Vor 100 Jahren

Körperverletzung an ertapptem Ehepaar

Selbstjustiz in Bokeloh (11. November 1920)

Pressespiegel 100 Jahre

Das Deutsche Reich vor 100 Jahren war ein Rechtsstaat, doch manchmal herrschten trotzdem raue Sitten. Wo heute die Polizei gerufen würde, nahm man das Recht damals auch schon mal in die eigenen Hände und löste „kleinere Probleme“ selbst. Am 13. November 1920 berichtete die Leine-Zeitung über einen Vorfall in Bokeloh (mit Mieten sind die damals üblichen Heuhaufen statt gepressten Rundballen gemeint):

Als vor einigen Abenden Brüder mit einem Wagen vom Felde heimkehrten, gewahrten sie laut der Wunstorfer Zeitung einen Wagen, der noch ins Feld fuhr. Da ihnen dies auffiel, nahm einer der Brüder unauffällig die Verfolgung auf und bemerkte, dass sich die betreffenden Personen über eine Miete hermachten und den Wagen beluden. Schleunigst wurde der Eigentümer der Miete in Bokeloh benachrichtigt. Alle drei Personen begaben sich nun wieder an den Ort der Tat. Man ließ die nichtsahnenden Felddiebe ruhig den Wagen voll beladen, dann trat man auf sie zu, verabreichte ihnen zunächst eine wohlverdiente Tracht Prügel, und ließ sie dann den Wagen nach dem Hofe des Eigentümers fahren. Hier mussten sie das Gestohlene abladen und konnten dann nach Erhalt einer zweiten Tracht Prügel wieder abziehen.

Anders als heute nahm die Presse damals noch wenig Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte von mutmaßlichen Tätern. Denn auch das war noch nicht so weit wie heute. Die Zeitung nannte nicht nur die Namen der beteiligten „Hilfspolizisten“, sondern auch – ohne dass ein Gericht den versuchten Diebstahl verurteilt hätte – den vollen Namen und Wohnort der Ertappten: Es war ein Ehepaar aus Klein Heidorn.

Wir schreiben das Jahr 1920. In den USA beginnt die Prohibition, und Wunstorf ist eine kleine, landwirtschaftlich geprägte Ortschaft in der preußischen Provinz Hannover. Der Erste Weltkrieg ist gerade zu Ende gegangen, die Menschen erleben viele Umbrüche in der ersten deutschen Demokratie. Die „Goldenen Zwanziger“ stehen vor der Tür.

1 Kommentar

  1. Auch heute wäre eine “Tracht Prügel” und die öffentliche Bekanntmachung für manchen Dieb, Randalierer oder Tierschänder passender, als diese Kuschelstrafen auf Bewährung oder die lächerlich kleinen Geldbußen, die diese Strolche heutzutage genießen dürfen. Datenschutz hin und her..
    Das ist das Einzige, dass bei manchen Asis Eindruck hinterlässt und was sie verdienen!

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