Bleib bloß zuhause! Die Sonne scheint!

Bleib bloß zuhause! Die Sonne scheint!

Neulich fragte mich meine Tochter in unschuldig nichtsahnender Weise, ob ich sie eben mit dem Auto zu ihrer Freundin fahren könnte. Sie habe Bettzeug zum Übernachten dabei. Selbiges lässt sich auf Omas altem Damenrad nur schwer transportieren. Das sehe ich ein. Ebenso nichtsahnend bejahte ich also diese Anfrage und ließ, obwohl ich es besser wissen müsste, sowohl Wochentag als auch Umgebungstemperatur und Zieladresse außer Acht und fuhr mit ihr los.

Als ich dann, nach smarten 35 Minuten an einem Samstagvormittag bei Sonnenschein und mehr als 15 Grad Celsius, die 3,7 km Wegstrecke von Altenhagen nach Steinhude hinter mich gebracht hatte, erinnerte ich mich wieder der jahrzehntelangen traumatischen Verkehrssituationen, die das Leben in einem Naherholungsgebiet so mit sich bringt.

Es ist Wochenende. Das Wetter ist gut. Bleib bloß zuhause!

Es ist unnötig, einem Anwohner der Seeprovinz an dieser Stelle zu erklären, dass ich ernsthaft erwogen habe, das Kind, statt es Sonntag wieder abzuholen, einfach erst im Oktober wieder einzusammeln. So denn es denn kein „goldener“ wird. Oder ihr vorzuschlagen, mit dem Bus nach Wunstorf und dann mit der S-Bahn nach Haste zu fahren, um sie dort abzuholen, was faktisch zwar die wesentlich weitere Wegstrecke, aber rein praktisch gesehen die schnellere Variante ist. Eine sozusagen gangbare Alternative zu dem Wohnmobil-geschwängerten und mehr als trägen Verdauungsvorgang into and out of the home of the Brassenköppe.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, es ändert sich nichts (bis zum Herbst zumindest): Es ist Touri-Saison! Und manchmal bilde ich mir ein, dass ich daran ja auch nicht ganz unschuldig bin. Präsentiere ich nicht unsere schöne Umgebung regelmäßig via Instagram dem ganzen Internet? Lade ich nicht regelmäßig Bloggerkollegen hierher ein, die dann verzückt über die Schönheit der Seeprovinz berichten? Habe ich nicht neulich erst haufenweise Tipps für unsere Region beim Verband der Jugendherbergen auf deren Website zum Besten gegeben? Schuldig im Sinne der Anklage.

Aber tatsächlich ist es ja auch so, dass ich mich darüber freue, derart schön zu wohnen, und dass ich Schönes gern teile. Nicht unbedingt Straßen und Parkflächen, aber so Generelles eigentlich schon. Und streng genommen gewinne ich auch viel durch den Tourismus in der Meerregion. Man muss es nur mit etwas Abstand und genug Humor betrachten, wenn beim Hagenburger Nahversorger auf dem Parkplatz mal wieder vier gruppenurlaubende Wohnfrachter mit A400-Ausmaßen versuchen, ein- und wieder auszuparken, ohne zu wissen, dass der hiesige Eingeborene eine unabdingbare Vorfahrt besitzt und diese auch vehement für sich einfordert. Das sich daraus ergebende Verkehrsballett könnte sich kein kunstschaffender Komiker schöner ausdenken als es hier tatsächlich passiert.

Und wenn ich im Garten meines Hauses in Feldrandlage schräg runter zum Radweg schaue, da bin ich nicht nur dankbar für Touristen, sondern auch für E-Bikes. Denn wo früher Ehepaare schnaufend und keuchend nebeneinander den Berg hinauf ackerten, ohne aneinander auch nur einen Atemzug oder gar ein Wort zu verschwenden, schnattern jetzt verrentete Elektro-Radler scheinbar mühelos nebeneinanderher und bieten die kuriosesten Dialoge feil. Silvia teilt da lauthals Hans-Jürgen mit, dass sie „nur noch zwei Striche hat“, aber hoffe, es trotzdem noch bis Steinhude zu schaffen, und er solle mal „nicht so rasen“, während besagter Hans-Jürgen ganz offensichtlich versucht, das Möglichste aus seinem gepimpten Drahtesel herauszuholen und auch vor unterstützender körperlicher Verausgabung nicht zurückschreckt. Hauptsache, er bringt genug Meter zwischen sich und die Angetraute! Und wenn am Ende der Wegstrecke auch noch ein echtes Radler und ein veritables Fischbrötchen winken, dann kann ihm das doch auch keiner verdenken, oder?

Lang lebe nun also der Radler und der Tourist und im besten Falle noch der radelnde Tourist, auch wenn dieser im An- und Abreiseverkehr dann meist ein tonnenschwerer Teil des Konvois ist, den ich nun an diesem Sonntag vor mir herzuschieben schien. Wäre ich mal zuhause geblieben! Beim nächsten Mal weiß ich es hoffentlich wieder besser. Ich kaufe vielleicht dem Kind einen Fahrradanhänger oder ein Lastenrad, und falls ich doch nochmal dusseligerweise in die Verlegenheit komme, an einem Wochenende mit mehr als 15 Grad das Dorf mit dem Auto verlassen zu wollen, dann denk ich an alle Hans-Jürgens und Silvias und freue mich, dass ich vor den 35 Minuten auf der Ortseinfahrt „Steinhude“ nicht auch noch 3 Stunden auf der A 2 gehangen habe. Ich bin ja schon hier. Ich wohne ja da, wo andere Urlaub machen. Schön.

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6 Kommentare
  1. Marc Schaper meint

    Einfach nur schön. Ich gehe mit Klara bis Hagenburg und zurück. An allen Ecken singen die Nachtigallen – wunderbar

  2. Jennifer Rößler meint

    Herrlich offen und toll geschrieben! Als Außenstehender beneidet man die Menschen glühend, die, wie man sich so denkt, ja nur ein paar Kilometer bis zum Strand haben. Dass das Ganze aber auch Schattenseiten hat, darüber denkt wohl selten jemand nach. Denn gerade in der Hochsaison stelle ich mir das für Einheimische doch sehr schwierig vor, wenn sie ständig den Trubel vor der Nase haben. Dann erst die Preise, die sind doch bestimmt auch höher als anderswo. Aber, das jedenfalls hoffe ich, ihr Einheimischen habt doch wenigstens den Vorteil, dass ihr stillere Ecken kennt, die nicht so von Touristen überlaufen sind, oder? 🙂 Wenn ja, dann habt ihr wenigstens euer eigenes kleines Paradies vor der Haustür. 🙂

  3. Kerstin Grages meint

    und man partizipiert an vielen Veranstaltungen, für die man sonst reisen müsste…

  4. Ina Eger meint

    wir waren ja aus versehen vor jahren auf der durchreise genau an so einem tag mal 1 nacht in steinhude – und fanden die ganzen touris (wie wir) ganz schrecklich… da war sogar noch irgendein see promenaden fest – alptraum!

  5. Takis Karagounis meint

    Lisa-Maria Loos

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