Schü­ler kri­tisch gegen­über Ganz­tags­schu­le

Am Mitt­woch­nach­mit­tag dis­ku­tier­ten Schü­ler im Jugend­treff „Kur­ze Wege“ andert­halb Stun­den mit pro­mi­nen­ten Gäs­ten aus der Poli­tik. Dabei waren die Ganz­tags­schu­le, die Schul­aus­stat­tung und die Situa­ti­on für Flücht­lings­fa­mi­li­en die bestim­men­den The­men.

Begin­nen­de Dis­kus­si­ons­run­de mit Caren Marks | Foto: Dani­el Schnei­der

Wunstorf (ds). Cor­ne­lia Rundt, Sozi­al­mi­nis­te­rin von Nie­der­sach­sen, und Caren Marks, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tä­rin im Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um, stell­ten sich am Mitt­woch den Fra­gen der Jugend­li­chen im Jugend­treff in der Bar­ne. Minis­te­rin Rundt ver­spä­te­te sich, sodass Marks zunächst allein „in den Ring“ stieg. Die­ser bestand aus einem Gesprächs­kreis, bei dem die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und die Lan­des­mi­nis­te­rin zwar nicht ins Kreuz­ver­hör genom­men, aber durch­aus kri­tisch befragt wur­den. Die Fra­gen­ge­bie­te hat­ten die Jugend­li­chen zuvor gemein­sam aus­ge­ar­bei­tet. Als Mode­ra­tor fun­gier­te Ste­phan Kuckuck, einer der bei­den Lei­ter des Pro­jekts.

Noti­zen auf dem Tisch | Foto: Dani­el Schnei­der
Caren Marks im Gespräch | Foto: Dani­el Schnei­der

Jugend­li­che wol­len kei­ne Ganz­tags­schu­le

Bestim­men­des The­ma war die Schul­po­li­tik, und hier ins­be­son­de­re der Bereich Ganz­tags­schu­le. Die Mei­nung der Schü­ler über die Ganz­tags­schu­le, die die SPD als idea­le Schul­form anstrebt, war uni­so­no wenig posi­tiv. Befürch­tun­gen bestan­den, dass es dadurch zu einer höhe­ren Stun­den­zahl käme, dass kei­ne Zeit mehr für eige­ne Ent­fal­tung blie­be bzw. Frei­räu­me nicht mehr frei gestal­tet wer­den könn­ten, Pau­sen wie Frei­zeit inner­halb der Schu­le einem zu star­ren Ter­min­kor­sett unter­wor­fen wür­den.

Ja, ich ken­ne eini­ge Ganz­tags­schu­len, die sind rich­tig schlecht orga­ni­siert.“Caren Marks

Marks setz­te dem die gesell­schaft­li­che Not­wen­dig­keit ent­ge­gen, dass wenn in der Fami­lie bei­de Eltern­tei­le arbei­ten woll­ten, nur die Ganz­tags­schu­le einen sozi­al gerech­ten Rah­men böte. Denn Hort­an­ge­bo­te sei­en nicht kos­ten­los, und finan­zi­ell schwä­che­re Fami­li­en hät­ten gegen­über einer kos­ten­frei­en Ganz­tags­schu­le dann das Nach­se­hen. Haus­auf­ga­ben dür­fe es außer­halb der Schul­zeit natür­lich auch nicht mehr geben. Es sei auch eine Fra­ge der Orga­ni­sa­ti­on, auch sie ken­ne eini­ge Ganz­tags­schu­len, die schlecht orga­ni­siert sei­en. Die Jugend­li­chen wünsch­ten sich von der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten vor allem, dass die Schü­ler selbst mit­ein­be­zo­gen wür­den, wenn es um die kon­kre­te Wei­ter­ent­wick­lung des Schul­sys­tems gin­ge.

Sozi­al­mi­nis­te­rin Cor­ne­lia Rund (links) im Gespräch | Foto: Dani­el Schnei­der
Ankün­di­gung der Gäs­te | Foto: Dani­el Schnei­der

Hand­trock­ner im Höl­ty

Die Kla­ge über zu vie­le Haus­auf­ga­ben und wenig Frei­zeit wur­den Marks auch unab­hän­gig davon vor­ge­tra­gen. Und auch ganz kon­kre­te Pro­ble­me des Schul­all­tags erfuhr Marks, etwa das auf den Toi­let­ten des Höl­ty-Gym­na­si­ums zuguns­ten von unbe­lieb­ten Hand­trock­nern abge­schaff­te Hand­tuch­sys­tem. Auch ein siche­rer Schul­weg, u. a. eine defek­te Brü­cke am Blu­men­au­er Kirch­weg, kamen zur Spra­che. Marks ver­wies auf die Schwie­rig­kei­ten der kom­mu­na­len Finan­zie­rung, aber beton­te auch, dass Wunstorf schon viel mehr für die Schul­land­schaft tue als ande­re Städ­te – und die SPD wei­te­re Mil­li­ar­den Euro ins Schul­sys­tem flie­ßen las­sen wol­le.

Info: „Kur­ze Wege“
„Kur­ze Wege“ ist ein Pro­jekt der Evan­ge­li­schen Jugend im Kir­chen­kreis Neu­stadt-Wunstorf. Der Jugend­treff befin­det sich direkt am Bar­n­e­platz und wird von den bei­den Sozi­al­päd­ago­gen Ste­phan Kuckuck und Nico­le Brick­we­del gelei­tet.
Caren Marks im Gespräch mit Schü­lern | Foto: Dani­el Schnei­der

Per­spek­ti­ven für Flücht­lings­kin­der

Elke Rot­hä­mel, Direk­ti­on der Wunstor­fer IGS, kam eben­falls zur Ver­an­stal­tung und nutz­te die Gele­gen­heit, die Spra­che auf die Situa­ti­on von Flücht­lings­kin­dern im Schul­be­trieb zu brin­gen. Dabei nahm sie den jüngst gesche­he­nen Vor­fall an ihrer Schu­le als Bei­spiel und trug Sozi­al­mi­nis­te­rin Rundt noch ein­mal ihr Befrem­den vor, dass Poli­zei­be­am­te mit Schlag­stö­cken in den Unter­richt kom­men könn­ten, um einen Schü­ler für eine Abschie­bung her­aus­zu­ho­len. Dass bereits gut inte­grier­te Jugend­li­che abge­scho­ben wür­den, sei untrag­bar. Rundt ver­wies auf die bestehen­de Geset­zes­la­ge. Die Dub­lin-III-Ver­ord­nung wäre bestehen­des Recht, und eine Ände­rung auf­grund der der­zei­ti­gen Mehr­heits­ver­hält­nis­se in Euro­pa nicht abseh­bar. Wer wol­le, dass sich hier etwas ände­re, müs­se Par­tei­en wäh­len, die sich stär­ker für die Belan­ge von Flücht­lin­gen ein­setz­ten.

Die IGS-Schul­lei­te­rin (links) kon­fron­tiert Sozi­al­mi­nis­te­rin Rundt (rechts) mit dem Erleb­ten | Foto: Dani­el Schnei­der

Um die­ses The­ma kreis­ten dann auch vie­le wei­te­re Fra­gen, die an Cor­ne­lia Rundt gestellt wur­den. Ein am Tisch sit­zen­der Schü­ler aus einer Flücht­lings­fa­mi­lie woll­te etwa wis­sen, wes­halb ihr Vater nun schon drei Jah­re lang nur Deutsch ler­nen wür­de, aber noch immer nicht arbei­ten dürf­te. Auch hier, so mach­te die Minis­te­rin klar, wäre es die kom­pli­zier­te Geset­zes­la­ge, die man­ches ver­hin­de­re. Auch dass sogar Flücht­lin­ge aus Syri­en – je nach genau­er Her­kunfts­re­gi­on – manch­mal nur einen Dul­dungs­sta­tus erhiel­ten, wur­de ange­spro­chen.

Caren Marks wird „abge­schos­sen“

Bei der abschlie­ßen­den Run­de konn­te noch ein­mal jeder Teil­neh­mer einen per­sön­li­chen Wunsch vor­tra­gen. Dazu wur­de ein Soft­ball vom jeweils Vor­tra­gen­den an den nächs­ten wei­ter­ge­reicht. Als Marks selbst dar­um bat, noch einen Wunsch an die Jugend­li­chen äußern zu kön­nen, wur­de ihr der Ball von der gegen­über­lie­gen­den Sei­te direkt ins Gesicht gewor­fen. Marks erschrak, nahm die unge­woll­te Atta­cke jedoch schlag­fer­tig mit Humor: Sie wäre stand­fest, und so schnell wür­de sie nichts umwer­fen. Und auch die Pres­se, wie Marks zu Recht befürch­te­te, freu­te sich gemein­sam mit Schü­lern und Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter über den Faux­pas, wie hier­mit bewie­sen wäre.

Das „Tat­ob­jekt”, kurz vor der Atta­cke | Foto: Dani­el Schnei­der

Dem abschlie­ßen­den Grup­pen­fo­to in der haus­ei­ge­nen Foto­box, das sich Lei­te­rin Nico­le Brick­we­del für die Ein­rich­tung gewünscht hat­te, wur­de selbst­ver­ständ­lich ent­spro­chen.


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Andreas Balleier Fotografie

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