In der Wunstorfer Weimar-Ausstellung

Zeitreise ins Wunstorf vor 100 Jahren

Geschichte ist besonders spannend, wenn sie auf einmal vor der Haustür stattfindet. Wer derzeit in die Stadtkirche geht, reist wie in einer Zeitmaschine 100 Jahre zurück in Wunstorfs Vergangenheit.

Veranstaltungsplakat an Stadtkirche
Aus­stel­lungs­pla­kat an der Stadt­kir­che | Foto: Dani­el Schnei­der

Im Geschichts­un­ter­richt in der Schu­le zählt die „Wei­ma­rer Repu­blik“ meist nicht zu den belieb­tes­ten Stof­fen – zu weit weg ist das dama­li­ge Gesche­hen vom Heu­te, zu viel­fäl­tig die poli­ti­schen Umbrü­che, zu unüber­sicht­lich die Zusam­men­hän­ge der ers­ten deut­schen Demo­kra­tie – und die Hit­ler­zeit meist sowie­so „span­nen­der“. Auch Zeit­zeu­gen, die davon berich­ten könn­ten, gibt es immer weni­ger: Wer als Kind die letz­ten Jah­re der Wei­ma­rer Repu­blik noch selbst mit­er­leb­te, der ist inzwi­schen um die 100 Jah­re alt.

Ganz so alt sind auch die Besu­cher der Wei­mar-Aus­stel­lung in der Stadt­kir­che nicht – doch eini­ge der älte­ren Inter­es­sier­ten erin­nern sich durch­aus noch an man­che Namen von Wunstor­fern, deren Wir­ken im dama­li­gen Wunstorf in der Aus­stel­lung gezeigt wird. So auch bei der Füh­rung Anfang Juni, als Stadt­ar­chi­var Klaus Fesche ein gutes Dut­zend Besu­cher per­sön­lich durch die Aus­stel­lung beglei­te­te – und den ein oder ande­ren Namen auf den Schau­ta­feln in den Fokus rücken ließ.

Bodmann-Motorrad von 1928
Im Rah­men der Aus­stel­lung in der Stadt­kir­che „Wunstorf in der Wei­ma­rer Repu­blik“ ist auch das Ein­zel­stück von Karl Bod­mann prä­sen­tiert wor­den. Das 1928 gefer­tig­te Motor­rad hat­te 9 PS und kam über Umwe­ge zeit­wei­se in die Hän­de des Bokel­ohers Tho­mas Munk | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Das wahre Leben

Auch wenn die Jah­re zwi­schen 1918 und 1933 – gera­de ein­mal 15 Jah­re – sehr poli­tisch geprägt waren, so gab es doch mehr als Macht­kämp­fe und Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der gro­ßen und klei­nen Poli­tik. Das zeigt gera­de „Wunstorf in der Wei­ma­rer Repu­blik. Demo­kra­tie zwi­schen den Kata­stro­phen“, das die fer­ne, heu­te abs­trakt erschei­nen­de Ver­gan­gen­heit aktu­ell in die Stadt­kir­che holt. Es ist ins­be­son­de­re der Lokal­be­zug, der „Wei­mar“ auf ein­mal auf eine ganz neue Art ver­ständ­lich wer­den lässt, die dama­li­ge Zeit zwi­schen den Welt­krie­gen auf per­sön­li­che Wei­se erfahr­bar macht. Denn was beim Fokus auf die Poli­tik meist unter­geht: Die 20er und 30er Jah­re waren auch abseits der gro­ßen Städ­te ein gesell­schaft­li­ches Expe­ri­men­tier­la­bor, es herrsch­te Auf­bruch­stim­mung, die Moder­ne schien ange­bro­chen zu sein – und das ganz nor­ma­le all­täg­lich Leben änder­te sich teils gra­vie­rend. Nicht nur, weil die Gren­zen in Euro­pa neu gezo­gen wor­den waren, son­dern weil sich alt­her­ge­brach­te Nor­men im Kli­ma der neu­en Zeit plötz­lich änder­ten.

Führung durch die Weimar-Ausstellung
Klaus Fesche ord­net Namen zu | Foto: Dani­el Schnei­der

Fußball, Motorrad, Boxen, Turnen

Was in der Kai­ser­zeit noch ver­pönt war, wur­de nun gesell­schafts­fä­hig: Fuß­ball zum Bei­spiel. Wunstorf kam so auf ein­mal zu gleich zwei Fuß­ball­ver­ei­nen. Sport wur­de nun gene­rell ein Mas­sen­phä­no­men. Neben Fuß­ball hiel­ten Boxen und Tur­nen in Wunstorf Ein­zug, und – in unse­rer Stadt beson­ders stark – vor allem auch der Motor­sport. Legen­där ist das Ren­nen um den „Gol­de­nen Löwen von Wunstorf“, ein Motor­rad-Stre­cken­ren­nen. Wäh­rend Motor­rad­ren­nen über die Stra­ßen führ­ten, Fuß­ball auf der Feu­er­wehr­wie­se (dem heu­ti­gen Jahn­platz) gespielt wur­de, hat­ten es die Boxer ganz zen­tral: Box­wett­kämp­fe wur­den im Rats­kel­ler aus­ge­tra­gen. Bemer­kens­wert, erzählt Fesche, sei auch gewe­sen, dass damals die Hälf­te der in Ver­ei­nen Orga­ni­sier­ten Frau­en gewe­sen sei­en. Das Ver­eins­le­ben war somit nicht ein­mal ansatz­wei­se eine rei­ne Män­ner­an­ge­le­gen­heit, und die Fort­schrit­te in der Gleich­be­rech­ti­gung führ­ten nicht nur zum Frau­en­wahl­recht.

Politik

Den „erns­ten“ The­men wird natür­lich nicht min­der ent­spre­chen­der Raum gewid­met: Die Infla­ti­on, die reichs­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen, die neu­en Struk­tu­ren in der Lokal­po­li­tik. Die gro­ße Poli­tik hat­te schließ­lich nicht wenig Aus­wir­kung auch auf das klei­ne Wunstorf, und man ver­folg­te die Ent­wick­lun­gen im Deut­schen Reich und des­sen Rol­le in Euro­pa ganz genau. Fas­zi­nie­rend ist in die­sem Zusam­men­hang auch das „Euro­pa-Rad“, eine Art „Wiki­pe­dia aus Pap­pe“ aus den 30er Jah­ren, das für die Aus­stel­lung beschafft wur­de: durch Ein­stel­len einer Schei­be auf einen Län­der­na­men lie­ßen sich auf dem Rad Infor­ma­tio­nen über die neu struk­tu­rier­ten Län­der Euro­pas (wie z. B. Ein­woh­ner­zahl, Haupt­städ­te oder Flag­gen­far­be) able­sen. Ein Exem­plar ist im Ori­gi­nal in der Aus­stel­lung zu sehen, ein ver­grö­ßer­ter Nach­bau aus Holz kann selbst aus­pro­biert wer­den.

Weimar-Ausstellung
Die Aus­stel­lung ist text­las­tig | Foto: Dani­el Schnei­der

Altes Wunstorf in Lebensgröße

Es gibt viel zu lesen, aber auch viel zu schau­en. Die groß­for­ma­ti­gen Repli­ken alter Foto­gra­phi­en an den Wän­den ver­mit­teln einen Ein­druck in Lebens­grö­ße, wie es rund um die Stadt­kir­che frü­her aus­ge­se­hen hat. Und Klaus Fesche gibt den Abbil­dun­gen durch erzäh­le­ri­sche Details neu­es Leben: Wer hät­te gedacht, dass Wunstorfs ers­te Tank­stel­le direkt vor der Stadt­kir­che stand? Eine Zapf­säu­le war dort auf­ge­stellt, wo heu­te der Ein­gang zur Spar­kas­se liegt. Aus­ge­rech­net das tech­nisch wohl ein­drucks­volls­te Aus­stel­lungs­stück, das his­to­ri­sche Motor­rad, hat kei­nen direk­ten Wunstorf-Bezug, aber Motor­rä­der wie die­ses wur­den damals auch in der Auestadt gefah­ren, wie die Schwarz-Weiß-Fotos im Hin­ter­grund bewei­sen. Noch nicht mit NRÜ oder H auf dem Num­mern­schild, son­dern mit römisch eins für „Preu­ßen“ und dem „S“ für die Pro­vinz Han­no­ver – denn damals ging es noch nicht nach Anfangs­buch­sta­ben, son­dern man zähl­te von A für Ber­lin bis Z für die Rhein­pro­vinz ein­fach durch.

Zeitmaschine

Die Stadt­kir­che bie­tet den per­fek­ten Rah­men für die Aus­stel­lung: Mit­ten im Stadt­kern hat sie nun vor­über­ge­hend wie­der all die Din­ge ver­eint, die vor knapp hun­dert Jah­ren um sie her­um statt­fan­den. Und die Ruhe, die in den Kir­chen­mau­ern liegt, lässt den Betrach­ter ver­ges­sen, dass drau­ßen in der Fuß­gän­ger­zo­ne das Jahr 2019 wei­ter­läuft. So kann man sich inten­siv auf die Aus­stel­lung ein­las­sen und drif­tet mit der Zeit tat­säch­lich ab in alte Zei­ten. Das etwas schumm­ri­ge, gelb­li­che Licht im Kir­chen­schiff legt sich wie ein Sepia­schlei­er über die Aus­stel­lungs­ta­feln und lässt sie mit den his­to­ri­schen Objek­ten ver­schmel­zen.

Die Wei­ma­rer Zeit ist eine fas­zi­nie­ren­de Epo­che, die heu­te lei­der oft nur noch auf „war der Vor­läu­fer des 3. Rei­ches“ redu­ziert wird. Dass mehr dahin­ter­steckt, erfährt man in Wunstorf noch bis Ende die­ser Woche, am Sonn­tag ist der letz­te Aus­stel­lungs­tag. Don­ners­tag und Frei­tag von 15 bis 18 Uhr und Sams­tag und Sonn­tag von 13 bis 17 Uhr kön­nen Inter­es­sier­te die Aus­stel­lung in Wunstorf letzt­ma­lig besich­ti­gen. Am Sonn­tag wird es um 15 Uhr auch noch ein­mal eine Füh­rung geben und es wer­den kur­ze Fil­me zu sehen sein. Die Aus­stel­lungs­ma­cher ste­hen eben­so für Gesprä­che und Dis­kus­sio­nen zur Ver­fü­gung.

Zeit­rei­se ins Wunstorf vor 100 Jah­ren 1 von 9
Weimar-Ausstellung Wunstorf
„Car­sha­ring“ vor 100 Jah­ren in Wunstorf

1. Weimar-Ausstellung Wunstorf

Weimar-Ausstellung Wunstorf
Klaus Fesche erzählt von ver­gan­ge­nen Zei­ten in Wunstorf | Foto: Dani­el Schnei­der

2. Weimar-Ausstellung Wunstorf

Weimar-Ausstellung Wunstorf

3. Weimar-Ausstellung Wunstorf

Weimar-Ausstellung Wunstorf

4. Weimar-Ausstellung Wunstorf

Weimar-Ausstellung Wunstorf

5. Weimar-Ausstellung Wunstorf

Weimar-Ausstellung Wunstorf

6. Weimar-Ausstellung Wunstorf

Weimar-Ausstellung Wunstorf
His­to­ri­sche Zei­tun­gen (hier: Nie­der­säch­si­sche Tages­zei­tung) lie­gen zum Lesen aus

7. Weimar-Ausstellung Wunstorf

Weimar-Ausstellung Wunstorf
Frau­en­zeit­schrift aus den 20er Jah­ren

8. Weimar-Ausstellung Wunstorf

Weimar-Ausstellung Wunstorf
Die Segel­flie­ge­rei begeis­ter­te die Wunstor­fer in den 30er Jah­ren

9. Weimar-Ausstellung Wunstorf

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2 Kommentare
  1. Grit Decker sagt

    Nix wie hin!“
    Die letz­ten Tage der Aus­stel­lung gilt es für mich zu nut­zen ‑nicht aus­schließ­chen zum Aneig­nen von Wis­sen zu die­ser so wich­ti­gen Epo­che in unse­rer Geschich­te.

    Auch ganz Per­sön­li­ches treibt mich nun end­lich hin:
    mein längst ver­stor­be­ner Groß­va­ter war „Bau­jahr“ 1909, hat­te also ein sehr beweg­tes Leben und die dama­li­gen Zei­ten inklu­si­ve die Jah­re der Wei­ma­rer Repu­blik 1:1 erlebt.
    Er hat nicht viel von frü­her erzäh­len wol­len, abge­se­hen von sei­ner Zeit in der SA, auf die er ‑oh’ Graus!- bis ins hohe Alter „stolz wie Bol­le“ war.

    Also:
    mei­ne Wochen­end­pla­nung steht!

    1. Grit Decker sagt

      UPDATE:
      JA, ich habe heu­te am Sonn­tag die aus­ge­spro­chen inter­es­san­te Aus­stel­lung besucht und konn­te bis zur für um 15 Uhr ange­kün­dig­ten Füh­rung zumin­dest die aus­ge­stell­ten Expo­na­te bestau­nen und die Schau­ta­feln in den Tei­len aus­führ­lich betrach­ten ‑und v.a. ein­ge­he­ned „stu­die­ren“, die mich ganz beson­ders interessier(t)en.

      Fort­set­zung folgt“??
      Ich fän­de das gut.
      Denn ich bin der Über­zeu­gung, dass durch leben­dig dar­ge­stell­te Geschich­te auch unser „Jung­volk“ (viel­leicht?) erreicht wer­den kann.
      Nach mei­nem Dafür­hal­ten ange­sichts der gesell­schafts­po­li­ti­schen Situa­ti­on mehr als nur als wich­tig.

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