Ansichten eines Bürgermeisters

Von Beschimpfungen, dem Briefmarkensammeln und unruhigen Nächten

Rolf-Axel Eberhardt

 
Herr Eber­hardt, wer­den Sie auf der Stra­ße manch­mal beschimpft?

Ich erin­ne­re mich, dass ich von einer Frau beschimpft wur­de, als es um den Neu­bau des Kreis­kir­chen­am­tes ging. Obwohl ich die­sen als rich­tig und pas­send emp­fand, hat­ten eini­ge Alt-Wunstor­fer erheb­li­che Beden­ken und konn­ten die Ent­schei­dung nicht ver­ste­hen. Manch­mal wer­de ich direkt auf mei­nem Fahr­rad ange­hal­ten und um Hil­fe gebe­ten, wenn es Pro­ble­me mit der Stadt­ver­wal­tung gibt. Ich schrei­be mir das dann auf, damit mein Büro das bear­bei­tet. Das sind aber kei­ne Beschimp­fun­gen, son­dern das ver­ste­he ich als Bür­ger­nä­he.

Es ist also von Vor­teil, wenn man als Bür­ger­meis­ter in der Stadt Fahr­rad fährt?

Abso­lut. Mit dem Fahr­rad bin ich schnel­ler als mit dem Auto und auch der Bevöl­ke­rung näher. Das gehört ein­fach dazu, wenn man in Wunstorf lebt und die Stadt reprä­sen­tiert. Es muss ja nicht alle zehn Minu­ten sein, aber ich mag das direk­te Gespräch mit den Men­schen vor Ort.

Sie sind 1999 Bür­ger­meis­ter gewor­den, waren zuvor stell­ver­tre­ten­der Stadt­di­rek­tor – das ist schon eine lan­ge Zeit, oder?

Es ent­sprach nicht mei­ner Lebens­pla­nung, aber manch­mal stel­le ich mit Erschre­cken fest, dass ich die­sen Beruf schon so lan­ge aus­übe. Einen schö­ne­ren kann ich mir aber nicht vor­stel­len.

Was macht in Ihrem Job über­haupt kei­nen Spaß?

Ter­mi­ne zu ungüns­ti­gen Zei­ten. Frei­tag­mit­tag zum Bei­spiel, da lau­fe ich näm­lich eigent­lich lie­ber. Oder Sonn­tags­ter­mi­ne, die bereits um zwölf oder ein Uhr begin­nen. Poli­ti­sche Pro­ble­me mit gro­ßem Kon­flikt­po­ten­ti­al machen natür­lich auch nicht immer Spaß.

Sind Sie ein belieb­ter Bür­ger­meis­ter?

Das müs­sen ande­re beur­tei­len, ich kann nur Fak­ten auf­zäh­len. 1999 stell­te die SPD einen Gegen­kan­di­da­ten. 2006 stell­ten die Grü­nen einen Geg­ner, wäh­rend die SPD dar­auf ver­zich­te­te. Bei mei­ner drit­ten Wahl 2014 gab es dann kei­nen ande­ren Kan­di­da­ten. Da waren mei­ne Frau und ich schon etwas ver­wun­dert. Eine Stadt mit 42.000 Ein­woh­nern, in der viel gestal­tet wird und es trotz­dem kei­nen Gegen­kan­di­da­ten gibt. Das zeigt, dass die Men­schen zufrie­den waren und kei­ne Ver­än­de­rung woll­ten.

Was sehen Sie als Ihren größ­ten Erfolg?

Das war sicher­lich der Erhalt des Flie­ger­hors­tes 2004. Ein beson­de­rer Ein­schnitt für Wunstorf, das heu­te anders aus­sä­he und auch einen ande­ren Lärm hät­te. Selbst wenn der Flie­ger­horst auf­ge­löst wor­den wäre, wie ursprüng­lich vor­ge­se­hen, so war doch klar, dass der Flug­platz als sol­cher geblie­ben wäre – als Fusi­on mit dem Flug­ha­fen Lan­gen­ha­gen.

Und der größ­te Miss­erfolg?

Grund­sätz­lich bin ich mit mir im Rei­nen. Mit­tel­fris­tig macht mir die Haus­halts­dis­zi­plin etwas Sor­ge und mit ihr die Ver­schul­dung der Stadt. Mir wäre lie­ber, die­se zu redu­zie­ren oder zumin­dest nicht wei­ter anstei­gen zu las­sen. Dies ist mir nicht gelun­gen, und da sto­ße ich auch auf tau­be Ohren bei den Frak­tio­nen. Es wird zwar ger­ne gesagt, dass man spa­ren möch­te, aber wenn es dann zu den Lieb­lings­pro­jek­ten der Poli­ti­ker kommt, wer­den kei­ne Abstri­che gemacht.

Gab es einen Zeit­punkt, wo Sie ein­fach die „Schnau­ze voll“ hat­ten und sag­ten, Bür­ger­meis­ter will ich nicht mehr machen?

Nein, eigent­lich nicht. Aber wenn der Kon­flikt mit dem Schul­zen­trum Stein­hu­de völ­lig schief­ge­lau­fen wäre, hät­te ich mich viel­leicht mit dem Gedan­ken aus­ein­an­der­ge­setzt. Ande­re mögen das anders sehen, aber ich hal­te die Auf­lö­sung nach wie vor für eine ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dung.

Wer wird Ihr Nach­fol­ger? Herr Piel­lusch, der Ers­te Stadt­rat?

Kei­ne Ahnung, das müs­sen Sie die Par­tei­en fra­gen. Das kann auch ein Max Mül­ler oder Lies­chen Schulz wer­den. Es wird aber sicher­lich mehr als nur einen Kan­di­da­ten geben, auf den sich alle eini­gen. Ich ken­ne im Moment jedoch kei­nen, der sei­nen Hut in den Ring gewor­fen hat. Für mich bedeu­tet es aber auch, dass es der­zeit nie­man­den gibt, der sich „warm­läuft“ und alles bes­ser weiß.

Hät­ten Sie sich gewünscht, dass der Bau der Nord­um­ge­hung schon vor zehn Jah­ren begon­nen hät­te?

Na klar. 1999 habe ich die Nord­um­ge­hung bei mei­nem ers­ten Wahl­kampf ver­spro­chen. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat mitt­ler­wei­le auch fest­ge­stellt, dass fast alles recht­mä­ßig erfolgt ist. Ledig­lich beim Arten­schutz gibt es etwas nach­zu­bes­sern. Da sind wir gemein­sam mit der Lan­des­be­hör­de dran. Scha­de ist natür­lich, dass das alles so lan­ge dau­ert.

Wie groß ist die Ver­ant­wor­tung für 42.000 Ein­woh­ner in Wunstorf? Macht das manch­mal unru­hi­ge Näch­te?

Natür­lich. Bei eini­gen Ent­schei­dun­gen ist man doch sehr emo­tio­nal. Ins­be­son­de­re, wenn man zum Bei­spiel von sei­ner Frau hört: „Was ist denn das für ein gro­ßer Mist?“ Das Wich­tigs­te in mei­nem Amt ist jedoch, dass ich Ent­schei­dun­gen tref­fe. Selbst eine schlech­te Ent­schei­dung ist bes­ser als gar kei­ne. Per­sön­li­che Anfein­dun­gen belas­ten mich in der Tat, zum Bei­spiel die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Schul­zen­trum Stein­hu­de. Aber auch die Grün­dung einer evan­ge­li­schen IGS war ja nicht ohne Wider­stän­de. Sol­che Ent­schei­dungs­pro­zes­se füh­ren ab und zu doch mal zu unru­hi­gen Näch­ten. Aber meis­tens fängt mich mei­ne Frau auf, und am nächs­ten Tag sieht die Sache schon wie­der etwas anders aus.

Kön­nen Sie die Arbeit für die Stadt und das Pri­vat­le­ben tren­nen?

Nur bedingt. Auch, weil ich von mor­gens bis abends mit die­ser Stadt kon­fron­tiert wer­de, selbst um 23 Uhr beim Online­zei­tungs­le­sen. Nur beim Jog­gen gelingt es mir, etwas abzu­schal­ten. Wenn ich dann um 9 Uhr wie­der ins Rat­haus kom­me, geht es mit der Arbeit natür­lich gleich wei­ter. Eini­ge mei­nen ja, das Bür­ger­meis­ter­amt sei ein Super­job, weil man frei­tags um 13 Uhr nach Hau­se gin­ge oder schon um 16 Uhr beim Fei­er­abend mit sei­ner Frau auf der Ter­ras­se Tee oder Kaf­fee trin­ken kön­ne. Schön wäre es, aber die Rea­li­tät sieht anders aus, vie­le Ter­mi­ne in der Lokal­po­li­tik zie­hen sich bis 22 oder 23 Uhr.

Was fas­zi­niert Sie an Wunstorf?

Ich fin­de die Lage fan­tas­tisch. Einer­seits in der Nähe einer Groß­stadt, ande­rer­seits gibt es einen sehr länd­li­chen Cha­rak­ter. Die Infra­struk­tur ist sehr gut mit Ein­kaufs- und Frei­zeit­mög­lich­kei­ten oder Bil­dungs­an­ge­bo­ten. Die Lebens­qua­li­tät ist hoch, und ich füh­le mich hier ein­fach unheim­lich wohl mit den net­ten Men­schen. Ich lie­be Klein­städ­te und wür­de unger­ne in einer gro­ßen leben.

Sie haben ein­mal im Monat eine Bür­ger­sprech­stun­de. Wor­über kom­men die meis­ten Beschwer­den?

Meist geht es um per­sön­li­che Belan­ge. Lärm­pro­ble­me, Streit von Bewoh­nern in einer Unter­kunft, Abrech­nungs­schwie­rig­kei­ten im Sozi­al­be­reich. Natür­lich auch um Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­ge und Bau­ge­neh­mi­gun­gen oder eben Streit unter Nach­barn. Wir ver­su­chen dann immer zu hel­fen und eine Lösung zu fin­den. Häu­fig hat die Ver­wal­tung aber ord­nungs­ge­mäß gehan­delt, und dann ist der Ein­fluss eines Bür­ger­meis­ters begrenzt.

Was machen Sie im Ruhe­stand? Welt­rei­se? Im Gar­ten sit­zen?

Das weiß ich noch nicht. Wir haben ein Haus auf Amrum, das wir dann häu­fi­ger anfah­ren wer­den. Wir wer­den Groß­el­tern von Zwil­lin­gen. das wer­den ganz ande­re, span­nen­de Zei­ten. Ich wür­de mich ger­ne noch wei­ter für die Stadt enga­gie­ren, aber möch­te mich auch nicht auf­drän­gen. Mei­ne Nach­fol­ge­rin oder mein Nach­fol­ger soll nicht das Gefühl haben, dass ich mich über­all ein­mi­sche.

Also Sie keh­ren Wunstorf nicht den Rücken?

Ich wer­de hier woh­nen blei­ben, da die Stadt so schön ist und wir eine tol­le Nach­bar­schaft und Freun­de in Wunstorf haben. Ich glau­be nicht, dass ich so unbe­liebt bin, dass die Leu­te mich nicht mehr grü­ßen oder den Bür­ger­steig wech­seln.

Wie viel Zeit neh­men Ihre vie­len Neben­tä­tig­kei­ten in Anspruch? Ist das mit der haupt­amt­li­chen Tätig­keit eines Bür­ger­meis­ters ver­ein­bar?

Da es sich um städ­ti­sche Ange­le­gen­hei­ten han­delt, ist es eben auch Teil mei­ner Tätig­keit als Bür­ger­meis­ter, so wie es die Kom­mu­nal­ver­fas­sung vor­sieht. Es sind sicher­lich vie­le Neben­tä­tig­kei­ten, aber das bringt eine Stadt mit 42.000 Ein­woh­nern und der Schnitt­stel­le unter­schied­li­cher Land­krei­se mit sich. In mei­ner ein­zi­gen pri­va­ten Neben­tä­tig­keit ver­wal­te ich eine Gemein­schaft von Woh­nungs­ei­gen­tü­mern, in der wir selbst Eigen­tü­mer sind.

Man sagt klei­ne­ren Män­nern in macht­vol­len Posi­tio­nen nach, tyran­nisch zu sein – wie etwa Napo­le­on. Was für ein Typ Bür­ger­meis­ter sind Sie? Tyran­nisch, auto­ri­tär oder koope­ra­tiv?

Ich gel­te als durch­set­zungs­fä­hig. Es ist aber wich­tig, sich selbst in Fra­ge zu stel­len und trotz­dem ent­schei­dungs­freu­dig und gerad­li­nig zu sein. Ich hof­fe, dass ich einen koope­ra­ti­ven Füh­rungs­stil habe. Was ich über­haupt nicht lei­den kann und wobei ich sehr impul­siv wer­de, ist, wenn man das hin­ter­geht – wenn man sich auf etwas ver­stän­digt und alle zusa­gen, spä­ter jedoch das genaue Gegen­teil sagt. Aber ein Tyrann bin ich nicht. Mit der kör­per­li­chen Grö­ße hat das nichts zu tun, son­dern mit der Grö­ße der Intel­li­genz. In mei­nem Alter hat man sich damit abge­fun­den. Das hat der lie­be Gott so gemacht, fra­gen Sie die Kir­che (lacht).

Sie spie­len ger­ne Schach, Dop­pel­kopf und sam­meln Brief­mar­ken. Haben Sie etwas davon im Büro?

Im Rat­haus nicht. Das ist alles zu Hau­se. Das tren­ne ich, und dafür hät­te ich hier auch gar kei­ne Zeit. Wenn ich mal eine schö­ne Brief­mar­ke von einem Brief abzie­hen kann, dann neh­me ich die schon mal mit nach Hau­se. Ich lese aber auch ger­ne his­to­ri­sche und Sach­bü­cher.

Was lesen Sie aktu­ell?

Ste­phen Haw­king. Kur­ze Ant­wor­ten auf gro­ße Fra­gen.

 
Die Fra­gen stell­ten Mir­ko Baschet­ti und Dani­el Schnei­der
Das voll­stän­di­ge Inter­view ist abge­druckt in Aue­post 10/2019.

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2 Kommentare
  1. Georg GERDES sagt

    Unser A x e l ist schon o. k.
    Nach­fol­ge: Es ist wie bei unse­rer Bun­des­kanz­le­rin – Kei­ner der Groß­mäu­ler traut sich aus der Deckung. Kei­ner traut sich in die gro­ßen Fuß­stap­fen zu tre­ten

  2. Grit Decker sagt

    Ich bin kei­ne „glü­hen­de Ver­eh­re­rin“ unse­res Bür­ger­meis­ters und auch nicht CDU-Wäh­le­rin.

    Den­noch habe ich nicht wenig Respekt vor #Rolf Axel Eber­hardt.
    Als Mensch sowie­so: nahe­zu alle Men­schen haben in mei­nen Augen Anspruch auf Respekt.

    Und mir gefällt sein Stil im Ungang mit dem poli­ti­schen Geg­nern.
    Inso­fern, dass sich auf der sach­be­zo­ge­nen Ebe­ne durch­aus „gefetzt“ wird, letzt­end­lich jedoch nach für alle Frak­tio­nen zu akzep­tie­ren­den Lösun­gen gesucht wird.
    Die­se mögen sicher­lich dem einen und ande­rem Bauch­grim­men machen, doch oft wird dann doch ein Kon­sens „erstrit­ten“.

    Ich war bei kei­ner Sit­zung der Ent­schei­dungs­tra­gen­den dabei, genau­so wenig wie bei Beschluss­fas­sun­gen, so dass ich nicht beur­tei­len kann, ob #Rolf Axel E. nicht doch mal „mit der (sei­ner) Faust auf den Tisch haut“.
    Soll­te die Ver­läss­lich­keit des­sen, was all­ge­mein erzählt wird, gege­ben sein, wird es sich im ‚Fal­le-Das’ eher um Aus­nah­men han­deln.

    Egal, wer Nachfolger*in wird:
    ich wün­sche mir, dass wei­ter­hin eine gute Streit­kul­tur gelebt wer­den wird.

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