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150 Jahre alte Protokolle der Gemeindeversammlung

Die Geschichte Bokelohs zur Kaiserzeit wird wieder lesbar

Die fast 150 Jahre alten Protokolle der ersten Bokeloher Gemeindeversammlungen sind wieder aufgetaucht.

Vorstellung der Gemeindeprotokolle Bokeloh
Jürgen Thiele, Rolf-Axel Eberhardt, Klaus Fesche | Foto: Daniel Schneider

Wunstorf (ds). Über 100 Jahre waren sie verschollen, im Stadtarchiv fanden sich nur spätere Aufzeichnungen. Doch jetzt ist der erste Band mit Protokollen der Bokeloher Gemeindeversammlung aus den Jahren 1876 bis 1911 dank der Arbeit von Heimatforscher Jürgen Thiele sogar wieder für die Allgemeinheit zu lesen.

1999 starb Thieles Vater, Heinrich Thiele, der Lehrer in Bokeloh gewesen war. In seinem Nachlass fand Jürgen Thiele das Protokollbuch – und wusste sogleich, was er da Bedeutendes gefunden hatte. Er hätte einen Blick für so etwas, sagt er. Die vergilbte und stark benutzt aussehende Kladde war noch blass mit „Protokoll betreffs der Gemeinde Bokeloh“ beschriftet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, um welchen Schatz es sich handelte: Die Aufzeichnungen der Gemeindeversammlungssitzungen aus den Anfangstagen der Selbstverwaltung im Ort.

In diesem Zustand war es jedoch allenfalls für Historiker interessant, denn es ist vollständig in Kurrentschrift geschrieben, der alten deutschen Schreibschrift, die noch älter ist als Sütterlin, welches bereits von den jüngeren Generationen nicht mehr gelesen werden kann.

Rechtschreibfehler von 1885

Jürgen Thiele ging nun innerhalb der letzten 6 Jahre immer wieder daran, die Protokolle für die Allgemeinheit zugänglich zu machen, indem er den Inhalt abtippte und somit in heute lesbarere Schrift verwandelte. Stadtarchivar Klaus Fesche trat beratend zur Seite, übernahm die Korrektur und half bei Zweifelsfällen: von denen gab es einige, denn auch die damaligen Protokollführer – die jeweiligen Gemeindevorsteher – machten damals Rechtschreibfehler. Bis auf ein Wort, das im Fragment blieb, konnte jedoch alles schlüssig transkribiert werden.

Vorstellung der Gemeindeprotokolle Bokeloh
„Geschehen zu Bokeloh, Amt Neustadt, R. den 18. März 1885“. In dieser Form begann ein neuer Abschnitt einer protokollierten Gemeindeversammlung | Foto: Daniel Schneider

Namen, Fakten und Entscheidungen enthält „Dörfliche Selbstverwaltung im Kaiserreich – Das Protokollbuch des Bokeloher Gemeindeausschusses 1876–1911“ und bietet einen Blick in die Vergangenheit Bokelohs zur Zeit des Deutschen Kaiserreiches, als im Buchendorf viele Weichen für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte gestellt wurden: Der Beginn der Kaliförderung, der Bau der Steinhuder-Meer-Bahn-Nebenstrecke, aber auch die Elektrifizierung spiegeln sich in den Beschlüssen der Gemeindeversammlungen wider.

INFO: Gemeindeversammlung Bokeloh
Mit einem heutigen Ortsrat waren die Gemeindeversammlungen nur bedingt vergleichbar. Es waren die Anfänge der demokratischen Gemeinde-Selbstververwaltungen, doch prinzipiell nur Männer waren zur Gemeindeversammlung zugelassen – und nur wer selbst Gemeindesteuern zahlte, weil er z. B. Grundbesitzer war, hatte Stimmrecht. Je größer der Grundbesitz, desto mehr Stimmen hatte man. Angestellte, Gesellen, Dienstboten blieben außen vor. Das Sagen in Bokeloh hatten damit die Bauern. Aber auch die „Alkaliwerke Sigmundshall“ waren später mit einer starken Stimme vertreten und beeinflussten das Dorfgeschehen.

Eine moderne Fassung der Protokolle wurde quasi neu aufgelegt: Hinter dem Einband in Form eines Faksimiles der ursprünglichen Kladde ist immer noch Handschrift enthalten, aber nur noch als Abbildung. Das Buch ist zweispalig gesetzt: Auf der linken Spalte ist der Originalinhalt des historischen Protokollbuchs als Foto zu sehen, in der rechten Spalte die Transkription in Maschinenschrift. Dazu kommen einige zeitgenössische Karten und ein chronologisch sortiertes Verzeichnis am Ende der Publikation, um die Geschehnisse, die in den Gemeindesitzungen behandelt wurden, besser nachvollziehen zu können. Das Buch wird ab sofort für 17 Euro z. B. im Stadtarchiv verkauft. Das Interesse geht dabei schon jetzt weit über Bokeloh und Wunstorf hinaus: Thiele, der die Bände auch über Facebookgruppen bewarb, bekam auch Bestellungen aus Celle und Wuppertal.

Bürgermeister würdigt Thieles Arbeit

Dem Band musste jedoch gleich ein Errata beigelegt werden, denn was dem Laien gar nicht auffällt, ist für den Historiker wichtig: Anders als der Titel des Buches nahelegt, handelte es sich in Bokeloh nur um eine Gemeindeversammlung, nicht um einen Gemeindeausschuss. Letztere waren institutionell anders verfasst, einen Gemeindeausschuss gab es damals zur selben Zeit z. B. im größeren Kolenfeld.

Vorstellung der Gemeindeprotokolle Bokeloh
Original und “neue” Fassung nebeneinander | Foto: Daniel Schneider

Bürgermeister Eberhardt, der zur Vorstellung des Ergebnisses dabei war, würdigte die Fleißarbeit Thieles: es sei eine Bereicherung für die Heimatgeschichte und es käme selten vor, dass man so etwas bekäme. Das Originalbuch geht, gemeinsam mit weiteren Dokumenten aus Thieles Sammlung, nun in die Archive der Stadt über.

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