Hil­fe, ich wer­de Wahl­hel­fer – Teil 1

Zum Wahl­hel­fer wer­den kann man ganz schnell – ein Brief von der Gemein­de reicht, und schon ist man ein Ehren­amt­li­cher. Wie ein Neu-Wahl­hel­fer sei­nen Ein­satz erlebt.

Brief zur Beru­fung zum Wahl­hel­fer

Im Sep­tem­ber wäh­len auch die Wunstor­fer einen neu­en Bun­des­tag, im Okto­ber den neu­en Nie­der­säch­si­schen Land­tag. Doch dass sie am 24. 9. und am 15. 10. ihre Kreuz­chen in der Wahl­ka­bi­ne machen kön­nen, geht nur, weil es Bür­ger gibt, die am Tag der Wahl die Stimm­zet­tel aus­ge­ben, den Ablauf über­wa­chen und am Abend die Stim­men aus­zäh­len – die Wahl­hel­fer. Wie einer von ihnen sei­nen ers­ten Ein­satz als Ehren­amt­li­cher erlebt, haben wir für ihn auf­ge­schrie­ben. Er möch­te anonym blei­ben, nur so viel sei ver­ra­ten: Er ist Anfang 30, ledig, ist beruf­lich Hand­wer­ker und wohnt in einem Dorf in einer von Wunstorfs Nach­bar­ge­mein­den.

Per­sön­li­che Erfah­run­gen eines „Erst-Wahl­hel­fers“ (1)

Der Brief trifft mich unvor­be­rei­tet. Ein amt­lich aus­se­hen­des Schrei­ben. Absen­der: die Stadt. Ein Knöll­chen? Bin ich zu schnell gefah­ren? Wer­de ich doch noch zum Wehr­dienst ein­be­ru­fen? Oder habe ich ver­se­hent­lich im Vor­gar­ten des Bür­ger­meis­ters geparkt? Schlim­mer. Ich wur­de zum Wahl­hel­fer bestimmt.

Begeis­tert bin ich nicht gera­de. „War­um aus­ge­rech­net ich?“, ist mein ers­ter Gedan­ke. Gibt es nicht genü­gend ande­re mit mehr Zeit, die sich am Sonn­tag, mei­nem ein­zig wirk­lich frei­en Tag einer arbeits­rei­chen Woche, ins Wahl­lo­kal hocken kön­nen? In bestim­men­dem Ton­fall erklärt mir der Brief, dass ich zum Wahl­hel­fer beru­fen wor­den bin. Und dass ich zur Über­nah­me des Ehren­amts ver­pflich­tet bin. Zur Bun­des­tags­wahl soll ich eine Schicht lang Bei­sit­zer sein und abends mit­hel­fen, die Stim­men aus­zu­zäh­len.

War­um aus­ge­rech­net ich?“

Ein Ehren­amt, zu dem man prak­tisch gezwun­gen wird? Das war mir neu. Ich dach­te immer, das Merk­mal des Ehren­amts sei, dass man es frei­wil­lig aus­üben wür­de. Falsch gedacht, klärt mich Wiki­pe­dia auf. Neben die­ser gesell­schaft­li­chen Defi­ni­ti­on gibt es noch den enge­ren, ursprüng­li­chen Ehren­amts­be­griff: eine Tätig­keit in öffent­li­cher Funk­ti­on, die man statt für Geld ehren­hal­ber aus­übt.

Dazu gibt es vie­le, vie­le Infor­ma­tio­nen als Merk­blatt. War­um ich aus­ge­wählt wur­de, erfah­re ich aller­dings nicht. Nur, dass nor­ma­ler­wei­se nur Leu­te zum Wahl­hel­fer beru­fen wer­den, die von einer Par­tei dafür vor­ge­schla­gen wur­den oder die im öffent­li­chen Dienst sind und auf Vor­schlags­lis­ten ste­hen oder die frü­her schon mal Wahl­hel­fer waren – oder wenn man sich selbst für das Ehren­amt bewor­ben hat. Die Beto­nung liegt auf nor­ma­ler­wei­se, denn kei­ner der Punk­te trifft auf mich zu. Per­sön­li­ches Pech.

mach es doch ein­fach mal“

Als wich­ti­ge Grün­de, war­um man das Ehren­amt ableh­nen kann, wer­den z. B. Krank­heit oder beruf­li­che Ver­pflich­tun­gen genannt. Na super. Füh­le ich mich doch top­fit und habe sonn­tags frei. Ich pfle­ge kei­ne Ange­hö­ri­gen und bin nicht über 65. Wie komm ich aus der Num­mer wie­der raus? Mei­ne Mut­ter fällt mir in den Rücken: „Jun­ge, mach es doch ein­fach mal, ist viel­leicht sogar ganz inter­es­sant. Siehs­te mal was Neu­es und lernst viel­leicht sogar net­te Leu­te ken­nen.“ Ja sicher, Kon­tak­te­knüp­fen am Sonn­tag irgend­wo zwi­schen AfD und Links­par­tei.

Mir bleibt wohl nichts ande­res übrig. Ich fül­le das schon bei­lie­gen­de fran­kier­te Ant­wort­schrei­ben mit mei­nen Kon­takt­da­ten aus und kreu­ze an, dass ich das Ehren­amt antre­te. Ich wer­de Wahl­hel­fer.

* * *
Die Fort­set­zung: Teil 2: War­um auch Nicht-Frei­wil­li­ge zum Ehren­amt beru­fen wer­den und wie es wei­ter­geht auf dem Weg zum Wahl­hel­fer.

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