Kleinstadtkulinarik

Auf Kohltour mit der Popkultur

Kennen Sie eigentlich Kale?

Kale

Meine Uroma Frieda hatte in der Klein Heidorner Blumenstraße einen großen Garten. Da können heutige Bauherren und Eigenheimbesitzer nur staunen. Wenn sie mich fragen, wie groß, dann sehe ich das mit den Augen einer 5-Jährigen und sage Ihnen: Riesig war er!
Und dort gab es alles, was man sich vorstellen kann. Hühner zum einen, aber auch Obstbäume, Beerensträucher, Reihen voll Spargel, Bohnen, Kartoffeln, Erbsen, Erdbeeren, Möhren und Grünkohl. Irgendwann, vor meiner Zeit, auch einmal Schweine.

Als Kind liebte ich es, dort zu stöbern – und natürlich zu naschen. Ich konnte schon Spargel stechen, bevor ich lesen konnte, habe am Küchentisch Bohnen für den Schnippelbohneneintopf geschnippelt und habe nachmittags Kartoffelkäfer abgesammelt und in eine alte Konservendose geworfen. Mein Jahreshighlight in Sachen Gemüseernte kam aber immer relativ spät im Jahr. Nach dem ersten Frost. Dann wurde nämlich der Grünkohl geerntet, und mir kam die große Ehre zu, ihn in Oma Friedas Badewanne in dem lila gefliesten Badezimmer zu waschen.
Für mich bedeutete das auch immer eine ganze Badewanne voll mit den allerfeinsten Krabbeltieren, die ich aus dem Wasser fischen und nach draußen bringen konnte. Schnecken, Spinnen, Käfer. Ich liebte es!

Aber ich wusch den Grünkohl nicht nur, sondern ich aß ihn auch schon immer gern. Und zwar so richtig, wie ihn Oma machte. Dunkelgrüne Pampe mit Speck, Zwiebeln, Wurst und Kartoffeln. In dieser Darreichungsform, und nur in dieser, kannte ich Grünkohl, bis er vor ein paar Jahren dann plötzlich raus aus Omas Kochbuch eine Renaissance erlebte. Die – bei aller Liebe – dunkelgrüne Matschpampe war plötzlich eines der viel gepriesenen Superfoods! Gesund, vitaminreich und hipp! Mein Grünkohl!!

Und um einen möglichst großen Abstand zu seinem kulinarischen Ursprung zu schaffen, nannte man ihn dann neudeutsch “Kale”, was ja nicht viel mehr ist als das englische Wort für Grünkohl eben. Aber Kale klingt natürlich viel hipper, urbaner, moderner als das Gemüse, das Mutti und Vati immer auf bzw. nach der Kohltour konsumieren.

Ich bin kein riesiger Fan von der Geschäftstaktik, seinen alten Kram einfach umzubenennen, um ihn an den Mann oder die Frau zu bringen, aber in diesem Fall will ich mich nicht beschweren. Denn wenn ich auch einen größtmöglichen Bogen um Kale-Chips und Kale-Smoothies mache, hat der Grünkohl es durch diesen Hype auch in meiner Küche zu etwas mehr Vielfalt in der Verwendung gebracht. Und ein Rezept, ebenso simpel wie lecker, ist dabei sicherlich der Grünkohl als Rohkostsalat. Lassen Sie es sich schmecken!

Das Rezept ist abgedruckt in Auepost 11/2019

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Vanessa Schön

Gestatten, Piepenkötter! Ich komme aus dem Internet. Also eigentlich aus Hagenburg, noch viel eigentlicher aus Klein Heidorn, aber irgendwie auch aus dem Internet. Jetzt zu Ihnen und generell eben auch. Noch mehr von Frau Piepenkötter gibt es unter www.frau-piepenkoetter.de.

1 Kommentar

  1. Ein für mich wunderschön zu lesender Beitrag von #Vanessa!
    Da kamen die Erinnerungen zum Einen an meine im Februar 2017 im hohen Alter von fast 97 Jahren verstorbenen von mir so geliebten Großmutter und zum Anderen an deren wirklich großen Garten (Grundstück=1000 m²).
    In diesem Garten hatte Oma “alles, was das Herz begehrt”:
    diverses Gemüse -die Kartoffeln waren Opas ‘Job’-, Apfel-, Kirsch- und Zwetschgenbäume.
    Blumen gab’s natürlich auch:
    meine ältere Schwester und ich hatten als Kinder je ein kleines Blumenbeet, das wir -vor allem ich- hegten und pflegten.

    Omas “Buntes Huhn” war legendär und bis ins Jugendalter hinein meine Leibspeise, die Oma bei nahezu jedem meiner Besuche zubereitet hatte.
    DAS schmeckt mir heute noch *Lippen leck*
    Und so sehr sich meine Mutter auch beim Nachkochen bemühte: SO hat sie den Eintopf nicht hingekriegt…

    Vor wenigen Wochen hat mir meine Mutter das Rezept für’s “Bunte Huhn” -im Übrigen kein “Flattervieh” drinnen- mitgebracht.
    Ob ich mich daran wagen werde?
    Mmmh: ich weiß nicht so wirklich…

    Aus und vorbei:
    Oma und Opa leben nicht mehr und das Haus mit dem schönen Garten gibt es durch den Verkauf des Grundatückes nicht mehr.
    Doch die Erinnerungen an all das bleiben…

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