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Transsexualität

Das alte Leben abgeschnitten

Ramona ist 62 und hieß einmal Rudolf Heinz Hermann. Die männlichen Genitalien sind vor kurzem weiblichen gewichen. Nach der letzten Operation im Januar 2020 und dem Eintrag ins Stammbuch ist Ramona nun eine körperlich vollwertige Frau, gesetzlich konform. Der Weg dorthin: eine lange Kette von Zweifeln, Peinlichkeiten, Missverständnissen und Leid.

Ramona fühlt sich nach ihrer geschlechtsangleichenden Operation als vollwertige Frau
Ramona fühlt sich nach ihrer geschlechtsangleichenden Operation als vollwertige Frau | Foto: Mirko Baschetti

Ramona ist Elektroinstallationsmeisterin und selbstständig. Sie sagt: „Da kommen die langen Fingernägel schon einmal in die Quere.“ Rudolf, den Ramona Stück für Stück hinter sich gelassen hat, war Betriebsleiter und betreute Großbaustellen. Er wohnte in Wunstorf und jetzt direkt am Deister. 28 Jahre lang war er verheiratet. Die Kinder sind 28, 25 und 21 Jahre alt. Sein Lebenslauf scheint auf den ersten Blick dem von Millionen zu gleichen: Rudolf ist der Stammhalter, die Eltern drängen ihn in eine klassische Männerrolle. Der Junge versucht, den Anforderungen gerecht zu werden. Nach der Schule hat er sich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, wird Oberfeldwebel. Kommentar aus heutiger Sicht: „Ich versuchte zeitlebens, ein guter Mann zu sein.“

Doch sein innerer Konflikt wächst. Eine seiner vielen Therapien offenbart später, dass Rudolf schon als Dreijähriger gern bei Tanten auf dem Schoß saß und deren Seidenstrümpfe berührte. Die Experten sprechen von transsexueller Neigung. Ramona erinnert sich heute: „Ich habe Strumpfhosen und Damenunterwäsche geliebt und auch selbst getragen.“

Vor etwa zehn Jahren ist Rudolfs Zerrissenheit so groß, dass er psychisch krank wird. Mit Alkohol, Drogen und Psychopharmaka versucht er, die Fassade aufrechtzuerhalten und weiter zu funktionieren. Ein Bekannter aus einem Nachbardorf hilft ihm, seine weibliche Seite auszuleben: Dort kann er aus einem eigens deponierten Schrank Frauenkleider anziehen und sie an Wochenenden tragen. „Mein konspiratives Zimmer“ nennt er das und hofft, so werde der Druck abnehmen. Kurzfristig eine Therapie zu beginnen erweist sich als schwierig. Fünf Therapeuten mit kassenärztlicher Zulassung weisen ihn ab. Andere wollen ihn in eine geschlossene psychiatrische Klinik einweisen. Dort landet er später, weil er sich selbst verstümmelt.

Das männliche Genital soll weg

Die Beratungs- und Arzttermine bleiben nicht unbemerkt, und es gibt Missverständnisse. Seine Ehefrau riecht weibliches Parfüm an ihm und unterstellt ihm eine Affäre. Als er sich erklärt, schlägt sie ihm vor, sich zu outen. „Meine Frau dachte einfach, ich sei ein Transvestit.“ Seine Frau ist sich dessen sicher, denn sie findet seine Damenwäsche. Das ist zehn Jahre her, aber erst vor drei Jahren verlangt sie von ihm, den Kindern die Wahrheit zu erzählen. Es gibt ein Familientreffen bei der Tochter in Berlin. Die Kinder reagieren unterschiedlich. Anfangs scheinen sie es gut aufzunehmen, doch dann gilt der Vater als peinlich. Bei der Frau sogar als „oberpeinlich“ – wegen der Nachbarschaft. Rudolf versucht, die Ehe fortzusetzen. Aber das funktioniert nicht. Er kann den Trennungswunsch seiner Frau verstehen: „Sie hat ja einen Mann geheiratet und hätte nun eine Frau an ihrer Seite.“ So kommt es 2020 zur einvernehmlichen Scheidung. Beide haben noch Kontakt, arrangieren sich wegen der Kinder. „Ich habe quasi auf alles verzichtet und bin nur mit meinen persönlichen Dingen aus dem gemeinsamen Haus rausgegangen. Ich hatte auch einfach keine Kraft.“ Eine Freundschaft wollten sie pflegen, aber dies gestaltet sich schwierig. „Die Beziehung zu den Kindern war sehr angespannt, gerade zu den beiden Söhnen. Aber sie bessert sich nach und nach.“

Seine Depression nimmt zu, und er unternimmt einen dramatischen Schritt: Er fängt an, sein Glied der Länge nach aufzuschneiden. „Ich wollte es einfach nicht mehr an meinem Körper und habe es kaputtgeschnitten“, erzählt er. Beinahe wäre er an diesen Selbstverstümmelungen verblutet. Ab diesem Zeitpunkt weiß er: „Ich bin krank und benötige dringend Hilfe.“ Er will eine „gesicherte Diagnose“: „Wer bin ich? Was bin ich?“

Brüste kosten extra

Die bekommt er schließlich: Gutachter bescheinigen Störungen der Geschlechtsidentität, Transsexualität nach ICD-10 F64.0. Die Störung sei nicht therapierbar, steht im Gutachten, und der Heilungsprozess trete eigentlich erst mit Beginn der geschlechtsangleichenden Operationen ein. Rudolf weiß, die Krankenkasse zahlt die Kosten, bis auf den Brustaufbau. „Das zählt als Schönheitsoperation und wird nicht übernommen.“

Aber alle Entscheidungen trifft der Medizinische Dienst der Kassen. Und die Gutachter müssen auch noch vor Gericht erscheinen. Er hat sich an das Amtsgericht Celle gewandt, um die Umwandlung auch juristisch zu sichern. Das Verfahren endet positiv. Rudolf ist vor dem Gesetz nun eine Frau und bekommt einen neuen Namen. „Nachdem ich aus der Tür des Amtsgerichts getreten bin, war ich gesetzlich Ramona, Geschlecht: weiblich.“ Sie bekommt eine neue Geburtsurkunde, mit einem Sperrvermerk in den Akten, eine neue Rentenversicherungsnummer, neues Bankkonto, neuen Führerschein, neue Versicherungen, neuen Personalausweis, neuen Meisterbrief mit Prüfungszeugnis. Ramona: „Ich besitze eine ganz neue Identität. Mein altes Leben gibt es nicht mehr.“

Rechtlich und operativ zur Frau

Aber der Konflikt ist noch nicht aufgelöst: Rechtlich eine Frau, körperlich noch ein Mann, fühlt sich Ramona „als Zwitter“. Der zweite Teil ihrer Umwandlung beginnt, aber die geplanten Operationen ziehen sich aus unterschiedlichen Gründen hin. Im Juni 2019 reist Ramona zur ersten geschlechtsangleichenden Operation nach München. Der Eingriff dauert fünfeinhalb Stunden. Im Januar 2020 dann die zweite, abschließende OP. „Bis auf die Hoden ist alles verbaut worden“, sagt Ramona. In vierzehn Monaten muss sie fünf Eingriffe überstehen, denn zu den beiden geschlechtsangleichenden kommen eine Nachkorrektur, eine Brust-OP und eine Verschönerung der Augenlider hinzu. Ramona ist auf einem guten Weg und nimmt die Probleme hin: Der Bart wächst noch immer und es kommt zu absurden Situationen. Ramona erhält eine Einladung zur Mammografie und gleichzeitig zur Prostatauntersuchung. Die Stimme ist tief, ein Logopäde übernimmt das Stimmtraining. Bis zu ihrem Lebensende muss sie Hormone einnehmen.

Ramona erzählt ihre Geschichte ganz offen. Das Einzige, was sie bereut, ist, dass sie nicht schon eher auf ihre innere Stimme gehört hat. Als Mann führte sie 28 Jahre lang eine Ehe mit einer Frau. Auch jetzt nach der Umwandlung gilt ihr sexuelles Interesse noch immer Frauen. „Einmal habe ich aus Neugierde mit einem Mann geschlafen, ich wurde quasi neu entjungfert“, sagt Ramona mit ihrer sonoren Stimme und lacht. „Ich kann in beiden Welten mitreden. Ich habe noch mein Motorrad, und in der Garage liegt noch meine Märklin-Eisenbahn.“ Zu ihrem vollkommenen Glück fehle ihr „nur noch eine Partnerin“.

Info

Transvestiten tragen die Kleidung des „Gegengeschlechts“.
Transgender ist der Überbegriff für jegliche Form von Menschen, die sich mit ihrem eigenen Körper nicht identifizieren können.
Transsexuelle fühlen sich im „falschen“ Körper. Viele von ihnen wollen ihr biologisches Geschlecht durch Hormonbehandlung und einem chirurgischen Eingriff vom einen in das andere Geschlecht „umwandeln“ lassen.
Intersexuell sind Menschen, bei denen das körperliche Geschlecht medizinisch weder eindeutig männlich noch weiblich ist.
Transidentität beschreibt ein natürlich bedingtes Phänomen, bei dem die Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht übereinstimmt.

Interview, Foto: Mirko Baschetti
Text: Achim Süß, Mirko Baschetti

Dieser Text erschien zuerst in Auepost #13 (11/2020)

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