Corona-Report Wunstorf

Dokumentation

Corona-Report, Teil 3

Die Wirtschaft im Ungewissen

Der weitreichende Lockdown traf die Wunstorfer Wirtschaft unterschiedlich stark. Während einige Betriebe vorübergehend komplett schlossen, arbeiteten andere unter Pandemiebedingungen weiter.

Corona-Hinweisschild
Corona-Hinweis an einem Ladeneingang | Foto: Daniel Schneider

Die Anti-Corona-Maßnahmen treffen alle Bereiche. Das Private, das Öffentliche – aber zuallererst die Wirtschaft, und mit ihr die dort Beschäftigten. Für kleine Selbständige und Betriebe mit wenigen Mitarbeitern gibt es als Kompensation für die angeordneten Schließungen Sofortzahlungen und Kredite, damit z. B. auch weiterhin Lieferanten und die Gewerbemiete bezahlt werden können, obwohl die Kunden ausbleiben. Doch längst nicht alle können darauf zugreifen, und der „Shutdown“ trifft auch in Wunstorf die Wirtschaft in sehr unterschiedlichem Ausmaße.

Da gibt es etwa den Kaufmann, der praktisch von heute auf morgen sein Geschäft schließen muss – bzw. das Geschäftsmodell radikal überdenken. Wie etwa Jan Weber, der die Buchhandlung in der Langen Straße führt. Er hält das Geschäft mit seinem Onlineshop und Lieferservice aufrecht, doch etwa 80 Prozent des Umsatzes sind mit dem Beginn der Einschränkungen Mitte März weggebrochen, sagt Weber. Die Laufkundschaft fehle, diejenigen, die im Laden stöberten und sich inspirieren ließen. Die Impulskäufe fehlten, und alles könne man auch nicht im Onlineshop abbilden. Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit geschickt, ironischerweise lässt sich die übrig gebliebene Arbeit trotzdem kaum bewältigen. Denn die Umstellung auf einen reinen Lieferbetrieb schafft für Weber ganz neue Probleme. Über Nacht ist der Einzelhändler praktisch zum Logistiker mutiert. Statt dass die Kunden sich ihre Bücher selbst aussuchen, läuft Jan Weber nun selbst durch den Laden und sucht das Bestellte zusammen. Der Arbeitstag ist jetzt zweigeteilt. Am Vormittag werden die Bestellungen abgearbeitet, am Nachmittag wird ausgeliefert – mit dem Fahrrad und dem extra zu diesem Zweck neu angeschafften Anhänger.

Fahrradlieferung Weber
Jan Weber liefert persönlich mit dem Fahrradanhänger aus | Foto: Mirko Baschetti

So bepackt dreht Weber dann seine Touren durch die Ortschaften. Als Problempunkt hat sich auch die Bestellannahme entpuppt. Denn den Überblick über die vielen unterschiedlichen Kanäle zu behalten, ist keineswegs trivial: Bestellungen erreichen den Buchladen über den eigenen Onlineshop, aber auch über Facebook, E-Mail, WhatsApp, telefonisch und sogar Fax. Das alles am Ende beim Warenausgang zusammenzuführen, darauf war man im Buchladen nicht vorbereitet, es wird in einem großen Provisorium agiert. Die Zahlungen sind genauso kleinteilig: Banküberweisungen, Paypal, Kreditkarte, EC-Karte und Barzahlung bei Lieferung. Das Geschäftsmodell ist von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Aber auch mit Lieferanten entstehen ganz neue Probleme: So kam es vor, dass Paketdienstleister einfach wieder umdrehten, weil der Laden ja „zu“ war.

Das Erlebnis „Shopping“ fehlt Jan Weber

Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die eigentlich normal weiterarbeiten können, aber bei denen trotzdem alles andere als Normalität stattfindet. Frank Ludowig etwa ist von den Corona-Maßnahmen nicht unmittelbar betroffen. Er betreibt nicht nur die Fleischerei in der Fußgängerzone plus Tochterfilialen, sondern ist auch als Großhändler aktiv. Von Ladenschließungen ist er nicht betroffen, denn er zählt mit dem Lebensmittelsortiment zu den Anbietern des täglichen Bedarfs. Allerdings gibt es auch hier Einschränkungen: Seine Imbissbuden, die bislang auf den Wochenmärkten und vor dem Ladengeschäft in der Fußgängerzone standen, darf Ludowig auf Anordnung der Stadt nicht mehr öffnen. Denn der typischerweise stattfindende „Sofortverzehr“ im Umkreis von Verkaufsständen ist verboten. Der „Geselligkeitsfaktor“ soll erst gar nicht entstehen. Andere mobile Verkäufer, die z. B. gegrillte Hähnchen vor allem zum Mitnehmen anbieten, dürfen dagegen weitermachen. Diese Ungleichbehandlung ist es dann auch, die Ludowig unverständlich findet. Warum lässt man Eisdielen nicht am Fenster verkaufen? Warum dürfen Drogerien und Supermärkte noch das gesamte Sortiment anbieten? Das würden weder die Einzelhändler noch die Kunden verstehen. Die Kommunikation fehle, Maßnahmen würden einfach angeordnet, ohne dass sie sinnvoll erscheinen. „Es ist nicht zu erklären“, sagt Ludowig.

Frank Ludowig via Telefon
Mehr Abstand geht nicht: Frank Ludowig ist beim Interview telefonisch zugeschaltet | Foto: Daniel Schneider

Umsatzeinbrüche befürchtet Ludowig für sich dennoch nicht, denn die Kunden kämen nun gezielter und würden nun auch mehr auf Vorrat kaufen. Doch die Umstellungen kosteten Geld. Bei den eigentlichen Abläufen habe sich dagegen wenig verändert, seine Mitarbeiter wären sowieso gut geschult im Umgang mit Infektionsgefahren, sagt Ludowig. Außer der Anweisung, die Kunden auch Kleinstbeträge möglichst mit Karte bezahlen zu lassen, musste nichts unternommen werden. In der Filiale in der Langen Straße hat man dazu kurzerhand das nun geschlossene Bistro zum Wartebereich umfunktioniert. Die Kunden hielten die Abstände zueinander ein, und das sei auch für seine Mitarbeiter essentiell: Denn würde es zu einer größeren Virusinfektion mit Quarantäneverhängung innerhalb der Belegschaft kommen, dann wird es auch für den Gesamtbetrieb kritisch. Mehr als ein Viertel der Mitarbeiter sollte nicht gleichzeitig ausfallen. Deshalb arbeiten z. B. die Verkäufer nun in festen Teams von 2–4 Personen, so dass mögliche Ansteckungsketten isoliert bleiben.

Frank Ludowig zeigt sich vor allem überrascht, dass seine Kunden nicht nur die neuen Regeln von sich aus befolgen, sondern auch darüber, wie viel Lob er bekommt. „Es ist erstaunlich, wie sehr die Leute sich bei uns dafür bedanken, dass wir überhaupt aufhaben“, sagt der Fleischermeister. Er habe selten so viel Zuspruch erhalten wie jetzt in diesen Zeiten. Auch überrascht habe ihn der Anruf seiner Hausbank: Die sei von sich aus auf ihn zugekommen und habe gefragt, ob sie etwas tun könne, berichtet der Unternehmer.

Volker Ernst
Volker Ernst | Foto: Mirko Baschetti

Doppelt schlimm hat es dagegen Ratskeller-Pächter Volker Ernst getroffen, und mit ihm sein Team. Eine Zeitung meldete irrtümlich, dass der Ratskeller weiterhin einen Lieferservice anbieten würde, doch das gutbürgerliche Restaurant am Marktplatz hat mit Inkrafttreten des Öffnungsverbots für Lokalitäten komplett geschlossen. Denn ein Lieferdienst ließe sich aufgrund der Menüstruktur nicht realisieren, sagt Ernst. Seine Gerichte müssten frisch und heiß auf die Teller. Pommes und Schnitzel erst durch die Gegend fahren, der dadurch entstehende Qualitätsverlust sei nicht zu akzeptieren. Außerdem ist die Ratskeller-Klientel in diesem Punkt eher konservativ, in den Ratskeller setzt man sich auch wegen der Atmosphäre. Ein deftiges Mittagessen in der Fußgängerzone, das lässt sich nur schlecht als Lieferservice abbilden. In der ersten Woche hätten acht Personen bei ihm angerufen, nur zwei erkundigten sich, ob man nun auch etwas außer Haus bestellen könne. Dass man dafür nicht die Küche offenhalten kann, ist nicht erklärungsbedürftig. Entsprechend gravierend wirkt sich die Krise für die Ratskeller-Crew aus. Auch seine Mitarbeiter sind fast ausnahmslos in Kurzarbeit gegangen. Glück im Unglück für Ernst ist, dass sein Vermieter ihm die Miete nicht nur stundet oder verringert, sondern sogar vollständig erlässt.

Dass keiner weiß, wie es weitergeht, ist ein Riesenproblem Jan Weber

Ein solch weitreichendes Entgegenkommen zeigen beileibe nicht alle Vermieter in Wunstorf. Die Stadt appelliert zwar an die Vermieter, ihren Gewerbemietern entgegenzukommen, doch der Stillstand trifft zuallererst die Ladenmieter, die mit dem Problem des Umsatzverlustes bis hin zum Umsatzausfall alleingelassen werden. Es sind nicht nur die Mieten, die zur Zahlungsunfähigkeit führen. Auch Versicherungen und Lieferantenverträge laufen weiter. „Da könnten einige über die Wupper gehen“, befürchtet Jan Weber. Erst wenn man wirklich am Ende sei, dürfe man überhaupt Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Doch dann eintretende Verzögerungen durch die Masse der Anträge könnte einigen bereits das Genick brechen. Die Sachbearbeiter seien überfordert. Das sei auch kein Wunder, meint Weber, denn das wäre so, als würde man alle Buchbestellungen auf einmal nur noch in einem einzigen Laden aufgeben. Man hangele sich daher von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde.

Auszahlung von Soforthilfen kann dauern

Bei der N-Bank, der niedersächsischen Investitionsbank, bekäme man zwar für zwei Jahre einen zinslosen Kredit, doch was danach komme, sei unklar. Da hätte man dann gleich den nächsten „Druckpunkt“. Und die Soforthilfen auch noch versteuern zu müssen, sei „abenteuerlich“, ergänzt Weber. Er selbst habe schlaflose Nächte ob der Unsicherheiten, gibt er zu. Die finanziellen Belastungen seien für viele enorm, findet auch Ludowig: Den großen Unternehmen würde geholfen, die Mittelständler ließe man allein. Der Mittelstand bezahle die jetzt getroffenen politischen Maßnahmen sogar letztendlich.

Wie viele Unternehmer aus Wunstorf überhaupt Anspruch auf Förderung haben, dazu kann die N-Bank keine Auskunft geben, es gebe keine Statistik. Insgesamt waren Anfang April 145.000 Anträge eingegangen, davon waren 40.000 unvollständig. Die Auszahlung von Soforthilfen würde nach einem holprigen Start nun jedoch „ruckzuck“ laufen, teilte Pressesprecher Bernd Pütz mit. Der Effizienz wegen habe man auf reine E-Mail-Anträge umgestellt. Sämtliche Anträge seien voraussichtlich in einigen Wochen abgearbeitet. Für die Bearbeitung seien 400 Bankmitarbeiter und 100 weitere externe eingebunden.

Auf die Versicherung der N-Bank, dass bei der E-Mail-Bearbeitung keine Anträge verlorengingen, müssen sich die Antragsteller so lange verlassen. Denn Eingangsbestätigungen werden seitens der N-Bank nicht verschickt, und technisch sicherstellen lässt sich nur der Empfang, aber nicht der Weg der E-Mails zum N-Bank-Server. Und die Bearbeitung kann dauern: Wie die Auepost in Erfahrung brachte, konnten Anfang April pro Tag nur etwa 3.000 Anträge bearbeitet werden. Das würde bedeuten, dass im Idealfall bei gleichem Tempo der letzte der Anfang April gestellten Anträge nach über anderthalb Monaten bearbeitet wäre. Manche Wunstorfer Betriebe, die die Hilfen Ende März bis Anfang April beantragt hatten, bekamen dagegen schon zwei Wochen später Geld überwiesen, andere warteten noch immer oder ihr Antrag wurde ganz abgelehnt.

Vor allem die Umstellung der niedersächsischen Soforthilfe auf die Bundeshilfen wurde von der Politik als große Verbesserung dargestellt, da z. B. für Kleingewerbetreibende statt 3.000 nun maximal 9.000 Euro zur Verfügung stehen. Es hat die Bearbeitung bei der N-Bank aber nochmals verkompliziert. Denn hier müssen nun ggf. zwei Anträge zusammengeführt werden. Nicht großartig betont wurde in der Politik auch, dass sich die Bedingungen für die Inanspruchnahme verschlechtert haben. Konnten z. B. Soloselbständige bis Ende März noch 3.000 Euro aus dem niedersächsischen Hilfsprogramm erhalten, war ab dem 1. April nur noch die Beantragung der Bundesförderung möglich. Nun mussten Firmeninhaber zwar nicht mehr zunächst auf ihr Privatvermögen zurückgreifen, doch es reichte auch nicht mehr, einen starken Umsatzrückgang infolge der Corona-Krise nachzuweisen. Stattdessen wird seitdem streng auf rein betriebliche Ausgaben geachtet. Wer starke Einnahmeeinbrüche hat, aber deswegen nur seine private Miete nicht mehr aufbringen kann, bekommt nun gar nichts mehr. Statt unbürokratisch zu helfen, werden die Kleingewerbetreibenden mit akuten Geldsorgen direkt ans Jobcenter verwiesen.

Positives Denken trotz Krise

Uwe Schwamm
Uwe Schwamm | Foto: privat

Uwe Schwamm von der städtischen Wirtschaftsförderung erhält allerdings auch E-Mails mit dem sinngemäßen Wortlaut: „Mir geht’s zwar gut, aber ich habe Angst um die Zukunft.“ Er versucht dann zu beruhigen, aufzuklären und eine positive Stimmung zu verbreiten. In diesem Zusammenhang findet er den Zusammenhalt der Wunstorfer auch bemerkenswert und die Kampagne der Werbegemeinschaft klasse – so klasse, dass er selbst gleich zum Mit-Gesicht und Fürsprecher wurde.

Christoph Rüther, Erster Vorsitzender der Werbegemeinschaft, berichtet, dass der Vorstand sich schnell zusammengesetzt und sich die Kampagnen „Gemeinsam gegen einsam“ und „#schenkwunstorfdeinherz“ einfallen lassen habe. Unter ersterer ist ein Lieferdienst zu finden, der die Lieferservices der einzelnen Teilnehmer bündelt, so dass die Kunden nicht einzeln nach Liefermöglichkeiten recherchieren müssen. Die Herz-Kampagne wiederum soll den Zusammenhalt aller Wunstorfer Händler stärken und Optimismus in der Krise verbreiten. „Die Stimmung ist getrübt, aber wir spüren eine große Hilfsbereitschaft bei den Wunstorfer Bürgern und einen großen Zusammenhalt in der Kaufmannsschaft“, sagt Rüther.

Ob es zu Insolvenzen kommen wird, dazu kann Schwamm noch keine Einschätzung abgeben, für eine Prognose sei noch zu wenig Zeit verstrichen. Es würde jedoch auf jeden Fall für diejenigen eng werden, die über kein finanzielles Polster verfügten. Der Handel kommt aber auch auf ganz neue Ideen in der Krise. Ein Bäcker aus Steinhude verkauft nun etwa „Quarantänebrot“ – haltbares Brot in Metalldosen. Blumenläden verteilten Lagerbestände gratis vor die Haustüren mit der Bitte um eine Spende. Imbisse verkauften nebenbei plötzlich auch Toilettenpapier, und ein Wunstorfer Veranstalter und Gastronom nutzt seine Kontakte zur Getränkewirtschaft, um im flugs aufgebauten Onlineshop Alkohol nun zur Händedesinfektion zu verkaufen. 250 ml Alkohol inklusive ein wenig Glycerin und destilliertem Wasser gibt es dort für 10 Euro. Auch medizinischer Mundschutz wird bisweilen unter der Hand offeriert – zu Mondpreisen. Eine OP-Maske, die bislang wenige Cent kostete, hat nun einen Preis von einem Euro. Pro Stück, nicht pro Karton.

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Dieser Artikel war Teil der Titelgeschichte in Auepost #8 (Mai 2020)

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