Jüdi­sche Lebens­wel­ten“ in Wunstorf

Vor­über­ge­hend zieht jüdi­scher All­tag wie­der in Wunstorf ein, nach­dem er im Drit­ten Reich ver­nich­tet wor­den war. Die Wan­der­aus­stel­lung „Jüdi­sche Lebens­wel­ten in Deutsch­land heu­te“ wird noch bis Ende Janu­ar im Hei­mat­ver­ein Wunstorf gezeigt.

Die Aus­stel­lung nutzt mobi­le Stell­wän­de | Foto: Dani­el Schnei­der

Im Novem­ber 2016 wur­de das Denk­mal für die bei­den jüdi­schen Wunstor­fer Gym­na­si­as­ten Ernst und Lud­wig Laza­rus ent­hüllt – direkt vor dem Schul­ge­bäu­de, ent­stan­den nach dem Ent­wurf einer ehe­ma­li­gen Schü­le­rin. Die Denk­mal­ein­wei­hung war der Anlass, die jetzt im Hei­mat­ver­ein gezeig­te Aus­stel­lung nach Wunstorf zu holen.

Selbst­ver­ständ­nis jun­ger Leu­te

Die Aus­stel­lung mit dem etwas sper­ri­gen Namen, die der­zeit in Wunstorf gezeigt wird, hat­te vor fast genau einem Jahr Pre­mie­re; zum ers­ten Mal wur­de sie am Jüdi­schen Gym­na­si­um in Ber­lin gezeigt. Aus­ge­rich­tet ist sie auf die Ober­stu­fe – was man der Aus­stel­lung auch anmerkt. Die Lebens­wirk­lich­keit jun­ger Men­schen steht im Vor­der­grund.

Die jun­gen Leu­te ste­hen im Mit­tel­punkt der Aus­stel­lung | Foto: Dani­el Schnei­der
Zitat der Aus­stel­lung | Foto: Dani­el Schnei­der

Schick­sa­le oder die Fami­li­en­his­to­rie kom­men eher am Ran­de vor, der schul­buch­ar­ti­ge Brü­cken­schlag vom Drit­ten Reich in die Gegen­wart wird weit­ge­hend ver­mie­den. Den­noch zielt die Aus­stel­lung gera­de auf Schü­ler und Päd­ago­gen; das lässt sich vor allem dem Begleit­heft zur Aus­stel­lung ent­neh­men, das weni­ger auf den belie­bi­gen Besu­cher als auf den Stu­di­en­rat zuge­schnit­ten ist.

Über­ra­schen­de Ein­sich­ten

Der Besu­cher erhält neben dem Ein­blick in die jun­gen Bio­gra­phi­en der moder­nen jüdi­schen Gene­ra­ti­on auch einen gene­rel­len Über­blick über das heu­ti­ge Leben von Juden in Deutsch­land. Vor allem die Zah­len kön­nen dabei über­ra­schen. So zogen etwa nicht weni­ge Juden in den 90er Jah­ren nach dem Zer­fall der Sowjet­uni­on nach Deutsch­land. Es tra­fen neue alte Vor­stel­lun­gen auf die bereits in Deutsch­land bestehen­den jüdi­schen Gemein­den, mit teils ganz ande­ren Vor­stel­lun­gen von jüdi­schem Leben. Vie­le der gezeig­ten jüdi­schen Jugend­li­chen haben damit nicht nur den jüdi­schen Glau­ben, son­dern auch ost­eu­ro­päi­sche Wur­zeln.

Jüdi­sches Leben in Deutsch­land hat inzwi­schen oft ost­eu­ro­päi­sche Wur­zeln | Foto: Dani­el Schnei­der
Juden­tum bedeu­tet nicht auto­ma­tisch Reli­gio­si­tät | Foto: Dani­el Schnei­der

Auch all­zu kri­ti­sche Töne ver­mei­det die Aus­stel­lung eher, poli­ti­sche Betrach­tun­gen wie eine Ein­bet­tung in den Paläs­ti­na-Kon­flikt wer­den nicht direkt ange­spro­chen. Die Pro­ble­me, mit denen sich Juden heu­te im eigent­lich ganz nor­ma­len All­tag in Deutsch­land kon­fron­tiert sehen, kom­men eher bei­läu­fig zur Spra­che. Dass es auch in die­sem Jahr­tau­send noch oder wie­der ein Pro­blem sein kann, sich öffent­lich zu sei­nem Glau­ben zu beken­nen, sei es durch Tra­gen einer Kip­pa oder Schmuck in David­stern-Form – das steht nicht im Fokus der Aus­stel­lung.

Ganz nor­mal eben

Ver­mit­telt wird ein Bild der Nor­ma­li­tät, das von jun­gen jüdi­schen Deut­schen, die sich gera­de in den urba­nen Zen­tren mit gro­ßen jüdi­schen Gemein­den ein­fach nur zuhau­se füh­len. Eine Nor­ma­li­tät, die aber doch immer wie­der dage­gen ankämp­fen muss, etwas Beson­de­res zu sein – sei es als Jude in Deutsch­land vor dem geschicht­li­chen Hin­ter­grund oder sei es als Ange­hö­ri­ger einer Glau­bens­ge­mein­schaft, die eben nicht all­täg­lich, viel­leicht sogar exo­tisch erscheint.

In den Bio­gra­phi­en steckt viel Geschich­te | Foto: Dani­el Schnei­der
Selbst­ver­ständ­nis einer Gene­ra­ti­on | Foto: Dani­el Schnei­der

Die Bio­gra­phi­en der Eltern und Groß­el­tern sind immer wie­der Anknüp­fungs­punkt auch in der Aus­stel­lung, eben­so wie die Ver­mitt­lung von jüdi­scher Lebens­welt als etwas selbst­ver­ständ­lich All­täg­li­ches – ob nun kul­tu­rell oder reli­gi­ös bestimmt. Die Idee, die Aus­stel­lung nach Wunstorf zu holen, ins Klein­städ­ti­sche, wo es kei­ne jüdi­sche Com­mu­ni­ty gibt, trägt gera­de die­sem Umstand Rech­nung.

Die zur Aus­stel­lung gehö­ren­den Vide­os wer­den vor Ort nicht gezeigt, sind aber im Netz abruf­bar.


Wer sich einen Ein­druck ver­schaf­fen möch­te, wie sich jüdi­sches Leben in Deutsch­land defi­niert, wie jun­ge Juden sich und ihr Umfeld wahr­neh­men, kann dies noch bis Ende Janu­ar 2017 in den Räu­men des Hei­mat­ver­eins.

Ter­mi­n­in­fo
Noch bis Ende Janu­ar 2017
Do 14.30–17.00; Fr 10.00–12.30; Sa 10–14 Uhr
Hei­mat­ver­ein im Stadt­in­fo Wunstorf (Rat­haus)
heimatverein-wunstorf.de


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