Wunstorfer Auepost
[Anzeige]

Otte-Kinast in Mesmerode: Bauern vor dem Aufstand?

01.09.2022 • Redaktion • Aufrufe: 617

„Entspannte Haltung“ propagiert das Plakat mit der Kuh an der Stallwand. Barbara Otte-Kinast und Sebastian Lechner stehen am Bistrotisch davor, als wollten sie das Motto szenisch nachstellen. Aber vor der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin und dem CDU-Generalsekretär brennt die Luft. Ausgelöst haben das Landvolk-Repräsentant Volker Hahn und nicht zuletzt der Mesmeroder Milchbauer Heinz Widdel. Auf dessen Hof machen sie alle zusammen Front gegen Brüssel. Die Europäische Union plant neue Bestimmungen zum Pflanzenschutz – viele Bauern fühlen sich „verraten und verkauft“.

01.09.2022
Redaktion
Aufrufe: 617
Das Bild täuscht: Barbara Otte-Kinast und Sebastian Lechner bekommen den Zorn der Bauern in Mesmerode zu spüren | Foto: Deppe/Dombrowski

Mesmerode (as/nd/dd). Bei schönstem Sommerwetter haben viele den Weg zu Widdels Hof gefunden: Interessierte, Neugierige, CDU-Sympathisanten, Bauern und ihre Funktionäre. Nicht weit davon entfernt haben Vertreter der Landesregierung und des Landvolks vor einigen Monaten den „Niedersächsischen Weg“ propagiert, eine bundesweit einmalige Vereinbarung, die sie mit Landwirtschaftskammer und Natur- und Umweltverbänden getroffen haben. In dem Vertrag verpflichten sie sich zu großen Anstrengungen bei Natur- und Artenschutz, bei Biodiversität und beim Umgang mit der Ressource Landschaft.

Ein rotes Tuch

Das alles ist auch jetzt auf Widdels Hof Thema. Frans Timmermans, niederländischer Sozialdemokrat und Vize-Präsident der EU-Kommission, will die Prioritäten bei der Förderung der Landwirtschaft grundlegend ändern. Ab 2023 soll der Fokus auf die Finanzierung von Leistungen für den Umwelt-, Klima- und Artenschutz gelegt werden. Für die Landwirte, ihre Berufsorganisation, auch für die Ministerin und ihre CDU-Kollegen ist das ein rotes Tuch. Sie sind nach Mesmerode gekommen, um zu protestieren – aber auch Wahlkampf zu machen für den Kandidaten Lechner. Unter ihnen ist Volker Hahn aus Neustadts Ortsteil Hagen. Die Stimme des Landvolkvorsitzenden der Region hat Gewicht – im Neustädter Land, in Wunstorf, in der Landeshauptstadt, bei den Berufskollegen und in der Politik.

„Schonen Sie uns nicht!“, hatte Lechner dem Publikum bei der Begrüßung zugerufen. Hahn braucht diese Aufforderung nicht. Er weicht von seiner vorbereiteten Rede ab und startet eine Brandrede gegen die EU-Pläne und für den deutschen Bauernstand. „Die Stimmung ist explosiv“, ruft er in den Hof der Widdels. Etliche Landwirte „können nicht weiter“. Hahn: „Die fühlen sich alleingelassen und verraten und verkauft.“ Das Vertrauen in die Politik sei den Bauern abhandengekommen, denn sie sollten jetzt von Brüssel zu etwas gezwungen werden, was sie nicht verstehen. Wie selten zuvor, so Hahn, würden jetzt Kommunal-, Landes-, Bundes- und Europapolitik ineinandergreifen.

Betriebe gehen durch die Masse der Probleme kaputt

Hahn sieht voraus, dass viele bäuerliche Betriebe angesichts der Häufung von Problemen „kaputtgehen“: Trockenheit, Schweinepest, Gänsefraß und die drastische Ausweitung von geschützten Flächen nennen die Landvolkvertreter Land auf, Land ab, wenn es um die Sorgen der Bauern geht. Gespräche und Informationstermine reichten nicht mehr aus, „die Bauern zu beruhigen“. Es herrsche Kampfstimmung im Land, sagt Hahn. Und er verweist auf die Artenvielfalt ländlicher Regionen, die nicht zwangsläufig von Brüssel weiter geschützt werden müsse. „Rebhühner, Greifvögel, Hasen ohne Ende“, zählt Hahn auf: Die Zahl der Störche wachse von Rekord zu Rekord. „Die Politik“ müsse Brüssel bremsen, die Neuorientierung der Förderrichtlinien gestoppt werden. Hahn: Das Landvolk könne die Bauern nicht mehr zurückhalten, die fühlten sich im Stich gelassen, wiederholt er. „Entschuldigung, das war nicht abgesprochen, aber aus dem Herzen!“

„Die werden geopfert, wenn wir jetzt nicht reagieren!“

Heinz Widdel

Heinz Widdel, der Hausherr und mit seiner Familie Gastgeber an diesem Tag, nimmt den Faden auf. Auch er schont die Repräsentanten der Politik nicht. Was die EU plane, treibe die Höfe reihenweise in den Ruin. „Die werden geopfert, wenn wir jetzt nicht reagieren!“ Aber der Widerstand dürfe nicht auf Gremien und Verbände beschränkt bleiben. Der Protest müsse nach außen getragen werden. Die Bauern bemühten sich seit langem, den Einsatz von Chemie zu reduzieren und verantwortungsvoll zu wirtschaften. Immer mehr Flächen unter Schutz zu stellen, sei keine Lösung, schimpft der Milchbauer, dessen Familie den Hof seit langer Zeit betreibt. Zurzeit sind es drei Generationen, die miteinander leben und arbeiten. Widdel, der sich auch in der Wunstorfer Kommunalpolitik engagiert, wirft die Frage auf: „Was tun wir jetzt?“

Özedemir habe keine Ahnung

Eine direkte Antwort gibt es nicht. Aber: „Wir müssen für unsere Landwirtinnen und Landwirte alles rausholen, was geht“, fordert Ministerin Barbara Otte-Kinast, selbst aktive Bäuerin aus der Umgebung von Bad Münder. Leidenschaftlich und mit teils drastischen Formulierungen klagt sie über die Mechanismen der Abstimmungsprozesse in der Agrarpolitik. Sie spart nicht mit Kritik am grünen Bundesminister, der keine Ahnung von Landwirtschaft habe, dafür aber viele ideologische Vorstellungen. „Wir üben unseren Beruf mit Leidenschaft und Verantwortung aus, um Nahrungsmittel zu erzeugen und die Ernährung der Menschen sicherzustellen.“

Es könne nicht sein, dass die „ideologisch eingefärbten Pläne von Bund und EU einseitig zu Lasten unserer bäuerlichen Familienbetriebe gehen.“ Otte-Kinast meint die geplanten Einschränkungen beim Pflanzenschutz in Landschaftsschutzgebieten und ist sich dabei ganz einig mit Widdel. dessen Flächen zu 100 Prozent in Schutzgebieten liegen. Immer wieder spielt die „Biodiversität“ eine Rolle. „Überall blüht und summt es“ in der Umgebung der Höfe, schwärmt die Ministerin aus Hannover. Kein Privatmensch könne im Vorgarten so viel Blühendes bieten wie die Bauern in den ländlichen Regionen. Und nirgendwo gebe es mehr Solarzellen auf den Dächern als in den Dörfern. „Wenn wir euch nicht mehr haben, die konventionellen Betriebe mit Verantwortungsbewusstsein“, dann gehe auch die Artenvielfalt verloren. Das müsse unbedingt verhindert werden, ruft Otte-Kinast in die Runde: „Stärkt mir den Rücken!“

[Anzeigen]
Auepost wird unterstützt von:

Kommentare


  • Birgit sagt:

    Der im Artikel beschriebene Diskussion lässt zwei wesentliche Fakten vermissen: Das Wort Tierwohl und die eben durch genau diese Richtlinien der EU zu erhaltende oder neu zu schaffende Biodiversität.

    Eine Landwirtschaft geführt durch agrarökologische und permakulturelle Denkweise zeigt sich ökonomisch rentabel, auch wenn es betriebswirtschaftlich verfremdet als kostspielig und nicht lohnend dargestellt, und ist wertvoll , da sozial und durch ein Ökobewusssein fundiert.

    Die abfällige Aussage über Storch, Greifvogel, Hase u. a. da diese „genügend oft daseien“ ist nicht im Sinne eines gesunden ökologischen Bewusstseins.

    Auch hinsichtlich der angesprochenen Tierseuchen sollte einmal hinterfragt werden, warum sie überhaupt entstehen können. Die Gründe sollte eigentlich jeder Landwirt kennen. Auch, dass Pandemien, deren Erreger von Wildtieren stammen, durch die Zerstörung von Naturräumen zur Futterherstellung begünstigt werden und sicherlich gehäuft auftreten können, ist nichts Unbekanntes mehr.

    Wenn das Tier nur noch eine Ware ist, die der Profitsteigerung dient, ist wohl seine Tierhaltung mehr Tierleid als Tierwohl. Tiere und diese artgerecht zu halten, ist nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch eine ökologische Pflicht. Hier sei eine Wertung abträglich, aber es werden nun mal den Muttertieren kurz nach der Geburt ihre Kälber weggenommen, da diese „die Milch wegtrinken“ und „zu wenig übrigbleibt“, das wird im Artikel leider auch nicht erwähnt. Auch die Erbarmungslosigkeit gegenüber den Tieren, die als „ausgesondert“, wie kleine männliche Kälber, einer ungewissen, meist grausamen Zukunft entgegengehen, bespricht man nicht im Wahlkampf.
    Die EU und ihre Mitgliedstaaten haben das Ziel, ihre biologische Vielfalt bis 2030 auf den Weg der Erholung zu bringen. Das Artensterben ist immens, auch wenn hier auf das erhöhte Vorkommen von Storch u. . schier verächtlich hingewiesen wird. Mit der Biodiversitätsstrategie der EU für 2030 haben sie sich verpflichtet, ein Netz gut verwalteter Schutzgebiete zu schaffen, das mindestens 30 % der Landfläche und der Meeresgebiete der EU umfasst. Und sicherlich nützt es den Landwirten auch nicht, wenn rings herum die Erde zerstört und eine Tierwelt nur noch kränkelnd existiert?

    Biodiversität, das Kapital der Erde, wie es heißt, ist unverzichtbar das Rückgrat jeden Lebens auf diesem Planeten. Sie ist für den Menschen aus Umweltschutz- wie auch aus Klimaschutzgründen nicht ersetzbar. Wie es um sie bestellt ist, kann man gut sehen, wenn man den nach Regen weinenden Wald betritt, die „tote“ Ostsee besucht oder sich wundert, warum der Igel noch morgens nach Futter Ausschau hält, die Vogelwelt immer weniger wird und jeden Tag 200 Tierarten aussterben. Und sicherlich ist den Landwirtschaftsbetrieben nicht geholfen, wenn eine Unwetterkatastrophe die andere jagen würde, oder wenn der fehlende Regen eine Dürreplage übers Land treibt?

  • Georg Braunroth CDU Butteramt sagt:

    Hallo Birgit
    Anno 1960 / 1965 war ich 14 und 19 Jahre alt .Wir hatten keine EU sondern eine EWG es gab Hase und Igel ,Vögel und Schmetterlinge und alles andere ohne ökologischen Vereinen und Schutzverbänden im Überfluss. Wie es heute angeblich aussieht schreibst Du in deinem Kommentar.
    Zu der damaligen Zeit hatte Deutschland ca.80 – Millionen Einwohner. Heute hat Deutschland noch immer fast die gleiche Einwohnerzahl.
    Weltweit gab es zu der damaligen Zeit ca. 1,2 Milliarden Einwohner –heute sind es weltweit fast 10 (zehn) Milliarden. also fast eine Verzehnfachung . Hörst Du die Nachtigall trapsen ???? Wir in Deutschland mit fast gleichgebliebener Einwohnerzahl und somit gleichen Problemmengen wollen Vorbild und ÖKORETTER für die Welt sein ,die mit einer verzehnfachung der Probleme zu kämpfen hat ???? Zehn mal mehr Einwohner brauchen auch 10 x mehr Nahrung ,also 10 x mehr Rinder dafür müssen 10 x m,ehr Bäume gefällt werden und in Felder gewandelt werden, dafür wird aber auch mindestens das 10 fache an Wasser (Grundwasser) verbraucht. Bei den Voraussetzungen ändert sich auch irgendwann das Klima . Unter diesen Voraussetzungen wollen wir das alles bis 2030 / 2050 in Deutschlang reparieren ,wo eigentlich kaum oder wenige Probleme zu erkennen sind Die Weltbevölkerung – 10 Milliarden ,lebt zu 50 % in Armut , in Tuch- . Blech-, oder anderen Behelfsunterbringungen aus Holz oder Abrissmaterialien. Wollen wir denen jetzt erklären , sie sollen noch schlechter leben ????? oder der anderen Hälfte beibringen sie müssen mindestens auf die Hälfte oder mehr ihres Wohlstandes verzichten ??? Um die Probleme der Umwelt (Welt) zu beheben müssen sich alle Staaten einig sein und ein gemeinsames Konzept erarbeiten. Aber wenn sich z.B. Russland (Putin) wegen des Abspringens der Ukraine zu kriegerischen Handlungen drängen lasst ,und somit die Weltwirtschaft zum Wanken bringt , was weltweit neue Not erzeugt, dann ……. brauche ich hier auch nicht mehr weiterschreiben

  • Schreibe einen Kommentar zu Birgit Antworten abbrechen

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

    Kontakt zur Redaktion

    Tel. +49 (0)5031 9779946
    info@auepost.de

    [Anzeigen]

    Artikelarchiv

    Auepost auf …