1.150 Jahre WunstorfTOP NEWS

1.150 Jahre Stift und Stadt

Auf einer Sandbank fing alles an

Die Anfänge liegen weitgehend im Dunkel. Wo Wunstorf entstanden ist, lässt sich nur vermuten: auf einer langgezogenen Sandbank am Zusammenfluss der beiden Auen, höher gelegen als die Umgebung und sicher vor Hochwasser. Wissenschaftliche Fakten sind rar. Dass König Ludwig der Deutsche vor 1.150 Jahren das Stift Vuonherestorp unter seinen persönlichen Schutz gestellt hat, ist belegt. Wunstorf will das 2021 feiern – die Urkunde von 871 ist Zeugnis einer stadtähnlichen Ortschaft. Ansiedlungen an den Auen, in Steinhude oder Luthe gab es schon viel früher, sogar in der Steinzeit. Die Auepost widmet dem Jubiläum eine Serie: Bis Jahresende gibt es jeden Monat eine „Stadtgeschichte Extra“ mit Wissenswertem aus zwölf Jahrhunderten.

1.150 Jahre Wunstorf
Foto: Teilrekonstruktion eines germanisch-sächsischen Nebengebäudes | Foto: Axel Hindemith
/ Lizenz: C C-by-sa-3.0 de

Wunstorf gehört zu den alten Städten auf deutschem Boden. Nicht zu den ganz alten aus der Römerzeit, aber zu den geschichtsträchtigen. Wunstorf ist als Stadt älter als Neustadt, Bielefeld oder Hannover. Es ist der mächtige Bischof Dietrich von Minden, der Ende der 860er Jahre mit der Gründung des Kanonissenstifts die Entwicklung der Stadt einleitet.

Die Sachsen entdecken das Deistervorland

Vor Dietrich war ein anderer Mann wichtig. Wonher, Wonatheri oder Wunnaheri hieß er, und seine Sippe wählte die Sandbank für ihre Siedlung – in ersten Urkunden Wonherestorpe oder Uonheresthorpe genannt. Es ist zu vermuten, dass das um 700 nach Christi Geburt geschah. Die Sachsen entdeckten im ersten Jahrtausend das Deistervorland als Siedlungsraum. Wonher kann ein Sachse gewesen sein.

Schon lange vorher – in der Bronzezeit 2200 bis 800 Jahre vor Christi Geburt – und in der folgenden Eisenzeit, die etwa bis ins fünfte Jahrhundert nach Christi Geburt reichte, muss es nördlich des heutigen Wunstorf und am Galgenberg bei Liethe Siedlungen gegeben haben. Große Urnenfriedhöfe weisen darauf hin, berichtet Armin Mandel 1990 im „Wunstorfbuch“.

Viele Funde stecken im Boden

Großflächige, systematische archäologische Grabungen hat es nicht gegeben. Allerdings ist der Boden unter dem Wunstorfer Ratskeller gründlich untersucht worden, ebenso der Bereich der Spreensburg an der Aue zwischen Wunstorf und Bokeloh sowie der Standort der Kranenburg, die vor Steinhude im Meer versunken ist. Zufallsfunde und Entdeckungen ambitionierter Autodidakten gab es viele. Es sind Tonscherben, Feuersteinbeile, Urnen oder Grabhügel zu Tage gefördert worden bei Bauarbeiten oder der Erweiterung des Fliegerhorstes. Mehr als 300 Fundstücke, heute im Landesmuseum aufbewahrt, wurden 1987 ausgewertet und ergaben ein zusammenhängendes Bild. Von der Steinzeit von 8000 bis 4000 vor Christi Geburt an lebten Menschen zwischen Leine und Tienberg. Der Wild- und Fischreichtum nahe des riesigen Dülwaldes mag ein Grund dafür gewesen sein.

Wonher war nicht allein

Wonhers Dorf aus der Sachsenzeit war nicht die einzige Siedlung in der Gegend. Allerdings sind die anderen Orte, von denen Zeugnisse gefunden wurden, offenbar aufgegeben worden. Mandel schreibt, in der Steinhuder Gegend habe es wahrscheinlich wegen der günstigen Bedingungen immer Ansiedlungen gegeben, und hält das auch für Kolenfeld und Luthe für wahrscheinlich. So sieht es auch Hermann Mussmann in seiner „Geschichte des Dorfes Luthe“.

In der Umgebung von Wunstorf hat es nach der Darstellung mehrerer Chronisten auch kleine Orte und Einzelhöfe gegeben, die verlassen worden sind, deren Name und Lage aber mit Urkunden belegt werden kann. Über ihre Geschichte ist nichts bekannt. Sie wurden bis zum Ende des 16. Jahrhunderts zu Wüstungen, doch ihre Namen sind aktenkundig: Hemmendorpe, Hedessen, Borstelhop, Ittendorpe, Bernstorpe oder Thietwardesthorpe sind nur einige. Vermutlich hießen sie – wie Wuonherestorpe – wie die Anführer ihrer Sippen: Hemmo oder Thietward.

Stift und Stadt profitieren voneinander

Zurück zur Kirche im Dorf: Zum Geburtstag in 2021 wird die Stiftskirche aufwändig restauriert. Sie war und ist weithin das Zeichen dessen, was Stadtarchivar Klaus Fesche Symbiose nennt: Stift und Stadt, Stadt und Stift profitierten voneinander. Das Kanonissenstift – eine weltliche Einrichtung, in der adlige Töchter gemeinsam ein religiöses Leben führen konnten – benötigte die Stadt zur Versorgung. Der Ort wuchs zur Stadt, zur Handwerker- und Handelssiedlung, weil es das Stift des Mindener Bischofs gab.

Dietrichs Grab im Stift?

Der Bischof hatte es mit Geld aus seinem persönlichen Erbe auf seinem eigenen Land gegründet. Ein Chronist berichtet im 14. Jahrhundert auch, Bischof Dietrich sei auf dem Stiftshügel begraben worden, nachdem er 880 in einer Schlacht gegen die Normannen gefallen war.

Dietrich – oder auch Theoderich – wollte mit der Stiftsgründung den Einfluss der Mindener Bischöfe im Gebiet südlich des Steinhuder Meeres sichern – eine politische Absicht, von der Wunstorf profitierte. Auch spätere Bischöfe ließen dem Stift immer wieder Geld zukommen. Wohlstand und Einfluss gewann es zudem wegen der bedeutenden Zahlungen adliger Familien bei der Aufnahme von Stiftsjungfrauen. Auch Übertragungen von Eigentumsrechten waren dabei üblich, so dass das Stift im Schaumburger Land und im Westen der Region Hannover zu seiner besten Zeit über große Ländereien verfügte.

Dieser Artikel erschien zuerst in Auepost #15 (01/2021)

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