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Als Dreijährige im Koma. Heute voll im Leben.

Es ist eine der Situationen, die niemals passieren sollten – und doch vorkommen: Ein auf die Straße laufendes Kind und ein Autofahrer, der nicht mehr rechtzeitig reagieren kann. Das Kind war die heute 45-jährige Wunstorferin Tanja Chadwick. Als Dreijährige wurde sie von der Motorhaube erfasst und blieb leblos auf dem Asphalt liegen. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl.

Tanja Chadwick„An den Unfall habe ich keine Erinnerung mehr“, sagt Tanja. Auch erinnert sie sich nicht daran, wie es sich anfühlt, zu gehen, zu rennen oder zu springen. „Zum Glück“, ergänzt sie. Denn sie kennt andere Rollstuhlfahrer, die diese Erinnerungen haben, mit ihrem Schicksal hadern und daran zu verzweifeln drohen.

Sie selbst nimmt es tapfer an, und auch bei kleineren Rückschlägen verzweifelt sie nicht. „Ich bin halt ein Steh-auf-Männchen.“ Anders war es an jenem schicksalhaften Tag des Unfalls in Hannover. Sie lief auf die Straße und achtete nicht auf das Auto, das sie trotz Vollbremsung mit voller Wucht traf. Ihr kleiner Körper schleuderte von der Motorhaube zurück auf die Fahrbahn, wo sie mit dem Kopf auf die harte Teerdecke prallte. Sie blieb leblos liegen.

Es wäre besser, wenn Ihre Tochter nicht mehr aufwacht Behandelnder Klinikarzt

Der Hausarzt der Familie hatte seine Praxis gleich nebenan und eilte zu Hilfe. Er konnte Tanja reanimieren, doch sie lag noch wochenlang im Koma. Die Diagnose lautete auf Schädelhirntrauma und inkomplette Querschnittslähmung. Nüchtern sagte ein Arzt im Krankenhaus zur Mutter, dass es vielleicht besser wäre, wenn Tanja die Augen nie wieder öffnen würde. Empört, erwiderte die Mutter energisch, dass ihre Tochter auf jeden Fall leben wolle. Sie sollte recht behalten. Tanja erholte sich und fand zurück ins Leben. Doch sie musste alles neu lernen. Die Nerven am Rückenmark waren stark beschädigt, und ab dem 3. bis 4. Brustwirbel spürt sie zwar Berührungen, aber kann den Körper abwärts nicht kontrolliert bewegen. Seitdem ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen.

Staatliche Diskriminierung

Ihre Mutter hat sie früh zur Selbstständigkeit erzogen, wodurch Tanja zu innerer Stärke fand. Die half bei den Kämpfen, die sie austragen musste. Entgegen damaliger Gewohnheiten besuchte sie einen normalen Kindergarten und ging auf eine reguläre Schule. Anfang der 80er Jahre war das noch alles andere als selbstverständlich, viele Einrichtungen waren damals noch gar nicht auf Rollstuhlfahrer eingestellt.

Tanja ärgert es noch heute, dass sie vor der Führerscheinprüfung eine MPU machen musste, um zu zeigen, dass sie psychologisch fahrtüchtig ist. Das war 1996, als sie mit 22 die Fahrprüfung mit Bravour bestand. Nun fährt sie ein umgebautes Auto mit Automatikgetriebe und „Handgas“.

„Meine Mutter war meine beste Freundin“, sagt Tanja stolz. Wehmut schwingt in ihrer Stimme mit, denn ihre Mutter starb im Mai 2018 nach einem Magendurchbruch und anschließender Sepsis. Die starke Bindung ist trotz des Verlusts nicht gewichen, mit Ehemann Martin hat sie vor einigen Jahren sogar noch eine weitere starke Schulter gefunden. „Eigentlich hatte ich von Männern die Schnauze gehörig voll“, sagt Tanja schmunzelnd. Nach einigen schlechten Erfahrungen bevorzugte sie die Idee eines Single-Lebens, welches „ja auch ganz glücklich machen kann“. Doch es kam anders.

Die Tränen beim Standesamt waren nicht ihre

Bei Sonnenschein traf sie Martin in der Wunstorfer Fußgängerzone, als auch er dort einen Kaffee trank. Sie verliebten sich. Wäre sie 20 Jahre jünger, könnte sie sich durchaus Kinder vorstellen. Als die richtige Zeit gewesen wäre, hatte sie nicht den richtigen Partner an ihrer Seite, und „nun sei der Zug abgefahren“. Ihr jetziger Mann hat jedoch zwei Kinder aus erster Ehe. Als sie ihre große Liebe im Wunstorfer Standesamt heiratete, hatten die Mütter und der Standesbeamte Tränen der Rührung in den Augen. Sie jedoch fühlte sich ganz ruhig und selig. „Und ganz ohne Weinen“, erzählt sie lachend.

Ich hatte die Schnauze voll von Männern Tanja Chadwick

Sie selbst bezeichnet sich als gelassenen und zufriedenen Menschen. Das große Glück findet sie in kleinen Dingen: Zeit mit ihrem Mann, dem Hund, Freunden, Urlaub an der Ostsee. Doch der Alltag ist stressig, und manchmal ist sie so erschöpft, dass sie bereits vor dem eigentlichen Schlafengehen auf dem Sofa einnickt. Sie sei auch etwas träger geworden in den letzten Jahren und ist deswegen froh, dass ihr Mann sie manchmal motiviert. Derzeit sucht sie ein neues Fitnessstudio, das ihren Ansprüchen und Anforderungen gerecht wird. Auch hätte sie mal wieder Lust auf Disco, doch das Angebot in Wunstorf fehlt.

Ihr beruflicher Mittelpunkt ist Hannover: Seit 1993 arbeitet sie dort beim Amtsgericht als Justizangestellte, wo sie den Beruf auch gelernt hat. Um pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen, muss sie früh aufstehen. Kurz nach 4 Uhr beginnt ihr Tag, denn sie benötigt für die alltäglichen Dinge mehr Zeit, wenn sie sich in aller Ruhe und ohne Hetze auf den Tag einstellen und vorbereiten möchte. Vom Pendeln mit dem Zug hat sie Abstand genommen. Als eines Tages der Rollstuhllift am Bahnsteig ausfiel und sie auf sich allein gestellt und auch von den Bahnbediensteten keine Hilfe in Sicht war, beschloss sie, fortan mit dem Auto zu fahren.

Wunstorfs Kopfsteinpflaster macht Schwierigkeiten, die Wunstorfer nicht

Die Wunstorfer Innenstadt findet Tanja durchaus barrierefrei, nur das Kopfsteinpflaster in der Fußgängerzone bereitet ihr gelegentlich Probleme. Dennoch hält sich die Inanspruchnahme von Hilfe in Grenzen. Vor wenigen Jahren nahm sie diese im Alltag nur ungern an und wollte so selbstständig wie möglich sein. „Den Dickschädel habe ich von meiner Mutter“, schmunzelt Tanja. Mittlerweile ist sie aber dankbar, wenn Menschen ihr die Türen öffnen oder Rampen emporschieben. „Die Menschen sind entgegenkommender als gemeinhin angenommen“, sagt Tanja. „Die meisten haben keine Berührungsängste und bieten ihre Hilfe gerne an.“

In Deutschland gibt es knapp 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer und ca. 150.000 Menschen mit Querschnittslähmung. Jährlich kommen etwa 2.000 neue Fälle hinzu. Die Fälle infolge von Unfällen sind in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen, heute resultieren Querschnittslähmungen in etwa zu gleichen Teilen aus Erkrankungen und Unfällen. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.


Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost 02/2020

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Mirko Baschetti

HERAUSGEBER, Chef vom Dienst und Inhaber einer Werbeagentur in Wunstorf.

1 Kommentar

  1. Meine allergrösste Hochachtung vor der jungen Frau!! Wünsche weiterhin alles Gute und viel Kraft auch der Familie. Leider weiß ich aus eigener Erfahrung daß die staatliche Diskriminierung behinderter Menschen – die in Deutschland immer noch sehr deutlich vorhanden ist – von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Genießt das Leben so gut es geht! Wünsche Euch ein weiterhin traumhaftes Miteinander!

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