Rathaus, Zimmer A 205

Ansichten eines Bürgermeisters

Über die Zukunft des Schützenfests, die Aussichten für Steinhude-Besucher und warum das Hallenbad geschlossen bleibt

Rolf-Axel Eberhardt

Am 5. Juni hätte eigentlich das Städtische Schützenfest stattgefunden. Bedauern Sie den Ausfall sehr oder genießen Sie die Pause von Ihren diesbezüglichen Verpflichtungen?
Ich bin durch meine Funktion dort sehr hineingewachsen. Zu Anfang hatten mich Nachbarn aus der Altstadtkompanie eingeladen, mitzukommen. Es ist ein Wir-Gefühl entstanden. Ich habe mich immer darauf gefreut und gerne mitgemacht, da war es noch etwas Partielles. Als Bürgermeister bin ich jedoch von Freitag bis Sonntag von mittags bis abends irgendwo eingespannt. Damit ist dann auch eine gewisse Anstrengung verbunden.

Ist ein Bürgermeister generell gesetzt beim Schützenfest oder könnte er sich dem auch entziehen?
Als Bürgermeister hat man immer Möglichkeiten, repräsentative Termine auch an seine Vertreter zu delegieren. Ich würde es aber nicht unbedingt empfehlen. Das gäbe Kritik. Es gibt eine Erwartungshaltung, dass der Bürgermeister am Schützenfest teilnimmt. Aber ich habe tatsächlich schon überlegt, ob man die Tage vielleicht aufteilen könnte, dass ich am Freitag dabei bin, der 2. Bürgermeister am Samstag, und der 3. Bürgermeister den Sonntag übernimmt. Wegen der Ehrengäste und Repräsentanten gäbe das aber Komplikationen.

Was macht das Schützenfest für Sie aus?
Über Parteigrenzen und alle Bevölkerungsschichten hinweg hat man einen tollen Kontakt, unterhält sich und erfährt Vieles, was man sonst vielleicht gar nicht erfahren hätte. Und die Geselligkeit ist eine schöne Sache.

Vor Ihrer Zeit in Wunstorf hatten Sie keinen Bezug zu Schützenfesten?
Nein, ich bin auch kein Schütze. In Wunstorf ist das Fest aber auch etwas Besonderes, weil es bereits historisch ein städtisches Fest war – ausgehend von der Tradition des Mittelalters, in der Wunstorf von Kompanien der Bürgerschaft bewacht wurde. Als Dank für deren Einsatz hat die Stadt jährlich ein Fest veranstaltet. In anderen Städten und Dörfern sind Schützenfeste anders entstanden.

Sind schon immer so wenig Repräsentanten aus dem Rat mitgelaufen, oder ist das eine jüngere Entwicklung?
Das war schon immer so. Nur zu Zeiten der Kommunalwahl lässt sich eine höhere Beteiligung feststellen (schmunzelt).

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Bürgermeister Eberhardt wirft Bonbons in die Zuschauer | Foto: Daniel Schneider

Laufen Sie selbst gern mit oder ist das auch eher anstrengende Pflicht?
Es hat mir nie etwas ausgemacht. Ich habe ja auch das Bonbonwerfen eingeführt, seitdem ich Bürgermeister bin. Seit 20 Jahren mache ich das jetzt.

Verfälscht das nicht die Tradition, wenn auf dem Schützenausmarsch wie zum Karneval im Rheinland Kamelle geworfen werden?
Wenn diese Kritik käme, würde ich mich damit auseinandersetzen, aber bislang habe ich nur positive Stimmen gehört. Die Kinder freuen sich alle. Nur am Freitag zum Kinderschützenumzug kann ich keine werfen. Was passieren würde, wenn mir der Kinderumzug entgegenkommt und ich dann dort Bonbons reinwerfe, können Sie sich denken. Das geht natürlich nicht. Das Kinderschützenfest ist trotzdem ein Höhepunkt, wenn die Kinder begeistert mitlaufen.

Manche Eltern und Lehrer sind weniger begeistert, dass die Grundschulkinder beim Schützenfest derart institutionell eingebunden sind.
Es soll den Kindern Spaß machen – und auch keine Erziehung zum Schießen oder gar für den Krieg sein. Es ist eine Sache der Fröhlichkeit, es geht um den Gemeinschaftssinn. Ich halte das für eine tolle Tradition.

Wie groß ist Ihr eigener Einfluss auf die Gestaltung des Schützenfestes?
Das habe ich abgegeben. Das macht mein Vertreter, Herr Piellusch, und das Schützenfestkomitee. Der letzte ehrenamtliche Bürgermeister, Wilhelm Meine, war da viel aktiver. Ich finde es jedoch richtig, dass die Komiteemitglieder das Placet haben, sich um Gestaltung, Veränderungen und Reformen zu kümmern. Da halte ich mich dann zurück. Das Komitee macht das sehr gut.

Wir müssen die jungen Leute begeistern

Wo sehen Sie das Schützenfest in 10 Jahren?
Das kann ich nicht beantworten, aber das macht mir Sorgen. Der Nachwuchs fehlt, und die Leute, die mit anpacken möchten, werden weniger. Auch bei den Schießsportvereinen kommt es zu einer Überalterung. Wir versuchen die Dinge etwas zu modernisieren, z. B. bei der Musik am Freitagabend, damit die jungen Leute ins Zelt gehen. Man muss jedes Jahr neu darüber nachdenken, wie man die Menschen zum Besuch motiviert. Wenn ich am Sonntag im Zelt eine Rede halte, dann weiß ich schon, dass nach dem dritten Satz niemand mehr zuhört (lacht). Daher ist auch jedes Fest ein wenig anders als das vorherige. In diesem Jahr wäre die Stadtwette neu gewesen. Ich fürchte aber, dass die Teilnehmer weiter abnehmen werden, der Geschmack und das Freizeitverhalten ändern sich. In Idensen und Klein Heidorn gibt es schon keine Schützenfeste mehr, in Großenheidorn hat das Herbstfest eine andere Richtung eingeschlagen. Das sind die ersten Anzeichen. Andererseits ist das Schützenfest immer gut besucht gewesen. Es wäre sehr schade, wenn diese Tradition gerade in einer alten Stadt wie Wunstorf wegbrechen würde.

Rechnen Sie damit, dass das Schützenfest 2021 wieder wie gewohnt stattfinden kann?
Es wird von der Verfügbarkeit eines Impfstoffes abhängen. Wenn die Pandemie besiegt ist, dann können auch wieder solche Großveranstaltungen stattfinden. Ich gehe davon aus, dass wir noch bis zum Ende des Jahres keine großen Veranstaltungen haben. Gerade solche Großveranstaltungen sind für die Virusverbreitung ideal, daher werden diese das Letzte sein, was wieder erlaubt werden wird.

Wie wird es den Rest des Jahres in Steinhude weitergehen?
Solange das Abstandsgebot nicht eingehalten werden kann, weil der Ort überfüllt ist, werden wir überlegen, wie wir reagieren müssen. Für den Tagestourismus müssen wir den Ort dann sperren. Das macht die Polizei in eigener Zuständigkeit, spricht es aber mit uns ab.

Polizei in Steinhude
Polizei patrouilliert an den Strandterrassen (Archiv) | Foto: Daniel Schneider

Warum macht das die Polizei?
Weil sie vor Ort ist und die Lage besser einschätzen kann. Ordnungsamtsmitarbeiter sind nur partiell in Steinhude. Die Steinhuder Polizei wird aber an Wochenenden voll präsent sein, und das den ganzen Sommer über.

Bleibt es bei der Schwelle von 80 % der belegten Parkplätze?
Ja, aber das ist keine feste Formel. Geschaut wird: Ist der Ort überfüllt, gibt es Gedränge auf der Promenade und sind die Abstände so gering, dass sich das Virus verbreiten kann? Bei Ansteckungsgefahr sind wir verpflichtet, zu reagieren.

Verstehen Sie die Kritik der Gewerbetreibenden an zu weitreichenden Maßnahmen?
Wenn die Straßen und Plätze zu sehr frequentiert sind, dann müssen wir reagieren. Wir wollen einen Imageschaden für alle verhindern, Steinhude soll kein Hotspot werden. Auf eine Sperrung der Hotels und Gastronomie möchte ich gerne verzichten. Daher gehen wir einen Mittelweg. An erster Stelle ist aber an die Gesundheit der Menschen zu denken. Ich habe die Sorge, dass Sperrungen jetzt häufiger eintreten, weil viele nun zuhause Urlaub machen. Das wird den Geschäftsleuten nicht gefallen. Die Sperrungen sind auch keine gute Werbung für die Stadt und den Ort, aber man muss abwägen: Wenn das Virus da ist, wäre das Image noch schlechter.

Man sollte nicht übertreiben, aber wir können es auch nicht auf die leichte Schulter nehmen

Wenn es zu Sperrungen kommt – wer darf dann eigentlich noch durch? Nur die Steinhuder selbst?
Wer als Tourist eine Unterkunft hat, darf durch, und natürlich alle, die in Steinhude und der übrigen Stadt Wunstorf wohnen. Es wird nicht zwischen Steinhudern und Wunstorfern unterschieden. Nur die Tagestouristen, die für ein paar Stunden nach Steinhude möchten, dürfen dann leider nicht mehr in den Ort.

Was ist mit den auswärtigen Mitgliedern der Segelvereine?
Das prüfen wir noch. Das Problem ist: Wenn wir anfangen, Ausnahmen für unterschiedliche Gruppen festzulegen, dann wird der Kontrollaufwand so hoch, dass sich die Autos bis zur Autobahn stauen.

Was meinen Sie, weshalb die Bitte zum Verzicht auf Steinhude-Besuche nicht stärker beachtet wird?
Viele halten alles für übertrieben. Ich verweise auf Göttingen und sage: Es ist ein Trugschluss. Aber nicht jeder hat eine Terrasse und einen Garten – man will auch mal rauskommen, und Steinhude mit Wasser und Natur ist immer ein Anziehungspunkt. Außerdem denken vielleicht manche, dass es schon nicht so voll werden wird. Wenn das dann alle gleichzeitig denken, haben wir wieder Sperrungen.

Elektronische Hinweistafel
Verkehrshinweis in Wunstorf | Foto: Daniel Schneider

Über die Hinweistafeln hinaus wird es aber keine weiteren Maßnahmen geben, um potentielle Besucher abzuhalten?
Im Augenblick nicht. Wir wollen jedoch auch Hinweise über den Verkehrsfunk verbreiten. Das Problem dabei ist, dass wir mit Meldungen der regionalen Sender keine Besucher aus anderen Bundesländern erreichen.

Was wäre denkbar, wenn die Besucherzahlen im Sommer noch stärker steigen?
Dann wird es vielleicht ein generelles Betretungsverbot für Tagestouristen am Wochenende geben.

Wie wurden die neuen Corona-Regeln im Freibad Bokeloh angenommen? Funktioniert der Badebetrieb wie gewünscht?
Es gibt keine Beschwerden. Selbst wenn Steinhude voll ist, gibt es noch Kontingente. Auch das System mit dem Vorabbuchen im Internet funktioniert gut. Zu Überbuchungen ist es bisher nicht gekommen.

Das Hallenbad bleibt jedoch geschlossen?
Ja, weil das Personal nun anders gebunden ist. Wenn doch eine Gruppe in Quarantäne muss, müssen wir eine Reserve haben, um den Badebetrieb nicht vollständig einstellen zu müssen.

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Die Fragen stellte Daniel Schneider
Dieses Interview erschien zuerst in Auepost #10 (07+08/2020).

1 Kommentar

  1. Der letzte ehrenamtliche Bürgermeister war nicht W i l h e l m Meine, sondern der sehr engagierte Bürgermeister F r i e d h e l m Meine

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