Horst granteltKolumne

Horst Koschinsky hält Abstand

Tretet mir bloß nicht zu nahe!

Horst grantelt

Es muss immer erst was passieren, bevor die Politik reagiert. Erst muss die Pandemie da sein, dann erst werden hektisch Gesichtsmasken bestellt und die Grenzen dichtgemacht. Vorausschauendes Agieren? Fehlanzeige. Ich hab ein gewisses Verständnis, es ist eure erste Pandemie, es gibt keine Erfahrungswerte. Doch Mitdenken sollte eigentlich immer Voraussetzung sein, um Allgemeinverfügungen beschließen zu dürfen. Politik ist schließlich was für Profis.

Die Baumärkte vor Ostern dichtzumachen, war ein Griff ins Klo. Wenn der Wasserhahn tropft oder das Pissoir ausläuft, kann ich sehen, wo ich bleibe. Erst wenn halb Wunstorf mit mir nach Minden gefahren ist, um sich dort mit Blumenzwiebeln und Gartenmöbeln einzudecken, dürfen auch hier Toom und Obi wieder öffnen.

„Ein Griff ins Klo“

Beim Benzinpreis bin ich kurz davor, zum Verschwörungstheoretiker zu werden. Den habt ihr doch nur so tief fallen lassen, damit wir uns jetzt so richtig schön ärgern können, während man nirgendwo hinfahren darf oder soll. Und dass ich meine Patientendaten im Notfall nun auch bei der Polizei abfragen kann, wenn mein Hausarzt in Quarantäne muss … toller Service, Frau Gesundheitsministerin!

Auch in der kleinen Politik scheinen manchmal die Praktikanten am Werk zu sein. Erst werden die Wertstoffhöfe geschlossen, doch wenn die Leute anfangen, ihr Gerümpel frustriert auf die Feldwege zu schmeißen, werden sie wieder aufgemacht. Auf einmal ist es dann komischerweise doch möglich, die nötigen Sicherheitsabstände zu kontrollieren, was vorher natürlich ausgeschlossen war.

Immerhin werden meine Mitmenschen selbst langsam wieder vernünftiger. Inzwischen kann ich vereinzelt schon wieder Klopapier kaufen. Nur das extraweiche mit Goldkante und handbemalten Motiven ist noch eine Weile nicht lieferbar. Darauf verzichte ich jedoch gerne, wenn ihr uns nicht als unmündige Bürger behandelt, denen man alles Lebenswerte per Dekret vor der Nase zumachen kann. Obwohl, wenn ich sehe, wie dicht die Leute schon wieder für vorab bestelltes Eis bei Martino anstehen, nur um sich dann doch auf die Steine am Marktplatz in die Sonne zu setzen …

Auch Im Supermarkt werden täglich neue Studien durchgeführt, ob Menschen oder Coronaviren über mehr Intelligenz verfügen. Da stehen Susanne und Michaela mit zwei Pflichteinkaufswagen und jeweils einem Diätjoghurt mitten im Mittelgang, lassen mir statt anderthalb Metern nur noch 1,5 Zentimeter Platz zum Vorbeikommen – und sich auch nicht stören in ihrer ausgiebigen Unterhaltung über Blümchenmotive auf ihrem selbstgestrickten Mundschutz. Wär ich ein Coronavirus, ich hätte mir auch die Menschen als Reservoir ausgesucht.

Mit entfernten Grüßen
Horst Koschinsky

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Zuerst erschienen in Auepost #8 (05/2020)

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Horst Koschinsky

FREIER AUTOR. Mitunter miesepetrig und mit bissigen Kommentaren gesegnet. Im Herzen aber harmlos und liebenswürdig.

3 Kommentare

  1. Herrlich das Granteln von Horst !!!!
    Wenn die erfundene Pandemie nicht zu so weitreichenden Zerstörungen von Existenzen führen würde, bliebe mir das Lachen nicht im Halse stecken!

    1. Hallo Rudi, ich hoffe du hast das mit der “erfundenen” Pandemie nur sarkastisch gemeint und bist nicht ernsthaft der Ansicht, dass auch die ‘Auepost’ nur von einer frei erfundenen Pandemie berichtet und sich somit selbst das Label “Lügenpresse” aufdrückt.
      Deutschland, besonders unsere Region und speziell auch Wunstorf, sind bislang recht glimpflich davongekommen. Das sollte uns jedoch nicht leichtsinnig oder gleichgültig hinsichtlich dieser Bedrohung werden lassen oder das Ganze als “erfunden” abtun.

      LG Andrea 🙂

  2. Die Menschen von denen Hörst hier berichtet haben uns ja eins voraus: Sie werden wahrscheinlich überhaupt nicht von Corona befallen. So ein Virus hat auch seinen Stolz.

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