Vom Grafenschild bis zur Stadtfarbe

Das Geheimnis des Wunstorfer Wappens

Warum sind die „Wunstorfer Farben“ eigentlich Gelb und Blau? Was zu Anfang wie eine ganz simple Frage schien, wurde zu einer Spurensuche, die bis ins Mittelalter zurückführt – und trotzdem viele Fragen unbeantwortet lässt.

Wunstorfer Flagge mit Wappen von 1957, im Hintergrund an der Rathausfassade als Relief eine Variation des Siegels, auf dem das Wappen basiert | Foto: Daniel Schneider

Wie Wunstorf zu seinem Wappen kam, ist bekannt – doch warum darin die Farben Gelb, Weiß und Blau dominieren, von denen Gelb und Blau seitdem auch zu den Stadtfarben wurden, ist bis heute ein Rätsel. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass alteingesessene Wunstorfer davon berichten, dass die Stadtfarben vor langer Zeit nicht Gelb und Blau, sondern Weiß und Rot waren – und immer noch als Wunstorfer Ortsfarben gelten könnten.

Als der Heraldiker Gustav Völker das Wunstorfer Wappen maßgeblich schuf, diente als Grundlage ein altes Siegel, das über die Jahrhunderte in verschiedenen Variationen als Stadtsiegel genutzt worden war. Weiß (heraldisch: Silber) und Blau wurden im neuen Wappen die bestimmenden Farben, der Löwe und die Stadttore wurden gelb (heraldisch: gold).

Doch wie kam Gustav Völker auf Silber, Gold und Blau? Dass ausgerechnet der bekannte Künstler, Heraldiker und Führer der Niedersächsischen Wappenrolle einfach willkürlich irgendwelche Farben nahm, darf als ausgeschlossen gelten. Es liegt vielmehr nahe, dass er alte Dokumente und Wappen als Grundlage nahm. Doch welche Quellen genau er für die Farbwahl heranzog, ist nicht bekannt.

Fest steht, dass Wunstorf bereits viel früher mit bestimmten Farben verbunden war. Aber es war nicht die Kombination von Gelb und Blau.

Vom gräflichen Wappen bis zu den Festfarben

Die Frage, welches die richtigen Stadtfarben sind, beschäftigte die Wunstorfer bereits vor fast 200 Jahren. 1903 schrieb der ehemalige Wunstorfer Stadtsekretär R. Spitzer in der damaligen „Wunstorfer Zeitung“ über die Suche nach den korrekten Stadtfarben: 1844 wollte das Innenministerium des Königreichs Hannover, zu dem Wunstorf damals gehörte, von den Stadtoberen wissen, welche Farbe die Wappen haben müssten, die auf den städtischen Siegeln abgebildet waren. Die gewünschte Auskunft konnte man jedoch nicht geben:

„Über die Entstehung der Wappen, der Siegel und deren Farben liegen durchaus keine Nachrichten vor, und ist darüber auch sonst nichts Zuverlässiges bekannt.“Magistrat der Stadt Wunstorf, 1844

1862 kam laut Spitzer die nächste Anfrage aus Hannover, da das Wunstorfer Stadtwappen als Dekoration in einem Saal des gerade im Bau befindlichen Schloss Marienburg angebracht werden sollte. Wieder konnte die Verwaltung nicht weiterhelfen. Man schlug stattdessen pragmatisch vor, die Farben der früheren Grafen von Wunstorf (Silber, Blau und Rot) zu verwenden.

Die Grafen von Wunstorf

Das gräfliche Wappen sah deutlich anders aus als das Wunstorfer Stadtsiegel. Im Wappenbuch des St. Galler Abtes Ulrich Rösch aus dem 15. Jahrhundert findet sich die wohl älteste farbliche Abbildung des Herrschaftszeichens der Grafen von Roden-Wunstorf. Das Wappen der Grafenfamilie wird dort als ein springender roter Löwe mit goldener Krone gezeigt. Der Wappenschild ist in Blau-Silber horizontal gestreift.

Das Wappen der Wunstorfer Herrscher im Wappenbuch von Ulrich Rösch aus dem 15. Jahrhundert. | Quelle: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 1084, p. 82 – Wappenbuch des St. Galler Abtes Ulrich Rösch

Ganz ähnlich wird das gräfliche Wappen auch in einem Lexikon aus dem 18. Jahrhundert mit Hinweis auf die Schriften des Helmstedter Geschichtsprofessors und gebürtigen Wunstorfers Polykarp Leyser IV. beschrieben. In dieser Beschreibung ist der Löwe ebenfalls rot, aber der Hintergrund nicht silber-blau, sondern silber-rot gestreift:

„Die Grafen von Wunstorp haben in ihrem Wappen einen rothen Löwen im silbernen Schilde, so mit rothen Balcken durchstrichen, geführet.“Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 59, 1749

Im 16. Jahrhundert taucht das Motiv im Wappenbuch von Johann Siebmacher abermals mit untereinander getauschten Farben auf. Der Löwe verliert seine Farbe und erscheint in Metall. Im großen gräflichen Wappen ist der Löwe hier als silberfarben beschrieben, auf einem blau-rot-gestreiften Schild. Es ergäbe sich also folgendes Bild:

Das gräfliche Wappen in Farbe: Silber, Rot und Blau waren die Farben der Grafen von Wunstorf | Illustration: Auepost

Die alten Stadtfarben: Rot-Weiß-Gelb

Knapp 30 Jahre nach der Anfrage wegen des Schlossbaus fragte als Nächstes 1889 der Heraldische Verein „Zum Kleeblatt“ in Wunstorf an, wie die Farben auf den Stadtsiegeln seien. Noch immer konnte man das nicht sagen, doch diesmal antwortete die Verwaltung, dass die städtischen Farben, die man bei festlichen Gelegenheiten verwenden würde, Rot, Weiß und Gelb wären.

„roth, weiß, gelb“Farben von Wunstorf, Ende des 19. Jahrhunderts

1903 stellte die Stadt dann selbst Nachforschungen unter anderem zu den richtigen Farben des Stadtsiegels an und erkundigte sich bei verschiedenen Stellen nach einer Expertise. Das Königlich-Preußische Heroldsamt in Berlin hatte keinerlei Informationen über Stadtwappen. Das Königliche Staatsarchiv in Hannover merkte nur an, dass der Löwe schreitend und nicht springend dargestellt werden sollte, weil ältere Siegel stets eine schreitende Figur gezeigt hätten.

„Über die Farben kann hier Bestimmtes nicht angegeben werden, da die Siegel die Farben durch Schraffierung nicht kenntlich machen und eine amtliche Beschreibung des Wappens nicht vorliegt.“Königliches Staatsarchiv Hannover, 1903

Über die Herkunft der Farben wusste man also auch dort nichts Amtliches, zitierte aber dafür eine Beschreibung des heraldischen Vereins:

„In Rot eine silberne (weiße) Mauer mit zwei spitzen Türmen, zwischen denen ein blau gezungter und blau bewehrter, goldener Löwe schreitet.“Beschreibung des Wunstorfer Wappens in den „Heraldischen Mitteilungen“ des Vereins zum Kleeblatt VIII, 3

So könnte die Farbverteilung nach der Beschreibung des Wappenvereins ausgesehen haben | Illustration: Auepost
Dies ist der bislang deutlichste Hinweis auf die althergebrachten Wunstorfer Stadtfarben. Er deckt sich zudem mit dem Hinweis der Verwaltung von 1889, dass die Flaggenfarben Rot, Weiß und Gelb seien. Denn Rot, Weiß und Gelb wären nach dieser Beschreibung auch im Siegel die dominierenden Farben gewesen. Der Schriftleiter des Vereins sollte noch danach befragt werden, wie diese Blasonierung zustande gekommen war, doch dann verliert sich die Spur.

Der Wunstorfer Löwe

Bemerkenswert ist, dass der gräfliche Löwe, der Wunstorf symbolisch stets begleitete, im Laufe seiner Verwendung die verschiedensten Farben annahm. Im 15. Jahrhundert ist sein Vorkommen in Rot, im 16. Jahrhundert als Silber und in neuerer Zeit als Gold belegt. Auch die Bewehrung wechselte z. B. von Blau zu Rot. Auf den Siegeln der Stadt wurde er mal als springend (aufrecht) oder schreitend (seitlich gehend) dargestellt, auf den gräflichen Wappen kommt er nur springend, also in aufrechter Pose vor.

Das Stadtlogo unterschied sich damit über die Jahrhunderte mit einem teilweise schreitenden Löwen bereits signifikant vom gräflichen Familienwappen mit springendem Löwen. Aber auch wenn der springende Löwe in Wunstorf nicht ins Stadtwappen übernommen wurde, zeigt er sich in den Wappen anderer Orte, über die die Grafen von Wunstorf bzw. deren Zweige einst herrschten: Im Wappen von z. B. Linden-Limmer ist bis heute ein roter springender Löwe zu sehen.

Das Wappen der Grafen von Wunstorf in der Wappensammlung von Johann Siebmacher aus dem 16. Jahrhundert | Foto: Daniel Schneider

Stadtarchivar Klaus Fesche weist darauf hin, dass sich der goldene Wunstorfer Löwe womöglich tatsächlich erst im 20. Jahrhundert durchsetzte, also eine relativ junge Ausprägung der Stadtsymbolik ist. 1927 sei etwa ein Motorradrennen um den „Goldenen Löwen von Wunstorf“ gefahren worden. Das könne ein weiterer Hinweis darauf sein, dass der Wunstorfer Löwe bereits Anfang des letzten Jahrhunderts in Gold verbreitet war. Auf all diese Umstände und Erkenntnisse wird auch Gustav Völker zurückgegriffen haben, sodass er schließlich den Löwen im heutigen Wappen in Gold und nicht in Silber setzte.

Dass Völker einen bestimmten Grund hatte, den Wunstorfer Löwen in Gold darzustellen, ist nicht zuletzt daran zu erkennen, dass er für das Luther Wappen den Löwen in den Originalfarben des Adelswappens wählte, wie es von Siebmacher im 16. Jahrhundert dokumentiert wurde. Das Wappen von Luthe zeigt den silbernen Löwen in blau-rot-gestreiftem Schild, blaubezungt und goldbewehrt.

Überraschende Erkenntnis

Schon im 15. Jahrhundert waren Blau, Weiß, Gelb und Rot über das gräfliche Wappen mit Wunstorf verbunden. Das spiegelt sich in den heutigen Stadtfarben Gelb-Blau nicht mehr wider, ist im Wappen auf z. B. der Flagge aber weiterhin erkennbar.

Der Schöpfer des modernen Wunstorfer Stadtwappens schaffte es, alle Farben, die in der Stadtgeschichte jemals eine Rolle spielten, im neuen Wunstorfer Signet (und übrigens auch in dem von Luthe) zu vereinen. Mit den offenbar bereits vor Jahrhunderten verwendeten Stadtfarben hat es trotzdem nicht mehr allzu viel gemeinsam. Das einst wohl dominantere Rot ist verschwunden, es wurde bis auf die Zunge des Löwen fast eliminiert. Stattdessen wurde Gold/Gelb hervorgehoben, dehnte sich z. B. von der Krone des gräflichen Wappens auf den ganzen Löwen aus.

Die Wunstorfer Flagge mit Stadtwappen von 1957 | Foto: Daniel Schneider

Letztlich hat sich der Heraldiker womöglich nur leicht an den historischen Farbenverhältnisssen von Siegeln und Wappen orientiert und sich bei der Schaffung eines neuen Wunstorfer Wappens auch von allgemeinen heraldischen Prinzipien leiten lassen.

Vieles bleibt Spekulation

Es darf weiter spekuliert und gerätselt werden, wie genau das Wunstorfer Wappen zu seinen Farben kam und warum heute Gelb und Blau für Wunstorf stehen. Wer weiß – hätte Völker die Farben anders arrangiert, sich stärker an dem gräflichen Wappen oder der Siegelbeschreibung orientiert, wären die Wunstorfer Stadtfarben vielleicht nun ganz andere. Doch auch wenn Rot und Weiß nicht (mehr) als Stadtfarben genutzt werden – auf den Trikots mancher Wunstorfer Sportvereine war und ist es weiterhin die vorherrschende Farbkombination.

Dank für die Unterstützung bei den Recherchen dem Stadtarchiv Wunstorf, D. Hauf und der Stiftsbibliothek St. Gallen.

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