Banana-nana trifft auf Rokoko

Ein mitreißendes Spiel mit zeitloser Botschaft, das brachte das Ensemble des Liberi-Theaters auf die Bühne des Wunstorfer Stadttheaters. Im ausverkauften Haus erlebte das große und kleine Publikum eine farbintensive, schillernde und stark gespielte Interpretation des Kinderklassikers.

Balu und Kaa adressieren das Publikum | Foto: Daniel Schneider

Es sind diese Momente, die sich in jungen Jahren einbrennen und an die man sich sein ganzes Leben zurückerinnert: die besondere Atmosphäre, die Gerüche, die Klänge, die Aufregung, das Licht, die vielen Eindrücke, das Magische – kurz: das Theater. In Wunstorf kann man es zentral mitten im Stadtzentrum erleben, und wenn dann noch eine Bühne wie das Theater Liberi gastiert, dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. So war es dann auch am vergangenen Mittwoch, den 4. Januar 2017, als die Schauspieler ihre einzige Vorstellung in Wunstorf vor ausverkauftem Haus gaben. Heiter bis still-fasziniert verfolgten Kinder, Eltern und Großeltern die Musicalversion des Kinderbuchklassikers, staunende Kinderaugen auf allen Rängen.

Dschungelbuch als Musicalfassung

Das „Dschungelbuch“ zählt mit zu den beliebtesten Stoffen im Kindertheater, denn es eignet sich hervorragend für eine Umsetzung auf der Bühne. Das Spiel mit Licht und Farben, der Musikanteil, die vielen unterschiedlichen Kostüme und nicht zuletzt die episodenhafte Struktur prädestinieren es für eine kunstvolle Darbietung auf den weltbedeutenden Brettern.

Die Vorstellung im Wunstorfer Stadttheater war ausverkauft | Foto: Daniel Schneider

Viele kennen es in der Disney-Adaption, der Zeichentrickfilm von 1967 um Mogli, Balu und seine Freunde zählt wie die Literaturvorlage selbst längst zu den Klassikern. Manche Laienspielgruppe versucht sich an dem Stück, aber auch professionelle Bühnen wie das junge Bochumer Wandertheater Liberi haben es im Programm – in diesem Fall als eines von mehreren Musicals im Repertoire, das in ganz Deutschland und Österreich auf hunderten Bühnen gezeigt wird.

Mitreißendes Spiel mit zeitloser Botschaft

Das Musical weicht dabei deutlich von der Vorlage ab und interpretiert die Geschichte um das Findelkind Mogli auf eigene Weise neu, ohne jedoch dabei an Vertrautheit bei den Figuren einzubüßen. Bei der Interpretation legt das Ensemble etwas weniger Gewicht auf die Suche Moglis nach der Menschwerdung und dafür etwas mehr auf die Botschaft, dass Freundschaft das Wichtigste im Leben ist. So endet das Stück auch mit einem kompromisslosen Happy End, bei dem sich der Protagonist nicht zwischen menschlichen und tierischen Bindungen entscheiden muss. Der Hauptteil des Stückes konzentriert sich vorlagengetreu auf die Suche nach der richtigen „Familie“ für das Menschenkind – und seine Reise durch den gefährlichen Dschungel.

Baghira, in der Vorlage eher der Technokrat unter den Tieren, der stets die Konsequenzen vorhersieht, zur Gewissenhaftigkeit mahnt und den rationalen Konterpart Moglis und Balus bildet, wird in der Liberi-Fassung in einer Hosenrolle (charismatisch: Sarah Kornfeld) ein wenig mehr zum Kindermädchen des jungen Mogli, der diesem gemeinsam mit Balu gegen die Gefahren des Dschungels beisteht. Tiger Shir Khan wird weitaus weniger bedrohlich und hinterlistig dargestellt und geht mehr ins Zynische, Arrogante, Angeberhafte. Auch die Elefanten etwa kommen nur als Zitat vor.

Der Dschungel in all seinen Farben: Liberi brachte das Dschungelbuch als Musical ins Wunstorfer Stadttheater | Foto: Daniel Schneider
Sphärische Eindrücke nicht nur, wenn Kaa hypnotisiert | Foto: Daniel Schneider
Balu, Baghira und Mogli | Foto: Daniel Schneider
Mogli hadert | Foto: Daniel Schneider

Ansonsten ist alles da, was zum Dschungelbuch dazugehört. Neben dem geschmeidigen Panther Baghira die Wölfe, die Affen, und natürlich Sympathieträger Balu, eine Paraderolle für Orkan Sen, der als behäbiger, aber stets überfröhlicher, lebenslustiger Bär so richtig aus sich herausgehen kann. Schlange Kaa (kraftvoll: Sabine Hennig) und Shir Khan (brillant: Jan Großfeld) stehlen dem mimisch überzeugenden Protagonisten Mogli (Ali Marcel Yildiz) dabei fast die Show.

Auch musikalische Freiheiten

Auch musikalisch nimmt man sich mehr Freiheiten, indem etwa auf den bekannten Ohrwurm „Versuch’s mal mit Gemütlichkeit“ verzichtet wird, was der Inszenierung jedoch eindeutig zugutekommt: So bleibt Platz für Eigenkompositionen, und mit „Ba-banana-nana“ wird sogleich bewiesen, dass Ohrwürmer auch durch einmaliges Hören entstehen, gar Gänsehautmomente verursachen können. Das Stück gerät dadurch gar nicht erst in Gefahr, wie ein bloßer weiterer Aufguss des Stoffes zu wirken, sondern gewinnt erheblich an eigenem Profil.

Viel in Bewegung: Ensemble des Liberi-Theaters | Foto: Daniel Schneider
Theaternebel wabert über die Bühne in den Zuschauerraum | Foto: Daniel Schneider

Eine Dschungelreise für alle

Der Stoff wird kindgerecht umgesetzt als rasantes, spannendes Spektakel; das Melancholische, Leise wird nicht ausgespart, bleibt aber eher im Hintergrund. Witz und Esprit dominieren, wobei die Botschaft des Stückes nicht moralinsauer, sondern fröhlich verpackt den Betrachter erreicht.

Ein amüsiertes Raunen geht durchs Publikum, als Mogli entlaust wird, freudige Begeisterung, als Kaa den eingewickelten Shir Khan wiederausrollt. Ansteigendes Gelächter schließlich, als die aufdringlichen Geier (in Doppelrolle unter genialem Zusammenspiel: Sabine Hennig und Laura Mahria) permanent am High-Five scheitern.

„Du bist schlau und siehst gut aus“
Begründung der Affen für Moglis Thronfähigkeit

Auch für das erwachsene Publikum gibt es Überraschungsmomente und Anlass zur Heiterkeit: Wenn etwa ein Affe unvermittelt den Donauwalzer anstimmt, um kurz darauf Alicia Keys’ „Girl on fire“ zu schmettern. Sogar subversive Gesellschaftskritik blitzt an mancher Stelle durch und zeugt von der intelligenten Umsetzung der Inszenierung, wenn es etwa darum geht, weswegen die Affen Mogli zu ihrem Herrscher krönen wollen.

Shir Khan als Mozart

Der Ausstattung gebührt besondere Ehre für die Kostümierung der Darsteller. Eindrucksvoll die nicht enden wollende Schlange Kaa, die je nach Lichteinfall mal grün, mal blau schimmert – und geradezu akrobatisch waghalsig agiert. Detailverliebt die Ausstaffierung der aufgekratzten Affenbande – und einen Sonderpreis verdient die Ausstaffierung von Shir Khan, der nicht einfach ins Tigerfell gesteckt wird, sondern im stattlichen Rokoko-artigen Kostüm den Tiger in einer Mischung aus mozartschem Gewande und venezianischem Edelmann eher anthropomorph andeutet – wenngleich derart geschminkt, dass es auch einer jeden Cats-Inszenierung zur Freude gereicht hätte.

Ausdrucksstark in anspruchsvoller Interpretation: Shir Khan | Foto: Daniel Schneider

Das Bühnenbild samt Technik wird von der Theatertruppe mitgeführt und ist so angelegt, dass es optimal als Katalysator für das Farbenspiel des Dschungels dient. Umbauten der Kulisse während der Vorstellung integrieren die Darsteller wie beiläufig in ihr Spiel, so dass es zu keinen Unterbrechungen kommt.

Das junge Publikum geschickt mitgenommen

Die Pause hingegen ist im Theater für Kinder stets heikel, so ließ die Konzentration bei den Jüngsten im Publikum auch tatsächlich in der zweiten Hälfte der Aufführung merklich nach, was der Aufführung jedoch nicht schadete. Im Gegenteil, je hibbeliger es auf den Rängen wurde, umso mitreißender und aktiver wurde die ansteckende Darstellung, so dass sich beim Schlussbild kaum noch jemand auf den Stühlen halten konnte – und am liebsten gleich mitgetanzt und -gesungen hätte.

Schlussbild vor dem großen Applaus | Foto: Daniel Schneider
Autogramme und signierte CDs nach der Vorstellung | Foto: Daniel Schneider
Erinnerungsfoto mit Kind | Foto: Daniel Schneider

Die Magie des Theaters, die Begeisterung für das Echte, die bleibenden Eindrücke – das hervorzurufen gelang Liberi im wahrsten Sinne des Wortes spielend. In so manchem Kinderzimmer dürfte der Banana-Song zudem nun bis auf Weiteres rauf und runter laufen.

Autogrammstunde inklusive

Nach der integrierten Zugabe verließen die Darsteller die Bühne über den Zuschauerraum, um sich ihren neuen Fans im Foyer zu stellen. Neben Autogrammen gab es so auch noch persönliche Erinnerungsfotos zu schießen – und die Charaktere noch einmal ganz aus der Nähe zu bewundern.

Die Darsteller nach der Vorstellung ganz aus der Nähe | Foto: Daniel Schneider

Wer das Dschungelbuch in Wunstorf verpasst hat, hat Ende des Monats noch einmal die Chance, dann gastiert das Theater wieder in der Region, diesmal in Hannover: Am 29. Januar 2017 gibt es gleich zwei Aufführungen im Theater am Aegi.

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