Hannover 96 – Bayer 04 Leverkusen 2:3

Abstiegskampf oder schon begonnener Wiederaufstieg?

Miguels Kabinenpredigt

Han­no­ver (mj). Als 96-Fan muss­te man sich an die­sem Wochen­en­de ent­schei­den, wel­che Bril­le man für das Heim­spiel gegen Bay­er 04 Lever­ku­sen beim Betre­ten der HDI-Are­na auf­set­zen woll­te. Die mit den „Rech­ne­risch ist noch alles drin“- oder die mit den „Heu­te ist der ers­te Tag des Wiederaufstiegs“-Gläsern. Lei­der hat­te man mit bei­den kei­ne gute Sicht auf die Par­tie.

Für die letz­te­re Vari­an­te stell­te Tho­mas Doll an die­sem Sonn­tag nicht ent­spre­chend auf. Bis auf den wie­der­ge­ne­se­nen und sofort in die Start­elf beför­der­ten Lin­ton Mai­na, such­te man Nach­wuchs­spie­ler, denen man wie vor drei Jah­ren Saren­ren-Bazee oder Anton Bun­des­li­g­aluft gewäh­ren hät­te kön­nen, ver­geb­lich. Auch die Hoff­nung auf Punk­te, um viel­leicht noch die Stutt­gar­ter auf dem Rele­ga­ti­ons­platz ein­ho­len zu kön­nen, wur­de mit einer knap­pen 2:3‑Niederlage erneut ent­täuscht. Sowohl Trai­ner Doll als auch der Ver­eins­boss Kind haben ver­gan­ge­ne Woche ver­bal ordent­li­che Ohr­fei­gen ver­teilt. Wäh­rend man dem Trai­ner noch einen päd­ago­gi­schen Hin­ter­grund abkauf­te, war es nur schwer nach­zu­voll­zie­hen, war­um Mar­tin Kind in einem Inter­view von einer geschei­ter­ten und kaput­ten Mann­schaft sprach – und das mit­ten im zumin­dest noch rech­ne­risch mög­li­chen Abstiegs­kampf. Dies quit­tier­te die Nord­kur­ve prompt mit einem quer unter dem Ober­rang hän­gen­den Ban­ner, war­um Herr Kind denn dann Trans­fers ver­wei­gert habe, wenn er der Mann­schaft nun sämt­li­che Qua­li­tät absprä­che. Bei Anpfiff war die­ses Ban­ner jedoch bereits wie­der ver­schwun­den, um der Mann­schaft ver­mut­lich nicht noch deut­li­cher in Erin­ne­rung zu rufen, was unter der Woche zur Genü­ge durch die hie­si­gen Medi­en gegan­gen war.

Vorweihnachtliche Stimmung

Hat­te man kei­ne der oben genann­ten Bril­len auf­ge­setzt, hat­te man den­noch kei­ne gute Sicht auf das Spiel. Kurz vor Anpfiff began­nen dezent die Schnee­flo­cken durch das offe­ne Dach der HDI-Are­na zu segeln. Zu Beginn der zwei­ten Spiel­hälf­te, der sich durch Schnee­schip­pak­tio­nen nun bereits um eine vier­tel Stun­de nach hin­ten ver­zö­gert hat­te, wur­den die Schnee­flo­cken so groß, dass wohl nicht weni­ge auf den Rän­gen reflex­ar­tig im Kopf durch­gin­gen, ob man schon alle Weih­nachts­ge­schen­ke für die­ses Jahr besorgt habe. Im Nach­hin­ein muss­te man den Ein­fluss des Wet­ters als 96-Fan zwie­späl­tig betrach­ten. Zum einen hat es ver­meint­lich gehol­fen, den in den ver­gan­ge­nen Wochen teils beein­dru­cken­den Offen­siv­fuß­ball der Lever­ku­se­ner ein­zu­däm­men. Zum ande­ren sah man die indi­vi­du­el­le und vor allem tech­ni­sche Über­le­gen­heit der Lever­ku­se­ner in so man­chen Situa­tio­nen – vor allem in der ers­ten Spiel­hälf­te – sehr deut­lich zu Tage tre­ten. Kom­bi­na­ti­ons­fuß­ball hat­te man in sel­te­nen Situa­tio­nen ledig­lich von Bay­er 04 gese­hen. Außer­dem ver­hin­der­te das Wet­ter den Anschluss­tref­fer der Nie­der­sach­sen durch Gen­ki Hara­gu­chi auf spek­ta­ku­lä­re Wei­se, nach­dem Lever­ku­sen nach zwei kla­ren Tor­chan­cen mit zwei Tref­fern vor­ne lag. Nach einem wei­ten Pass in die Spit­ze spritz­te Hara­gu­chi zwi­schen Ver­tei­di­ger und Tor­wart an der Gren­ze des 16ers vor­bei. Der Weg zum Tor war sperr­an­gel­weit offen, Hara­gu­chi setz­te zum Tor­schuss an, schoss flach, tim­te den Ball in Kraft und Rich­tung per­fekt, hat­te jedoch nicht den Unter­grund mit­ein­be­rech­net. Das gan­ze Sta­di­on setz­te schon zum Jubel­schrei an, doch blieb der Ball einen Meter vor der Tor­li­nie wie in einer Pfüt­ze hän­gen, sodass Jona­than Tah den Ball ent­spannt von der Grund­li­nie auf­neh­men und den Spiel­auf­bau der Lever­ku­se­ner initi­ie­ren konn­te.

Keine Gegenwehr des Leverkusener Anhangs

Den 96-Ultras gelang es von der ers­ten Minu­te an, den Abend über­ra­schend stimm­ge­wal­tig zu gestal­ten. Viel­leicht lag es aber auch dar­an, dass die Rän­ge über­ra­schend leer blie­ben (knapp 33.000 Zuschau­er) und das Sta­di­on so mehr Schall­kraft erhielt. Viel­leicht lag es aber auch dar­an, dass der Anhang des Lever­ku­se­ner Werk­klubs nicht ein­mal den klei­nen Ober­rang-Gäs­te­block voll­ends aus­zu­fül­len ver­moch­te (was in die­ser Sai­son in die­sem Maße noch bei kei­nem ande­ren Ver­ein der Fall war) und so auch kei­nen Gegen­pol zu den 96-Anhän­gern dar­stell­te. Zudem gelang es der 96-Mann­schaft in der zwei­ten Hälf­te durch schön anzu­se­hen­de Schnee-unter­stütz­te Grät­schen, vehe­ment geführ­te Zwei­kämp­fe, Pres­sing gegen die Rei­hen der Lever­ku­se­ner und zwei­er Tore zum Aus­gleich, die Rän­ge zu alter Wett­kampf-Laut­stär­ke zu füh­ren. Bis zum ent­schei­den­den 3:2 wur­de jeder erfolg­rei­che Zwei­kampf, jede Akti­on in Rich­tung geg­ne­ri­scher 16er, wie auch jeder ver­hin­der­te Angriff der Lever­ku­se­ner begeis­tert beklatscht und umju­belt. Auf dem Platz gelang es Dolls Mann­schaft in einem 4–3‑3-System in der ers­ten Hälf­te noch kaum Drang nach vor­ne zu ent­wi­ckeln, auch wenn man dem Team den Ein­satz­wil­len nach der bit­te­ren Plei­te gegen Stutt­gart in der ver­gan­ge­nen Woche ansah. Vor allem der bra­si­lia­ni­sche Natio­nal­spie­ler Walace blieb auf dem wei­ßen Geläuf äußerst blass. Ledig­lich Jona­thas ver­such­te trotz sei­ner schlak­si­gen Art auf dem rut­schi­gen Unter­grund immer wie­der für Nadel­sti­che zu sor­gen. Sein Ein­satz­wil­le zeig­te sich zusam­men mit dem in der zwei­ten Hälf­te ein­ge­wech­sel­ten Wey­d­andt noch deut­li­cher: bei­de sprin­te­ten jeder Mög­lich­keit, den Ball zu erobern, hin­ter­her und tra­fen letzt­end­lich auch bei­de durch gut ange­setz­te Kopf­bäl­le ins Tor – auch wenn das Tor von Wey­d­andt als Eigen­tor von Wei­ser gewer­tet wur­de. Im nun umge­stell­ten 4–4‑2 ent­wi­ckel­te Han­no­ver einen immensen Druck auf Lever­ku­sen, der erst mit dem Aus­gleich sein Ende fand. Viel haben die 96er bis dahin inves­tiert, bis es sich kon­di­tio­nell räch­te und Bay­er 04 in Per­son von Kai Havertz die 96er mit einem sehens­wer­ten Tref­fer aus­kon­ter­te. Die­ses Mal wie­der – viel­leicht auch auf Grund des Heim­spiels – mit mehr Ein­satz und Sie­ges­wil­len, aber wie­der nichts Zähl­ba­rem, mit dem Han­no­ver in die Trai­nings­wo­che star­tet. Nächs­te Woche geht es aus­wärts gegen Augs­burg. Wie­der ein „noch“-Abstiegskonkurrent. Und wie­der fürch­tet sich das 96-Fan­herz vor einer schal­len­den Aus­wärts­klat­sche. Man darf gespannt sein, ob die „Jetzt ging ein Ruck durch die Mann­schaft“- und „Jetzt haben sie Abstiegs­kampf verstanden“-Stimmen mal recht behal­ten soll­ten oder wie­der eines Bes­se­ren belehrt wer­den.

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