Rathaus, Zimmer A 205

Ansichten eines Bürgermeisters

Über Drogenkonsum, Jugend-Gangs und gefährliche Ortsteile

Rolf-Axel Eberhardt

An der Aue wurde neulich eine erst neu errichtete Sitzgruppe wieder abgebaut, um keinen Drogenkonsumplatz entstehen zu lassen. Was ist da los?
Da besteht ein direkter Zusammenhang mit dem Schließen des Kriegerdenkmals. Schwerpunkt der Drogenszene war das Mahnmal an der Hindenburgstraße. Dort haben wir deshalb nun abgeschlossen, damit dort abends keine Treffen mehr stattfinden. Es gab viele Beschwerden von Anwohnern. Das Umfeld der Klinik ist zudem sensibel, dort werden auch Suchtkranke behandelt, deswegen hat das eine besondere Bedeutung. In der Folge hat sich das Geschehen aber in die Nähe der IGS an die Aue verlagert, zu dieser neuen Sitzgruppe. Die Polizei ist bemüht, die Sache in den Griff zu bekommen. Auf Wunsch der Polizei haben wir die Bänke daher wieder abgebaut. Sie waren auch immer sehr verschmutzt, es wurde viel Dreck hinterlassen.

Hat sich die Drogenproblematik in der Stadt verschärft?
Es gab schon immer eine latente Drogenszene in der Stadt, das ist nichts Neues. Im Moment ist es ein klein wenig auffälliger als sonst.

Wann ist die Problematik erstmals aufgetaucht?
Seit ich zurückdenken kann, gibt es das. Wo Jugendliche sind, werden auch Drogen konsumiert. Viele sind aber gar keine Wunstorfer, es kommen auch Konsumenten von außerhalb in die Stadt, wenn sich entsprechende Orte etablieren, daher müssen wir dort gegensteuern.

Die Stadt selbst hat aber keine Konzepte, das liegt in der Verantwortung der Polizei?
In erster Linie die Polizei, aber mit uns gemeinsam. Wir haben Präventionskonzepte und tagen drei- bis viermal im Jahr. Gemeinsame Maßnahmen, auch unter Einbeziehung unserer Sozialarbeiter, werden dabei verabredet.

Demontierte Sitzgruppe
Die abgebaute und nun eingezäunte Sitzgruppe | Foto: Achim Süß

Achten Sie darauf, Sitzbänke etc. nicht „zu nah an der Klinik“ aufzustellen?
Nein, das nicht, aber wir schauen generell darauf, ob die Gefahr besteht, dass sich ein sozialer Brennpunkt entwickeln könnte. Auch hinsichtlich von Lärmbelästigung. Die Bänke sind zum Ausruhen für ältere Leute und zum Verweilen gedacht. Ein Problem sind dabei aber auch die Papierkörbe: Viele entsorgen ihren Hausmüll immer noch in öffentliche Mülleimer, um Geld zu sparen. Dort bauen wir dann Papierkörbe ab, vor allem in der Nähe von Wohnvierteln, damit es nicht zur Entsorgung verleitet. So entsteht auch schnell Verwahrlosung, die weiteren Müll anzieht. So etwas ist auch auf den Wertstoffsammelplätzen zu beobachten. Das ist sehr schade, da wir eigentlich ein gutes Angebot haben. Wer hat schon so dicht eine Mülldeponie? Da ist es unverständlich, dass die Leute so gleichgültig sind.

Das ist aber nicht der Grund, weshalb an den Strandterrassen derzeit keine Papierkörbe stehen?
Nein, dort werden sicherlich noch Abfalleimer aufgestellt werden. Der Platz ist ja noch nicht fertig.

Haben Sie selbst schon einmal Drogen genommen?
Nein. Außer, wenn Sie Alkohol dazuzählen (lacht). Ich habe auch in meinen Leben noch nie eine Zigarette geraucht, in meiner Familie gibt es keine Raucher, die ganze Tendenz in diese Richtung war nie gegeben.

Ihre Kinder sind in Wunstorf auch nie mit Drogen in Kontakt gekommen?
Nein. Ob sie Angebote bekommen haben, weiß ich nicht, aber soweit ich das als Vater weiß, hätten sie sowas dann abgelehnt. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Wie vertraut ist Ihnen die Geschichte mit der berüchtigten „Barne-Gang“ in den 90er Jahren?
Sehr vertraut. Das war eine Gruppe von etwa zehn Heranwachsenden, die „Langeweile“ hatten: Mein eigener Sohn wurde von dieser Gruppe angegriffen, als er jemandem auf der Straße zu Hilfe kam, der drangsaliert wurde. Das war eine Geschichte, die auch meine Familie sehr belastet hat. Das waren aber nicht nur Jugendliche aus der Barne, doch die Gruppe hat sich dort getroffen. Dadurch ist damals auch das Projekt „Kurze Wege“ entstanden, um gemeinsam mit der Kirche Angebote zu schaffen, die für eine Einfriedung sorgten. Das hat zumindest teilweise auch funktioniert. Die Zeit hat das Problem dann letztlich gelöst, als die Jugendlichen älter wurden und wegzogen.

War es nur diese Gang, die den Ruf des Stadtteils damals beschädigt hat?
Ein Problem war auch ein einzelnes Mehrfamilienhaus, dessen Vermieter nicht auf die Klientel achtete und das viele problematische Mieter anzog. Der Bauverein kaufte das Gebäude dann und sorgte über das Mietrecht für eine Beruhigung.

Solche Eindrücke halten sich mitunter lange, es scheint sich zu verselbstständigen. Manche sprechen spaßeshalber noch immer von der „Bronx“ von Wunstorf.
Das weise ich entschieden zurück. Die Barne hat sich völlig verändert. Denken Sie an die Neubaugebiete, an die Investitionen durch die Vermieter. Das führt letztendlich dazu, dass viele verschiedene Menschen in den Vierteln wohnen und es eine gute soziale Mischung gibt. Die Leute erziehen sich dann praktisch gegenseitig selbst. Das ist alles unauffällig in den Wohnvierteln. Egal ob Barne, Oststadt oder die Ortsteile.

Es gibt also keine Stadt- oder Ortsteile, die „gefährlicher“ sind als andere?
Ich würde das verneinen. Es gibt immer mal wieder Auffälligkeiten, aber das wechselt. Auch in Steinhude gab es irgendwann einmal ein, zwei Familien, die Probleme machten, oder es wurde öfter ins Schulzentrum eingebrochen. Gegenüber anderen Städten im Umland haben wir hier jedoch generell ein vernünftiges soziales Klima. Sogenannte Brennpunktviertel gibt es bei uns nicht.

Fühlen Sie sich persönlich in Wunstorf sicher?
Ausgesprochen sicher. Dass immer etwas passieren kann, ist klar – aber wenn ich abends durch die Straßen gehe, habe ich nicht das Gefühl, dass mich Menschen böse ansehen oder verfolgen. Auch dank der Polizei, die in Wunstorf gut aufgestellt ist, können wir uns sicher fühlen. Sie macht hier einen ausgezeichneten Job. Das heißt aber nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen. Wenn es irgendwo zu Auffälligkeiten kommt, werden wir darauf reagieren.

Überwachungskameras
Kameraüerwachung (Symbolbild)

Wenn wie jüngst am Bahnhof vier Täter einen Einzelnen überfallen und auszurauben versuchen … sind das Einzelfälle?
Ja. Der Bahnhof ist auch isoliert zu betrachten. Das können zudem auch Täter sein, die vielleicht gar nicht aus Wunstorf stammen. Ein Bahnhof ist immer etwas anderes. Deshalb sind dort auch Kameras installiert, das gehört zum Sicherheitskonzept. Ich begrüße es, wenn der Kiosk wieder eröffnet, denn wenn es ganz unbelebt ist, stellt das ein gewisses Risiko dar. Wenn man jedoch überlegt, wie viel Frequentierung dort herrscht, relativiert sich das auch wieder.

Wer hat Zugriff auf die Kameraaufzeichnungen?
Das ist eine Angelegenheit der Bahn.

Könnte die Stadt selbst Kameras aufstellen, wenn sich irgendwo Kriminalitätsschwerpunkte entwickeln, also z. B. Kameras ans Rathaus hängen?
Ja, das ginge. Es gab auch schon einmal Forderungen aus der Politik, die Fußgängerzone zu überwachen, aber wir haben keinen Anlass gesehen. Theoretisch wäre das aber möglich, und ich wäre der Letzte, der das verhindern würde, wenn die Notwendigkeit dafür bestünde. Ich habe nichts gegen Kameras und hätte auch kein Problem, mich beobachten zu lassen.

Haben Sie privat Videoüberwachung am eigenen Haus?
Ja, weil bei unserem Nachbarn einmal eingebrochen wurde. Die Überwachungs-App hatte ich zunächst zu sensibel eingestellt – so wurde auch jede Bewegung einer Fliege erfasst. So hatte ich in einer Stunde 170 Alarmmeldungen (lacht). Aber wo man nicht sparen sollte, ist die Sicherheit des Hauses. Die Philosophie der Polizei ist, die Menschen derart zu sensibilisieren, dass möglichst alle das Prädikat „sicheres Haus“ bekommen. Es geht darum, die Zeit für einen Einbruch so zu erhöhen, dass Gelegenheitseinbrecher es für zu risikoreich halten, einzusteigen.

Apropos Kamera: Blitzen die Blitzer an den Ortsausgängen eigentlich in beide Richtungen?
Ja. Stadteinwärts wird aber öfter geblitzt. Es sind meist auch keine großen Geschwindigkeitsübertretungen. Meistens 10 oder 20 km/h zu viel. Mit 200 km/h haben wir noch niemanden erwischt, das ginge glaube ich auch gar nicht. Aber am häufigsten löst der Rotlicht-Blitzer an der Fußgängerampel an der Stiftsstraße aus.

Haster Kurve
Die „Haster Kurve“ | Foto: Daniel Schneider

Hat man bei der „Haster Kurve“ einmal über eine Begradigung nachgedacht?
Nein, denn viel wichtiger ist die Rutschfestigkeit des Straßenbelages. Ist der Belag abgefahren und damit nicht mehr rutschfest und wird dann bei Feuchtigkeit zu schnell in die Kurve gefahren und gebremst, rutscht der Wagen und kommt ins Schleudern. So entstehen die schweren Unfälle. Der gesamte Straßenbelag wird bis zum Ortseingang Wunstorf in diesem und nächstem Jahr erneuert – eben auch, um die Rutschfestigkeit wiederherzustellen. Dann geht man davon aus, dass diese Unfälle abnehmen.

Wie lange dauert es dann, bis der Belag dann wieder abgefahren ist?
10 Jahre sollte das halten. Es kommt natürlich auf die Nutzung der Straße an. Dasselbe Problem haben wir übrigens auch in Liethe. Rutschfestigkeit ist das A und O einer Straße.

Man wird mit der Haster Kurve also weiter leben müssen?
Warten wir es erst einmal ab, wie es sich entwickelt. Wenn es natürlich trotz des neuen Belags weiter zunehmen sollte, dann wird man darüber ernsthaft nachdenken müssen. Die Bauart lässt sich nicht so schnell ändern. Da braucht man ein Planfeststellungsverfahren, das ist alles nicht so einfach. Letztlich muss das dann die Landesstraßenbaubehörde entscheiden.

Kommt die Sitzgruppe an der Aue irgendwann wieder?
Wir werden die Situation immer wieder neu diskutieren. Ich kann mir gut vorstellen. dass wir sie in ein oder zwei Jahren wieder aufstellen. Und das Kriegerdenkmal werden wir wahrscheinlich schon bald wieder zugänglich machen, wenn es kälter geworden ist.

9dcb2edaf3084fecbd7707c30b41f0c6
Die Fragen stellte Daniel Schneider
Dieses Interview erschien zuerst in Auepost #12 (10/2020).

10 Kommentare

  1. Baut die Bänke da wieder hin! Wenn da Leute rumlungern die Drogen konsumieren, dann soll die Polizei die Leute kontrollieren, die Drogen abnehmen und verweisen. Oder man hilft denen, aber der Gedanke geht bestimmt zu weit.

    Baut die Mülleimer da wieder hin! Ja, ihr habt es richtig erkannt. Die Leute entsorgen ihren Müll dort. Wenn die Eimer voll sind, dann leert sie. Wenn das nicht reicht, dann baut mehr Eimer. Kann doch nicht sein, dass man es verwahrlosen lässt, der Müll einfach daneben liegt, nur weil man etwas Geld sparen will.

    Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass in der Hindenburgstraße am Denkmal noch immer gedealt wird. Als würde die Kette vorm Zaun was nützen. Und jeder weiß auch welche Leute das sind. Jeder weiß welche Gebäude dazu gehören. Im Ernst, das ist echt peinlich, dass die Stadt das nicht schafft. Da sind ein paar Razzien fällig.

    Und zum Rotlichtblitzer: Ich habe da erst letzte Woche ein armes Schwein gesehen, dass geblitzt wurde, weil ein Fahradfahrer mit Anhänger quer über die Kreuzung in Richtung Stadtkirche fuhr. Er konnte nichts dafür, stand einfach nur ungünstig und mache nach dem zweiten Blitz den Fehler vorzufahren, weil es sich wohl eh gedacht hat, dass es jetzt keinen Unterschied mehr macht. Dann kam der dritte Blitz.

    1. Wenn ich es am Samstag richtig gesehen habe, sind die Bänke zwischen Blumenauer Kirchweg und Auedamm wieder aufgestellt worden. Ansonsten bringen ältere Bürger ihre eigenen Sitzmöbel mit, um die schöne Athmosphäre der Aueniederung zu genießen und zu klönen.

  2. Bänke abbauen ist echt nicht die Lösung es gibt genügend Läufer,Radfahrer die sich mal hinsetzen möchten ! Jagd lieber dieses Gesindel wech und kontrolliert mal vor den wettbüros die Personen

  3. Macht den Kiosk zu dann ist Ruhe mit Dealen und Drogenverkauf. Weiß doch jeder das aus den Kiosk gedealt wird und alle schauen weg selbst die Polizei.

    1. Vor dem kiosk hängt nur Gesindel rum ! Genau wie unter der hochstrasse im Tunnel zwischen Hindenburg und gutenbergstrasse ! Und nix passiert als ob dieses Volk einen freifahrtschein hat um diese Geschäfte durchzuführen

      1. Wenn es dazu keinen Anlass oder konkrete Verdachtsmomente gibt, dann ist das auch nicht rechtmäßig – das SEK stürmt ja auch nicht einmal im Monat prophylaktisch ihre Wohnung.
        Vielleicht sollten sie das mal machen, dann würden sie sowas vielleicht anders sehen.

  4. . Genau Herr Bürgermeister, Alkoholkonsum ins Lächerliche ziehen. Das machen doch sonst nur Alkoholiker, oder Menschen die vom Alkoholkonsum profitieren. Genau Herr Bürgermeister, Alkohol subventionieren, und Lehrmittelkosten den Eltern der Schüler aufdrücken. Frei nach dem

    Motto: Ein betrunkenes Volk mit Parteibuchkarrieren ist der Politik lieber als ein gebildetes.
    Wann übernehmen Sie eigentlich einmal Verantwortung für Ihr Tun?

    1. Er zieht doch nirgendwo den Alkoholkonsum ins lächerliche. Er fragt nur ob bei Drogen auch Alkohol dazu zählt – und diese Frage ist durchaus berechtigt, denn für viele zählt Alkohol nicht zu den Drogen oder es ist den Leuten nicht bewußt, das Alkohol auch eine Droge ist. Und jeder hat schon mal ein Bier oder einen Wein getrunken oder trinkt das gelegentlich mal – insofern müßte au diese Frage also jeder mit Ja antworten, WENN Alkohol dazu zählen würde. Aber wenn es in Maßen (und nicht in Massen) genossen wird, dann ist dagegen auch nichts einzuwenden.
      Da sie hier gleich von einem amtlichen Vollsuff ausgehen, läßt doch, was ihre Gesinnung dem Alkohol gegenüber, schon tief blicken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verwandte Artikel