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Klinikclown Fanny

Der schönste aller Tage ist heute

Die 61-jährige Fanny heißt eigentlich Beate Brennecke-Köhler und gehört zu den 14 Clowns, die Kinder in Krankenhäusern der Region Hannover für kurze Zeit auf andere Gedanken bringen: weg von Verzweiflung, Schmerz und Trauer – hin zu Mut, Hoffnung und Freude.

Klinik-Clown Fanny
Beate Brennecke-Köhler alias “Fanny” ist mit Leib und Seele Clown und bringt Kinder in Krankenhäusern für kurze Zeit auf andere Gedanken | Foto: Mirko Baschetti

Bevor Beate als Klinikclown arbeitete, war sie 23 Jahre Buchhändlerin. Sie hatte bereits während dieser Zeit Auftritte als Theaterschauspielerin, doch als ihr eigenes Kind in die Schule kam, traf sie die Entscheidung, eine Ausbildung zum Clown zu absolvieren und ihren Beruf neu auszurichten. „Eigentlich wollte ich auf die Bühne, doch mein Dozent meinte, dass ich mich als Klinikclown versuchen sollte“, sagt Beate. Da sie selbst Mutter war, scheute sie anfangs jedoch ein solches Engagement, da es bedeutet hätte, sich intensiv mit kranken, verletzten oder sterbenden Kindern auseinanderzusetzen. Doch nachdem sie einen Tag in einem Krankenhaus hospitierte, musste sie nicht weiter überlegen, sondern wusste gleich, dass Klinikclown genau das Richtige für sie war.

Wie ein Huhn auf dem Bahnhof

Seit 18 Jahren arbeitet sie mittlerweile in diesem Beruf. Bei den Clinic-Clowns Hannover e. V. leistete sie damit Pionierarbeit entgegen anfänglicher Widerstände. „Professoren und Ärzte dachten, dass Clowns alles durcheinanderbringen“, erzählt Beate rückblickend.

Sie waren anfangs der Überzeugung, dass „ein Clown im Krankenhaus wie ein Huhn auf dem Bahnhof“ sei. Doch diese Bedenken konnten schnell zerstreut werden, da die Clowns sehr gut ausgebildet sind und sich stets an die Vorschriften und Regeln der Kliniken halten.

Beates Clownsausbildung an einer hannoverschen Privatschule dauerte zweieinhalb Jahre. Die Kosten trug sie selbst. Regelmäßige Fortbildungen gewährleisten einen hohen Qualitätsstandard, denn „in den Betten liegen Kinder aller Religionen, aller Sprachen und kultureller Herkünfte“, erklärt Beate.

Der Verein habe eine gut funktionierende Gemeinschaft ohne Konkurrenzdenken, denn das Ziel sei stets gleich. „Wir wollen Kindern eine Freude bereiten“, sagt Beate. In einigen Krankenhäusern arbeiten die Clowns auch zusammen. „Das Vertrauen untereinander ist sehr groß, es gibt Freundschaften.“ Auch wenn jeder Clown sein eigenes Repertoire habe, gelte bei gemeinsamen Auftritten eine eiserne Regel: „Wir sagen immer Ja, so dass wir sehr spontan aufeinander reagieren müssen.“

Während andere Clowns ihren Schabernack auch in Seniorenheimen treiben, hält sich Beate nur in Kinderkliniken auf. „Einmal begleitete ich eine Kollegin, doch ich merkte schnell, dass diese Arbeit nichts für mich ist. Es hat mich dort traurig gemacht, und auch die Rahmenbedingungen passten nicht.“

Für bis zu fünf 45-minütige Clownstunden ist Beate in einer Klinik. „Auch wenn ich mal eine Pause benötige, vergeht die Zeit jedoch im Flug.“ Dabei fragt sie nicht nach den einzelnen Erkrankungen oder Verletzungen und auch nicht, wie es den jeweiligen Kindern geht. „Ich klopfe an die Tür, stecke die Nase hinein und frage, ob ich eintreten darf. Ich begegne den Kindern unvoreingenommen, aber versuche zu erspüren, wie es dem Kind gerade geht und was ihm guttun könnte.“ Beate hat stets einen Koffer voll spaßiger Utensilien dabei, die ihr den Zugang erleichtern. Dabei bezieht sie das Kind, aber auch die Eltern und alle, denen sie vor Ort begegnet, in ihre Späße ein.

Eine andere Stimmung

„Ich bewirke, dass sich die Farbe und Stimmung in dem Krankenzimmer ändert und sorge meistens auch für eine entspannte und weniger drückende Atmosphäre.“ Dabei gehe es manchmal ganz leise, manchmal aber auch ganz wild zu. „Es ist sehr oft auch eine intime Begegnung mit ganz viel Phantasie“, erzählt Beate. „Dabei geht es nie um mich. Stets sind die Kinder die Stars.“ So versuche sie immer positive Gefühle zurückzulassen – und dass diese Gefühle weiterwirken. „Wenn ich dann zu einer 16-Jährigen komme, verdrehen sie erst einmal die Augen“, fährt Beate fort. „Aber auch dann bleibe ich und mache mich dort zum Depp, so dass diese Jugendlichen hinterher trotzdem etwas zu erzählen haben und ihre Sorgen, Traurigkeit oder Schmerz für einige Zeit vergessen konnten.“

Beate betreut Kinder von 0–18 Jahren und hat passende Geschichten für jedes Alter. Sie schöpft dabei aus einem schier unermesslichen Fundus. Sie macht keine Show und hat keine Bühne, sondern reagiert ganz individuell auf die Kinder in den Krankenzimmern. „Sie  wollen ernst genommen werden, aber sind fast immer für einen Spaß zu haben.“ Oft erzählen die Eltern Beate, was sie bedrückt, und vertrauen sich ihr an. „Das liegt vermutlich daran, dass ich nichts mit dem Krankenhaus zu tun habe und dort nicht angestellt bin, sondern eine Sonderrolle habe“, berichtet Beate. Aber auch die Kinder sprechen über Ängste und Nöte. „Nichts von dem, was zwischen den Kindern und mir geschieht oder gesagt wird, trage ich weiter.“

Es gibt Krankheiten, da werden Kinder leider nicht alt

Aber da Beate nicht nur Clown, sondern ebenso Mensch ist, geht auch ihr manches Schicksal zu Herzen. „Wenn ein Kind im Sterben liegt, zu dem man vorher monate- oder jahrelang eine Beziehung aufgebaut hatte, macht es traurig, und das nehme ich manchmal mit nach Hause“, sagt Beate nachdenklich. „Ich bin ja selber Mutter, und ich denke dabei in solchen Momenten gerade auch an die Eltern oder Geschwister. Für die Kinder selbst ist es dabei oft eine Erlösung.“ Während Jugendliche genau wüssten, dass ihr Leben bald zu Ende sei und auch darüber sprechen, sei Kleinkindern die Wahrnehmung der eigenen Endlichkeit nicht bewusst. „Es gibt Krankheiten, da werden Kinder leider nicht alt“, sagt Beate leise, „aber die wohnen jetzt in meinem Herzen.“

Dankesbriefe und Bilder

Von den Eltern erhält sie oft Dankesbriefe, und Kinder malen ihr Bilder. „Mein Postfach ist stets gefüllt“, schmunzelt Beate. „Ich habe den weltbesten Beruf. Ich merke sofort, dass ich etwas richtig mache, wenn ich in den Krankenzimmern bin. Oder falsch.“ Denn Kinder seien sehr ehrlich, und Beate bekommt eine direkte Rückmeldung. „Es ist fast immer so, dass Eltern und Kinder sich freuen, wenn ich komme“, fährt Beate fort. „Toll, wenn man einen Beruf hat, in dem man erwünscht ist.“

Wenn ein Kind keinen Besuch möchte, dann werde auch das sofort akzeptiert. „Es gibt auch Kinder, die Angst haben, z. B. weil sie den Film ‚ES‘ gesehen haben“, erzählt Beate.

Oft ist es dann so, dass sie bei ihrem nächsten Besuch doch ins Zimmer gelassen wird, „weil die Kinder merken, dass sie die Zügel in der Hand haben und selbst entscheiden“.

Für Clowns ist jeder Tag der schönste Tag im Leben.

Das knallig gelb-rote Outfit ist ihr Markenzeichen und Beate hat das Kostüm seit 18 Jahren nicht verändert. „Ich benötige schließlich ganz viele Taschen und muss beweglich sein.“ Ein Ende ihres Clown-Daseins ist nicht in Sicht, aber dennoch zieht sie zu jedem Jahreswechsel ein Resümee. „Solange sich alles richtig und gut anfühlt, werde ich diesen großartigen Beruf ausüben.“

Mittlerweile sind Klinik-Clowns bundesweit etabliert. „Das war zu unseren Anfangszeiten noch nicht so, doch mittlerweile werben die Krankenhäuser sogar damit, dass sie Clowns haben“, erzählt Beate. Häufig werde sie gerufen, wenn Kinder sich bei Untersuchungen nicht beruhigen lassen. „Ich lenke Kinder gerne ab, aber ich lasse mich nicht einspannen, um Kinder auszutricksen.“ Es funktioniere oft, dass die Kinder sich ablenken ließen, doch manchmal sei der Schmerz so groß, dass er überwöge. „Aber dann haben die Kinder zumindest die Gewissheit, dass ich einfach für sie da bin“, sagt Beate.

Sensibler Clown

Es gibt allerdings auch Situationen, die nur schwer zu ertragen sind. Beate erinnert sich an das Kleinkind, bei dem mehrmals der Versuch scheiterte, einen Zugang zu legen. „Die Eltern hielten es nicht mehr im Krankenzimmer aus, und auch mir wurde ganz schwindelig, da man dann sehr mitleidet“, sagt Beate bewegt. Als Clown müsse man sehr sensibel sein, da Menschen sich häufig in Ausnahmezuständen befinden. „Dann bin ich manchmal ganz, ganz leise und bin mehr für die Eltern als für die Kinder da. Dann bin ich die weltbeste Zuhörerin.“ Dabei sagt sie nichts zur medizinischen Situation oder zur Diagnose. „Das ist nicht mein Job“, erklärt Beate.

Ihr Repertoire beinhaltet Singen, Zaubereien, Geschichten erzählen, Tiere erraten, Schwerter, Luftballons, Puppen, Dinge zum Drücken, Knuddeln, Ziehen und noch viel mehr. Auch wenn man ihr die Emotionen im Gesicht ablesen könne, sei sie doch weniger Grimassenschneiderin.

Manche Kinder freuen sich, wenn Beate stets das Gleiche in ihrer Requisitentasche hat, andere wiederum finden es sehr spannend, wenn sie beim nächsten Besuch Neues mitbringt.

„Durch meinen Beruf bin ich sehr viel ruhiger und gelassener geworden“, erzählt Beate abschließend. „Eine rote Ampel würde mich nicht mehr aufregen“, denn sie habe gesehen, was wirklich wichtig ist auf Erden und das seien nicht Geld und Erfolg, sondern Gesundheit. „Ich habe begriffen, wie endlich das Leben ist und dass man jeden Augenblick genießen muss.“

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