Quartiergespräche

“Der Schiedsrichter ist immer der Arsch”

In den Auepost-Quartiergesprächen unterhielten wir uns mit Siegfried “Siggi” Lewak über Fußball und das Leben eines Schiedsrichters in der Kreisklasse.

Siegfried Lewak
Siegfried Lewak | Foto: Mirko Baschetti

Seit 40 Jahren Schiedsrichter, gerade mit der goldenen Ehrennadel des Niedersächsischen Fußballverbandes ausgezeichnet, aktiv in der Ortsfeuerwehr Wunstorf und der Südstadtkompanie. Siegfried Lewak kommt viel rum in Stadt und Land und gilt als einer von zwei Wunstorfer Schiedsrichterlegenden. Zwischen 900 und 1.000 Fußballspielen hat er seit 1979 gepfiffen.

Einer von 739

739 Schiedsrichter gibt es in der Region Hannover, die Spiele leiten dürfen, von der 4. Kreisklasse bis ganz nach oben. Ab 14 Jahren kann man Schiedsrichter werden, Nachwuchssorgen kennt man eigentlich nicht. Für Lewaks Verein in Luthe pfeifen zwei 18- und zwei 16-Jährige, die auch im Coaching-Kader gefördert werden. Doch die Unparteiischen müssen gelegentlich viel aushalten, vor allem verbal, aber nicht nur das. In der Region wurde kürzlich ein junger Schiedsrichter von einem Vater eines Fußballspielers tätlich angegriffen. Wir wollten natürlich wissen, ob Lewak so etwas in seiner Schiedsrichterkarriere auch schon einmal widerfahren ist. Das kann er verneinen, mit Zuschauern und Angehörigen hatte er in den vier Jahrzehnten nie Probleme. Verletzt wurde er aber trotzdem schon einmal:

Irgendwann in den 80er Jahren war es, bei einem Spiel zwischen Garbsen und Steinhude. Das ganze Spiel war bis dahin eigentlich freundschaftlich verlaufen, doch in der 65. Minute eskalierte es. Nach der Gabe eines Freistoßes sieht Lewak aus dem Augenwinkel, wie ein Garbsener Stürmer einen Steinhuder Spieler umstößt. Der Garbsener sieht die rote Karte. Er verlässt aber nicht den Platz, sondern kommt auf Lewak zu und versetzt ihm einen Faustschlag direkt aufs Kinn.

Wiederholungstäter

Die Garbsener Mannschaftskameraden drängen ihn sofort ab. Nun hätte Schiedsrichter Lewak eigentlich das Spiel abbrechen müssen, doch er lässt weiterspielen, weil die Partie bis dahin fair gelaufen war – und weil es in Strömen regnet. Unter der Bedingung, dass es nun wieder gesittet weitergeht. Nach dem Spiel entschuldigen sich Trainer und Kapitän aus Garbsen bei Lewak, einige Tage später erreicht ihn nochmals ein Entschuldigungsbrief des Vereins. Das sei sehr anständig gewesen, sagt Lewak. Als Schiedsrichter schreibt er einen Sonderbericht zum Spiel, und alles Weitere nimmt seinen Lauf: Der Prügelspieler wird ein halbes Jahr gesperrt, der Verein muss 250 Mark Strafe zahlen und schließt den Spieler aus dem Verein aus. Später stellt sich heraus: der Stürmer hatte just am Tag des Spiels erst eine andere 8-wöchige Sperre abgesessen.

Lernen, auf Durchzug zu schalten

Wie man es als Schiedsrichter aushält, für alle Seiten – Spieler, Trainer, Zuschauer – grundsätzlich der Sündenbock zu sein, fragen wir. “Da rein, da raus”, sagt Lewak und deutet auf seine Ohren. Als Schiedsrichter habe er sich ein dickes Fell zugelegt, und wenn Schwierigkeiten oder Randale aufkommen, müsse man klipp und klar sagen: “Wir spielen hier Fußball, rangeln könnt ihr euch hinter der Bande.” Durchsetzungsfähig müsse man sein, aber auch unbeeindruckt seinen Weg gehen und nichts persönlich nehmen. Ein deftiger Ton gehöre aber dazu. Wenn es den nicht gäbe, wäre Fußball langweilig, sagt Lewak.

“Wenn wir das nicht haben, ist Fußball langweilig.” Siegfried Lewak

Als junger Schiedsrichter habe er das auch erst lernen müssen, in einem seiner ersten Spiele als 19-Jähriger habe er am Ende gleich 10 rote Karten verteilt gehabt – weil er zu viele Beleidigungen mitangehört hatte. Das passiert ihm natürlich längst nicht mehr. Den jüngeren Rekord hält eine Partie Poggenhagen gegen Kolenfeld, bei der es 11 gelbe Karten hagelte. Lewak sieht sich selbst als gutmütigen Schiri, keinen Spaß versteht er aber auch bei “herausragenden schauspielerischen Leistungen”. Für eine schlecht dargebotene Schwalbe gibt es bei ihm gnadenlos Gelb.

22 Euro pro Spiel, manchmal eine Bratwurst

Reich wird man als Schiedsrichter nicht, es ist quasi ein Ehrenamt. 22 Euro bekommt Lewak pro Spiel als Aufwandsentschädigung. 2,5 bis 3 Stunden Zeitaufwand hat er für jedes Spiel, je nach Anfahrtsweg. Ein Auto hat Lewak nicht, er fährt mit Bus und Bahn zu den Spielen. Getränke gibt es seitens der Vereine immer, Verpflegung nur manchmal. Die beste Bratwurst bekommt er jedes Mal beim TSV Klein Heidorn, sagt Lewak mit einem verschmitzten Lächeln.

“Wenn ich ne gelbe Karte sehe, dann gebe ich ne gelbe Karte.”Siegfried Lewak

Seit Schiedsrichter kein Schwarz mehr tragen, reist er mit Trikots in allen Farben zu den Spielen. Die gelbe Karte steckt in der Hosentasche, nicht in der Brusttasche. Denn die hat einen Klettverschluss. Auf dem Platz werden die Spieler geduzt, jedenfalls bei den bekannten Mannschaften. Kommt Lewak irgendwo neu hin, dann wird auch ein förmlicherer Ton angeschlagen.

Schiedsrichter müssen fit sein

Förmlich und vor allem streng geht es auch bei den Prüfungen zu, die er als Schiedsrichter einmal pro Jahr bei der Leistungsprüfung durchlaufen muss. 100 Meter in einer bestimmten Zeit laufen, 12 Minuten Dauerlauf und Streckenlauf auf Zeit. Früher wurde das nicht ganz so streng gehandhabt, doch seit der letzten Saison wird durchgegriffen, erzählt Lewak. Den Regeltest muss man natürlich auch immer wieder bestehen – bei 30 ausgewählten Fragen dürfen nicht mehr als fünf Fehler gemacht werden.

Bis zur C-Jugend hat Siegfried Lewak selbst beim 1. FC gekickt, danach die Seiten gewechselt. Weil es damals beim FC zu wenig Schiedsrichter gab, hatte man ihn gefragt, ob er nicht Lust hätte – und er hatte. Nun aber pausiert der Wunstorfer erst einmal vom Schiedsrichterdasein – aus beruflichen Gründen. Seine Schichten als Busfahrer lassen sich nur noch schwer mit dem Fußball vereinbaren. 2027 kann er sich aber wieder vorstellen, auf dem Rasen zu stehen.

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2 Kommentare

  1. Siegfried : Schiedsrichter, der nette Busfahrer der einem auch mal mithilft beim einsteigen, Feuerwehrmann und Nikolaus es gibt wohl kaum einen Menschen der mehr gute Taten ausübt als unser siggi lewak ! Siggi weiter so nächste Runde geht auf dich dein Kumpel Basti

  2. Bei dieser wirklich gelungenen Darstellung des teils knochenharten Jobs eines “Pfeifenden”
    – letztendlich auch durch #Siegfried L. selbst- finde ich es noch ärgerlicher, dass diese hauptsächlich über das Ehrenamt Aktiven, bei als Fehlentscheidungen wahrgenommenen “Pfiffen” oftmals übelst angegangen werden.

    Fairness und sportliches Verhalten ist etwas gänzlich anderes.

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