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Sterbebegleitung

Vom Kreislauf des Lebens und Sterbens

Seit zwanzig Jahren ist Susanne Salaschek dabei, wenn Menschen ihre letzte Reise antreten. Die Wunstorferin ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin und stand bislang knapp zwei Dutzend Sterbenden zur Seite.

Susanne Salaschek
Sterbebegleiterin Susanne Salaschek begleitet Menschen seit 20 Jahren auf ihre letzte Reise | Foto: Sabina Kowalewski

„Wenn die letzte Phase begonnen hat, kann ich schon sehen, dass der Tod sehr nahe ist. Ich bemerke die Anzeichen, wenn das Leben aus dem Körper weicht. Der Zeitpunkt ist dennoch unberechenbar.“ Susanne Salaschek ist sich sicher, dass sie bemerkt, wenn jemand „die Welten wechselt“, noch während er atmend daliegt. „Hände und Füße werden kalt und auch blau, Flecken können auftreten. Die Atmung wird flacher, und ein typisches Rasseln setzt ein.“

Mit Sterben und Tod beschäftigte sich Susanne bereits als Zwölfjährige, nachdem sie sich von ihrer Familie von den Ritualen rund um den Tod des Großvaters ausgeschlossen gefühlt hatte. Dieses Erlebnis motivierte sie, sich stärker mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Dreißig Jahre später knüpfte sie erstmals praktisch an dieses Interessengebiet an. Durch eine Zeitungsanzeige kam sie im Jahr 2000 zum Hospizdienst nach Hannover und absolvierte dort eine einjährige Ausbildung für ehrenamtliche Sterbebegleiter. Heute ist die 62-Jährige Mitarbeiterin beim ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst „Dasein“ im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf

Ihr Weg hätte sie wohl nicht dorthin geführt, wenn es Ende der 80er Jahre keine Lehrerschwemme gegeben hätte. Denn Susanne ist studierte Gymnasiallehrerin. Nach ihrem Studienabschluss 1988 in Münster sah sie sich jedoch mit einem Einstellungsstopp im Schuldienst konfrontiert. Sie zog mit der Familie zunächst nach Letter, kurz darauf nach Wunstorf. Im Jahr 2002 konnte die Mutter von vier Kindern dann doch noch an ihr ursprüngliches Berufsziel anknüpfen und trat als pädagogische Mitarbeiterin der Stadtschule in den Schuldienst ein. Bis zum vergangenen Jahr war sie dort tätig.

Rauchen mit der Lungenkrebspatientin

Schon im Hospizdienstpraktikum ihrer Ehrenamtsausbildung lernte sie ihre erste Sterbende kennen, eine austherapierte, an Lungenkrebs erkrankte Frau. Susanne sollte sie allerdings dabei unterstützen, aus dem Hospiz heraus wieder ins Leben zu finden, da sich die Patientin erholt hatte. Die Besuche waren wichtig, da die Frau alleinstehend war. Susanne gelang es mit einer unorthodoxen Methode, ein Vertrauensverhältnis zu der Kranken herzustellen: Sie ließ sich darauf ein, mit ihr zusammen zu rauchen. Sie schauten auch gemeinsam fern, und Susanne bekam aus einem bewegten Leben erzählt. Aus ihrem ersten Kontakt wurde eine lange und intensive Begleitung. Susanne war froh, dass man auch über die Patientenverfügung gesprochen hatte. Als die Frau wieder ins Krankenhaus kam und nicht mehr anzusprechen war, wusste Susanne, dass keine intensivmedizinische Behandlung gewünscht wurde.

Auch geweint und getrauert hat Susanne schon zusammen mit Sterbenden. „Bis zuletzt sind alle Gefühle richtig, auch die Wut oder die Verzweiflung“, erzählt sie. Wenn jemand Angst habe, könne man mit ihm darüber reden, jedoch sei es nicht möglich, Ängste „wegzutrösten“. Stattdessen kann sie durch das Gespräch helfen, mit der Angst umzugehen. Menschen, bei denen der Sterbeprozess länger dauere, hätten mehr Zeit, sich auf die unvermeidlichen Veränderungen des Körpers einzustellen. Das bedeute auch nicht unbedingt weniger Angst, aber Susanne glaubt, dass es hilft, an der Situation zu wachsen und das Geschehen anzunehmen.

Sterben ist Teil der Natur

Susanne ist nicht nur ehrenamtliche Sterbebegleiterin und Lehrkraft, sondern auch Wildnispädagogin. Für sie gibt es einen Zusammenhang zwischen der Arbeit in der Natur und der Sterbebegleitung: „Die Natur ist ein fortwährendes Entstehen und Vergehen.“ Ein Sterbeprozess erinnert sie in gewisser Weise auch an die Geburten ihrer Kinder. Während dieser war sie ganz auf sich selbst konzentriert. Ähnlich stellt sie sich das Sterben vor. Anstrengend.

Als Wildnispädagogin war sie bei Waldkinder Wunstorf e. V. angestellt. „Ich wollte Wildniswissen weitergeben. Junge Menschen mit dem Prozess von Werden und Vergehen in der Natur vertraut zu machen, ist mir wichtig, so verlieren Tod und Sterben ihren Schrecken.“ Als Naturmentorin, so bezeichnet sie sich, gehe es für sie genau wie in der Sterbebegleitung um das Dabeisein. „Ich bin in einem Musikstück die zweite Geige und nicht die erste“, erklärt sie ihre Aufgabe mit einem Gleichnis.

Noch nie den Tod miterlebt

Susanne geht, sofern sie es einrichten kann, auch zu den Beerdigungen, denn durch eine Sterbebegleitung baut sich auch ein persönliches Verhältnis auf. „Die Menschen sind mir ja auch eine Zeit über sehr nahe gewesen“, sagt sie. Beerdigungen findet sie nicht schlimm, im Gegenteil: Ihr gefällt es, wenn ein Mensch und sein Leben hier noch einmal gewürdigt werden.

Es mag überraschen, aber Susanne hat in all den Jahren der Sterbebegleitung noch kein einziges Mal am Bett gesessen, während jemand seinen letzten Atemzug tat. Oft sei sie noch kurz zuvor da gewesen, berichtet sie, manchmal aber auch erst einige Stunden danach. Sehr viele Sterbende würden sich von dieser Welt verabschieden, wenn sie ganz allein seien.

Wie Sterbende und Begleiter zusammenkommen

Auf die Frage, welche persönlichen Voraussetzungen man als Sterbebegleiter erfüllen müsse, antwortet sie: „Mensch sein!“ Ein häufiger Irrtum sei, dass man dafür besonders religiös oder spirituell sein müsse. Das stimme aber nicht. Man sollte jedoch offen sein für Gespräche über spirituelle Themen und müsse Respekt haben vor den Ansichten des Sterbenden.

Aber das Sterben kann auch unerwartete Seiten bereithalten. Susanne erinnert sich gern an eine Frau, die sich noch in ihren letzten Lebenswochen frisch verliebte. Ein Arbeitskollege der Sterbenden besuchte diese, um Abschied zu nehmen. Die beiden hatten sich bereits früher gemocht, doch nun, außerhalb des Arbeitsplatzes, verliebten sie sich plötzlich. Kurz vor ihrem Tod hatte die Frau noch sprichwörtlich Schmetterlinge im Bauch. So tragisch die Geschichte anmutet, so glücklich war sie doch auch: Während Susanne davon berichtet, ist ihr die Freude über das Erleben deutlich anzumerken.

Auf welchem Weg Menschen in eine hospizliche Begleitung kommen, sei unterschiedlich. Manche meldeten sich selbst beim Hospizdienst, weil sie unheilbar krank seien, aber Susanne hat auch schon Menschen begleitet, deren Angehörige um Unterstützung baten. Diese benötigten dann lediglich eine Auszeit, weil sie einkaufen gehen oder persönliche Dinge erledigen wollten. Dann setzt sie sich für ein paar Stunden zu einem Sterbenden. Sie nennt einfach nur ihren Namen und verschweigt, dass sie vom Hospizdienst ist, um nicht zu beunruhigen. Ausgewählt und vorgeschlagen wird ihr selbst eine Begleitung von den Koordinatorinnen des Hospizdienstes. Diese hätten ein „gutes Händchen“, die Persönlichkeiten von Sterbenden und Begleitenden abzustimmen. Für Susanne hat die Chemie bisher nahezu immer gestimmt.

Der Glaube an das Danach

Knapp zwanzig Menschen hat Susanne bislang in den Tod begleitet. Bei fast allen ist früher oder später auch die Frage aufgetaucht, was nach dem Tod komme. Nur wenige glaubten, dass es dann einfach vorbei sei, erzählt sie. Der Großteil frage sich vielmehr, wie der Übergang in eine andere Welt wohl sei. Viele hofften auch, Verwandte wiederzusehen, und die Allerwenigsten fürchteten ein jüngstes Gericht.

Kinder kämen mit dem Thema Tod besser zurecht als Erwachsene, sagt Susanne. Durch Erziehung und Sozialisation falle Erwachsenen die Auseinandersetzung schwer, Sterben und Tod blieben Tabuthemen. Manchmal merke sie, wie sie durch ihr Ehrenamt ausgegrenzt werde – weil sie sich mit den Thematiken beschäftige. Auf einer Party wurde sie einmal nach ihrem Engagement im Hospizdienst gefragt – und im Verlauf des Gesprächs wichen die anderen Gäste nach und nach vom Bistrotisch, obwohl die Unterhaltung locker und nicht belastend war.

Persönlich ist sich Susanne sicher, dass es noch eine andere Welt gibt, denn sie habe Zeichen und Antworten auf ihre Fragen von Verstorbenen erhalten. Sie selbst hat den Wunsch, sich auf ihren Tod vorbereiten zu können und will nicht abrupt, zum Beispiel durch einen Unfall, aus dem Leben gerissen werden. „Das wäre kein schöner Tod, aber letztlich habe ich ja auch keinen Einfluss darauf.“ Ob sie selbst einmal Sterbebegleitung in Anspruch nehmen würde, kann sie nicht sagen. „Fragt mich, wenn ich sterbe“, lautet ihre Antwort. Aber sie findet es gut, dass sie sich jederzeit dafür entscheiden könnte. Zum Todeszeitpunkt hat sie eine ganz unaufgeregte Haltung: „Ich lebe total gerne“, sagt sie, „aber ich bin auch so reich beschenkt worden, dass ich schon mit 40 sagen konnte, es wäre nicht schlimm, jetzt zu gehen.“

Interview: Mirko Baschetti/Sabina Kowalewski
Text: Sabina Kowalewski/Daniel Schneider

Dieser Text erschien zuerst in Auepost #10 (Juli/August 2020)

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