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Schulsozialarbeiter Moritz Dockhorn

„Für Schüler ist schwierig zu unterscheiden, was wichtig und was unwichtig ist“

Sorgen und Nöte von Schülern, katastrophaler Umgangsstil in Chats und ein Modellcharakter des Wunstorfer Schulsozialnetzwerkes: Moritz Dockhorn im Auepost-Quartiergespräch.

Moritz Dockhorn
Sozialpädagoge Moritz Dockhorn | Foto: Mirko Baschetti

Moritz Dockhorn, Jahrgang 1985, ist Schulsozialarbeiter in Wunstorf. Sein Hauptarbeitsfeld liegt seit dem vergangenen Jahr jedoch beim interdisziplinären Netzwerken: Als Initiator und Kopf hinter dem Wunstorfer Schulsozialnetzwerk sorgt er nun dafür, dass rund um die Schulsozialarbeit in Wunstorf alle Akteure gleichberechtigt ins Boot geholt werden.

Dockhorn stammt aus einer Lehrerfamilie, wollte einst selbst Grundschullehrer werden. Doch in der 11. Klasse merkte er, dass ihn das Abitur überforderte. Er schlug stattdessen die Erzieherlaufbahn ein und wollte es dann später über den zweiten Bildungsweg versuchen. Doch er blieb in der Erlebnispädagogik hängen und bekam einen Studienplatz für Soziale Arbeit. Nach dem Bachelor machte er noch den Master in Sozialmanagement, doch sein Steckenpferd blieb die Erlebnispädagogik.

Seit 2014 arbeitet er an der IGS Wunstorf, wurde dort ursprünglich für den 7. Jahrgang eingestellt. 25 % seiner Arbeitszeit verbringt er hier als Schulsozialarbeiter mit zwei weiteren Kollegen. Für eine Schule sei das „Luxus“, auch wenn es immer noch nicht ausreiche, sagt er. Städtisch beschäftigte Schulsozialarbeiter würden häufig zwischen den Schulen wechseln, er selbst sei mit den anderen nur für eine Schülerschaft da. Seine übrige Arbeitskraft steckt er in die Leitung und Koordination des Wunstorfer Schulsozialnetzwerks, das „NetzWerk – Zentrum für schulnahe Beratung, Begegnung und Therapie“, bei dem es keineswegs nur um schulische Belange geht.

Herausforderung Schule

Bindung geht vor Bildung, sagt Dockhorn. Das beste Schulsystem scheitere, wenn davor persönliche Probleme mit Lehrern, Mitschülern, oder in der eigenen Familie bestehen. Daher brauche es eine Struktur, in der Schüler sich entwickeln können. Bildung sei auch Beziehungsarbeit, bei Lehrern spiele sie aber den Umständen geschuldet eine untergeordnete Rolle, obwohl Lehrer es sich gern anders wünschten. Denn sie müssten sich im Verhältnis zu viel mit den Unterrichtsinhalten beschäftigen, für individuelle Gestaltung bliebe wenig Zeit. „Marginal“ sei auch der pädagogische Anteil in der Lehrerausbildung, insbesondere bei Gymnasiallehrern. Doch jeder Schüler habe einen Anspruch auf individuelle Lernbegleitung. Das sei im bestehenden System schwierig umzusetzen. „Es gibt Optimierungsbedarf“, sagt er. Es komme vor, dass ein Schüler die Handreichung der Lehrer brauche – und diese aber nicht bereit oder in der Lage dazu sind, sie in der nötigen Weise zu geben, wie es aus sozialpädagogischer Sicht sinnvoll wäre.

Die Zeiten änderten sich, aber die Themen blieben die gleichen. Versagensängste, Selbstfindung und Einordnung: Bin ich gut in der Schule, wer bin ich, was machen meine Freunde? Aber auch die Art der Kommunikation hat sich verändert. TikTok, Instagram, Facebook, WhatsApp – durch die sozialen Medien sei der Druck da, ständig erreichbar zu sein und immer etwas posten zu müssen. Problematischer noch sei der Umgangston.
„Die Art und Weise der Kommunikation in den Chatrooms ist katastrophal“, sagt Dockhorn. Das sei aber kein Merkmal bei Schülern, bei den Erwachsenen wäre es ganz genauso.

„Die Kommunikation in den Chatrooms ist katastrophal“

Kinder und Jugendliche konsumierten zu viel, und wenn sie produzierten, dann würde es ihnen oft zu einfach gemacht. Andererseits überfordere auch die Vielfalt: „Die Lust aufs Entdecken, die Lust, Probleme zu lösen, die wird uns genommen“, meint der Sozialpädagoge. Digitales Arbeiten sei das Zeichen der Zeit, das Analoge in der Gesellschaft ginge zurück. Schule ist seiner Ansicht nach verpflichtet, das aufzugreifen, denn Gesellschaftsbildung sei auch eine Funktion von Schule. Aber auch die Sozialarbeit sei nicht immer gut auf die neuen Arbeits- und Kommunikationsformen vorbereitet.

Er wünscht sich mehr Zeit, mit den Schülern einfach einmal in den Wald zu gehen. Gut findet Dockhorn daher etwa das Baumpflanzprojekt von IGS und Otto-Hahn-Schule, den entstehenden Schulwald am Hallenbad. Das schaffe Verbindungen zwischen dem Digitalen und dem Analogen. „Mach es am Rechner, aber dann bringst du es raus in die Natur“, ist seine Devise.

Schule muss Spaß machen

Die größte Herausforderung für Schüler sei, zu entscheiden, was wichtig und was unwichtig ist: Wer bin ich, wer will ich sein, was muss ich dafür tun und was bin ich bereit, dafür zu tun? „Schüler haben schon ganz schön viel zu leisten“, sagt Dockhorn. Für mehr Freizeit plädiert er dennoch nicht, er ist Verfechter der Ganztagsschule. „Dass Schüler den ganzen Tag in der Schule sind, finde ich gut“, bekräftigt er. Die Frage ist eher, was an diesem ganzen Tag passiere. „Ich finde, Schule muss Spaß machen“, ist er überzeugt. Da Spaß sehr individuell ist, müsse sich die Schule darauf einstellen.

Knappe Zeit ist immer ein Thema – interessant sei aber, dass die Schüler gar nicht mehr wüssten, was sie anfangen sollten, wenn sie mehr Zeit bekommen. Bei Klassenfahrten erlebt er das ganz häufig: Die Schüler würden sagen: „Wir brauchen mehr Zeit für uns“. Wenn Dockhorn dann vorschlägt „Nehmt euch mal 5 Minuten“, dann wird kurz darauf schon ungeduldig gefragt: „Wann ist die Zeit vorbei?” Es geht nicht nur um mehr Zeit, sondern auch die Befähigung, die Zeit wirken zu lassen.

Soziales Lernen ist essentiell. „Nehmt euch die Zeit“, rät er auch den Lehrkräften in der neuen 5. Klassenstufe. Denn im ersten halben Jahr stehe die Wissensvermittlung ganz weit hinten. Wenn die Klasse dann funktioniere, würde man den vermeintlich verpassten Stoff ganz schnell wieder aufholen, da sich die Schüler an die Gegebenheiten angepasst haben.

Stattdessen finden Förderungen im sozialen Bereich fast immer ohne Lehrer statt – obwohl sie die meiste Zeit mit den Schülern verbringen. Schüler seien schnell überlastet mit der Fülle an Stoff, der sich auch noch täglich auf die unterschiedlichsten Fächer verteile. Auch die Unterordnung unter die vielen Regeln im Schulalltag ist anstrengend. Ein Ansatz wäre hier, Schüler bei der Gestaltung stärker einzubeziehen.

„Ich hasse Klassenkonferenzen“

Viel Zeit ginge auch mit Klassenkonferenzen und den daraus folgenden Maßnahmen verloren. Dockhorn fände es gut, wenn Schulen noch andere Möglichkeiten hätten, um Schüler zu disziplinieren. Aus Lehrersicht sei es eine Bestrafung, entscheidend sei aber, dass kein Schüler etwas ohne Grund tue. „Wenn ich einen Wasserhahn kaputtmache, dann kann das verschiedene Gründe haben. Diese Gründe muss man sich ansehen”, sagt er. Teilweise wird das in Klassenkonferenzen auch getan. Ob es dann aber dieses Instrument, letztlich ein Verwaltungsakt, auch brauche, da ist er sich nicht sicher.

Zu Zeugnissen hat Dockhorn auch eine klare Ansicht: Das beste Zeugnis mit Einsen und Zweien nütze nichts, wenn man nicht fähig sei, später im Team zu arbeiten oder sich im Job adäquat zu präsentieren. Die wichtigen Soft Skills würden Zeugnisse kaum abbilden. Lernentwicklungsberichte statt Noten seien besser, aber auch nur, wenn sie nicht nur aus Textbausteinen bestünden, sondern auch individuell geschrieben seien. Sonst machten sie den Lehrern letztlich nur wieder mehr Arbeit.

Das Wunstorfer Schulsozialnetzwerk

Er wandele zwischen den Welten zweier eigentlich starrer Systeme: Jugendhilfe und Schulsozialarbeit. Als Schulsozialarbeiter arbeite man um die Schule herum, sagt Dockhorn und bringt ein Beispiel: Mit einem italienischen Vater und einer deutschen Mutter ist man in Italien zu 50 % Deutscher und in Deutschland 50 % Italiener. Entsprechend verhalte es sich bei der Schulsozialarbeit: Für die Schulen sei man jemand von der Jugendhilfe, bei der Jugendhilfe jemand von der Schule. Es sind zwei Magnete, die scheinbar nicht zusammenkommen können. In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch Dockhorn.

Für das Problem hat er ein Programm entwickelt, der alle „Player“ zusammenbringt: Schule und Sozialarbeit, Therapie und Kirche. Es ist deutschlandweit in dieser Form einzigartig. Das Netzwerk soll starre Grenzen durchbrechen. Dazu ist es aber nötig, eine unabhängige Plattform zu sein. Nicht die Schule öffnet die Tür und lädt andere zum Mitarbeiten ein, sondern Schule und Jugendhilfe begegnen sich auf Augenhöhe für ein gemeinsames Konzept, bei dem niemand dominiert. Grundvoraussetzung ist, dass eine Schule als Träger dabei ist, die sagt: „Ich überlasse euch das Feld“. Das haben das ev. Schulwerk und die IGS getan, so dass das Netzwerk nun unter eigener Adresse – Nordbruch 2 – in der alten Schulhausmeisterwohnung residiert. Schulnah, aber eigenständig.

Schule, Vereine, Jugendhilfe, Kirche – vieles überschneidet sich im Grunde, ohne dass die einzelnen Ansprechpartner von Schülern voneinander wissen. Das soll hier anders werden. Und es wird nun anders. Alle Schulsozialarbeiter kommen hier zusammen, aus Schule, Kirchenkreis, Diakonie, von der Stadt Wunstorf und den Johannitern. So etwas hat es vorher noch nie gegeben.

Konkrete Projekte für die Schüler gibt es auch schon. Zur Corona-Krise wurde ein Sorgentelefon eingerichtet, bei dem Schüler, Eltern und Angehörige einen Gesprächspartner finden. Das Angebot wurde bislang jedoch nicht richtig angenommen, räumt Dockhorn ein. Das Netzwerk sei noch nicht bekannt genug. Dagegen würde ihnen bereits an der IGS „die Bude eingerannt“, etwa bei der Kooperation mit dem Mehrgenerationenhaus: Im Projekt „Jung trifft Alt“ bringen Senioren den Schülern z. B. Doppelkopf bei – in der Mittagspause, während der Schulzeit. Auch die Zusammenarbeit mit dem Projekt „Kurze Wege“ und der Stifts-Kirchengemeinde ist ein Renner: Einmal wöchentlich gibt es eine „Jungs-Mittagspause“: Man spielt Gesellschaftsspiele, und es wird über jungentypische Themen gesprochen. Auch die Mädchen wollen jetzt ein solches Angebot – das bald starten wird.

Das afrikanische Sprichwort „Für die Erziehung eines Kindes bedarf es des ganzen Dorfes“ ist der Grundsatz, nach dem auch im Schulsozialnetzwerk gehandelt werden soll. Das „Wunstorfer Modell“ soll Schule machen. Es entwickelt sich weiter und sei auch auf andere, größere Städte skalierbar, meint Dockhorn. Zunächst sei es aber für Wunstorf eine große Chance, wenn alle Hand in Hand arbeiteten.

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Interview: Mirko Baschetti/Daniel Schneider; Text: Daniel Schneider
Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost #8 (05/2020)

1 Kommentar

  1. Alles gut und schön!! Kinder brauchen Werte und Normen, sprich klare Richtlinien. Und die beginnen nunmal im Elternhaus.
    Wenn von der Seite nichts kommt, dann ist schon eine Menge verloren. Auch brauchen wir Lehrpersonal, dass diesen Namen auch verdient, d. H. den Kindern den Spass am Wissen vermittelt – und das ohne grosse Experimente.
    Lehrer müssen dqs Rüstzeug vermitteln, damit unsere Kinder später einen Beruf überhaupt erlernen können, und dazu gehört meines Erachtens auch ein bisschen Disziplin. Lasst die Experimente, die zu Lasten unserer Kinder geht.
    Es müsseten neben den eigentlichen Schulnoten auch die sogenannten Kopfnoten, wie Fleiss, Pünktlichkeit etc. stärker benotet werden. Es wird immer wieder gute und weniger gute Schüler geben. Meistens relativiert sich das im späteren Leben.
    Es kann aber nicht sein, dass in unserem Schulsystem immer mehr Schulabbrecher und Analphabeten gibt.
    Selbst nach Hausptschule sollte man lesen, schreiben und die Grundrechenarten beherrschen können.
    Digitale Schule bringt es allein nicht, wenn man nur vorgesetzte Texte und Aufgaben bekommt. Man muss auch in der Lage sein, sich eigene Gedanken zu machen.
    Schule ist dazu da, den KIndern diese Grundwerte beizubringen. Betriebe und Ausbildungsstätten sind dazu da, den Jugendlichen das notwendige Wissen in den jeweiligen Berufen zu vermitteln. Alles andere ist Blödsinn.

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