Rathaus, Zimmer A 205

Ansichten eines Bürgermeisters

Von Beschimpfungen, dem Briefmarkensammeln und unruhigen Nächten

Rolf-Axel Eberhardt

Herr Eberhardt, werden Sie auf der Straße manchmal beschimpft?

Ich erinnere mich, dass ich von einer Frau beschimpft wurde, als es um den Neubau des Kreiskirchenamtes ging. Obwohl ich diesen als richtig und passend empfand, hatten einige Alt-Wunstorfer erhebliche Bedenken und konnten die Entscheidung nicht verstehen. Manchmal werde ich direkt auf meinem Fahrrad angehalten und um Hilfe gebeten, wenn es Probleme mit der Stadtverwaltung gibt. Ich schreibe mir das dann auf, damit mein Büro das bearbeitet. Das sind aber keine Beschimpfungen, sondern das verstehe ich als Bürgernähe.

Es ist also von Vorteil, wenn man als Bürgermeister in der Stadt Fahrrad fährt?

Absolut. Mit dem Fahrrad bin ich schneller als mit dem Auto und auch der Bevölkerung näher. Das gehört einfach dazu, wenn man in Wunstorf lebt und die Stadt repräsentiert. Es muss ja nicht alle zehn Minuten sein, aber ich mag das direkte Gespräch mit den Menschen vor Ort.

Sie sind 1999 Bürgermeister geworden, waren zuvor stellvertretender Stadtdirektor – das ist schon eine lange Zeit, oder?

Es entsprach nicht meiner Lebensplanung, aber manchmal stelle ich mit Erschrecken fest, dass ich diesen Beruf schon so lange ausübe. Einen schöneren kann ich mir aber nicht vorstellen.

Was macht in Ihrem Job überhaupt keinen Spaß?

Termine zu ungünstigen Zeiten. Freitagmittag zum Beispiel, da laufe ich nämlich eigentlich lieber. Oder Sonntagstermine, die bereits um zwölf oder ein Uhr beginnen. Politische Probleme mit großem Konfliktpotential machen natürlich auch nicht immer Spaß.

Sind Sie ein beliebter Bürgermeister?

Das müssen andere beurteilen, ich kann nur Fakten aufzählen. 1999 stellte die SPD einen Gegenkandidaten. 2006 stellten die Grünen einen Gegner, während die SPD darauf verzichtete. Bei meiner dritten Wahl 2014 gab es dann keinen anderen Kandidaten. Da waren meine Frau und ich schon etwas verwundert. Eine Stadt mit 42.000 Einwohnern, in der viel gestaltet wird und es trotzdem keinen Gegenkandidaten gibt. Das zeigt, dass die Menschen zufrieden waren und keine Veränderung wollten.

Was sehen Sie als Ihren größten Erfolg?

Das war sicherlich der Erhalt des Fliegerhorstes 2004. Ein besonderer Einschnitt für Wunstorf, das heute anders aussähe und auch einen anderen Lärm hätte. Selbst wenn der Fliegerhorst aufgelöst worden wäre, wie ursprünglich vorgesehen, so war doch klar, dass der Flugplatz als solcher geblieben wäre – als Fusion mit dem Flughafen Langenhagen.

Und der größte Misserfolg?

Grundsätzlich bin ich mit mir im Reinen. Mittelfristig macht mir die Haushaltsdisziplin etwas Sorge und mit ihr die Verschuldung der Stadt. Mir wäre lieber, diese zu reduzieren oder zumindest nicht weiter ansteigen zu lassen. Dies ist mir nicht gelungen, und da stoße ich auch auf taube Ohren bei den Fraktionen. Es wird zwar gerne gesagt, dass man sparen möchte, aber wenn es dann zu den Lieblingsprojekten der Politiker kommt, werden keine Abstriche gemacht.

Gab es einen Zeitpunkt, wo Sie einfach die “Schnauze voll” hatten und sagten, Bürgermeister will ich nicht mehr machen?

Nein, eigentlich nicht. Aber wenn der Konflikt mit dem Schulzentrum Steinhude völlig schiefgelaufen wäre, hätte ich mich vielleicht mit dem Gedanken auseinandergesetzt. Andere mögen das anders sehen, aber ich halte die Auflösung nach wie vor für eine vernünftige Entscheidung.

Wer wird Ihr Nachfolger? Herr Piellusch, der Erste Stadtrat?

Keine Ahnung, das müssen Sie die Parteien fragen. Das kann auch ein Max Müller oder Lieschen Schulz werden. Es wird aber sicherlich mehr als nur einen Kandidaten geben, auf den sich alle einigen. Ich kenne im Moment jedoch keinen, der seinen Hut in den Ring geworfen hat. Für mich bedeutet es aber auch, dass es derzeit niemanden gibt, der sich “warmläuft” und alles besser weiß.

Hätten Sie sich gewünscht, dass der Bau der Nordumgehung schon vor zehn Jahren begonnen hätte?

Na klar. 1999 habe ich die Nordumgehung bei meinem ersten Wahlkampf versprochen. Das Oberverwaltungsgericht hat mittlerweile auch festgestellt, dass fast alles rechtmäßig erfolgt ist. Lediglich beim Artenschutz gibt es etwas nachzubessern. Da sind wir gemeinsam mit der Landesbehörde dran. Schade ist natürlich, dass das alles so lange dauert.

Wie groß ist die Verantwortung für 42.000 Einwohner in Wunstorf? Macht das manchmal unruhige Nächte?

Natürlich. Bei einigen Entscheidungen ist man doch sehr emotional. Insbesondere, wenn man zum Beispiel von seiner Frau hört: “Was ist denn das für ein großer Mist?” Das Wichtigste in meinem Amt ist jedoch, dass ich Entscheidungen treffe. Selbst eine schlechte Entscheidung ist besser als gar keine. Persönliche Anfeindungen belasten mich in der Tat, zum Beispiel die Auseinandersetzung mit dem Schulzentrum Steinhude. Aber auch die Gründung einer evangelischen IGS war ja nicht ohne Widerstände. Solche Entscheidungsprozesse führen ab und zu doch mal zu unruhigen Nächten. Aber meistens fängt mich meine Frau auf, und am nächsten Tag sieht die Sache schon wieder etwas anders aus.

Können Sie die Arbeit für die Stadt und das Privatleben trennen?

Nur bedingt. Auch, weil ich von morgens bis abends mit dieser Stadt konfrontiert werde, selbst um 23 Uhr beim Onlinezeitungslesen. Nur beim Joggen gelingt es mir, etwas abzuschalten. Wenn ich dann um 9 Uhr wieder ins Rathaus komme, geht es mit der Arbeit natürlich gleich weiter. Einige meinen ja, das Bürgermeisteramt sei ein Superjob, weil man freitags um 13 Uhr nach Hause ginge oder schon um 16 Uhr beim Feierabend mit seiner Frau auf der Terrasse Tee oder Kaffee trinken könne. Schön wäre es, aber die Realität sieht anders aus, viele Termine in der Lokalpolitik ziehen sich bis 22 oder 23 Uhr.

Was fasziniert Sie an Wunstorf?

Ich finde die Lage fantastisch. Einerseits in der Nähe einer Großstadt, andererseits gibt es einen sehr ländlichen Charakter. Die Infrastruktur ist sehr gut mit Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten oder Bildungsangeboten. Die Lebensqualität ist hoch, und ich fühle mich hier einfach unheimlich wohl mit den netten Menschen. Ich liebe Kleinstädte und würde ungerne in einer großen leben.

Sie haben einmal im Monat eine Bürgersprechstunde. Worüber kommen die meisten Beschwerden?

Meist geht es um persönliche Belange. Lärmprobleme, Streit von Bewohnern in einer Unterkunft, Abrechnungsschwierigkeiten im Sozialbereich. Natürlich auch um Straßenausbaubeiträge und Baugenehmigungen oder eben Streit unter Nachbarn. Wir versuchen dann immer zu helfen und eine Lösung zu finden. Häufig hat die Verwaltung aber ordnungsgemäß gehandelt, und dann ist der Einfluss eines Bürgermeisters begrenzt.

Was machen Sie im Ruhestand? Weltreise? Im Garten sitzen?

Das weiß ich noch nicht. Wir haben ein Haus auf Amrum, das wir dann häufiger anfahren werden. Wir werden Großeltern von Zwillingen. das werden ganz andere, spannende Zeiten. Ich würde mich gerne noch weiter für die Stadt engagieren, aber möchte mich auch nicht aufdrängen. Meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger soll nicht das Gefühl haben, dass ich mich überall einmische.

Also Sie kehren Wunstorf nicht den Rücken?

Ich werde hier wohnen bleiben, da die Stadt so schön ist und wir eine tolle Nachbarschaft und Freunde in Wunstorf haben. Ich glaube nicht, dass ich so unbeliebt bin, dass die Leute mich nicht mehr grüßen oder den Bürgersteig wechseln.

Wie viel Zeit nehmen Ihre vielen Nebentätigkeiten in Anspruch? Ist das mit der hauptamtlichen Tätigkeit eines Bürgermeisters vereinbar?

Da es sich um städtische Angelegenheiten handelt, ist es eben auch Teil meiner Tätigkeit als Bürgermeister, so wie es die Kommunalverfassung vorsieht. Es sind sicherlich viele Nebentätigkeiten, aber das bringt eine Stadt mit 42.000 Einwohnern und der Schnittstelle unterschiedlicher Landkreise mit sich. In meiner einzigen privaten Nebentätigkeit verwalte ich eine Gemeinschaft von Wohnungseigentümern, in der wir selbst Eigentümer sind.

Man sagt kleineren Männern in machtvollen Positionen nach, tyrannisch zu sein – wie etwa Napoleon. Was für ein Typ Bürgermeister sind Sie? Tyrannisch, autoritär oder kooperativ?

Ich gelte als durchsetzungsfähig. Es ist aber wichtig, sich selbst in Frage zu stellen und trotzdem entscheidungsfreudig und geradlinig zu sein. Ich hoffe, dass ich einen kooperativen Führungsstil habe. Was ich überhaupt nicht leiden kann und wobei ich sehr impulsiv werde, ist, wenn man das hintergeht – wenn man sich auf etwas verständigt und alle zusagen, später jedoch das genaue Gegenteil sagt. Aber ein Tyrann bin ich nicht. Mit der körperlichen Größe hat das nichts zu tun, sondern mit der Größe der Intelligenz. In meinem Alter hat man sich damit abgefunden. Das hat der liebe Gott so gemacht, fragen Sie die Kirche (lacht).

Sie spielen gerne Schach, Doppelkopf und sammeln Briefmarken. Haben Sie etwas davon im Büro?

Im Rathaus nicht. Das ist alles zu Hause. Das trenne ich, und dafür hätte ich hier auch gar keine Zeit. Wenn ich mal eine schöne Briefmarke von einem Brief abziehen kann, dann nehme ich die schon mal mit nach Hause. Ich lese aber auch gerne historische und Sachbücher.

Was lesen Sie aktuell?

Stephen Hawking. Kurze Antworten auf große Fragen.

Die Fragen stellten Mirko Baschetti und Daniel Schneider
Das vollständige Interview ist abgedruckt in Auepost 10/2019.

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2 Kommentare

  1. Unser A x e l ist schon o. k.
    Nachfolge: Es ist wie bei unserer Bundeskanzlerin – Keiner der Großmäuler traut sich aus der Deckung. Keiner traut sich in die großen Fußstapfen zu treten

  2. Ich bin keine “glühende Verehrerin” unseres Bürgermeisters und auch nicht CDU-Wählerin.

    Dennoch habe ich nicht wenig Respekt vor #Rolf Axel Eberhardt.
    Als Mensch sowieso: nahezu alle Menschen haben in meinen Augen Anspruch auf Respekt.

    Und mir gefällt sein Stil im Ungang mit dem politischen Gegnern.
    Insofern, dass sich auf der sachbezogenen Ebene durchaus “gefetzt” wird, letztendlich jedoch nach für alle Fraktionen zu akzeptierenden Lösungen gesucht wird.
    Diese mögen sicherlich dem einen und anderem Bauchgrimmen machen, doch oft wird dann doch ein Konsens “erstritten”.

    Ich war bei keiner Sitzung der Entscheidungstragenden dabei, genauso wenig wie bei Beschlussfassungen, so dass ich nicht beurteilen kann, ob #Rolf Axel E. nicht doch mal “mit der (seiner) Faust auf den Tisch haut”.
    Sollte die Verlässlichkeit dessen, was allgemein erzählt wird, gegeben sein, wird es sich im ‘Falle-Das’ eher um Ausnahmen handeln.

    Egal, wer Nachfolger*in wird:
    ich wünsche mir, dass weiterhin eine gute Streitkultur gelebt werden wird.

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