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Zwischen Gelber Schleife und Hawaii: „Einzigartiger Verband“ zieht Bilanz

19.02.2024 • Achim Süß • Aufrufe: 1406

Menschenrettung, Mammut-Manöver, Minister-Besuche, Monumental-Werkstatt und Kommandowechsel: Ein außergewöhnliches Jahr liegt hinter den Wunstorfer Transportfliegern und ihrem wachsenden Standort. Der Neujahrsempfang Freitagmittag auf dem Fliegerhorst bot dem Verband und seinen Gästen Gelegenheit zu Rückblick und Gedankenaustausch. Außergewöhnlich auch die Einsatzbereitschaft in Zahlen: Statistisch ist eine Maschine des Verbandes ununterbrochen in der Luft.

19.02.2024
Achim Süß
Aufrufe: 1406
Das zurückliegende LTG-Jahr als Präsentation | Foto: Dirk Dombrowski

Wunstorf (as). „First in – last out“ war eines der Stichworte aus der Rede des neuen Kommodore des Lufttransportgeschwaders 62, das den 250 Zuhörern in einer der großen Hallen des Stabsgebäudes in Erinnerung bleiben wird: Oberst Markus Knoll wandelte einen Fachbegriff aus Buchhaltung und Lagerhaltung ab, um in Erinnerung zu rufen, dass das Geschwader ständig bereit sein müsse. Das ist nicht nur eine Forderung, sondern die Wirklichkeit für den größten fliegenden Verband der Bundeswehr: 9.200 reale Flugstunden hat das Geschwader mit dem Multifunktionstransporter Airbus A400M im Jahr 2023 geleistet, 5.000 Simulatorstunden kommen hinzu.

Rückblick

Knoll: „Wir sind diejenigen, die jederzeit in der Lage sein müssen, auch weit ab der Heimat innerhalb weniger Stunden auch unter widrigen und gefährlichen Bedingungen einsatzbereit zu sein.“ Moderne und reaktionsschnelle Einheiten seien das Gebot der Stunde, und dabei nehme die Luftwaffe – „hier nehmen wir mit diesem einzigartigen Lufttransportverband“ – eine ganz besondere Rolle ein.

Kommodore Oberst Markus Knoll | Foto: Dirk Dombrowski

„Frieden ist keine Selbstverständlichkeit“, erklärte der 46-jährige Generalstabsoffizier, der vor etwa fünf Wochen die Nachfolge von Oberst Christian John angetreten hat. Was das konkret außer dem „menschenverachtenden Angriffskrieg Russlands in der Ukraine“ und dem „barbarischen Überfall der Hamas“ auf israelische Zivilisten bedeutet, machte er mit Beispielen aus dem vergangenen Jahr deutlich: 20 Flüge zur Evakuierung von mehr als 700 Menschen im Sudan, Transport von mehr als 130 Menschen aus Israel in einer „schnellen Luftabholung“, 23 Flüge mit 400 Tonnen Hilfsgütern in die Türkei, ähnliche Missionen während der Flutkatastrophe in Libyen und zur Versorgung der Zivilbevölkerung im Gazastreifen, nicht zuletzt die Mammut-Übung Air Defender 23.  

Diverse Besuche von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), Kabinettskollegin Annalena Baerbock (Grüne) und Bundestagsabgeordneten erwähnte Knoll nur beiläufig.

Ausblick

Reiner Lufttransport, humanitäre Hilfe, „Hochwertübungen“ oder Evakuierung – der Verband und seine Angehörigen seien trotz höchster Belastung zuverlässig aktiv gewesen. Die öffentlichkeitswirksamen Einsätze seien oft nur die Spitze des Eisbergs dessen, was die Angehörigen des Verbands im Hintergrund zu leisten haben.

Von Strauß bis Schostakowitsch: das Orchester der Musikschule Wunstorf | Foto: Dirk Dombrowski

Das neue Jahr stelle das Geschwader vor neue Herausforderungen, sagte Knoll. Dazu zählen die anhaltenden Transporteinsätze und die Luftbetankung französischer und deutscher Kampfjets innerhalb des Einsatzes gegen den IS und die Bereitschaft des MedEvac-Airbusses, mit dem Kranke, Verletzte und Schwerstverletzte transportiert werden können: „Rund um die Uhr“. Groß angelegte Übungen werden den Verband mit sieben Maschinen während der Übung Pacific Skies in Nordamerika und im „indopazifischen Raum“ fordern, kündigte der Oberst an: Alaska, Hawaii, Australien, Neuseeland, Japan und Indien sind die Bestimmungsorte.

Video: Der während des Neujahrsempfangs gezeigte Jahresrückblick | Quelle: Bundeswehr

Wunstorfer Bürgermeister sprechen traditionell auch beim Empfang. Bürgermeister Carsten Piellusch (SPD) spannte einen großen thematischen Bogen und bekräftigte die Verbundenheit Wunstorfs mit dem Standort und der Einheit. Dass das über ein Lippenbekenntnis weit hinausgeht, zeigte seine Rede in mehreren Passagen. Es gebe viele Gründe, für die Leistungen des Geschwaders dankbar zu sein. Piellusch rief die „bewegenden Momente“ während der Rückkehrerappelle nach brisanten Auslandseinsätzen in Erinnerung und ging kurz auf seine anhaltende Begeisterung für das Arbeitsgerät des Geschwaders, den A400M, ein. 

Gelbe Schleife im Herzen der Stadt

Ein Gewinn für alle sei der Bau der Airbus-Großwerkstatt am Rand des Horstes, die einen Standort der kurzen Wege ermögliche. 2023 sei ein „überaus erfolgreiches Jahr“ für den Verband gewesen, und dazu gratuliere er. Piellusch erinnerte daran, dass das Rathaus „im Herzen der Stadt“ inzwischen die Gelbe Schleife trage, das aus den USA übernommene Symbol des Yellow Ribbon als Zeichen der Solidarität und Verbundenheit. 

Der neue Kommodore und der Bürgermeister: Oberst Markus Knoll mit Carsten Piellusch | Foto: Dirk Dombrowski

Der Bürgermeister nutzte die Gelegenheit, die innere Sicherheit und das Erstarken rechtsorientierter Bewegungen anzusprechen. Piellusch sieht den Kern des Staatswesens von Extremismus bedroht und zitierte mehrere eindeutige Äußerungen von AfD-Sprechern und anderen Demokratie-Gegnern. Er verlangte, alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen und auch Gesetze „nachzuschärfen“, um Staat und Demokratie zu schützen. Alle „überall in der Zivilgesellschaft“ seien aufgefordert, Beiträge zu leisten. Als Beispiel für Zusammenhalt und Einsatzbereitschaft nannte er den tagelangen Kampf offizieller und privater Helfer gegen das Hochwasser zu Weihnachten: Piellusch nannte das „unglaubliche Solidarität und unglaublichen Gemeinsinn“.

„Das ist genau der gesellschaftliche Geist“, der nötig sei, auch die Demokratie zu bewahren, sagte er und ging überraschend auf die große Demonstration vor der Stadtkirche ein, an der vor ein paar Tagen etwa 2.500 Menschen teilgenommen haben. „So geht Demokratie“, rief Piellusch und betonte erneut, dass er gern als Redner dabei gewesen wäre. Ein konkurrierender Termin von allergrößter Tragweite habe das verhindert. Der Bürgermeister wörtlich: „Leider war mir das nicht möglich. Zeitgleich war im Aufsichtsgremium unserer Stadtsparkasse, das ich leite, eine zentrale Entscheidung zur Zukunft der Stadtsparkasse zu treffen. Diese Entscheidung war für unsere Stadt ebenfalls von allergrößter Tragweite, und sie musste unverzüglich getroffen werden.“ 

Gäste beim Neujahrsempfang | Foto: Dirk Dombrowski

Die eher ernsten Ansprachen waren nicht die einzigen Programmpunkte. Der Empfang wurde aufgelockert von zwei besonderen Elementen: In einer hoch-professionellen Video-Präsentation mit harten Beats und sehr schnellen Schnitten ließ das Geschwader die besonderen Ereignisse des vergangenen Jahres in spektakulären Filmaufnahmen Revue passieren. Eine betont leichte Note steuerte das Orchester der Musikschule unter Elisabet Heineken und Susanna Dinkelacker bei. Es zeigte sein professionelles Können mit der Strauß-Polka „Unter Donner und Blitz“. Später leiteten Brahms‘ „Ungarischer Tanz Nummer 5“ und „Can Can“ von Offenbach zur Rede von Bürgermeister Piellusch über. Krönender Abschluss war der Walzer Nummer 2 aus der Jazz-Suite von Dmitri Schostakowitsch. Der Applaus war lang und herzlich, Aber eine Zugabe sah der Ablauf nicht vor, und es wartete der Stehempfang mit Imbiss.

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