Neuer Verdacht

Medizinversuche an der Psychiatrie in den 70er Jahren?

Nach Informationen des NDR steht der Verdacht im Raum, dass in den 70er Jahren in der Wunstorfer Jugendpsychiatrie nicht nur Medikamententests durchgeführt wurden, sondern auch unnötige Untersuchungen stattfanden.

Lum­bal­punk­ti­on | Bild: Wikipedia/DocP, verkl., lizen­ziert unter Crea­ti­ve Com­mons BY-SA 2.0

Wunstorf (ds) Wer sich letz­te Woche wun­der­te, war­um z. B. in der Fran­ke­stra­ße ein Film­team unter­wegs war und die Gebäu­de der Psych­ia­trie film­te, ist nun schlau­er: Kein Image­film wur­de gedreht, son­dern Mate­ri­al für einen NDR-Bei­trag beschafft, in dem etwa die Außen­an­sicht der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie gezeigt wur­de.

Medizinethik vor 40 Jahren

Denn seit ges­tern ist Wunstorf wie­der über­re­gio­nal in den Medi­en: Der NDR berich­te­te, dass sich der Skan­dal um mög­li­che Medi­ka­men­ten­tests an Kin­dern in den 70er Jah­ren aus­zu­wei­ten scheint.

2016 war bekannt gewor­den, dass in der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie Wunstorf in den 70er Jah­ren offen­bar an Kin­dern Medi­ka­men­ten­tests durch­ge­führt wor­den waren. Nach neus­ten Recher­chen des NDR könn­te es damals auch zur zwei­fel­haf­ten Anwen­dung von Unter­su­chungs­me­tho­den gekom­men sein. Das Wis­sen oder gar Ein­ver­ständ­nis der Erzie­hungs­be­rech­tig­ten soll dabei nicht vor­ge­le­gen haben.

Scheinbar grundlose Untersuchungen

Gestützt auf die Aus­sa­gen von betrof­fe­nen Zeit­zeu­gen und Exper­ten wird ver­mu­tet, dass ohne medi­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit Dia­gnos­tik­me­tho­den ange­wandt wur­den: nament­lich die Pneu­mo­en­ze­pha­logra­fie, deren damals häu­fi­ger Ein­satz nahe­le­ge, dass es sich nicht um indi­zier­te Unter­su­chun­gen gehan­delt haben kann, son­dern sie einem ande­ren Zweck dien­te.

Spie­gel Online hat­te bereits vor zwei Jah­ren berich­tet, dass ein Zusam­men­hang von Gehirn­flüs­sig­keits­ent­nah­men mit Medi­ka­men­ten­stu­di­en bestehen könn­te.

Info: Pneu­mo­en­ze­pha­logra­fie
Behand­lung Anfang des vori­gen Jh.
Die Pneu­mo­en­ze­pha­logra­fie ist eine heu­te nicht mehr durch­ge­führ­te schmerz­haf­te Unter­su­chung, die gera­de bei Kin­dern das Risi­ko gro­ßer Neben­wir­kun­gen barg. Dabei wur­de ein Teil der Gehirn­flüs­sig­keit durch Luft ersetzt, um anschlie­ßend Rönt­gen­auf­nah­men des Gehirns anfer­ti­gen zu kön­nen. Die­se 1919 erfun­de­ne Form der Rönt­gen­un­ter­su­chung ver­lor schon in den 50er Jah­ren an Bedeu­tung, war aber noch bis in die 70er Jah­re in Gebrauch, wäh­rend sie all­mäh­lich von der Com­pu­ter­to­mo­gra­phie abge­löst wur­de. Auch inner­halb der dama­li­gen psych­ia­tri­schen Dia­gnos­tik war die Metho­de umstrit­ten.

Die Vor­gän­ge zu mög­li­chen Arz­nei­mit­tel­ver­su­chen wer­den der­zeit im Auf­trag des nie­der­säch­si­schen Sozi­al­mi­nis­te­ri­ums wis­sen­schaft­lich auf­ge­ar­bei­tet. Die Wunstor­fer Psych­ia­trie befand sich in den 70er Jah­ren in der Trä­ger­schaft des Lan­des Nie­der­sach­sen.

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1 Kommentar
  1. Grit Decker sagt

    Bewusst habe ich mir eini­ge Tage Zeit zum sehr inten­si­ven Über­le­gen genom­men, bevor ich mich nun zu Wort mel­den möch­te.

    Ich per­sön­lich ken­ne die KJP, das ehe­ma­li­ge Lan­des­kran­ken­haus und die jet­zi­ge KRH-Psych­ia­trie seit 40 Jah­ren und bin somit zu mei­nem Leid­we­sen mit den teil­wei­se skan­da­lö­sen dama­li­gen wie heu­ti­gen Gescheh­nis­sen ver­traut.

    Noch im Jahr 1978 wur­de mei­nen Eltern die beschrie­be­ne Unter­su­chung durch die damals in der KJP arbei­ten­den Psy­cho­lo­gin (die im Übri­gen bis weit in die 90-er Jah­re in der Kli­nik [In den spä­ten Jah­ren in der Erwach­se­nen-Psych­ia­trie] tätig war) ange­dient.

    Mei­ne Eltern woll­ten die­se jedoch nicht.
    Eine ihrer aus­ge­spro­chen sel­te­nen Ent­schei­dung zu mei­nem Wohl.
    Heu­te wol­len sie NICHTS davon gewusst haben:
    deren Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men haben ver­mut­lich schon immer bes­ser funk­tio­niert als mei­ne…

    Der Auf­schrei der Ent­rüs­tung in der Öffent­lich­keit ist mehr als ange­bracht und über­fäl­lig.
    Trau­ri­ge Tat­sa­che ist, dass Ange­hö­ri­ge gehört und wahr­ge­nom­men wer­den, wir – die betrof­fe­nen Pati­en­ten und ver­meint­li­che ach so Kraan­ken- bis dato nicht.
    Genau das sel­be war im Jah­re 2015 als die unhalt­ba­ren Zustän­de in der Geron­to­psych­ia­trie des Hau­ses öffent­lich bekannt wur­den.

    Der wirk­li­che Skan­dal ist jedoch, dass ers­tens bis heu­te von der Psych­ia­trie Wunstorf die Pati­en­ten selbst nicht gehört und wahr­ge­nom­men wer­den wol­len und grund­sätz­lich alles, was den Ruf des Hau­ses nega­tiv beein­flus­sen wür­de, „unter den Tep­pich gekehrt“ wird und zwei­tens die Vor­komm­nis­se, denen es gelun­gen ist, über­haupt an die Öffent­lich­keit zu kom­men, nach kur­zer Zeit „ver­ges­sen“ wer­den (wol­len).

    Für mich eine nahe­zu uner­träg­li­che Situa­ti­on!

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