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Das Leben ist eine Hüpfburg

Leben und Arbeiten zwischen aufgeblasenem PVC: Familie Richter tourt mit dem „Piratenkinderland“ durch den Norden und kommt immer wieder gern auch nach Wunstorf. Über Fernunterricht in der 7. Klasse, Stromkosten und was Gemüse mit Hüpfburgen zu tun hat …

Familie Richter
Justin, Angeliah, „Bino“ und Nicole Richter auf dem Wunstorfer Schützenplatz | Foto: Daniel Schneider

Während viele gerade im Urlaub sind und Sommerferien haben, müssen andere auf Hochtouren arbeiten. Zum Beispiel, weil sie den anderen den Ferienspaß überhaupt erst ermöglichen. Dazu gehört auch Familie Richter, die derzeit auf dem Wunstorfer Schützenplatz wohnt – und den mobilen Hüpfburgenpark „Piratenkinderland“ betreibt.

Ausnahmsweise zwei Familien

Es ist kurz vor 19 Uhr, es wird nun gleich abgebaut im Piratenkinderland. Doch noch rutschen einige der jungen Besucher auf den größeren Hüpfburgen, und auch die „Piratencrew“ ist nach wie vor zu Gange. Die Crew, das ist im Wesentlichen Familie Richter: Bino und Nicole mit ihren Kindern Justin, Angeliah und Jaxon. Der älteste Sohn hat gerade seinen Schulabschluss gemacht, der jüngste wird in wenigen Tagen, wenn die Sommerferien in Niedersachsen enden, eingeschult. Richters entstammen alten Schaustellerfamilien – über mehrere Generationen hinweg sind sie schon im Reisegewerbe tätig. Mit Hüpfburgen sind sie aber erst seit 5 Jahren unterwegs, das Piratenkinderland gibt es seit 2014.

Zu Gast sind außerdem noch Verwandte, die vorübergehend bei Richters Unterschlupf gefunden haben, nachdem man ihnen vor kurzem den Wohnwagen ausgeraubt hat. Auch sie sind eine Schaustellerfamilie, waren mit ihrer Puppenbühne in Bremen unterwegs – und verloren dort Hab und Gut. Sogar Spielzeug der Kinder nahmen die Diebe mit. Die Puppenspieler brachen ihre Tour ab und kamen erst einmal mit nach Wunstorf, wo sie nun auch mit anpacken bei den Hüpfburgen.

7 Monate lang nur Hüpfburgen

Nicole Richter verabschiedet gerade die letzten Besucher aus dem Imbisswagen heraus, der aktuell der Einfachheit halber auch als Kassenwagen dient. Ein Mädchen mit ihrer Mutter im Schlepptau lässt sich noch ein Wassereis für den Heimweg kaufen. Nun ist Saubermachen und Aufräumen angesagt. Im Hintergrund fangen die Männer bereits an, die Gebläse abzustellen und die Luft aus den Hüpfburgen zu lassen. Kaum ist der Strom gekappt, sinken die ersten Piratenfiguren in sich zusammen. Doch es ist auch noch Handarbeit angesagt: Die PVC-Burgen haben auf der Unterseite Verschlüsse, die zusätzlich geöffnet werden können, um die Luft schneller entweichen zu lassen. Damit geht das Zusammenlegen flotter, denn jede Hüpfburg wird am Abend zusammengefaltet und abgedeckt – das verlängert die Haltbarkeit.

Hüpfburgen mit Gebläse
Hüpfburgen mit Gebläse | Foto: Daniel Schneider

Das Piratenkinderland tourt von April bis Oktober durch Nord-, Mittel- und Ostdeutschland. Zwei bis drei Wochen bleibt man am jeweiligen Gastort. In Wolfsburg und Braunschweig war man in diesem Jahr schon, aber auch schon in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Für die zweite Julihälfte hatte man Hannover oder Wunstorf auf dem Plan – und entschied sich letztlich für Wunstorf. Somit ist man nun zum dritten Mal in der Auestadt, und hat doch schon so manchen Fan gewonnen. Für einige Familien ist es bereits ein Ritual geworden, in den Sommerferien auch zu den Hüpfburgen zu gehen. Denn das Piratenkinderland ist auch konkurrenzlos: in dieser Form ist es das einzige seiner Art in der näheren Umgebung. Daher zieht es auch viele Familien aus den Nachbarstädten an, Kinder aus Barsinghausen, Stadthagen, Neustadt oder Rehburg-Loccum hüpfen gemeinsam mit den Wunstorfern. Die Anziehungskraft war auch im Netz zu bemerken: Die 6 Freikarten, die von der Auepost verlost wurden, waren überaus begehrt – und wurden inzwischen von den Gewinnern auch alle eingelöst.

Die Stromkosten gehen in die Tausende

Nicole Richters Mann, der von allen nur „Bino“ genannt wird, kommt um die Ecke. Das Crew-Hemd hat er schon gegen sein Arbeits-Shirt getauscht, denn man ist ja mitten im Abbau. Wie lange so eine Hüpfburg bei all dem Gehopse und Gezerre durch die Scharen von Besuchern eigentlich standhält, ist die erste Frage. Drei Jahre wären es etwa, danach sei eine Hüpfburg verschlissen. Am schnellsten gingen die großen Fisch-Hüpfburgen kaputt: denn deren Maul wird ständig bewegt, da es auf- und zuklappt, während die Kinder hindurchrutschen. Kleine Reparaturen führt man im laufenden Betrieb selbst aus, doch es kommen auch immer wieder neue Hüpfburgen dazu. Diese werden von einem Hersteller in den Niederlanden gekauft und sind überwiegend Einzelanfertigungen, so dass die Piratenhüpfburgen in dieser Form auch wirklich etwas Einzigartiges sind, man ein Alleinstellungsmerkmal hat und die Attraktionen exklusiv anbieten kann.

Zwischen 2.000 und 8.000 Euro Anschaffungskosten habe man für so eine Hüpfburg, je nach Größe und Funktion, erzählt Richter. Richtig ins Geld geht aber auch der Strom. Denn während die Hüpfburgen stehen, müssen auch permanent die Gebläse laufen, die die Luft in die Konstrukte pumpen, in der Regel sogar zwei pro Hüpfburg. Ohne stetigen Luftstrom würde die Piratenlandschaft schnell in sich zusammenfallen. „In die Tausende“ gehe es, sagt Bino Richter. Zwar kann man die Stromanschlüsse vor Ort nutzen, zur Sicherheit läuft aber auch noch ein dieselbetriebener Generator im Hintergrund, damit auf eventuelle Probleme bei der Stromversorgung schnell und unabhängig reagiert werden kann.

Wunstorf ist beliebt bei Schaustellern

Das alles muss aus den Einnahmen bestritten werden, und die sind gar nicht so regelmäßig, wie man meinen könnte. Denn mit den Outdoor-Hüpfburgenpark ist man natürlich vom Wetter abhängig. Sowohl Regen als auch Sonne können zum natürlichen Feind werden: Bei Unwettern kommt niemand zum Rutschen und Hüpfen, und bei starker Hitze könnte man die in praller Sonne stehenden Hüpfburgen nicht nutzen. Dann wird erst gar nicht geöffnet und ein Tag Zwangspause eingelegt. Vieles machen die Richters selbst. Die Werbung zum Beispiel, wie etwa das Aufhängen der Plakate in der Stadt oder das Verteilen der Flyer. Nur die PR ist an eine Agentur ausgelagert.

PVC-Piratenschiff
Das „Piratenschiff“ – eine 6 Meter hohe Rutschanlage | Foto: Daniel Schneider

Die Frage, warum man sich nicht nur aktuell, sondern auch ursprünglich einmal das kleine Wunstorf als Ziel ausgesucht habe, wenn man doch auch in größeren Städten oder gar Großstädten gastiere, wird schnell beantwortet: Man habe sich umgehört und den Tipp in der Schaustellerszene bekommen, es in Wunstorf zu versuchen – die Stadt hat hier einen guten Ruf. Vor allem für die Verwaltung finden die Richters nur gute Worte: es sei ihnen hier unkompliziert und zuvorkommend geholfen worden.

Das spiegelt sich auch bei den Besucherströmen, man sei zufrieden mit den Zahlen. Zwischen 14 und 16 Uhr sei am meisten los, und diese Konzentration ist auch gewollt: an Vormittagen öffne man bewusst nicht, weil sich die Arbeit dann zu sehr strecken würde. Nur an Sonntagen geht es bereits schon um 11 Uhr los. Allein mit dem Boden auf dem Wunstorfer Schützenplatz sei man nicht ganz zufrieden, räumt Bino Richter ein. An anderen Standorten habe man mehr Wiese, aber es ginge auch so. Im nächsten Jahr will man wieder nach Wunstorf kommen.

Leben im „Wohnwagen“

Angeliah hat ihrer Mutter unterdessen ein Video aufs Smartphone geschickt – zum Beweis, dass ihr Zimmer auch wirklich aufgeräumt ist. Moment. Ihr Zimmer? Von dem Gedanken, dass Schausteller in besseren Camping-Wohnwagen unterwegs sind, darf man sich in der Tat ganz schnell verabschieden. Das Leben spielt sich zwar „auf Achse“ ab, aber im Grunde lebt man wie in einem großen Haus auf Rädern. Sogar in mehreren, um genau zu sein, denn mit insgesamt 10 Fahrzeugen und Anhängern sind Richters unterwegs. Das ist dann aber auch das Einzige, worin man sich von einer sesshaften Familie unterscheidet. In den großen Gefährten hat jedes Kind sein eigenes Zimmer, und auch die „Großen“ müssen auf nichts verzichten. Eine Einbauküche gehört ebenso dazu wie eine Waschmaschine und Trockner im Truck. Angeliahs Zimmer etwa ist von dem eines anderen Teenagers nicht zu unterscheiden – im Gegenteil. Großes Fenster, Laminatfußboden, Schreibtisch, Schlafcouch – und in der Schrankwand steht ein großer Fernseher. Von innen wirkt eigentlich alles wie ein ganz normales Haus – nur, dass es eben zusätzlich rollen kann.

Zusammengelegte Hüpfburg
Zusammengelegte Hüpfburg und mobile Wohnungen | Foto: Daniel Schneider

Schließlich lebt man hier den Großteil des Jahres quasi im eigenen Trailerpark. Man kenne es von klein auf auch nicht anders, sagt die Familie, es ist für die Richters einfach Normalität, das Zuhause überall in Deutschland dabei zu haben. Wer mit dem Leben auf Achse nicht schon aufgewachsen ist, kann aber durchaus Schwierigkeiten haben mit dieser Art, zu wohnen, merkt Nicole Richter an. Etwa, wenn in eine Schaustellerfamilie eingeheiratet werde.

Die Schule kommt auch nach Hause

Wenn die Hüpfburgen in Wunstorf abgebaut sind, dann geht es in diesem Jahr weiter nach Celle, wo Richters jüngster Sohn, der 6-jährige Jaxon, seine ersten Schulerfahrungen machen wird. Rechnen kann er allerdings jetzt schon wie ein Zweitklässler. Bei seiner Einschulung in Celle wird ihn zunächst nichts von den anderen Schülern unterschieden – doch kurz darauf wird er dann die Schule wieder wechseln, wenn er mit seiner Familie weiterreist. So wird es weitergehen, und Jaxon wird in seinen jeweiligen Klassen zu etwas Besonderem werden – dem Jungen vom Piratenkinderland.

Siebtklässlerin Angeliah hat es da etwas konstanter: Sie geht auf eine Privatschule, und zwar auf eine ganz spezielle: Ihre Schule ist die „Schule für Circuskinder in NRW“, die nicht etwa zum Artisten oder Clown ausbildet, sondern Kinder von Schaustellern ermöglicht, trotz des ständigen Umherreisens verlässlich eine Schule zu besuchen – ohne sich permanent auf neue Klassenkameraden und Lehrpläne einstellen zu müssen. Angeliah lernt dabei in der Form des Onlineunterrichts – vormittags, zu festen Zeiten, wie andere Schüler auch. Im virtuellen Klassenzimmer ist sie in Echtzeit mit Schule und Lehrern verbunden.

Nicole Richter kann sich vorstellen, dass auch ihre Kinder der Schaustellerei treu bleiben und die berufliche Familientradition irgendwann einmal fortführen – schon jetzt sind sie schließlich dabei und gehören ebenso zum Team des Piratenkinderlandes wie ihre Eltern. Doch in Stein gemeißelt ist das nicht, jeder soll später den Beruf ergreifen können, den er möchte. Deshalb war es Bino und Nicole auch wichtig, dass ihre Kinder die Schule gut abschließen. Das hat Justin gerade getan – und nun den erweiterten Sekundarabschluss in der Tasche. Mit Bestnoten.

Im Winter ohne Hüpfburgen

Ein stationäres Domizil haben Richters aber auch noch. Das steht in Herzberg, und im Oktober, wenn die Saison zu Ende ist, zieht sich Familie Richter dorthin zurück. Allerdings auch nicht lange, denn dann beginnt schon wieder die Weihnachtssaison. Auch in der mischt Familie Richter mit, allerdings in einer ganz anderen Sparte. Nicht Hüpfburgspaß, sondern gebackenes Gemüse ist es, das dann auf dem Dresdener Weihnachtsmarkt angeboten wird.

Plastikplame
PVC-Palme | Foto: Daniel Schneider

Inzwischen sinkt die Abendsonne immer tiefer hinter die Bäume an der Westaue. Wer nun am Schützenplatz vorbeifährt, der sieht nur noch einen leeren Platz mit einem Haufen zusammengelegter PVC-Planen – da, wo tagsüber noch Türme und Rutschen in den Himmel ragten. Für die Schaustellerfamilie ist der Tag aber noch nicht vorbei. Nun wartet noch die Hausarbeit, Wäschewaschen etc., und eingekauft werden muss auch noch für den nächsten Tag. Nicht nur für sich selbst, sondern auch Nachschub für den Verkaufsstand. Erst danach geht es langsam in den wohlverdienten Feierabend. Bis am nächsten Tag die Gebläse wieder angestellt werden. In Wunstorf oder einer anderen Stadt.

1 Kommentar

  1. “Das Leben ist eine Hüpfburg” definitv ist es das NICHT!
    Doch als “Entrée” zu diesem Artikel von #Daniel durchaus passend.

    Es ist ein signifikanter Unterschied in der (meiner) “Glanzzeit” -also im sehr jungen Lebensalter- für eine überschaubare Zeit von einigen Tagen sich den fahrenden Schaustellenden in Form der Mitreise anzuschließen, oder sich mit diesem Gewerbe sein Leben und dessen Unterhalt zu erarbeiten/zu erwirtschaften müssen.

    Ich denke nicht, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehnen werde, wenn ich in den Raum stelle, dass es da mit der vielgepriesenen Romantik nicht weit her ist bzw. nicht weit her sein kann:
    dafür ist so ein “Leben auf Achse” dann doch für alle anstrengend und mitunter belastend:

    Die “Senioren” müssen schließlich den gesamten Alltag der ganzen (!) Familie planen, organisieren, also -wie es heute umschrieben wird- zu “managen”.

    Die “Sprösslinge” werden sich durch die aufgrund der Gegebenheiten notwendigen häufigen Schulwechsel mit Sicherheit ebenso oftmals belastet fühlen und all das nicht immer mal eben en passant “wegstecken”.

    Da kann sich die Familie glücklich schätzen, dass ihr seitens “unserer” Stadtverwaltung im Gegenasatz zu manchen anderen der Gemeinden/Kreise/kreisfreien Städte -so habe ich es zumindest im Artikel verstanden- “keine Knüppel zwischen die Beine geworfen werden”.

    Manches lässt sich dankenswerterweise durchaus über “den kleinen Dienstweg” regeln…

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