Kreativraum Wunstorf

Seit 10 Jahren die BH-Sammlung vervollständigt

Testicles
Machen ihrem Bandnamen alle Ehre: Die Testicles | Foto: privat

„Hier mockert der Schuppen aber ordentlich nach Testosteron“, entfuhr es ihnen, als sie nach einer Zigarettenpause ins zum Probenraum umdeklarierte Wohnzimmer zurückkehrten. Doch daran waren Julian Hinze und Steven Palumbo selbst schuld, denn hier hatten sie kurz zuvor ihre erste gemeinsame Jam-Session abgehalten. Die flirrende Hitze von schweißdurchtränkten Männer-T-Shirts schwängerte die Luft und ließ keinen Zweifel aufkommen, dass sich hier zwei gefunden hatten, die sich gut riechen können: Musikalisch gesehen, versteht sich. Bassist Matthias Riemann und Drummer André Kraml kamen hinzu.

Damit stand dann auch der Bandname schon fast fest. The Testosterons wäre zu offensichtlich gewesen, daher wählte man für eine etwas subtilere Selbstbezeichnung, aber immer noch mit klarem Bezug zur Männlichkeit: Die Testicles (engl.: Hoden) waren aus dem Sack. Daran änderte sich auch nichts, als vor einem halben Jahr Sängerin Lisa Jette zur Band stieß und mit ihren 26 Jahren den Altersdurchschnitt der Mittdreißiger-Bandkollegen drückte. „Sie macht sich echt gut in unserem Verbund“, sagt Steven. Mit all der Männlichkeit habe sie keine Probleme – vom Fußballverein und bei der freiwilligen Feuerwehr sei sie schon gewohnt, auch mal auszuteilen bzw. einzustecken.

Exzesse verwundern

Einstecken können muss auch Steven, und zwar das Hemd in die Anzughose, wenn er nach dem Gig wieder in seinen bürgerlichen Beruf schlüpft. Jenseits der Bühne arbeitet der 34-jährige Familienvater ganz seriös und bieder im Vertrieb für Nutzfahrzeuge. Während andere in ihrer Freizeit normalerweise den entspannten Ausgleich vom stressigen Job suchen, ist es beim Testicles-Frontmann genau umgekehrt: Die Band ist für ihn auch ein Ventil, um dem Alltag zu entkommen und mal richtig Gas zu geben: „Ohne die Musik würde ich meinem Job wohl nicht so nachgehen können“, sagt er. Ähnlich geht es auch den anderen Testicles.

Harter Rock, keine Kompromisse, einen Mordsspaß auf und neben der Bühne, so sehen die fünf ihren Stil. Musik „mit Eiern“, rotzig und vor allem laut. 10 Jahre sind die Testicles schon auf den Bühnen, 2019 wurde das erste runde Bandjubiläum begossen. Beim Altstadtfest spielten sie zuletzt vor rund 1.500 Menschen, doch die Größe des Publikums ist zweitrangig: „Am Ende ist es dann egal, ob 50 oder 1.500 Leute da sind. Wenn wir es schaffen, den Funken überspringen zu lassen, dann macht jedes Konzert einfach mega Bock“, sagt Steven.

Am besten funktioniert das, wenn die Band Kontakt mit dem Publikum aufnimmt. Vor allem er sieht sich mehr als Entertainer denn als Sänger, wundert sich aber über die Exzesse: „Da kann es dann auch dazu kommen, dass in voller Ekstase blanke Brüste vor der Bühne auftauchen oder uns BHs zufliegen. Das ist schon verrückt, so als Coverband.“ Sein Idol? Dave Grohl. Mit den Foo Fighters würde er am liebsten die Bühnen der Festivals abreißen. „Ich glaube, da schließen sich die Jungs an, auch wenn es bei Julian wohl eher Slash von Guns n’ Roses wäre.“

Sorry!

Der Fankontakt kennt aber auch unangenehme Seiten. Bei einem der letzten Konzerte stand eine junge Frau mit einem etwas gelangweilten Gesichtsausdruck in den vorderen Reihen. Etwas vorschnell sprach Steven sie publikumswirksam darauf an, und alle Augen richteten sich auf sie. Ein sehr peinlicher Moment für alle. In der Spielpause wollte sich Steven entschuldigen, doch das Mädchen war schon weg. Sollte sie zufällig mitlesen: Die Band bittet auf diesem Wege um Entschuldigung!

Wenn dem Publikum der Testicles nicht gerade die Gesichtszüge entgleisen, dann ist es wie die Band selbst überaus feierwillig, erzählt Steven: „Wir haben es in den Anfangsjahren öfter mal geschafft, die ein oder andere Kneipe leerzuspielen. Die Besucher waren noch da … aber Schnaps und Bier waren alle.“ Die Gastronomen hätten sich mittlerweile darauf eingestellt.


Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost 10/2019

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