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Character Designer Hakan Akögretmen

Tarzan war schuld

Er liebt Trickfilme und hat gern gezeichnet als Kind. Ganz normal, behauptet Hakan Akögretmen. Der Unterschied? Er ist drangeblieben. Heute ist er 3D Character Designer, arbeitet für große Filmstudios und ist letztes Jahr von Berlin nach Wunstorf gezogen.

Hakan Akrögretmen
Zeichnet, modelliert und animiert in seinem Atelier: Fast-Oscarpreisträger Hakan Akrögretmen | Foto: Mirko Baschetti

Das Grüffelokind, die Olchis, Drachenreiter, Konferenz der Tiere. Filme, die fast jedes Kind kennt. Figuren, die Hakan Akögretmen gezeichnet, designt und entwickelt hat. Auch der blaue Ferrero-Hase auf den Osterpackungen ist von ihm. Seit fast zwanzig Jahren ist er jetzt selbständig, seine Auftraggeber sind internationale Filmstudios.

Mittlerweile muss er nicht mehr direkt in den Studios arbeiten. Die letzten drei Jahre hat Hakan seine Figuren von zuhause aus entworfen. Erst in Berlin, jetzt in Wunstorf. Anfang Februar ist der 39-Jährige zurückgekommen. „Das hatte mehrere Gründe. Einmal die Sehnsucht nach der Familie, die letzten zwanzig Jahre war ich weg oder unterwegs. Dann kam noch Corona. Jetzt arbeitet er in deren ehemaligen Ladengeschäft in der Langen Straße 72. Mutter Fatma ist nach 31 Jahren im Einzelhandel mit „Piccobello“ nun im Ruhestand, und Sohn Hakan hat kurzerhand im ehemaligen Damenmodengeschäft sein Studio eingerichtet. Auf den Fensterbrettern in den Schaufenstern sind seine Zeichnungen zu betrachten.

Kreativität in der Familie

Das Künstlerische liege in der Familie, sagt er. „Wir haben alle eine Affinität zur darstellenden Kunst.“ Zu seiner Familie gehören noch ein großer Bruder und eine große Schwester, Hakan ist das Nesthäkchen. Seine Schwester ist Bauzeichnerin und lebt in Hannover. Sein Bruder hat Architektur studiert. In Hakans Kindheit war er sein großes Vorbild. Hakan ist immer in sein Zimmer geschlichen und hat sich seine Mappen und Zeichnungen angeschaut.

Auch seine Mutter sei sehr kreativ gewesen, auf ihre Art. „Ihr Laden, ihr Geschmack, der Umgang mit den Kunden, da gehört auch viel Kreativität dazu. Mein Vater ist handwerklich begabt, ich bin also ein Mix aus Kunst und Handwerk“, lacht er.

Kind der Achtziger

Hakan ist ein waschechter Wunstorfer, ist zur Scharnhorst-Realschule gegangen. Als Kind der Achtziger wuchs er mit Zeichentrickfilmen auf. Bim Bam Bino, japanische Anime-Filme, Tele-5-Sendungen, Disney. Er hat gern selbst etwas entwickelt, nicht abgezeichnet oder nachgezeichnet, sondern eigene Figuren entworfen. Manchmal hat er auch wieder damit aufgehört und ist stattdessen lieber zum Kung Fu oder Taekwondo gegangen. „Es war eher wie ein Hobby für mich, wie Fußballspielen. Der Schlüssel war nur, dass ich nie aufgegeben habe. Ich hab mir immer gesagt: Es ist möglich, also möchte ich es auch“, so Hakan.

Es ist möglich, also möchte ich es!

Irgendwann hat er einen Trickfilm gesehen, der ihn so sehr gepackt hat, dass er entschied: Das ist es. „Das war Tarzan von Disney, und ich war sechzehn oder siebzehn“, erinnert er sich. Er recherchierte im Internet und schrieb echte Profis an, die dann tatsächlich geantwortet haben – einer aus den USA. Zurück kamen zweiseitige E-Mails mit einer Anleitung, wie man das Ganze am besten angeht. Sein Berufswunsch wurde für ihn zur Motivation, sich in der Schule schlagartig zu verbessern. „Ich wusste, anders geht es nicht, wenn ich das machen möchte. Meine Eltern haben sich sehr gewundert, wie so etwas geht!“, schmunzelt er.

Jobangebot von Ferrero im dritten Semester

Nach dem erweiterten Realschulabschluss ging es zur Fachoberschule für Gestaltung nach Neustadt. Dann zur Fachhochschule für Multimedia nach Hannover. Dort hat er Design studiert – aber nicht zu Ende. Im dritten Semester bekam er ein Jobangebot von Ferrero. Ein paar Arbeiten von Hakan auf einer Studentenseite im Internet gefielen dem großen Süßwarenhersteller so sehr, dass er als Überraschungsei-Designer anfangen durfte. „Ich habe Spielzeuge, Oster- und Weihnachtsverpackungen designt“, erzählt Hakan. „Inoffiziell hörte mein Studium nach dem dritten Semester schon auf.“

Irgendwann wollte er seinen großen Traum realisieren. Die Zeit der 3D-Animationsfilme war angebrochen. Toy Story lief im Kino. Bei Ferrero schloss er noch die Ostersaison ab, dann bewarb er sich als Trainee in einem Trickstudio in Köln. Dort wurden Kinderserien wie Molly Monster entworfen. Hakan startete als Posenzeichner. Von 2D ging es dann schnell zu 3D. Als Character-Modellierer setzte er beim Ambient Animationsstudio in Hannover, einem der größten Studios für reine 3D-Trickfilme, fertige Designs in 3D-Figuren um.

Fast Oscarpreisträger

Aus Berlin kam dann das Angebot für „Revolting Rhymes“ – Zeichentrickgeschichten von Roald Dahl – als leitender Artist für die Umsetzung der Figuren in 3D. Im Jahr 2018 wurden die Geschichten oscarnominiert. „Wir haben aber nicht gewonnen. Wir waren da in einer ziemlich großartigen Runde“, lacht er.

„Am liebsten mache ich ständig etwas anderes. Ich brauche diese Abwechslung, sonst rostet meine Kreativität irgendwann ein“, sagt er. Als Character Designer kann er das. Er bestimmt das Aussehen, die Persönlichkeit, die Charakterisierung – bis hin zur Umsetzung. Wenn er einen Auftrag bekommt, zeichnet er mit Bleistift vor und erfasst das Gezeichnete danach im Grafiktablet oder im PC digital. „Ich springe je nach Gefühl vom Bleistift zum Digitalen“, fasst er seine Arbeitsweise zusammen. Für die reine Erstellung einer Figur braucht er etwa eine Woche. Sein nächster Traum: ein Videospiel.

„Die Branche ist extrem schnelllebig. Das hat man bei Disney gesehen: Durch die neue Technologie ist eine ganze Branche weggebrochen. Bei mir im 3D-Bereich nimmt Virtual Reality immer mehr zu. Deswegen beschäftige ich mich damit, weil es ein Teil meines Arbeitsalltags werden wird“, so Hakan.

Virtuelle Realität

In der virtuellen Realität interagiert er eher körperlich statt mit Tastatur und Maus. Seine Werkzeuge sind seine Hände: „Es ist wie in einem Videospiel, nicht so abstrakt wie am Computer. Ich setze meine 3D-Brille auf, nehme etwas und packe es irgendwo drauf.“ Interaktive Trickfilme, in denen man herumläuft, sind nicht mehr weit, laut Hakan. „Die Gefahr ist natürlich, dass wir dem Medium Bild und Ton schon längst nicht mehr trauen können. In jeder Entwicklung gibt es Chancen und Gefahren. Ich bin aber eher Optimist“, so Hakans Meinung.

Ich habe mich in den Gedanken verliebt, hierzubleiben.

Einen Kulturschock hat er angeblich nicht erlitten, seit er in Wunstorf wohnt. „Berlin war schön, aber auch laut, und irgendwann möchte man nach Hause“, erzählt er. Der eigentliche Plan war, wieder in Hannover zu wohnen, aber dann übernahm er die Geschäftsräume seiner Mutter als Kreativstudio. „Ich habe mich in den Gedanken verliebt, hierzubleiben. Mittlerweile ist man durch das Internet komplett vernetzt. Ich bin zur Zeit sehr glücklich, hier zu sein“, so sein Plädoyer für Wunstorf.

Ab Oktober übernimmt Hakan einen Lehrauftrag an der Hochschule Mainz. Erst einmal für ein Semester, voraussichtlich aber auch für die folgenden. „Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann mal nebenbei Portraits zu malen“, sagt er. Auch eine Figur für die Stadt Wunstorf zu gestalten könne er sich vorstellen. Am liebsten eine Figur, die man mit Wunstorf verbindet, vielleicht etwas Bäuerliches oder einen Löwen. Er ist da nicht festgelegt.

Dieser Text erschien zuerst in Auepost #13 (November2020)

1 Kommentar

  1. Bewundernswert!! Weiterhin viel Glück und Erfolg!! Leider ist mir eine solche Kreativität nicht in die Wiege gelegt worden.

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