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Eine Kiste Bier zur Entspannung

Der Wunstorfer Horst Gerke ist trockener Alkoholiker. Seit 2011 hat er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Zuvor trank er exzessiv. Es war ein langer, schleichender Weg in den Alkoholismus. Es kann jeden leicht treffen, sagt er.

Hobbyimker Horst Gerke
Hobbyimker Horst Gerke | Foto: Mirko Baschetti

In Wunstorf kennen ihn viele als Lokalpolitiker von den Grünen, vom Fußball oder als Imker: Dabei arbeitet er eigentlich im Krankenhaus, ist Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin an der MHH: Horst Gerke, 51 Jahre alt. Sein Wissen um den menschlichen Organismus hat ihn einst jedoch nicht davor bewahrt, in eine Abhängigkeit zu geraten, die er mit vielen weiteren Menschen teilte: die Abhängigkeit von Alkohol. Der stressige Beruf war aber auch nicht der Grund dafür, exzessiv zur Flasche zu greifen. Obwohl er seit 1993 im Schichtdienst auf der Intensivstation unterwegs ist, macht ihm der Job noch immer Spaß.

Von „besser feiern“ bis zum notwendigen Hochgefühl

Der Weg in den Alkoholismus war ein schleichender. Seit 1994 steht er im Berufsleben und lebt seit bald 20 Jahren mit seiner Lebensgefährtin und deren heute 25-jährigen Tochter zusammen. Seinen damals noch zweijährigen Zivildienst hat Gerke 1989 mit 21 Jahren abgeschlossen, danach eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert. Besonders viel hat er in diesen Jahren nie getrunken, und wenn, dann nur Bier oder Wein. Jugendliche Fehltritte und gelegentliche Abstürze kamen vor, aber er dachte sich noch nichts dabei, sondern wollte einfach besser feiern.

Seine eigentliche „Alkoholkarriere“ begann, als sich Regelmäßigkeiten einschlichen und Rituale herausbildeten. Gerke gewöhnte sich an das Feierabendbier. Nicht eines, sondern zwei bis drei. In seiner damaligen WG oder während des Musikmachens – Gerke spielt Bassgitarre – nahm der Konsum weiter zu. Mit seiner Band spielte er oft auf Hochzeiten, und auch dort gehörte es selbstverständlich dazu, einige Biere zu trinken.

Erst war es nur gefährlicher Konsum, dann wurde es zum tatsächlichen Suchtverhalten. Spätestens als er Alkohol trank, um leichte Hochgefühle zu erreichen, war die Grenze zur Sucht überschritten. 2009 schließlich kippte seine Devise „Kein Bier vor vier“. Nun trank er bereits vormittags oder mittags und vor der Arbeit seine ersten Biere. Zu diesem Zeitpunkt war der Konsum bereits über die Jahre kontinuierlich gestiegen.

Der Bierkonsum wurde zum Lebensmittelpunkt und stieg weiter an. Das Trinken befriedigte seine innere Unruhe. Seine regelmäßige Morgenübelkeit verschwand erst nach dem ersten Bier. Doch die Abhängigkeit brachte auch einen nicht zu unterschätzenden Aufwand mit sich: Das Bier musste besorgt werden, es musste getrunken werden und die Flaschen mussten wieder entsorgt werden. Die Zeit zwischen dem Trinken wurde dafür verbraucht, sich zu regenerieren. Zeit, Geld und Energie wurden zum permanenten Mangel. „Es musste immer Bier im Haus sein“, sagt Gerke.

Kontrollverlust im Keller

Er fing an, heimlich Bier zu trinken, und zog sich dazu in seinen Musikkeller zurück. Doch er konnte sich nicht mehr kontrollieren, und so erreichte er den Punkt, an dem er schließlich Dutzende Flaschen über den Tag verteilt zu sich nahm. Die täglichen Mengen Bier wirkten auch sättigend und unterdrückten das normale Hungergefühl, so dass er nur noch wenig aß und sich irgendwann im Grunde fast ausschließlich von Bier ernährte. Der Alkohol wurde Ersatz für echte Zuwendung. Es ging so weit, dass Gerke in den Keller zu seinen Bieren ging und mit ihnen redete, dem Alkohol anvertraute, was ihn bedrückte – als Ventil und Teil der Verdrängung.

Du hast ein Alkoholproblem!

Nach außen schien alles in Ordnung zu sein, doch seine damalige Freundin wies ihn immer häufiger auf den regelmäßigen Konsum hin, es wurde ein Punkt in der Beziehung, über den oft gestritten wurde. Wie viel er in Wirklichkeit trank, wusste seine Partnerin nicht. Gerke wollte sich aber nicht eingestehen, dass er ein Problem hatte. Vielmehr fühlte er sich falsch beurteilt, baute er doch gerade ein Haus, hatte eine anspruchsvolle Arbeit, war aktiver Musiker und bewältigte auch alles andere scheinbar problemlos. „Du hast ein Alkoholproblem!“ war etwas, was er keinesfalls mit sich selbst in Zusammenhang brachte. Das Verstecken der Sucht funktionierte aber nur bis zu einem gewissen Grad. Gerkes „Fahne“ und die Alkoholausdünstungen über die Haut blieben seinen Arbeitskollegen irgendwann ebenfalls nicht mehr verborgen. Da halfen auch keine Pfefferminzbonbons und Kaugummis mehr.

Da war es schon fast zu spät. Im Dezember 2010, einen Tag vor Heiligabend, brach er mit einem Kreislaufkollaps während des Dienstes zusammen. Sein Körper streikte infolge des starken Alkohollevels und wollte nicht mehr funktionieren. Seine Kollegen kümmerten sich sofort um ihn – die Vital- und Laborwerte waren überraschenderweise jedoch in Ordnung. Sein Organismus hatte sich an den Alkohol gewöhnt, verweigerte nun jedoch die Arbeit. Damit war auch Gerke arbeitsunfähig. Bis zum Zusammenbruch hatte die Verdrängung noch funktioniert. Erst jetzt gestand er sich ein, dass er zum Alkoholiker geworden war. Glück im Unglück: Sein Arbeitgeber unterstützte ihn mit großem Verständnis und leitete alles Notwendige in die Wege.

Selbstentgiftung

Aber noch ein weiteres halbes Jahr sollte es dauern, bis er sein letztes Bier anfasste. So viel Zeit nahm er sich, um seinen Körper in Eigenregie zu entgiften und von der Sucht loszukommen, nachdem ein Neurologe die Diagnose Alkoholismus stellte – und Gerke nun Schwarz auf Weiß hatte, dass er alkoholkrank war. Die völlige Abstinenz war daraufhin sein Ziel, denn das war die Voraussetzung, um in einer Entzugsklinik eine Langzeittherapie beginnen zu können. Im Mai 2011 trank er sein letztes Bier.

Es folgten fünfzehn Wochen Gruppentherapie unter psychologischer Betreuung in der Fachklinik für Sucht- und psychosomatisch Kranke. In der Klinik traf er auf einige weitere Krankenpfleger, aber vor allem auch Polizisten, Feuerwehrleute, Soldaten, Sozialarbeiter, Lehrer, Richter und Schauspieler gehörten zur Klientel.

Obwohl ihm die vorangegangene Entgiftung ohne fremde Unterstützung gelang, rät er jedem Alkoholiker dazu, sich professionelle Hilfe zu suchen und sich zunächst in einer Klinik zu entgiften. Das auch, weil Entzugserscheinungen die Regel sind. Auch bei Gerke traten Unruhe, Schlafmangel und diffuse Ängste auf. Die schwierigste Zeit war aber gar nicht die Entgiftung oder Therapie, sondern die Zeit danach, als Gerke in den Alltag zurückkehrte. Zuvor hatte ihm die Sucht Sicherheit gegeben. Nun lauerte stattdessen die Versuchung mit all ihren Gelegenheiten und Dämonen. Ein neuer Tagesrhythmus musste ebenso erst gefunden werden wie ein neuer Lebensmittelpunkt. Plötzlich war unendlich viel Zeit da, so schien es.

Zeit der permanenten Genesung

Einen Anker fand Gerke bei Bienen. Ein Bekannter hatte ihm einmal gesagt, dass man auf gar keinen Fall mit einer Fahne zu Bienenstöcken gehen dürfe. Ob das stimmt, weiß er bis heute nicht, doch er erinnerte sich an den Rat und nahm ihn zum Anlass, sich der Imkerei zuzuwenden als ersten, nicht nur symbolischen Schritt auf dem Weg zurück ins normale Leben. Die Beschäftigung mit Bienen wurde ein neuer Lebensinhalt und sorgte für Ausgleich und neue soziale Stabilität. Zu seinen Bienen ging Gerke stets nüchtern.

Eine große Stütze waren ihm auch seine Partnerin und deren Tochter. Als Familie brachte sie die Bewältigung des Alkoholproblems voran, man wuchs fester zusammen durch Gerkes Eingeständnisse und Ehrlichkeit – und dadurch, dass er nun auch Kritik annahm. Nach außen hin ging Gerke nun ebenfalls offen mit seiner überwundenen Alkoholsucht und der stattgefundenen Therapie um. Er band es natürlich nicht jedem auf die Nase, doch er verschwieg es auch nicht, wenn die Sprache auf Alkohol kam. Die Nachbarn fielen aus allen Wolken, als sie davon erfuhren, seine Fußballkollegen reagierten verständnisvoll.

Sein Haus ist heute eine alkoholfreie Zone, um das Gefährdungspotential gering zu halten. Anfangs hatte Gerke Angst, auf Feiern zu gehen, um sich nicht dem ritualisierten Trinken ausgesetzt zu sehen und nicht in die Situation zu geraten, Nein sagen zu müssen – und es dann womöglich nicht zu können. Völliger Alkoholverzicht blieb oberstes Ziel, denn kontrolliertes Trinken funktioniert bei Alkoholikern in der Regel nicht. Deshalb hat er bis heute nie wieder einen Tropfen angefasst. Auch alkoholfreie Ersatzprodukte kommen nicht in Frage. In seiner Suchtselbsthilfegruppe hat er sich mittlerweile zum Suchthelfer und Suchtberater qualifiziert. Zehn bis fünfzehn Teilnehmer treffen sich einmal wöchentlich in Wunstorf und begegnen sich auf Augenhöhe. Es ist jedoch kein therapeutisches, sondern ein unterstützendes Zusammentreffen. Nach Gerkes Erfahrung sind Männer aufgeschlossener für Hilfe als Frauen.

Bleibende Schäden hat Gerke nicht davongetragen. Nur während der Alkoholphasen konnte er schlecht Treppen steigen, da er die Entfernung der Stufen nicht richtig einschätzen konnte. Doch Alkoholiker wird Gerke ein Leben lang bleiben, es ist eine chronische Krankheit. Er ist sogenannter trockener Alkoholiker. Für Gerke ist Alkohol eine Droge, süchtig machend und zerstörerisch in seiner Wirkung. Sein Ziel bleibt es, damit nicht mehr in Berührung zu kommen. Er hat Wege gefunden, auch ohne Alkohol euphorisch zu sein, zu trauern oder Wut auszuleben. Sein neuer Leitspruch lautet: „Ich fühl’ mich wohl ohne Alkohol.“


Dieser Bericht erschien zuerst in Auepost 01/2020

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Mirko Baschetti

HERAUSGEBER, Chef vom Dienst und Inhaber einer Werbeagentur in Wunstorf.

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