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Ein todsicherer Job

Er kommt, wenn andere für immer gehen. Peter Kötz ist Sargträger in einem Wunstorfer Bestattungsunternehmen. Mit langem schwarzen Mantel und schwarzem Zylinder trägt der pensionierte Beamte mit seinen Kollegen Särge und lässt diese in die Tiefe herab.

Sargträger Peter Kötz
Sargträger Peter Kötz in seiner Arbeitskleidung | Foto: Mirko Baschetti

Oft sind es Rentner, die den Minijob als Sargträger ausführen. Jüngerer Nachwuchs ist hier nicht in Sicht. Peter ist 73 Jahre alt und übt diesen Beruf seit nunmehr 20 Jahren aus. Seine Kollegen sind zwischen 70 und 80 Jahre alt. Der gelernte Maurer ergriff 1974 die Chance, bei der Deutschen Post anzufangen. Er war es leid, permanent auf Baustellen in Hannovers Umland unterwegs zu sein. So folgte er dem Tipp seiner Frau, die bereits beim staatlichen Zustelldienst arbeitete. Nach drei Jahren legte er seine Beamtenprüfung ab, war bis 1999 bei der Post verbeamtet und für diese stets in Wunstorf unterwegs. Hier war er als Hausmeister tätig, fuhr LKW und trug Briefe mit dem Fahrrad aus.

Nach der frühen Pensionierung benötigte Peter jedoch eine neue Herausforderung. „Ich wollte einfach wieder arbeiten und gebraucht werden“, sagt er und erinnerte sich an den Wunsch seines Vaters, Särge tragen zu wollen. Aber der maß fast zwei Meter und war daher für diesen Job ungeeignet. Peter stellte sich im Januar 2000 mit der passenden Körpergröße bei einem hiesigen Beerdigungsinstitut vor. Aufgrund des steten Trägernotstands war er sofort willkommen. Nach einer kurzen Einführung packte er gleich mit an und führte Leichname aus ganz Deutschland in ihre Heimat Wunstorf zurück. Es gibt keine festen Arbeitszeiten. „Wenn das Telefon klingelt, dann geht es los. Egal ob 5 Uhr morgens oder 22 Uhr“, erzählt Peter. Dann steigt er auf sein Fahrrad und macht sich auf zur Arbeit.

Bei einer der ersten Begegnungen mit einem Leichnam musste er sich übergeben. Ein Toter hatte sich eingenässt und Körperflüssigkeiten hinterlassen. Die Eindrücke waren neu für Peter, doch er gewöhnte sich schnell an den Anblick und den Geruch toter Menschen.

Einer muss den Job ja machen

Auch wenn der Zersetzungsprozess bereits nach einem Tag einsetzt, sind körperliche Verwesungen eher selten. „Einer muss den Job ja machen“, ist seine pragmatische Antwort. Und diesen führt er auch dann routiniert aus, wenn er Bekannte oder Freunde bestattet. Das kommt häufiger vor, als ihm lieb ist. „Dann nehme ich die Angehörigen schon mal in den Arm. Ganz stumm.“

Wenn er die Toten aus den Wohnungen trägt und sich die Menschen weinend in den Armen liegen, geht er auch schon mal aus der Wohnung und raucht vor der Haustür eine Zigarette. „Bei diesen Gesprächen will ich mich nicht unbedingt beteiligen. Man darf emotional nicht alles an sich heranlassen“, sagt Peter. Doch wenn er verstorbene Kinder abholen muss, lässt auch ihn das trotz aller Routine nicht unberührt. „Eltern sollten die eigenen Kinder nicht überleben“, sagt er nachdenklich.

Er selbst ist zweifacher Familienvater. 1961 lernte er seine Frau auf dem Weg zur Berufsschule im Zug kennen. Sie verliebten sich, und 1964 folgte in Kolenfeld die Heirat. Da war er gerade einmal 18 Jahre alt. Seine Frau war ein Jahr jünger, so dass das Jugendamt in Neustadt einwilligen musste. „Wir ergänzen uns perfekt“, sagt Peter dankbar. „Die Liebe ist geblieben, nur eines ist weniger geworden“, schmunzelt er. Das Ehegelübde ist ihm wichtig. „Ich nehme das noch ernst. Bis dass der Tod uns scheidet. Wann das sein wird, weiß nur der Herrgott.“ Am liebsten würde der Pensionär dann abends einschlafen und nicht mehr aufwachen. „Ich hatte ein erfülltes und glückliches Leben. Immer ein Dach über dem Kopf, Arbeit und genug zu essen. Eine Frau, zwei Kinder, drei Enkel – was will ich mehr …?“, resümiert Peter.

XXL-Särge mit verstärkten Bodenplatten

Nicht immer lassen sich Leichname im Sarg aus den Zimmern tragen. Gerade in Pflegeheimen seien die Treppenhäuser und Gänge so eng, dass dort Tragetaschen benutzt werden. „Die Menschen sind in den vergangenen 20 Jahren dicker geworden“, vermutet Peter. „Da benötigen wir XXL-Särge mit verstärkten Bodenplatten. Und den Sarg müssen wir dann zu sechst tragen.“

Ich kann da nicht als Räuberhauptmann auflaufen

Wenn Leichen abgeholt werden, besteht seine Arbeitskleidung aus schwarzem Kittel und Latexhandschuhen. Bei Bedarf trägt er Mundschutz. „Wegen möglicher Keime“, erklärt Peter. Noch vor Ort kämmt er die Toten und schließt ihnen den Mund. Beim Begräbnis trägt er dann seine spezielle Berufstracht – Frack, Zylinder, Handschuhe. „Ich kann da schließlich nicht als Räuberhauptmann auflaufen“, sagt er. Dort steht er mit seinen Kollegen an der Kapelle oder der Kirche und wartet, bis die Trauerfeier vorüber ist. Anschließend marschieren sie im Gleichschritt hinein, verneigen sich vor dem Sarg, heben ihn auf die Arme, tragen ihn nach draußen und lassen ihn an Seilen in die Erde hinab. „Außer bei einer Urnenbestattung. Da benötigen wir weniger Personal“, erläutert Peter. Leichname werden dann zuvor im Krematorium in Lahe verbrannt. Aus Neugierde hat er sich bereits das Procedere zeigen und erklären lassen. „Da gibt es zwei schöne Sessel, und bei einem Glas Sekt schaut man zu, wie die Särge angefahren kommen. Die Klappe geht auf, und der Sarg wird bei einer Temperatur von 1.200 Grad in 45 Minuten verbrannt. Da bleibt nix übrig.“

Deckel drauf und zu

Seine eigene Nachsorge hat er bereits vor Jahren geregelt. „Ich lasse mich in der Urne bestatten, und dann bekomme ich eine Stele als Grabmal. Da soll der Name drauf, und dann ist die Sache erledigt.“ Auch wenn seine Arbeit der Tod sei, solle niemand Arbeit mit seinem Ableben haben. „Es ist bereits alles bezahlt. Deckel drauf und zu“, sagt er nüchtern. Über den Tod redet er zuhause selten, obwohl er sein eigentlicher Arbeitgeber ist. „Wenn ich tot bin, bin ich tot. Das Danach interessiert mich nicht.“ Dann liege er eben in einer solchen Kiste, wie er sie sonst selbst trage.

Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost 03/2020

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