Rathaus, Zimmer A 205

Ansichten eines Bürgermeisters

Über das Vertrauen in den Geschmack der Menschen, Eintritt für die Badeinsel und wie moderne Zeiten das Ende der Kirchturmglocken einläuten

Rolf-Axel Eberhardt

War Ihnen bekannt, dass die Stadtkirchenglocken zu laut läuten?
Ich hatte es befürchtet. Denn es ist eine Tradition, diese Glocken läuteten seit 200 Jahren, aber es gab bisher nur eine einzige Beschwerde. Die betreffende Anwohnerin, die sich darüber beklagte, dass sie nachts nicht schlafen kann, hatte sich auch bei uns beschwert, wir sind aber nicht zuständig.

Können Sie die Beschwerde nachvollziehen?
Ich hätte mich dagegen nicht beschwert. Wenn man zuzieht und will dann einen Abwehranspruch durchsetzen, obwohl die Glocken schon immer geläutet haben – das ist nur schwer vermittelbar. Man kann natürlich auch die Frage stellen, ob es in der heutigen Zeit überhaupt noch notwendig ist. Jeder hat Armbanduhr oder Smartphone bei sich. Solche Möglichkeiten gab es vor 150 Jahren noch nicht. Da war der Landwirt auf den Glockenschlag angewiesen. Als Kulturtechnik ist es nicht mehr relevant, aber es ist eben Tradition. Doch der Sachverhalt ist ausgeurteilt: Geläut zum Kirchgang muss geduldet werden, auch in Zeiten, wo erhöhtes Ruhebedürfnis besteht, aber Glockenschlag ist etwas anderes. Signaltöne bei Zügen muss man hinnehmen, auch Schützenfeste, aber durchgängige Beschallung hat eine andere Qualität. Wenn Lärmgrenzwerte in der Nacht dauerhaft überschritten werden, muss das öffentliche Interesse höher sein als das Privatinteresse – und das ist nach Ansicht der Gerichte bei nächtlichem Glockengeläut nicht der Fall. Daher wird streng danach geschaut: Ist der Wert überschritten? Wenn das der Fall ist, kann man nicht viel machen. So ist eben die Rechtsprechung. Die Kirche hat richtig gehandelt, dass sie das Geläut abgestellt hat.

Ihr Büro liegt direkt mit Blick auf den Stadtkirchturm. Hat Sie persönlich der Glockenschlag schon einmal gestört?
Nein, nie. Was mich manchmal stört, ist das, was ich selbst eingerichtet habe: Das Glockenspiel am Rathaus. Wenn das Fenster geöffnet ist und ich gerade eine Unterredung habe oder am Telefon bin, dann versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. (Lachend:) Dann denk ich schon: Muss das jetzt gerade sein? Aber das Glockenspiel ist etwas Schönes, das werde ich mit Sicherheit deswegen nicht abschaffen. Wunstorf hat durchaus nicht wenig Lärm, der Fliegerhorst, die Bahnstrecken … bei Ostwind höre ich bei mir zu Hause sogar die Autobahn. Aber es gibt auch viele Dinge, an die man sich gewöhnt.

Viele haben sich an alte Bäume gewöhnt und werden von Fällungen überrascht. Kann man irgendwo einsehen, wann wo welche Bäume gefällt werden?
Nicht allgemein, aber zu fällende Bäume bekommen einen roten Punkt. Es gibt aufwändige Begehungen, und wenn dabei erkannt wird, dass ein Baum stark gefährdet ist, wird er markiert und kurz darauf gefällt.

Das war bei den nun gefällten Bäumen an der Stadtschule aber nicht der Fall?
Nein, zwei Bäume dort mussten weg, um Platz für den neuen Anbau zu machen, der dritte auf dem Schulhof hätte nicht zwingend gefällt werden müssen. Er war aber krank, hatte Pilzbefall und „Standortstress“ durch die Pflasterung. Das hat man ihm auch angemerkt, er war ein wenig schmaler, die Fachleute sagen, „er wächst zurück“. Die Krone schrumpft quasi ein, weil Wasser und Nährstoffe fehlen. Das Holz wird trocken, Äste drohen herunterzufallen – das können wir natürlich auf dem Schulhof nicht machen. Von außen sieht man oft nicht, wie es im Innern des Baumes aussieht. Die gleiche Diskussion gab es in Steinhude, als dort viele Pappeln gefällt werden mussten: Es sah aus, als sei noch alles in Ordnung, doch nach dem Fällen hat man gesehen, dass die Stämme schon hohl waren – nur die Rinde hielt die Bäume noch zusammen. Es tut mir auch leid um den Baum, aber wenn er krank ist, ist er krank. Ich möchte nicht wissen, was passieren würde, wenn wir uns nicht trauen würden, solche Bäume zu fällen, und dann ein Baum auf die Schule fällt. Was wir dann zu hören bekämen …

Wer hört schon nachts um 3 das Glockengeläut?

Warum wurde die Stadtschule einst überhaupt so nah an die Bäume gebaut?
Man hat damals überlegt, wohin die Stadtschule kann, nachdem das ursprüngliche Gebäude am jetzigen Bauamt zu klein und der spätere Standort an der Scharnhorstschule – das heutige Gebäude E des Hölty-Gymnasiums – nicht grundschulgeeignet war. Der heutige Standort im Bürgerpark war richtig, weil die Stadtschule vorher nie eine eigene Turnhalle hatte. Daher hat man sie dort angesiedelt, wo die Turnhalle stand. Aber der Rat hat um jeden Baum gekämpft, daher wurde eine Schule konstruiert, die praktisch um die Bäume herumgebaut wurde. Das rächt sich heute durch ein ungünstiges Verhältnis zwischen Klassenräumen und Verkehrsflächen, es gibt unterschiedliche Ebenen und eine verwinkelte Bauweise. Außerdem baute man die Stadtschule nur zweieinhalbzügig, obwohl sie damals sogar schon vierzügig war. Auch dieser zweite Fehler, den die Politik damals negierte, wird erst jetzt behoben.

Ist das auch der Grund, weshalb die Stadtschule keine Aula hat?
Richtig. Auch das Lehrerzimmer war für heutige Verhältnisse zu klein, und damals plante man auch keine Räumlichkeiten für z. B. Schulsozialarbeiter ein. Eigentlich war die Stadtschule in all den Jahren viel zu klein für die Klassen, die sie aufnehmen musste. Architektonisch ist es eine sehr schöne Schule, aber sie war auch das Ergebnis vieler Kompromisse. Heute sind wir konsequenter: Wo es sinnvoll ist, Bäume wegzunehmen, wird es gemacht. Das ist auch richtig so. Aber wir haben sehr viele Bäume in der Stadt und erhalten den Bestand.

Aber eine Aula bekommt die Stadtschule nun trotzdem nicht?
Es wird einen Mehrzweckraum geben: allein durch die Mensa bekommt man das nun wunderbar hin.

Warum steuert die Verwaltung Veranstaltungen und Aktionen in der Stadt nicht selbst?
Wir steuern ja, bei der Vergabe von Plätzen, und Veranstaltungen werden durchaus durch unseren Wirtschaftsförderer initiiert. Was wir nicht machen, ist, zu sehr ins Inhaltliche gehen. Wir bewerten nicht das Angebot oder das Niveau.

Warum nicht? Sie könnten dadurch ja durchaus die Wahrnehmung oder das Flair der Stadt beeinflussen.
Weil das der Markt macht. Ich bin der Meinung, dass wir das nicht vorzugeben haben. Da wären wir schnell wieder beim Thema Geschmackspolizei. Das sollen die Menschen entscheiden, die eine Veranstaltung besuchen oder eben nicht. Wenn sie nicht kommen, ist eine Veranstaltung schnell beendet. Das heißt nicht, dass wir für jede Veranstaltung Platz zur Verfügung stellen, eine Grenze stellt die Sittenwidrigkeit dar. Aber wenn aktuell jemand kommt und sagt, das Schützenfest findet ohnehin nicht statt, ich möchte stattdessen einmal ein Karussell aufstellen, dann habe ich nichts dagegen. Man sollte nicht zu strenge Maßstäbe anlegen.

Wenn also ein Gastronom im Scheunenviertel ein Karussell aufbaut, obwohl die Ortspolitik Vorbehalte hat, ist er einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort?
Wenn ein ortsansässiger Gastronom, der durch Corona Verluste erlitten hat, dadurch für einen gewissen Zeitraum eine Kompensation erreicht, dann ist das legitim und der augenblicklichen Situation geschuldet. Das Scheunenviertel war schließlich verwaist, es wurden keine anderen Veranstaltungen verdrängt. Und es wird sicherlich nicht jedes Jahr wiederholt werden.

Es gab dennoch eine Qualitätsdebatte.
Wenn gar nichts gemacht würde, und das wird dann als Qualität angesehen, dann gebe es auch wieder Stimmen, die sagen würden: Warum macht ihr nichts, wenn doch jemand möchte?

Wie ist das überhaupt geregelt, wenn jemand kommerzielle Angebote in der Öffentlichkeit einrichten will?
Es gibt zweierlei: Bei einem öffentlich gewidmeten Platz sind die Kollegen vom Fachbereich Öffentliche Sicherheit und Ordnung involviert. Private Liegenschaften der Stadt werden hingegen durch die Wirtschaftsförderung vergeben. Der Strandterrassenvorplatz und das Scheunenviertel sind z. B. solche nicht gewidmeten Plätze. Dementsprechend wird die Vergabe durch Herrn Schwamm durchgeführt. Das ist Privatgelände der Stadt, dann macht man privatrechtliche Verträge.

Über Veranstaltungen entscheidet also letztlich die Verwaltung allein?
So etwas wird hier in der Verwaltung besprochen und beschlossen. Bei außergewöhnlichen Dingen wird auch die Politik miteinbezogen, auch die Ortsbürgermeister. Eine Platzvergabe ist aber eigentlich Tagesgeschäft der Verwaltung. Das geht auch gar nicht anders. Wenn man zu jedem Ereignis erst noch das Votum des Ortsrates einholen würde, der nur ein paarmal tagt im Jahr – dann wäre die Veranstaltung schon längst vorbei gewesen.

Aber Sie schauen dabei wirklich gar nicht auf inhaltliche Aspekte?
Doch, allein schon deshalb, weil wir Dinge wie Dauer oder Lärmbelästigung berücksichtigen müssen. Natürlich treffen wir eine Auswahl, wenn verschiedene Veranstaltungen miteinander konkurrieren, da haben wir ein Auswahlermessen. In diesem Fall bin ich sehr dafür, wenn man sich im Zweifel für die qualitativere Veranstaltung entscheidet. Die Frage ist aber auch hier immer: Was wird angenommen von den Besuchern? Aber wenn nur eine Anfrage da ist, wird der normalerweise auch stattgegeben. Jedoch alles, was nicht sittenwidrig ist, ist genehmigungsfähig bzw. vergabefähig. Andernfalls wären wir schnell wieder beim Thema Geschmackspolizei. Wir möchten hier als Verwaltung nicht so stark eingreifen.

Wo beginnt die Sittenwidrigkeit? „Erotische Modenschau an den Strandterrassen“ wird es nicht geben?
Das käme auf die genaue Ausgestaltung der Veranstaltung an. So etwas kann ja auch gut gemacht sein.

Wrestling ist aber unverdächtig?
Das ist nicht sittenwidrig und hat viele Fans – aber natürlich würden wir so etwas nicht das ganze Jahr über zulassen. Wichtig ist, dass es verschiedene Angebote gibt, dass für jeden einmal etwas dabei ist.

Letztes Thema: Gehen Sie bei hochsommerlichen Temperaturen selbst schwimmen?
Ich bin kein großer Schwimmer. Bei hohen Temperaturen gehe ich im Urlaub auch mal in die Nordsee baden. Wenn ich abends nach Hause komme, habe ich keine Lust, noch schwimmen zu gehen. Im Freibad Bokeloh wird man mich also nicht treffen.

Was raten Sie jemandem, der zur Badeinsel möchte, ohne sich den Parkplatzsuchverkehr anzutun?
Mit dem Fahrrad kommen. Am Schützenplatz parken und dann durchs Hohe Holz radeln, oder den Fahrradbus nutzen. Man muss nicht mit dem Auto zur Badeinsel.

Aber nicht jeder hat einen Fahrradträger am Auto, und der Fahrradbus fährt nicht direkt und ist damit eher unattraktiv für eine unmittelbare Anfahrt.
Langfristig wird es darauf hinauslaufen, dass man das Parken an der Badeinsel für Ortsfremde ganz abschaffen muss, zumindest an den Wochenenden. Solange man dort direkt parken kann, werden die Leute auch mit dem Auto kommen.

Was wäre die Alternative?
Ein Shuttleservice. Vom Parkplatz am Hermann-Löns-Weg mit einem Bus zur Badeinsel. Oder mit einem Fahrgastschiff von der Promenade direkt übers Wasser.

Wer würde das finanzieren? Die Stadt, oder würde man dann vor Ort Fahrpreis entrichten?
So weit sind wir noch nicht, aber es wäre ja auch denkbar, dass man Eintritt für die Badeinsel nimmt.

Was tun Sie in der Zwischenzeit?
Wir haben drei neue Stellen besetzt. In Steinhude werden wir jetzt stark kontrollieren und auch abschleppen lassen. Ich kann die Anwohner dort wirklich verstehen, so geht das nicht weiter an den Wochenenden.

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Die Fragen stellte Daniel Schneider
Dieses Interview erschien zuerst in Auepost #11 (09/2020).

1 Kommentar

  1. Wenn man noch fit ist, ist das Rad eine gute Alternative. Doch baden/Badeinsel? War mal im Sommer kurz da. Es roch faulig, unter dem Sand befindet sich Schlick, schwarz und übel riechend. Trübes Wasser, voll mit Algen. Planschen geht, schwimmen? Ja wie im Flachwasser? Dafür zu bezahlen, käme MIR nicht in den Sinn, egal ob mit Bus, Bahn, Auto, oder sonst wie. Da plane ich den Urlaub mit schwimmen in Asien. Keine Gebühren für das Auto, keine für das Schwimmen. Dafür feiner Sand, blaugrünes warmes Sazwasser, menschenleerer Strand. Haifrei, Quallenfrei, sauber. Badeinsel ,no go.

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