„Es war wie Ebbe und Flut“

Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie – Wenn die hei­le Welt ins Wan­ken gerät.

Fami­lie P. ist in der Kli­nik für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie der KRH Psych­ia­trie Wunstorf auch bei Dr. Tobi­as Hart­wich (M.) in Behand­lung. Gesprä­che mit den Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten und mit den Ange­hö­ri­gen sind ein ganz wich­ti­ger Bau­stein für einen lang­fris­ti­gen The­ra­pie­er­folg. | Foto: KRH Kli­ni­kum Regi­on Han­no­ver

Wunstorf (red). „Unse­re gan­ze Fami­lie leb­te jah­re­lang am Meer“, erzählt Tors­ten P. Wäh­rend er das sagt, ver­zieht sich sein lin­ker Mund­win­kel zu einem mil­den Lächeln. „Ich kann das gar nicht anders beschrei­ben, was wir da erlebt haben. Es war wie Ebbe und Flut und manch­mal auch dra­ma­tisch wie eine Spring­flut.“ Der 48-Jäh­ri­ge ist Vater von vier Kin­dern. Was er schil­dert, ist ein Teil der Erkran­kungs­ge­schich­te sei­ner Toch­ter Jil. Sie sitzt neben ihm am Tisch. Eine jun­ge Frau, schlank, die dunk­len Haa­re zu einem dicken Zopf gefloch­ten, der über die Schul­ter fällt. Vater und Toch­ter sind zu einer ambu­lan­ten Behand­lungs­sit­zung in die Kli­nik für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie in die KRH Psych­ia­trie Wunstorf gekom­men. Ein­mal monat­lich tref­fen sie sich mit Psych­ia­ter Dr. Tobi­as Hart­wich. Er ist Fach­arzt für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie sowie Fach­arzt für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie und beglei­tet Jil ambu­lant mit einer medi­ka­men­tö­sen und gesprächs­the­ra­peu­ti­schen Behand­lung.

Heu­te sind wir froh, dass wir hier in guten Hän­den sind. Aber die Angst, psych­ia­tri­sche Hil­fe in Anspruch zu neh­men, war sehr groß. Das war ein lan­ger Weg hier­her“, erin­nert sich der Fami­li­en­va­ter. „Wir dach­ten eben, das krie­gen wir auch allei­ne hin.“

In den Zei­ten der Ebbe war Jil sehr nie­der­ge­schla­gen und antriebs­los. In Zei­ten der Flut, wenn Jil schlaf­los, getrie­ben, fast grö­ßen­wahn­sin­nig schien, war sie kaum zu bän­di­gen. „Ich tiger­te bis zwei Uhr nachts durch die Woh­nung, spiel­te Kla­vier und leg­te das Han­dy kaum noch aus der Hand.“ Die Eltern waren rat­los, hilf­los und stell­ten sich vie­le Fra­gen: Ist das viel­leicht die Puber­tät oder ist unse­re Toch­ter krank? Vor drei Jah­ren war dann ein Punkt erreicht, an dem Vater Tors­ten P. und der gan­zen Fami­lie klar wur­de, dass es so nicht wei­ter­ge­hen kann. Die Poli­zei hat­te Jil nach Hau­se gebracht, nach­dem sie auf einem Park­platz die Num­mern­schil­der meh­re­rer Autos abge­schraubt hat­te. Rast- und ruhe­los war sie an dem Mor­gen los­ge­gan­gen, woll­te eigent­lich zur Schu­le. Statt­des­sen lief sie durch den Wald, dann in Rich­tung Super­markt, wo sie Kun­den auf­fiel, weil sie bar­fuß und völ­lig durch­ein­an­der hin und her rann­te. „Ich kann mich nicht dar­an erin­nern“, sagt Jil heu­te. Ihr Vater aber erin­nert sich umso genau­er. „Nach die­sem Erleb­nis haben mei­ne Frau und ich ver­stan­den, dass wir ärzt­li­che Hil­fe in Anspruch neh­men müs­sen“, erzählt er nach­denk­lich, „uns wur­de klar: die­ses Phä­no­men bekom­men wir nicht allein in den Griff.“

Was die Fami­lie „Ebbe und Flut“ genannt hat, bezeich­nen Fach­leu­te als bipo­la­re Erkran­kung – auch manisch-depres­si­ve Erkran­kung. Für die Betrof­fe­nen fühlt sich das Leben an wie eine Ach­ter­bahn­fahrt. Sie fal­len ohne nach­voll­zieh­ba­re Grün­de von einem Extrem ins ande­re. Je nach Aus­prä­gung der Stö­rung gehen mani­sche und depres­si­ve Epi­so­den mal direkt inein­an­der über, dann wie­der lie­gen lan­ge Zei­ten sym­ptom­frei­er Pha­sen dazwi­schen.

Es ist völ­lig nor­mal, dass Eltern nicht an eine psy­chi­sche Erkran­kung ihres Kin­des den­ken, zumal sich in der Puber­tät auch alters­be­ding­te Phä­no­me­ne und Erkran­kungs­sym­pto­me tat­säch­lich über­la­gern kön­nen“, erklärt Exper­te Hart­wich.

Bei Jil wur­de es aber immer kla­rer, ein gere­gel­tes Leben im Span­nungs­feld zwi­schen Manie und Depres­sio­nen ist für die jun­ge Frau kaum mög­lich. Des­halb stimm­ten sie und die Fami­lie schließ­lich einem sta­tio­nä­ren Auf­ent­halt zu. Sechs Wochen blieb sie damals in der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie in Wunstorf.

Wir ver­su­chen dann mit den Jugend­li­chen Ver­ein­ba­run­gen zu fin­den“, erzählt der Kin­der- und Jugend­psych­ia­ter. „Unse­re Pati­en­ten müs­sen ver­ste­hen, dass wir sie vor Gefähr­dungs­si­tua­tio­nen schüt­zen wol­len. Jil war damals sehr koope­ra­tiv.“ Am Anfang eines sta­tio­nä­ren Auf­ent­hal­tes steht immer auch eine kör­per­li­che Unter­su­chung. Um eine Epi­lep­sie aus­zu­schlie­ßen, wur­de bei Jil ein EEG, (Elek­tro­en­ze­pha­logra­fie) gemacht. Bei die­ser Unter­su­chungs­tech­nik wird mit Hil­fe äußer­lich auf­ge­kleb­ter Elek­tro­den die elek­tri­sche Akti­vi­tät der Hirn­rin­de gemes­sen. Es folg­ten noch Unter­su­chun­gen des Herz-Kreis­lauf-Sys­tems und der Blut­wer­te, Gesprächs­the­ra­pie, Ergo­the­ra­pie, Bewe­gungs­the­ra­pie, Ruhe­pha­sen, Grup­pen­ak­ti­vi­tä­ten – das sind klas­si­sche Bestand­tei­le einer Behand­lung in der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie. Bei Jils Erkran­kungs­bild war rela­tiv schnell klar, dass sie auch eine Behand­lung mit Medi­ka­men­ten benö­tigt. „Natür­lich haben wir dar­über gespro­chen, wel­che Neben­wir­kun­gen die­se haben kön­nen, wie es mit der Sucht­ge­fahr ist und war­um es sinn­voll ist, ihre The­ra­pie damit zu unter­stüt­zen“, ver­deut­licht Hart­wich. Gleich das ers­te Medi­ka­ment wirk­te gut, die Neben­wir­kun­gen hiel­ten sich in Gren­zen. Das ist aber nicht immer so. Gewichts­zu­nah­me, Müdig­keit, Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­che, Mus­kel­ver­span­nun­gen, Blut­druck­sen­kung und eine sin­ken­de Libi­do kön­nen mit der Ein­nah­me ein­her­ge­hen.

Ganz ohne Neben­wir­kun­gen ging es auch bei der jun­gen Frau nicht. Nach ein paar Wochen nahm sie zu. Doch Jil krieg­te das schnell in den Griff. „Ich woll­te nicht dicker wer­den, also habe ich mein Ess­ver­hal­ten ange­passt.“ Und noch etwas pas­siert in die­ser Zeit. Lang­sam setzt sich bei Fami­lie P. die Erkennt­nis durch, dass Jil die­se Krank­heit ein Leben lang beglei­ten wird.

Die Akzep­tanz ist der Schlüs­sel“, erklärt Kin­der- und Jugend­psych­ia­ter Tobi­as Hart­wich. „Die Pati­en­ten müs­sen ihre Erkran­kung in der Lebens­ge­stal­tung und Stress­be­las­tung mit ein­pla­nen, wie z. B. auch ein Dia­be­ti­ker sei­ne Erkran­kung bei der Ernäh­rung und Akti­vi­tät berück­sich­ti­gen muss. Aber dann kann man auch mit einer bipo­la­ren Erkran­kung gut leben.“

Jil nennt sie inzwi­schen „mei­ne ruhe­lo­se See­le“ und nimmt jeden Tag zwi­schen 17 und 18 Uhr ihr Medi­ka­ment. Das ermög­licht ihr ein aus­ge­gli­che­nes Gefühls­le­ben, und sie kann sogar auf Par­tys gehen. „Ich gehe aber zwi­schen 23 Uhr und Mit­ter­nacht nach Hau­se. Ich weiß heu­te, dass ich ein biss­chen reiz­är­mer als ande­re leben soll­te.“, sagt Jil.

Das wird so blei­ben. Ganz ver­schwin­den wer­den Ebbe und Flut nicht. Doch Jil weiß, in Flut­pha­sen ist ein Tag-Nacht-Rhyth­mus wich­tig, eine reiz­ar­me Umge­bung, viel­leicht muss sie die Dosis des Medi­ka­ments zeit­wei­se anpas­sen. Um das zu klä­ren, ist sie regel­mä­ßig mit ihren Ärz­ten in der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie in der KRH Psych­ia­trie Wunstorf im Gespräch. Jils Vater, Thors­ten P. erzählt, dass die Fami­lie Halt im christ­li­chen Glau­ben fin­det. „Wir haben die Erkran­kung ange­nom­men und möch­ten Jil ein Umfeld geben, in dem sie mit der Krank­heit umge­hen kann und selbst­stän­dig wer­den kann.“ Jil macht inzwi­schen eine Aus­bil­dung, kann ein Leben füh­ren, das fast ohne Ein­schrän­kun­gen funk­tio­niert. „Das Meer ist für uns nicht weg. Aber wir sind ein Stück ins Lan­des­in­ne­re gezo­gen“, sagt P. und blin­zelt sei­ner Toch­ter zu.

Quelle KRH Psychiatrie Wunstorf
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