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Corona-Report Wunstorf

Corona-Report, Teil 1

Wunstorf in Krisenzeiten

Das Coronavirus hat auch das Leben in Wunstorf von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Nur wenig schien noch wie zuvor zu sein. Doch während manche erkrankten, Toilettenpapier gehamstert und eine Schutzmaßnahme nach der nächsten aufgebaut wurde, wuchs auch der Zusammenhalt in der Stadt.

Kuhbrunnenschutz
Wunstorfer Wahrzeichen mit Mund-Nasen-Schutz | Foto: Mirko Baschetti

Der Ausnahmezustand infolge der Coronavirus-Verbreitung hat die Wunstorfer unterschiedlich stark getroffen. Je nachdem, ob sie in Kurzarbeit gingen, ihre Arbeit ganz unterbrechen mussten oder ihre Kinder nun selbst betreuen müssen. Doch für jeden Einzelnen war es – mal mehr, mal weniger – auch eine gespenstische Erfahrung. Plötzlich befand man sich auch hier in der Auestadt inmitten einer Pandemie. Was man vorher noch weit wegschieben konnte, als SARS-CoV-2 nur ein Problem im fernen China schien und Einzelfälle in Bayern wie die schlimmstmögliche Bedrohung in Deutschland wirkten, die man mit Quarantäne in den Griff bekommen würde – da war das Virus schon drauf und dran, sich im übrigen Europa stark zu vermehren. In Deutschland wurde zu diesem Zeitpunkt noch fröhlich Karneval gefeiert, und einzelne Narrenumzüge wurden wegen schlechtem Wetter und Sturm abgesagt, nicht aber wegen einer möglichen Infektionsgefahr. Dieses Versäumnis bezahlte als Erstes der Landkreis Heinsberg mit dem Ende des gewohnten gesellschaftlichen Lebens, nachdem das Virus offenbar bei einer Karnevalsveranstaltung ein ideales Sprungbrett für seine schnelle Verbreitung gefunden hatte. Bis dann auch in unserer Region die ersten Fälle bemerkt wurden, war es nur noch eine Frage von Tagen.

Ein völlig neuer Alltag

Auch jetzt konnte sich noch immer niemand vorstellen, wie rasant sich der Alltag in Wunstorf bald verändern würde. Nur die Hamsterkäufe zeugten davon, dass viele schon etwas ahnten oder sich zumindest – für alle Fälle – darauf vorbereiten wollten, dass sie selbst in Quarantäne kommen würden. Nudeln, Reis, Mehl, H-Milch, generell Konserven, Seife und Toilettenpapier waren nahezu ausverkauft und sollten auch in den kommenden Wochen nur noch schwierig oder mit Glück zu bekommen sein. Spätestens jetzt, als sogar Grundnahrungsmittel vergriffen waren, war klar: Das wird ernster. Leere Supermarktregale, so etwas hatten viele noch nie in ihrem Leben gesehen. Außer vielleicht an den Wochenenden vor Weihnachtsfeiertagen.

Toom für Gewerbetreibende
Für Privatkunden geschlossener Baumarkt | Foto: Daniel Schneider

Doch auch jetzt konnte oder wollte sich niemand vorstellen, wie sehr sich das Leben wirklich ändern sollte. Die einen hielten die durch das Virus verursachte Lungenkrankheit COVID-19 für eine gewöhnliche Grippe, an der eben in jedem Jahr einige tausend Menschen sterben. Die anderen folgten der Darstellung, dass es womöglich Millionen werden könnten, wenn man nichts unternimmt. Trotz aller Befürchtungen war das schwer zu glauben. Südtirol, Madrid und New York schienen schon fast wieder so weit entfernt zu sein wie Wuhan.

Doch die Einschränkungen wurden immer größer: Erst durften keine Veranstaltungen über 1.000 Besucher mehr stattfinden, kurz darauf wurde die Grenze bei 500 gezogen. Die Politik tastete sich langsam heran an das Machbare. Anfang März hofften Veranstalter noch, ihre Ende des Monats geplanten Konzerte unter Auflagen durchführen zu können. Doch als es so weit war, waren schon Zusammenkünfte von mehr als zwei Personen verboten, und allein der Gedanke an Massenveranstaltungen absurd. Die Region Hannover hat seitdem die höchsten Infektionszahlen in Niedersachsen.

Das Virus ist da

Der erste Fall einer bestätigten Infektion in Wunstorf wurde am 12. März bekannt. Weil es Verbindungen zur Grundschule Kolenfeld gab, wurde diese tags darauf vorsichtshalber geschlossen. Doch dann ging es ganz schnell. Nach dem Wochenende am 16. März blieben dann schon alle Schulen und Kitas zu. Nur zwei Tage später waren auch Sportvereine und Geschäfte dicht – das öffentliche Leben war fast vollständig heruntergefahren. Nur Restaurants durften noch eine Weile eingeschränkt weitermachen, bis auch sie vollständig schließen mussten. Allein der Lieferdienst blieb möglich. Nun sah man auch die ersten Wunstorfer mit Atemschutzmasken in der Öffentlichkeit, beim Einkaufen oder einfach beim Spazierengehen. Mancher trug sie sogar beim Radfahren auf den Feldwegen. Zuerst waren es Ältere, schließlich auch Jüngere, die damit auf die Straße gingen. Auch immer mehr Einmalhandschuhträger waren zu entdecken.

Verwaiste Innenstadt
Verwaiste Innenstadt während des Lockdowns | Foto: Mirko Baschetti

Leere Straßen, geschlossene Läden und vermummte Passanten – solche Bilder hat man in Europa zuletzt 1918 gesehen, als die Spanische Grippe wütete. Vergleichbar sind die Pandemien nicht, vor über 100 Jahren starben die Jüngeren, Gesunden, Starken, während die Älteren nicht zur Risikogruppe gehörten. Jetzt trifft es vor allem die Älteren mit „Vorerkrankungen“, wie es nüchtern heißt. Doch die Auswirkungen auf den Alltag sind dieselben. Leere Straßen und Kinder, die im Haus statt auf dem Schulhof spielen, das hat man allenfalls noch 1986 erlebt, als die radioaktiven Regenwolken von Tschernobyl über Westeuropa zogen.

Aber man hat sich auch erstaunlich schnell an diese neuen Umstände gewöhnt. Nach ein paar Tagen wurde im Supermarkt tatsächlich überwiegend Abstand gehalten, auf den Gehwegen weichen sich die Spaziergänger wie selbstverständlich aus, Home-Office und die Kinder zu Hause sind zur Normalität geworden. Auch der Anblick von Sicherheitspersonal vor Einkaufsläden ist nichts Unnormales mehr, und auch dass man in den Baumarkt nur mit Einkaufswagen kommt, selbst wenn man nur eine einzelne Schraube kaufen möchte, haben inzwischen alle verstanden.

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Dieser Artikel war Teil der Titelgeschichte in Auepost #8 (Mai 2020)

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Achim Süß

Wunstorfer Ureinwohner und Lokalpatriot aus Überzeugung.

Mirko Baschetti

HERAUSGEBER, Chef vom Dienst und Inhaber einer Werbeagentur in Wunstorf.

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