Gesprä­che im Blau­en Haus der Lebens­hil­fe

Die Lebens­hil­fe asso­zi­iert man in Wunstorf zunächst oft mit dem Kin­der­gar­ten in der Bar­ne, doch die­ser Ein­druck greift zu kurz. SPD-Direkt­kan­di­da­tin Caren Marks besuch­te das „Blaue Haus” und infor­mier­te sich über die Viel­falt der Auf­ga­ben­fel­der – aber auch der Pro­ble­me von Behin­der­ten.

Caren Marks (in Rot) im Gespräch im Blau­en Haus | Foto: Dani­el Schnei­der

Wunstorf (ds). Hohen Besuch aus der Poli­tik begrüßt man bei der Lebens­hil­fe sel­ten, allen­falls zu gro­ßen Jubi­lä­en. Doch nun in der Wahl­kampf­zeit ste­hen Poli­ti­ker qua­si Schlan­ge: In Wunstorf war es Caren Marks, die am gest­ri­gen Mitt­woch das „Blaue Haus” am Bar­n­e­platz besuch­te.

Noch nicht lan­ge resi­diert die Wunstor­fer Zweig­stel­le der Lebens­hil­fe Seel­ze in der Bar­ne. Als die Stadt­spar­kas­se größ­ten­teils aus­zog, ver­ließ die Lebens­hil­fe ihr altes Domi­zil in der Lan­gen Stra­ße. Auch den Namen nahm man mit: wegen der blau­en Fas­sa­den­ein­fas­sun­gen am alten Stand­ort hat­te die Lei­te­rin, Gud­run Rohe-Kett­wich, die­se grif­fi­ge­re Bezeich­nung für die Bera­tungs­stel­le geprägt. Auch die neu­en Büros am Bar­n­e­platz wer­den nun wei­ter­hin so genannt, was sich auch in der Außen­ge­stal­tung wider­spie­gelt.

Info: Blau­es Haus
Das Blaue Haus in Wunstorf ist eine Bera­tungs­stel­le der Lebens­hil­fe für Behin­der­te und ihre Ange­hö­ri­gen. Es ist Anlauf­punkt für Fra­gen rund um Sozi­al- und Pfle­ge­leis­tun­gen, gele­gent­lich auch Treff­punkt für Betreu­er und Behin­der­te. Wie geht es für behin­der­te Men­schen nach der Schu­le wei­ter? Wie kann mög­lichst viel Selb­stän­dig­keit erreicht wer­den? Wo kann gewohnt und gear­bei­tet wer­den? Die­se und ande­re Fra­gen ver­su­chen die Mit­ar­bei­ter im Blau­en Haus zu beant­wor­ten. Auch Ange­hö­ri­ge von Demenz­er­krank­ten oder Pfle­ge­be­dürf­ti­gen las­sen sich hier erst­be­ra­ten. Bera­tun­gen im Blau­en Haus sind kos­ten­los.

Im moder­nen, neu­en blau­en Haus begrüß­te Rohe-Kett­wich nun Caren Marks, Orts­po­li­ti­ker und Mit­ar­bei­ter zu einem Gespräch. Es ging um Inklu­si­on, um Teil­ha­be und auch ganz all­täg­li­che Pro­ble­me im Leben von behin­der­ten Men­schen. Doch es wur­de nicht nur über Behin­der­te gespro­chen, son­dern auch mit ihnen. Drei Betrof­fe­ne, die Marks bereits ein­mal in Ber­lin begrüßt hat­te, nah­men eben­falls wie­der an den Gesprä­chen teil. Marks mach­te deut­lich, dass ihr die Inklu­si­on eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit wäre, es sol­le kei­ne Atem­pau­se geben bei der wei­te­ren Ver­bes­se­rung der Belan­ge von behin­der­ten Men­schen.

Hohe Arbeits­be­las­tung, wenig Aner­ken­nung

Wie auch schon beim Besuch von Bun­des­mi­nis­te­rin Bar­ley in der Kita Kin­der­zeit ange­klun­gen war: die Sozi­al- und Gesund­heits­be­ru­fe brau­chen mehr Aner­ken­nung und müs­sen attrak­ti­ver wer­den – für die Sozi­al- und Gesund­heits­kräf­te. Es sei für Ein­rich­tun­gen immer schwie­ri­ger, Per­so­nal zu fin­den und vor allem auch zu hal­ten. Denn Arbeits­be­las­tung und Gehalt kor­re­spon­dier­ten oft nicht. Pfle­ge­kräf­te z. B. hät­ten oft nur eine Ver­weil­dau­er zwi­schen 5 und 7 Jah­ren in ihrem eigent­li­chen Beruf. Schlech­te Bezah­lung, feh­len­de Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten und hohe Arbeits­be­las­tung und -ver­dich­tung bei zu wenig Zeit für das Umset­zen der eige­nen Ansprü­che mache das Berufs­feld unat­trak­tiv.

Der Zopf muss nicht kür­zer, der muss radi­kal ab.“Caren Marks

Marks sieht hier his­to­ri­sche Ent­wick­lun­gen als einen Grund für die der­zei­ti­ge Situa­ti­on, die­se alten Zöp­fe müss­ten jedoch end­lich abge­schnit­ten wer­den. Die Wert­schät­zung in den Gesund­heits­be­ru­fen müs­se stei­gen, eben­so wie die Zufrie­den­heit mit dem Beruf.

Qua­li­fi­zier­te Schul­be­glei­tung

Auch der Wunsch nach stär­ke­rer Regu­lie­rung im Bereich Schul­be­glei­tung wur­de an Marks her­an­ge­tra­gen. Die Berufs­be­zeich­nung Schul­be­glei­ter ist nicht geschützt, und jede Fir­ma könn­te die Dienst­leis­tung anbie­ten, mit teils gra­vie­ren­den Qua­li­täts­un­ter­schie­den, da kei­ne Qua­li­täts­stan­dards defi­niert sei­en. Auf­sei­ten der Schu­le wür­den Lehr­kräf­te die qua­li­fi­zier­ten Beglei­ter dann oft mit den unge­lern­ten, uner­fah­re­nen in eine Schub­la­de gesteckt. Leid­tra­gen­de wären die Kin­der.

Betreu­ung soll etwas kos­ten – aber nicht die Eltern Gebüh­ren“Caren Marks

Das The­ma Schul­be­glei­tung bot eine will­kom­me­ne Über­lei­tung zum The­ma Kin­der­be­treu­ung all­ge­mein. Die Qua­li­tät der Kin­der­be­tre­ung dür­fe vor dem Hin­ter­grund kos­ten­frei­er Kita­be­su­che nicht absin­ken, es dür­fe kein Ent­we­der-Oder geben, sag­te Marks. Gute Betreu­ung sol­le etwas kos­ten – aber nicht die Eltern Gebüh­ren. Aber gera­de der Kin­der­gar­ten­be­such müs­se kos­ten­los sein, denn bei meh­re­ren Kin­dern sum­mier­ten sich die Kos­ten für Eltern schnell – was ver­hin­de­re, dass Kin­der früh in den Kin­der­gar­ten kämen, wenn das Geld knapp sei – gera­de bei Fami­li­en, die auf eige­nen Bei­nen stün­den, aber nur knapp über dem finan­zi­el­len Mini­mum leb­ten.

Teil­neh­mer der Gesprä­che vor der Bera­tungs­stel­le der Lebens­hil­fe | Foto: Dani­el Schnei­der

Erschwert wür­de vie­les durch die Büro­kra­tie. Die Unter­schei­dung nach Art der Behin­de­rung, die Tren­nung von see­li­schen und geistigen/körperlichen Behin­de­run­gen in ver­schie­de­ne Berei­che der Sozi­al­ge­setz­ge­bung füh­re oft dazu, dass sich Sozi­al- und Jugend­äm­ter die Ver­ant­wor­tung gegen­sei­tig zuschö­ben. Ein schon fer­ti­ger Geset­zes­ent­wurf zur SGB-VIII-Reform sei am Wider­stand der Län­der geschei­tert, da für die Umset­zung mit Schwie­rig­kei­ten für die Ver­wal­tung gerech­net wor­den sei. Doch sie erwar­te, dass Ver­wal­tun­gen in der Lage sei­en, sinn­vol­le Ände­run­gen auch umzu­set­zen, führ­te Marks aus. Es müs­se „vom Kind aus” gedacht wer­den.

Klei­ne Pro­ble­me im All­tag leicht lös­bar

Doch nicht nur über Geld wur­de gere­det. Vie­les lie­ße sich im Leben von Behin­der­ten leich­ter bewäl­ti­gen, wenn die Umwelt mit mehr Wis­sen und Ver­ständ­nis bei weni­ger Gedan­ken­lo­sig­keit reagie­ren wür­de. Befragt nach per­sön­li­chen Ein­drü­cken, war zu hören, dass die Aus­gren­zung im All­tag immer noch weit ver­brei­tet ist. Sät­ze wie „du bist ja behin­dert, brauchst ja nicht mit­kom­men” bei Ver­an­stal­tungs­pla­nun­gen kom­men auch im Jah­re 2017 noch vor. Behin­der­te Men­schen möch­ten wie alle ande­ren auch ein­fach ins Kino, Café oder ins Sta­di­on zum Spiel von Han­no­ver 96 – ohne Angst haben zu müs­sen, schief ange­se­hen oder gar ver­spot­tet zu wer­den. Die Men­schen soll­ten gleich­be­rech­tig­ter sein.


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