Kreativraum Wunstorf

Oliver Struwe, Tätowierer

Eine ehrliche Haut

Tätowierer kommen und gehen in Wunstorf, es ist viel Bewegung im Markt. Doch einer von ihnen ist schon zwanzig Jahre in Wunstorf ansässig. Immer am selben Ort, in seinem Studio in der Hindenburgstraße.

Oliver Struwe
Der Oldschool-Tätowierer Oliver Struwe | Foto: Mirko Baschetti

Vor 23 Jahren hat er angefangen mit dem Tätowieren, zuvor arbeitete er in vier anderen Berufen, hat Heizungsmonteur und Funkelektroniker gelernt. Zum Tätowieren sei er zufällig gekommen, erzählt Struwe mit Berliner Akzent – er stammt aus Spandau. Handwerklich-künstlerisch war er schon immer gut, er habe ein natürliches Verständnis für Farben, Formen, Licht- und Schattenwirkungen. Das Wort „künstlerisch“ mag er aber eigentlich nicht, das klinge so nach Malerei. Kreativ, mit diesem Attribut kann er sich anfreunden. Das Kreative sei aber nicht das Stechen des Tattoos selbst, sondern die Anpassung des Tattoos an den menschlichen Körper. Alles andere sei Handwerk.

“Ich glaube, ich bin der spießigste Tätowierer.” Oliver Struwe

Und das beherrscht er, wie die vielen Fotos an den Wänden verraten, die ausschließlich seine Werke zeigen. Wenn jemand Referenzen sehen will, muss Struwe keine Mappe hervorholen. Er braucht nur an die Wand zu zeigen. Ob er mehr Handwerker oder mehr Künstler sei, diese Grenze will er nicht ziehen. Auch Leonardo da Vinci sei ein großer Handwerker gewesen. Und auch Handwerk sei Kunst.

Der Musketier unter den Tätowierern

Nicht alle Tätowierer sind Schläger oder Rocker, auch wenn dieses Image oft gepflegt werde. Er selbst sei ein überaus strukturierter und bodenständiger Mensch, ein typischer Deutscher. Er habe immer eine Krankenversicherung gehabt, in die Rentenversicherung eingezahlt. Die Akribie und Zuverlässigkeit gilt auch seiner Arbeit: Struwes Utensilien sind sauber geordnet. Durcheinander gibt es bei ihm nicht, obwohl sein Laden auf den ersten Blick unübersichtlich wirkt. Das liegt daran, dass er dem Studio auch seine Persönlichkeit aufgedrückt hat. Eingerichtet hat er den Laden damals im amerikanischen Stil, weil es ihm gefiel. Es gebe Leute, die wären Tattoostudios in steriler, gefliester Atmosphäre gewöhnt, die sagten, bei ihm sehe es aus wie in einem Kramladen. Doch seine Kunden fühlten sich wohl, gerade weil sein Studio voller Erinnerungen sei.

Wenn er es sich aussuchen könnte, würde er am liebsten der fünfte Musketier sein. Alle für einen, ein Mann – ein Wort. Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit sind ihm überaus wichtig. Struwe ist sehr direkt und ehrlich, auch zu Kunden. Das bringt ihm nicht unbedingt immer Freunde ein. „Mit dem Charme einer Kettensäge“ habe mal jemand über ihn gesagt. Als einmal eine kleine, etwas fülligere Kundin vorbeikam, auf ein Foto einer schlanken Ein-Meter-neunzig-Blondine mit Ganzkörpertattoo zeigte und genau dasselbe wollte, habe er ihr dringend abgeraten. Ein Tattoo müsse immer zum Menschen passen, sonst wirke es später nicht. Die Frau kam nie wieder und erzählte stattdessen herum, dass Struwe sie beleidigt habe.

“Ich bin da wirklich oldschool.” Oliver Struwe

Wer sich bei Oliver Struwe ein Tattoo stechen oder piercen lassen möchte, nimmt ganz klassisch Kontakt zu ihm auf. Man fährt vorbei oder ruft ihn an. Einen PC oder Internet hat er nicht. Sein Handy ist noch eines mit Tasten. Die Webseite haben die Söhne gemacht. Auch bei der Arbeit geht es analog zu. Viele Studios arbeiten heute mit PCs bei der Tattooauswahl, bei ihm ist alles noch Handarbeit. Die Motive trägt er mit Schablone auf, über eine hautfreundliche Folie. Danach ist das sogenannte Stencil auf der Haut, dann werden die Linien mit der Nadel nachgezeichnet. 350 Euro kann z. B. ein Porträt kosten. Billige Farben und Nadeln findet man bei ihm nicht. Je günstiger die Nadeln sind, desto mehr tue es weh, sagt er. Vom Baukastenprinzip rät er ab, denn das erfordert doppelt und dreifach Nadeln und Farbe. Je größer das Tattoo am Stück wird, desto günstiger wird es. Ein Tattoo verändert sich mit der Zeit, das ursprüngliche Schwarz wird grün-bläulich. Das habe aber nichts mit verblassender Farbe zu tun, sondern mit den darüberwachsenden Hautschichten, erklärt Struwe. Das Tattoo verkapsele sich. Bei Kratzern wird die ursprüngliche Farbe dann wieder sichtbar.

Ein Fußsohlentattoo tut richtig weh

Je klarer die Vorstellung der Kunden zum gewünschten Motiv sei, desto besser. Am liebsten macht er filigrane Arbeiten und große Tattoos. Schriftzüge, Schattierungen, realistische Motive. Extravagante Dinge, z. B. am Ohr oder unter dem Fuß, seien schwer zu stechen, das verursache richtig Schmerzen. Hals, Handflächen, Fußsohle oder auf Knochen und alles im Rippenbogen zählen zu den schmerzempfindlichsten Stellen. Seine älteste Kundin bisher war 73, sie ließ sich einen Schmetterling stechen. Der jüngste Kunde war 16, er brauchte für das Tattoo die Einverständniserklärung der Eltern. Abgebrochen habe noch nie jemand eine Sitzung, nur einmal habe jemand unmittelbar vor dem ersten Stich einen Rückzieher gemacht. Köche lassen sich oft tätowieren, aber auch Polizisten, Rechtsanwälte, Krankenschwestern – es gehe quer durch alle Schichten und Berufe. Am meisten wird im Sommer tätowiert. Wenn die Leute aus dem Urlaub kommen, dann wollen alle plötzlich ein Tattoo haben.

Früher kamen die Leute mit Respekt, hätten es als Kunst gesehen, Heute hört er bisweilen „Alter, kannste nicht mal machen?“ Zu ihm kommen auch viele, die bereits Billigtattoos haben. Die erkenne sogar der Nichtexperte, sagt er. Der Spruch „Die Kunst, die unter die Haut geht“ sei nämlich eigentlich falsch. Die Farbe müsse in die Mitte der Haut. Wenn man zu tief tätowiere, dann würden die Tattoos verschmieren oder vernarben. Er hat schon viel Pfusch gesehen. Bei Preisverhandlungen zeigten manche auf ihr schon vorhandenes angebliches 30-Euro-Tattoo, bei dem Struwe sofort sieht, dass es das Fünffache gekostet hat.

Keine Männertattoos unter der Gürtellinie

Betäubungsmittel dürfen nicht eingesetzt werden beim Tätowieren oder Piercen, manche würden das umgehen, indem sie sich vom Arzt oder Zahnarzt vorher heimlich eine Spritze abholten. Doch sich mit einer Nadel stechen zu lassen, um später keine Nadelstiche mehr zu spüren, hält Struwe für Unsinn. Außerdem verschlimmere es die Blutung, das sehe er immer wieder. In Mode seien aktuell Brustpiercings, Intimpiercings sind seltener, auch die macht Struwe – allerdings nur bei Frauen. Ein männliches Genital könne er nicht in die Hand nehmen, das wäre nicht seins. Frauen entschieden sich bei Tattoos im Schambereich oft für Sterne, Flammen oder Rosen, aber manchmal auch für sehr seltsame Dinge. Eine Frau wollte lauter Fliegen tätowiert haben, eine andere schwarz-gelbe Schamlippen. Oder einen Gartenzwerg mit einer leeren und einer vollen Schubkarre auf dem Hintern. Auch wenn Struwe eine klare Meinung hat und sie auch äußert – der Kunde entscheidet.

Die Motivation der Menschen für ein Tattoo sei sehr unterschiedlich. Manche wollten zu etwas stehen oder etwas sehr Persönliches haben, andere wollten etwas kaschieren. Struwe selbst trägt unter anderem die Zahl 13 als Tattoo. Das sei die Glückszahl im Tätowiergewerbe, aber bei ihm stünde sie für ein persönliches Datum. Das Tätowieren ist Struwes Leben. Er müsse das tun und würde verrückt werden, wenn er sich die Arme brechen würde. Anhand des Tattoos könne er zu 99 Prozent sagen, wie die Wohnung des Trägers aussieht, wie er lebt, was er für eine Einstellung hat, welchen Sport er treibt.

Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost 12/2019

2 Kommentare

  1. Olli ist schon ein “abgefahrener Kerl”. Hab mich auch von ihm stechen lassen… die ganze Familie eigentlich… die Tattoos sehen auch heute noch sehr gut aus! Alles Gute weiterhin !!

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