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Depression

Weinkrämpfe, die eine Halbzeit andauern

Patrick S. ist Einzelkind und wächst glücklich und behütet in der Familie auf. Als er mit 18 Jahren jedoch am Hölty-Gymnasium an seinem Abitur scheitert, verfällt er in tiefe Selbstzweifel und wird von Weinkrämpfen heimgesucht. Ärzte an der MHH diagnostizieren daraufhin eine Depression.

Depression: Fast täglich verkroch Patrick sich in sein Zimmer
Fast täglich verkroch Patrick sich in sein Zimmer | Foto: Mirko Baschetti

Er hatte eine glückliche Kindheit, und der bisherige Lebensweg von Patrick verlief geradlinig und ohne traumatische Vorkommnisse, die darauf hindeuteten, dass er depressiv werden könnte. Doch ein plötzlicher Ausreißer auf dem Lebensweg vermochte es, seine bisher stabilen Strukturen zu brechen. Das Scheitern der Abitur-Prüfungen, die Abweichung von persönlichen Plänen und Ansprüchen warf ihn aus der Bahn und damit aus dem Alltag – so sehr, dass Patrick kurz darauf fast täglich von Weinkrämpfen geplagt wurde und sich am liebsten den ganzen Tag verkrochen hätte.

Er spielt seit seiner frühen Kindheit leidenschaftlich Fußball, das Verlieren in der Gruppe ist ihm nicht fremd. Dennoch ist das Nichtbestehen des Abiturs die erste tiefe Niederlage in seinem Leben, die scheinbar nur er zu verantworten hat. Patrick wiederholt das Schuljahr, doch er hadert mit sich und zweifelt an seinen Fähigkeiten. „Ich wollte nur noch ins Bett und am liebsten einfach nur schlafen“, erzählt Patrick. „Oder rumliegen und nichts machen.“ Zu Selbstzweifeln und Zukunftsängsten gesellen sich fehlende Motivation, Antriebslosigkeit und eine tiefe Traurigkeit. Fast täglich verkriecht er sich in sein Zimmer und wird übermannt von seiner Trauer. Doch der Gedanke, dass er unter einer Depression leidet, kommt Patrick nicht in den Sinn. „Ich dachte, ich bin einfach öfter mal traurig“, sagt er.

Ich wollte nur noch ins Bett

Mit dem zweiten Anlauf schafft Patrick sein Abitur und beginnt eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Doch er fühlt sich nicht gut aufgehoben. Als der Betrieb ihm keinen Ausbildungsplan zur Verfügung stellt, der ihm ein gewisses Maß an Sicherheit geboten hätte, bricht Patrick die Ausbildung nach nur einem Monat ab. In seinem Kopf schlagen seine Gedanken Purzelbäume und poltern wild umher. Immer häufiger fängt er grundlos an zu weinen. Als diese „Heulattacken“ bis zu 45 Minuten dauern und in immer kürzeren Abständen erfolgen, vertraut er sich seinen Eltern an. Patrick konnte und wollte seine Traurigkeit nicht mehr geheim halten. 

Gemeinsam suchten sie den Hausarzt auf, der ihn sogleich auf eine Schilddrüsenunterfunktion testet, die manchmal  die Ursache für eine Depression sein kann. Eine Überweisung an die medizinische Hochschule Hannover folgt. Die Ärzte bieten ihm einen stationären Aufenthalt an, doch Patrick lehnt ab und hofft, dass ambulante Gespräche helfen können. Als er die richtige Psychologin findet, bessert sich sein Zustand, und seine Gefühle stabilisieren sich. Nach anfangs wöchentlichen Sitzungen benötigt er professionelle Hilfe in der Folgezeit immer seltener. Diese Gespräche gaben ihm den nötigen Halt und Auftrieb, und auch seinen engsten Freunden vertraute er sich nun an. Sie reagierten verständnisvoll und unaufdringlich. Wenn er Bedarf an Gesprächen hätte, wären sie jederzeit für ihn da. Ansonsten würden sie ihn wie gewohnt behandeln und „nicht wie ein rohes Ei“, so Patrick.

Da die Medikamente gegen Schilddrüsenunterfunktion keinen positiven Effekt auf die Depression hatten, wurden ihm während seiner besonders schlimmen Phase Antidepressiva verschrieben. Mehr als ein Jahr schluckte er diese Pillen – nicht ohne Nebenwirkung. Er bekam Heißhunger und nahm 25 Kilo zu.

Seinem jetzigen Arbeitgeber hat er sich noch im ersten Lehrjahr anvertraut. Manchmal nerve ihn jedoch, dass dann jede schlechte Laune seitens der Kollegen mit der Depression in Verbindung gebracht wird. Während er versucht, gerade nicht daran zu denken, würden die Kollegen ihn daran erinnern. Doch Patrick möchte selbst entscheiden, wann und wie ihm geholfen wird. Auch jetzt bekommt er in Prüfungssituationen enormen Stress, zweifelt schnell an seinen Fähigkeiten und setzt sich selbst enorm unter Druck. „Ich übe dann wie ein Geisteskranker“, schmunzelt er, um seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

Mittlerweile hat er jedoch mit Hilfe der Psychologin gelernt, mit Stresssituationen gut und adäquat umzugehen. Die Wendung kam, als ihm die Therapeutin sagte, dass er sich im Klaren darüber sein müsse, was für ihn gut sei, was er wolle und was nicht. Anfangs hatte Patrick noch Bedenken, doch es sei die beste Entscheidung gewesen, die er hätte treffen können. In einer „gemütlichen Wohnzimmeratmosphäre“ reden sie dann während der 50-minütigen Sitzungen. 

Manchmal ertappt er sich noch, wie er in alte Denkmuster zurückfalle, die ihn an schlimme Zeiten erinnern. Doch er hat nun ein gutes Rüstzeug an die Hand bekommen, so dass diese Gedanken ihn nicht tiefergehend negativ beeinflussen. „Ich bin flexibel geworden“, sagt Patrick optimistisch, „wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere.“

An der Volkskrankheit Depression sind derzeit in Deutschland 11,3 % der Frauen und 5,1 % der Männer erkrankt. Frauen leiden damit etwa doppelt so häufig an Depression wie Männer. Insgesamt erkranken im Laufe eines Jahres 8,2 % der deutschen Bevölkerung. Das entspricht 5,3 Mio. Menschen.

Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost #5 – 12/2019

Mirko Baschetti

HERAUSGEBER, Chef vom Dienst und Inhaber einer Werbeagentur in Wunstorf.

1 Kommentar

  1. Ich weiß was Depressionen sind, das ich das auch schon zweimal in meinem Leben durchstehen
    müssen 1998 als ich mit meinem damaligen Dienstleistungsunternehmen fast pleite gegangen wäre bin ich mit eigener Kraft und Anstrengung wieder aus der Depression rauszukommen
    Und dann vier Jahre später 2002 nachdem ich meinen Betrieb verkauft habe nach 12 Jahren ohne mir Gedanken zu machen was mir der Betrieb persönlich bedeutet, finanziell und vor allem der tägliche Kontakt mit meinen Kunden, dass war mein Baby.
    Ich bin in ein tiefes Loch gefallen mit all den Gedanken die Patrick, fehlende Motivation, Antriebslosigkeit tiefe Traugrigkeit, nur noch im Bett liegen nicht mehr aufstehen zu wollen die Decke über den Kopf ziehen zusammen gekrümmt wie ein kleines Kind pure massive Angstzuständen.
    Nicht einmal in der Lage überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen und wie Patrick “Heulattacken über Minuten hinweg gezittert am ganzen Körper und viel Abgenommen.
    Auch ich habe 2002 versucht mir Hilfe bei Psychologie zu holen in einem Beratungsgespräch der Region Hannover in Neustadt a. Rbeg die wollten mich mindesten sechs Wochen in eine Klinik nach Hamburg schicken, dass hatte ich damals abgelehnt mit der Hoffnung da allein wieder rauszukommen.

    Mit Hilfe eines meiner besten Freude habe ich es nach vier Monaten geschafft mich aus der tiefen Depression wieder rauszuholen, dass war als wenn dir jemand ein Seil recht und du ziehst dich wieder aus dem Loch. Zum Schluss möchte ich noch betonen, hätte ich die Depression noch einige Monate durchstehen müssen und vor allem ohne die Hilfe meines wirklich guten Freundes (die immer noch bestand hat) wäre ich heute vermutlich nicht mehr hier.
    Ich weiß was es bedeutet Depressionen zu haben und die zu durchleben das möchte ich nicht noch Ei drittes mal erleben

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