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Ein Steampunker in Wunstorf

Sebastian Schlenz aus Wunstorf nutzt sein Talent, um einzigartige Möbelstücke anzufertigen. Der 45-Jährige arbeitet seit vielen Jahren in einer Wunstorfer Eisenschmiede. Der Weg dorthin war jedoch nicht geradlinig, sondern von vielen Lebenskurven geprägt.

Wo gehobelt wird, da fliegen Funken. | Foto: Mirko Baschetti
Sebastian Schlenz: Wo gehobelt wird, da fliegen Funken. | Foto: Mirko Baschetti

Aufgewachsen in Großburgwedel, machte er den Hauptschulabschluss und danach eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker. Der Vater hatte in ihm die Liebe zur Autoschrauberei geweckt. Der anschließende Wehrdienst brachte ihm kein Glück: Nach einem Unfall offenbarte ihm der Truppenarzt, dass er künftig nicht mehr in seinem gelernten Beruf arbeiten könne.

Er machte eine zweite Ausbildung zum Büro- und Informationselektroniker, arbeitete dann aber als Hörgeräteakustiker, später als Grafiker und in einem Krankenhaus. Seine Leidenschaft fürs KFZ-Schrauben behielt er trotzdem bei: er bastelte an einem Minimoped herum.

Aber auch die Zweiräder brachten ihm kein Glück. Als er mit seiner Freundin vor zwanzig Jahren auf dem Motorrad ohne Helm unterwegs war, baute er einen Unfall. Seine Freundin erlitt dabei schwerste Kopfverletzungen. Infolge dieses Unfalls verlor er den Führerschein und fährt seitdem unter anderem mit einem Fahrradcruiser durch Wunstorf.

Das alte Unfallmotorrad restaurierte er und stellte es als Mahnmal in seiner Wohnung auf. Nächstes Jahr will er endlich eine MPU machen und so die Grundlage schaffen, wieder einen Führerschein zu bekommen.

Metamorphose des individuellen Möbelbaus

Seit nunmehr 6 Jahren fertigt Schlenz nebenberuflich individuell bestellte Möbelstücke, verkauft aber auch selbstgebaute Möbel wie Tische, Stühle und Bänke “von der Stange”. Über Ebay Kleinanzeigen vermarktet er seine Arbeiten und kommt auf diese Weise auf drei bis vier Projekte im Jahr. Seine Stilrichtung könnte mit Vintage Industrial Design und Steampunk umschrieben werden.

Die Möbelkreation ist für ihn ein reines Hobby – und das soll es auch bleiben. Dass er es einmal als Hauptberuf ausüben könnte, das kann er sich nicht vorstellen, denn er muss sich selbst bremsen. Schlenz steckt so voller Ideen, dass er sein Hobby bis vor einiger Zeit auch exzessiv betrieb: rund um die Uhr war er mit den Gedanken bei neuen Projekten. Erst als eine Beziehung dadurch in die Brüche ging, zog er die Reißleine und nimmt sich seitdem auch wieder mehr Zeit für andere Dinge. Doch das Brennen für seine künstlerischen Fähigkeiten bleibt.

Seine Motivation ist die Herausforderung. Er liebt es, etwas Einmaliges zu schaffen, etwas scheinbar Unmögliches zu realisieren. Zu einem gewissen Grad entwickelt er dabei regelrecht sportlichen Ehrgeiz, aus Rohmaterial wie Eisenstangen und -balken etwas Kreatives zu schaffen, die “Metamorphose von der bloßen Idee zum fertigen Exemplar” selbst zu verwirklichen. Seine Ideen holt er sich beim Betrachten von Alltagsgegenständen und versucht dann, diese umzubauen. Der Nachhaltigkeitsgedanke spielt für ihn eine große Rolle. Dinge, die ansonsten weggeworfen würden, will er weiterverarbeiten.

Seine Werkobjekte findet er auch in alten, eigentlich ausrangierten Materialien oder in Elektronik. So hat er ein altes Transistorradio mit moderner Technik ausgestattet oder elektrische Lichter in Matchboxautos eingebaut. Quellen sind Fundstücke aus Holz oder Eisen, zum Beispiel von Schrottplätzen oder bei Hausabrissen.

Am liebsten Auftragswerke

Im Grunde würde er schon jetzt mehr Platz für seine Werkstatt benötigen. In seiner Wohnung hat er sich einen Platz für Kleinarbeiten wie Löten und Elektronik eingerichtet, dort entstehen auch die fertigen Möbelstücke. Die großen Arbeiten erledigt er jedoch in einer kleinen Halle im Hof. Das geht gut, weil er in einem Haus am Rande des Gewerbegebiets am Funkturm direkt an den Bahngleisen wohnt, innerhalb einer kleinen Welt aus Werkstätten, Hallen und KFZ-Schmieden.

Am liebsten arbeitet Schlenz direkt mit einem Auftraggeber zusammen, tüftelt gemeinsam das Projekt zurecht und setzt individuelle Anforderungen direkt um. Das ist die Herausforderung, der er sich stellt, und die den Reiz ausmacht.

Es muss allerdings nicht immer eine Neukreation sein. Er nimmt auch “gleitende” Anpassungen an schon existierenden Möbelstücken vor. Schließlich soll seine Arbeit für die Kunden bezahlbar bleiben. Nicht verstehen kann er, dass es Menschen gibt, die Tausende von Euros für vergleichbare Möbel ausgeben.

aufgezeichnet von Mirko Baschetti
Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost 11/2019

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