Feuerwehr bei Gefahrguteinsatz beschimpft

Als am Mittwochmorgen die Feuerwehren ins Wunstorfer Industriegebiet zu einem Tanklasterunfall gerufen wurden, bekamen sie es nicht nur mit auslaufendem Betriebsmittel zu tun, sondern auch mit wütenden Augenzeugen.

Albert-Ein­stein-Stra­ße, Ecke Lise-Meit­ner-Stra­ße. Hier kol­li­dier­te das Auto mit dem Tank­wa­gen | Foto: Dani­el Schnei­der

Wunstorf (ds). Es ist ein besorg­nis­er­re­gen­des, aber kein neu­es Phä­no­men: Bei Unfäl­len sind nicht nur Hel­fer zuge­gen, son­dern auch vie­le Zuschau­er, die auf der Jagd nach dem bes­ten Face­book-Foto oder You­tube-Video die Ein­satz­kräf­te behin­dern. Damit haben auch die Wunstor­fer Ret­tungs­kräf­te immer wie­der zu tun, zuletzt mas­siv beim Motor­rad­un­fall auf der Hagen­bur­ger Stra­ße im ver­gan­ge­nen Jahr, als sogar Ret­tungs­we­ge blo­ckiert wur­den. Neu ist jedoch, dass sich die Feu­er­wehr nun auch noch von Unbe­tei­lig­ten beschimp­fen las­sen muss.

Sattelschlepper verliert getankten Betriebsstoff

Als am heu­ti­gen Mor­gen gegen 7.45 Uhr ein Auto und ein Tank­last­zug in der Albert-Ein­stein-Stra­ße mit­ein­an­der kol­li­dier­ten und der Betriebs­stoff „AdBlue“ in gro­ßem Umfang aus­lief, kam die Feu­er­wehr erst rela­tiv spät zum Unfall­ort, weil sie nicht sofort ver­stän­digt wor­den war. Als sie eine gute hal­be Stun­de spä­ter vor Ort war, trat sie aber unver­züg­lich in Akti­on, sperr­te die Stra­ße und ver­such­te, die ver­blie­be­ne Flüs­sig­keit auf­zu­fan­gen.

Info: AdBlue
„AdBlue“ ist eine Mar­ke der Auto­mo­bil­in­dus­trie und bezeich­net einen Zusatz­stoff für Die­sel­mo­to­ren-Kata­ly­sa­to­ren, der aus Harn­stoff und ent­salz­tem Was­ser besteht. Es wird zum Funk­tio­nie­ren von SCR-Kata­ly­sa­to­ren benö­tigt. Die wie Was­ser aus­se­hen­de, fast geruch­lo­se Flüs­sig­keit wird z. B. bei LKWs zusätz­lich getankt und beim Ent­ste­hen von Abga­sen noch vor dem Kata­ly­sa­tor in die Abgas­lei­tung ein­ge­spritzt, um den Stick­oxid­aus­stoß zu redu­zie­ren. Außer­dem senkt es den Die­sel­ver­brauch. Adblue ist kein Treib­stoff oder Die­sel-Zusatz­stoff, nicht brenn­bar oder explo­siv. Wenn es zu kei­ner Was­ser­ver­un­rei­ni­gung kommt, stellt er für die Umwelt kei­ne Gefahr dar.

Idioten“

Das pass­te jedoch offen­bar eini­gen Anwoh­nern bzw. Inha­bern umlie­gen­der Gewer­be­be­trie­be nicht. Sie reagier­ten nicht nur mit völ­li­gem Unver­ständ­nis auf die Absperr­maß­nah­men, die Feu­er­wehr­leu­te wur­den des­we­gen auch ver­bal atta­ckiert. Einer der Anwe­sen­den beschimpf­te die Ret­tungs­kräf­te sogar als „Idio­ten“. Die Feu­er­wehr reagier­te fas­sungs­los. Der Pres­se­spre­cher der Wunstor­fer Feu­er­weh­ren, Mar­cel Nel­le­sen, teil­te dazu mit:

Wir ärgern uns sehr dar­über. Ein­satz­kräf­te las­sen die Arbeit lie­gen, oder was auch immer sie gera­de getan haben, um in Gefah­ren­si­tua­tio­nen ohne Bezah­lung den Schutz der Bevöl­ke­rung und der Umwelt wahr­zu­neh­men, und wer­den am Ende für ihre gute, wich­ti­ge Arbeit beschimpft. Das ist nicht die Wert­schät­zung, die unse­re ehren­amt­li­chen Mit­glie­der ver­dient haben.“

Tanklaster verliert 50 Liter pro Minute

Nach bis­he­ri­gen Erkennt­nis­sen der Poli­zei hat­te der Sat­tel­schlep­per, der mit über 20.000 Litern AdBlue betankt war, aus der Lise-Meit­ner-Stra­ße in die Albert-Ein­stein-Stra­ße zurück­ge­setzt. Ein her­an­na­hen­der PKW über­sah das Gespann und fuhr ins Heck des Auf­lie­gers. Der Auto­fah­rer wur­de dabei leicht ver­letzt und die Arma­tu­ren des Tank­wa­gens beschä­digt, sodass pro Minu­te etwa 50 Liter des Betriebs­stoffs aus­tra­ten. Die Luther Feu­er­wehr, die zuerst vor Ort war, zog sofort die Weh­ren aus Wunstorf und Stein­hu­de hin­zu, die für Gefahr­gut­un­fäl­le aus­ge­rüs­tet sind.

Feuerwehren sichern restliche Ladung

Ein Groß­teil der flüs­si­gen Ladung war zu die­sem Zeit­punkt jedoch schon aus­ge­tre­ten, es bestand dadurch jedoch kei­ne grö­ße­re Gefahr. Die Luther Feu­er­wehr sicher­te zwei Regen­was­ser­ein­läu­fe mit soge­nann­ten Kanal­dicht­bla­sen und einem Wall aus Bin­de­mit­tel. Zudem stell­ten sie unter die Lecka­gen einen Auf­fang­be­häl­ter, der jedoch die Men­ge an aus­tre­ten­der Flüs­sig­keit nicht fas­sen konn­te. Die Orts­feu­er­wehr Stein­hu­de sperr­te dar­auf­hin den Haupt­ka­nal mit einer gro­ßen Dicht­bla­se und pump­te das auf­ge­fan­ge­ne AdBlue in einen 3.000 Liter fas­sen­den Falt­be­häl­ter um, damit das Harn­stoff­ge­misch nicht wei­ter unver­dünnt in die Kana­li­sa­ti­on gelang­te.

Nur Bin­de­mit­tel­spu­ren zeu­gen noch vom Unfall am Mor­gen | Foto: Dani­el Scn­ei­der

Ins­ge­samt konn­ten durch die Feu­er­weh­ren noch 2.500 Liter auf­ge­fan­gen wer­den. Feu­er­wehr­kräf­te aus der Kern­stadt rüs­te­ten sich mit Che­mi­ka­li­en­schutz­an­zü­gen aus und dich­te­ten die Lecka­gen am Tank größ­ten­teils ab, sodass die ver­blie­be­ne Men­ge in ein ande­res Fahr­zeug umge­pumpt wer­den konn­te.

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