlen und am Stadtrand eben nicht die „Nähe zur Natur“ sehen, die ihnen dort versprochen wird. Es gibt Leute, die wollen nicht aufs Auto angewiesen sein und zu Fuß einkaufen gehen. Und es gibt Leute, die sich Gedanken machen, wie klimaschonend Wohnen sein kann.

Mitunter scheint es jedoch, das (klein-) städtisches Wachstum immer und ausschließlich mit dem Ausweisen neuer Baugebiete erreicht, nein: erzwungen werden soll. So sind das Fazit der SPD und die prompte Reaktion der CDU aus dem regionalen Zahlenwerk vorerst nicht mehr als Reflexe.

Aber warum und in welchem Maße soll Wunstorf wachsen, wie und wo soll das geschehen und wen möchten wir gerne in unserer Stadt aufnehmen? Antworten auf diese und weitreichendere Fragen stehen noch aus. Sie werden nicht leicht fallen, und sie werden nicht allen gefallen.

Zum einen: Wie steht es um das kommunale Baulandmanagement, das künftig nicht nur den Weg für Eigenheimbesitzer ebnet, sondern vielleicht auch für Baugruppen mit bescheideneren finanziellen Mittel oder einem zeitgemäßen geförderten Wohnungsbau? Denn die hohen Baukosten – und die Grundstückpreise tragen erheblich dazu bei – rechnet sich der eine oder andere Häuslebauer mit günstigen Hypotheken schön. Für soziale Wohnprojekte hingegen wären preisgünstigere Grundstücke der Einstieg in eine realistische Wirtschaftlichkeitsberechnung. Neben der Stadtsparkasse könnten die Profis von der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) der Stadt hilfreich zur Seite stehen.

Zum anderen: Will die Stadt wirklich nur an ihren Rändern wachsen, oder müssen Flächen im Kernbereich nicht konsequenter und mit mehr Phantasie betrachtet werden? Wie steht es um das alte Freibadgelände oder um die Langnese-Iglo-Brache am Luther Weg? Können Privatgrundstücke nicht häufiger geteilt und neu genutzt werden, so wie es in Einzelfällen zwischen Wilhelm-Busch-Straße und Luther Weg geschieht? Welche Potenziale bieten die großen Wohngebiete der 1950er und 1960er Jahre – etwa zwischen Kolenfelder Straße und Am Hasenpfahl oder in der Nordstadt?

Dritter Aspekt: Investoren, die eines überhaupt nicht mögen, nämlich Geld zu versenken, sehen offenbar in Wunstorf durchaus Potenziale für neuen Wohnungsbau in verdichteten Lagen. Die Mühle Langhorst, die Neubauten an der Sölter-Kreuzung, in der Alten Bahnhofstraße oder Am Kampe und nicht zuletzt die ambitionierte Planung für das denkmalgeschützte Gebäude an der Stiftstraße sind nur einige Beispiele. Das hat zwar in weiten Teilen mit sozialem Wohnen für jedermann nicht viel zu tun. Aber auch der Ruf der SPD nach mehr Bauland hilft nicht gerade denen, die gerne in Wunstorf wohnen würden, aber es sich einfach nicht leisten können. Gentrifizierung nennt man solche Entwicklungen gerne, die die Struktur von Städten und Stadtteilen radikal verändern. Aber ist das wirklich ein erstrebenswertes Ziel? Wunstorf kann froh sein, den Bauverein in der Stadt zu haben, der den Sektor des bezahlbaren Wohnens abdeckt. Doch es ist eine Genossenschaft, und die ist in erster Linie ihren Mitgliedern verpflichtet und nicht der Stadtverwaltung. Dennoch gäbe es ein öffentliches Instrument, um im sozialen Wohnungsbau eigene Akzente zu setzen, das die Stadtverwaltung bisher aber nicht genutzt hat: die KSG Hannover, Wohnungsgesellschaft der Region. Mehr als 20 Gesellschafter haben Anteile – auch Wunstorf. Doch bis auf ein oder zwei Kindergärten war die KSG hier nie aktiv. Was sind die Gründe, warum Wunstorf als einzige Anteilseignerin keine einzige KSG-Wohnung auf ihrem Stadtgebiet hat?

Carsten Ens ist Kommunikations- und PR-Experte des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Niedersachsen und Bremen e. V. Zuvor war er viele Jahre Redakteur in Wunstorf und Hannover für die HAZ. Er lebt mit Familie in seiner Geburtsstadt Wunstorf.

1 Kommentar

  1. Ein hervorragender Kommentar von Herrn Ens , der die momentane Lage gut erkannt hat und beschreibt. Aber er bezieht sich nur auf die Kernstadt. Aber Wunstorf besteht aus der Kernstadt und den umliegenden Randgemeinden.
    Wunstorf besteht zu 50 % aus der Kernstadt und zu 50 % aus seinen Randgemeinden — und im Gegensatz zu Neustadt hat Wunstorf den Vorteil. dass die Randgemeinden ziemlich dicht um die Kernstadt positioniert sind ,und somit von Anfang an in die Stadtplanung mit einbezogen hätten werden können und müssen. Wurde aber nur mit dem Ortsteil Luthe gemacht, mit der Begründung der Nahe zum Bahnhof .
    Bei der Planung von Baugebieten hätte seit der Gebietsreform die Infrastruktur der Randgemeinden besser mit einbezogen werden müssen, außerdem der Wohnwert, und der Preis Ich habe das immer wieder vorgerechnet ,dass der Baupreis sich bei der Ausweisung von Bau -(Wohn) gebieten in den Randgemeinden ( ich spreche hier in erster Linie für das Butteramt bzw. Bokeloh ) sich bei einer Vermarktung über die Stadt oder der KSG oder ähnliches, ganz anders darstellen würde. .. Auch der Wohnwert in Bokeloh ist höher als in der Kernstadt.
    Im o.g. Kommentar i ist die neue Bebauung des Sölter-Grundstückes genannt (Sölter-Kreuzung) .Der Wohnwert dieses Gesamtgebietes ergibt sich in erster Linie aus seinem Eingangsbereich, und das wäre der geplante ,aufgelockerte .im Bogen geschwungene, Neubau der Volksbank . Es ist aber momentan angesagt , dass dieser Neubau aus Kostengründen abgespeckt wird, und auch nur ein viereckiger Klotz gebaut wird. Dadurch wird der Wohnwert der ganzen Neubebauung beeinflusst.
    Wenn man schon alles – Geschäfte, Ämter, Ärzte – und Anwaltspraxen usw. usw. ,alles in die Kernstadt haben will, dann darf man aber die Parkgebühren für 50 % seiner Bevölkerung, die in die Kernstadt müssen, nicht um 100 % erhöhen.
    Um die Frage des Kommentares des Kommunikations- und PR-Experten Ens zu beantworten:
    Wunstorf braucht die Großzügige und weitläufige Bebauung der Randgemeinden um zusammen zu wachsen ,
    strukturell. kommerziell, funktionell. Das geht nur über eine Bauplanung , die nicht nur Lücken-Bebauung vorsieht.
    Wenn Wunstorf sich in vielen Teilen der Kernstadt erneuern will ist das verständlich . Wachsen kann Wunstorf nur über und mit seinen Randgemeinden .Ich habe dafür schon einige Anträge vorgelegt.

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